mini|Kirche in Biskirchen mini|hochkant|Kirche in Biskirchen Die evangelische Kirche in Biskirchen, einem Stadtteil von Leun im hessischen Lahn-Dill-Kreis, ist eine Saalkirche, die in den Jahren von 1868 bis 1870 im neuromanischen Rundbogenstil errichtet wurde. An dem Entwurf hatte Friedrich August Stüler maßgeblichen Einfluss. Sie ist aufgrund ihrer geschichtlichen, künstlerischen, städtebaulichen und wissenschaftlichen Bedeutung hessisches Baudenkmal..
Geschichte Der Name des Ortes („Bischofskirchen“) geht wohl darauf zurück, dass der Würzburger Bischof Rudolf I. (892–908) in Biskirchen eine Kirche gründete, die er dem Stift für Regularkanoniker in Gemünden im Westerwald übergab. Es wird vermutet, dass er eine hölzerne Kirche errichten ließ.Heller, Scharf, Weber (Red.): Die Geschichte des Kirchspiels Biskirchen, Bissenberg und Stockhausen. 1994, S. 197. Später wurde sie vom Stift den Herren von Runkel und Westerburg übertragen, die seit dem 13. Jahrhundert als Patronatsherren nachweisbar sind.Georg Wilhelm Sante (Hrsg.): Handbuch der historischen Stätten Deutschlands. Band 4: Hessen. 3. Auflage. Kröner, Stuttgart 1993, ISBN 3-520-27403-5, S. 54. Im Jahr 1338 ist Dietrich Scherre als erster Pfarrer namentlich bezeugt. Die Herren von Westerburg hatten 1338, 1459 und 1473 das Kirchenpatronat inne.Heller, Scharf, Weber (Red.): Die Geschichte des Kirchspiels Biskirchen, Bissenberg und Stockhausen. 1994, S. 198. Biskirchen gehörte im Mittelalter zum Archipresbyterat Wetzlar im Archidiakonat St. Lubentius Dietkirchen in der Erzdiözese Trier.Kleinfeldt, Weirich: Die mittelalterliche Kirchenorganisation im oberhessisch-nassauischen Raum. 1984, S. 193. Es bildete schon in vorreformatorischer Zeit mit Bissenberg und Stockhausen ein Kirchspiel, das in nachreformatorischer Zeit fortbestand.
mini|Plan der Bischofskirche anhand der Ausgrabungen Die Ausgrabungen der sogenannten „Bischofskirche“ in der Lahnniederung, wie der Vorgängerbau der heutigen Kirche genannt wurde, förderten im Jahr 1939 eine zweischiffige romanische Kirche (23,10 Meter Gesamtlänge) