mini|hochkant|Hans Hess, 1950er Jahre Hans Hess (geboren als Hanns Hess am 28. März 1908 in Erfurt;Schülerbuch der Schule am Meer, Juist, Blatt 11 (Hans Hess, Konfession: mosaisch, Staatsangehörigkeit: preußisch). In: Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek Kiel, Handschriftenabteilung, Nachlass Luserke, Martin, Signatur: Cb 37. gestorben am 21. Januar 1975 in Großbritannien)Hess, Hans. In: Ulrike Wendland: Biographisches Handbuch deutschsprachiger Kunsthistoriker im Exil – Leben und Werk der unter dem Nationalsozialismus verfolgten und vertriebenen Wissenschaftler.K. G. Saur, München 1999, S. 294–295. war ein deutsch-britischer Industrieller, Kunstsammler, Kunsthistoriker, Kurator, Museumsdirektor, Direktor eines jährlich stattfindenden Kunstfestivals, Dozent und Autor.Hans Hess. In: The British Museum, auf: britishmuseum.org.

Familie mini|hochkant|Hans Hess als Kind, ganz rechts seine Mutter Thekla Hess, geb. Pauson, ca. 1914 Hans Hess war das einzige Kind des Erfurter Schuhfabrikanten, Kunstsammlers und -mäzens Alfred Hess und dessen Ehefrau Thekla Hess (1884–1968),Gunnar Schnabel, Monika Tatzkow: Alfred (1879–1931), Thekla Hess (1884–1968) und Hans Hess (1908–1975), Erfurt. In: Melissa Müller, Monika Tatzkow: Verlorene Bilder, verlorene Leben – Jüdische Sammler und was aus ihren Kunstwerken wurde. Sandmann, München 2009. ISBN 978-3-938045-30-5, S. 45f.Hess Hans, 17. August 2012, auf: grahamstevenson.me.uk geborene Pauson.Nick Wright: Hans Hess: Picture these Arguments. In: Morning Star, 20. Januar 2015, auf: morningstaronline.co.uk Seine Mutter stammte aus der oberfränkischen Stadt Lichtenfels, gehörte einer Familie von Korbfabrikanten an und hielt engen Kontakt in ihre Geburtsstadt sowie zu der dort ansässigen Familie des Fabrikanten, Bauhaus-Förderers, Kunstsammlers und -mäzens Otto Bamberger. In seinem Elternhaus begegnete Hans Hess frühzeitig einer Vielzahl von Kunstwerken, Künstlern, Kunsthistorikern und -kritikern.The Story of the Hess Family. In: Leicester’s German Expressionist Collection, auf: germanexpressionismleicester.org Zusammen mit seiner Mutter veröffentlichte er später in Auszügen das Gästebuch der heute unter Denkmalschutz stehenden Villa,Die Villa des Industriellen, Kunstsammlers und -mäzens Alfred Hess und seiner Ehefrau Thekla, geborene Pauson, in Erfurts Richard-Breslau-Straße 14, Ecke Alfred-Hess-Straße (zeitgenössisch Hohenzollernstraße, während der DDR-Zeit Straße der Einheit, seit 1992 unter der heutigen Bezeichnung als Alfred-Hess-Straße) wurde sowohl als Einzeldenkmal gemäß §2 (1) ThürDSchG als auch als Bestandteil des Denkmalensembles Villenviertel Brühlervorstadt gemäß §2 (2) ThürDSchG unter Denkmalschutz gestellt. – Schriftliche Auskunft vom 6. Januar 2022 durch das Thüringische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Abteilung Bau- und Kunstdenkmalpflege. das als einzigartiger Beleg der Kunstszene der 1920er Jahre eingestuft wird.

Hess heiratete im Mai 1944 die Büroangestellte Lillie Esther Williams (geboren als Lilly Anne Williams am 26. August 1916; gestorben im Februar 1976),Edith Lillie Weinreich (nee Williams), Home Office, Reference: HO 334/227/956. In: UK National Archives, auf: nationalarchives.gov.ukThe London Gazette (PDF-Datei; 117 kB), 6. September 1938, Index S. 5673, auf: thegazette.co.ukAngela Johnson: £100m secret of woman they call Stalin's granny. In: Daily Mail, 18. November 2006, auf: dailymail.co.uk die zur Hälfte deutscher Abstammung war. Deren Mutter Edith Lillie Weinreich, geb. Williams (1881–1957) war neben Edith Jacobsohn, geb. Schiffer (1891–1935), und Annie Williams, geb. Ball, Mitbegründerin des Verlages Williams & Co. (nach „Entjudung“ bzw. „Arisierung“ ab 1941: Cecilie Dressler Verlag) mit Sitz in Berlin-Grunewald. Aus der Beziehung von Hans Hess und Lillie Esther Williams ging die im April 1944 geborene Journalistin und kommunistische Aktivistin Anita Halpin hervor, die seit der Washingtoner Erklärung 1998 mehrere Restitutionsklagen um die Kunstsammlung ihres Großvaters anstrengte,Rose-Maria Gropp: Erna soll in Ludwigshafen bleiben. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2. September 2016, auf: faz.net darunter um Ernst Ludwig Kirchners Werk Berliner Straßenszene.

Eine Großcousine von Hans Hess war Trude Hess, die ebenfalls Kunsthistorikerin wurde.

Schule und Studium mini|hochkant|Der 20-jährige Hans Hess (links) mit seinen Eltern Thekla und Alfred, Sommer 1928 mini|hochkant|Der 22-jährige Hans Hess auf einer Gartenliege mit seiner Mutter Thekla in Erfurt, Sommer 1930 Seine Eltern ermöglichten Hans Hess den Besuch reformpädagogischer Landerziehungsheime. Ein Grund für die Auswahl dieser gegenüber staatlichen deutschen Schulen unabhängigeren privaten Internate war, dass seine Eltern bei ihnen einen weitaus geringeren Grad von Antisemitismus vermuteten. Er besuchte zunächst die Odenwaldschule im südhessischen Ober-Hambach und von 1923 bis 1925 die zu dieser Zeit von Martin Luserke geleitete Freie Schulgemeinde im thüringischen Wickersdorf bei Saalfeld.Schülerverzeichnis der Freien Schulgemeinde in Wickersdorf. In: Archiv der deutschen Jugendbewegung, Burg Ludwigstein, Witzenhausen, Hessen Mit Luserke, Paul Reiner, Rudolf Aeschlimann, Fritz Hafner und deren Familien sowie fünfzehn weiteren Schülern aus drei Kameradschaften, darunter Herbert von Borch, die Brüder Hans Werner und Ove Skafte Rasmussen sowie Hans Hess’ enger Freund Boris Smirnoff (* 23. Juni 1907 in Leningrad), wurde Hess Teil einer Sezession,Vorgeschichte der Schule am Meer. In: Logbuch der Schule am Meer, S. A3. In: Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek Kiel, Handschriftenabteilung, Nachlass Luserke, Martin, Signatur: Cb 37 die ihn auf die ostfriesische Insel Juist führte.Auf seinen Lehrer Paul Reiner dürfte die auf Wickersdorf zurückgehende Hinwendung von Hans Hess zum Kommunismus (hier: Marxismus) maßgeblich zurückzuführen sein; analog bei den Absolventen der Schule am Meer, Gerhard Bry und Walter Georg Kühne. Im Fall von Kühne, der in Wickersdorf agitiert bzw. politisiert wurde, auch auf Ernst Putz. – Hans Hess, Schüler Paul Reiners in der Freien Schulgemeinde Wickersdorf und in der Schule am Meer auf Juist, sei mit Anni und Paul Reiner befreundet gewesen und habe Anni Reiner auch nach deren Emigration in die Schweiz zumindest 1934/35 besucht, bevor er selbst über Frankreich nach England emigrierte. – Ab Ende der 1920er Jahre soll die Familie von Alfred Hess (Kuratoriumsmitglied und maßgeblicher Förderer der Schule am Meer) in Brissago im Kanton Tessin oberhalb des Lago Maggiore ein Anwesen besessen haben, das in derselben Straße gelegen habe wie das Anwesen der Familie Reiner. – Zitiert nach: Anita Halpin (Tochter des Erfurters Hans Hess, Enkelin des Alfred Hess und der Thekla Hess, geb. Pauson), London, UK. Auskunft vom 8. Januar 2022. Vom 29. April 1925 bis 24. März 1926 besuchte er dort die Unterprima (UI, Jahrgangsstufe 12) der neu gegründeten Schule am Meer. Sein Vater Alfred Hess wirkte vom Oktober 1924 bis zu seinem frühen Tod Ende Dezember 1931 als Kuratoriumsmitglied und maßgeblicher Förderer der Stiftung Schule am Meer.

In diesem Internat wurde dem künstlerischen Bereich (Bildende Kunst, Darstellende Kunst) programmatisch der gleiche Stellenwert wie wissenschaftlichen Fächern, sportlicher und handwerklicher Betätigung eingeräumt. Gegenüber den staatlichen Schulen war dies nicht nur ungewöhnlich, sondern herausragend.Ulrich Schwerdt: Martin Luserke (1880–1968). Reformpädagogik im Spannungsfeld von pädagogischer Innovation und kulturkritischer Ideologie – Eine biographische Rekonstruktion. Dissertation Universität Paderborn 1992; Peter Lang Internationaler Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main u. a. 1993. ISBN 3-631-46119-4, S. 378–385. So kam Hans Hess nicht nur in seinem Erfurter Elternhaus, sondern auch über die Schule am Meer mit Kunst, Künstlern, Kunsthistorikern und Kuratoren in Kontakt. Beispielsweise bot der Kunsthistoriker und Akademiedirektor Walter Kaesbach den S.a.M.-Schülern während einer Studienfahrt eine persönliche Führung durch eine Düsseldorfer Ausstellung moderner Malerei an und begleitete eine weitere Studienfahrt zu Wilhelm Lehmbruck nach Duisburg. Der Kunstmaler Christian Rohlfs stellte dem Internat leihweise Originalgemälde, -Aquarelle und -Zeichnungen aus seinem Werk für eine Ausstellung zur Verfügung.Berichte der Schule am Meer Juist (Nordsee) – Zusammenfassender Bericht über die beiden ersten Jahre der Schule 1925–1927. No. 7, S. 15.

Ab 1927 studierte Hans Hess Kunstgeschichte an der Universität Genf und an der Sorbonne in Paris. Dazwischen reiste er von 1928 bis 1929 in die Vereinigten Staaten, um dort Marketing und Werbung zu studieren. Die neu erworbenen Kenntnisse und Erkenntnisse aus den USA gedachte er in das Industrieunternehmen seines Vaters, den seinerzeit zweitgrößten deutschen Schuhhersteller, einzubringen. Durch den vorzeitigen und unerwarteten Tod seines Vaters 1931 musste er sehr viel früher als angenommen in die Geschäftsführung des Familienunternehmens einsteigen.

Da er seine akademische Laufbahn nicht hatte abschließen können, absolvierte er mehr als drei Jahrzehnte später in Leeds, West Yorkshire, den Master of Arts (M. A.), wofür er eine Dissertation (Thesis) über George Grosz verfasste. Diese Arbeit diente ihm dann als Grundlage seiner 1963 veröffentlichten Grosz-Monographie.Hans Hess: George Grosz, 1893–1959. Arts Council, London 1963,

Berufliche Entwicklung mini|hochkant|Hans Hess im Juni 1966 anlässlich der York Mystery Plays and Festival in York, England Thekla Hess, geborene Pauson, und ihr Sohn Hans waren die Erben der umfangreichen und hochwertigen Kunstsammlung von Alfred Hess sowie des aus vier Fabriken bestehenden Unternehmens Maier & Louis Hess. Neben der Konsolidierung ihrer durch die Weltwirtschaftskrise in Turbulenzen geratenen Schuhfabrik hielten Hans und seine Mutter Thekla Hess weiterhin engen Kontakt zur Künstlerszene und setzten auch die Sammeltätigkeit des verstorbenen Vaters bzw. Ehemanns Alfred fort. Nach der Machtabtretung an die Nationalsozialisten musste der journalistisch tätige Hess nach der vom Ullstein Verlag aufgrund seiner jüdischen Herkunft ausgesprochenen Kündigung und der Verwüstung seiner Berliner Wohnung durch SA-Angehörige im Mai 1933 nach Frankreich flüchten, wo er eine Beschäftigung im Marketing fand.

1935 zog er weiter nach England und arbeitete in der Leicester Museum & Art Gallery. Hess wirkte daneben im German Jewish Refugee Aid Committee, war Mitherausgeber der Zeitschrift Inside Nazi Germany und 1939 Mitgründer des Freien Deutschen Kulturbundes in Großbritannien (FDKB), der überparteilich initiiert war, aber in Kontakt zur KPD stand.

Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde Hess von den Briten als Enemy Alien zunächst auf der Isle of Man interniert und von dort nach Kanada verschifft. Anfang des Jahres 1942 konnte er nach England zurückkehren,Hess, Hans. In: Werner Röder, Herbert A. Strauss (Hrsg.): International Biographical Dictionary of Central European Emigrés 1933–1945, Band 2,1. Saur, München 1983, ISBN 3-598-10089-2, S. 503f. und wurde als Landarbeiter bei Loughborough in Leicestershire eingesetzt.

Im Februar 1944 war er an der Organisation der Ausstellung deutscher Expressionisten in der Leicester Museum and Art Gallery beteiligt, die mehr als sechzig Kunstwerke zeigte, die im NS-Staat verfemt waren. Darunter waren Werke wie Franz Marcs Red Woman,Red Woman by Franz Marc. In: Leicester’s German Expressionist Collection, auf: germanexpressionismleicester.org Max Pechsteins Beach at Monte Rosso, aber auch Aquarelle, Drucke und Radierungen von Wassily Kandinsky, Karl Schmidt-Rottluff und Lyonel Feininger. Ein Teil der Exponate wurde aus der Sammlung seines verstorbenen Vaters durch die Leicester Museum and Art Gallery erworben. Daneben arbeitete er freiberuflich als Autor und für weitere Museen.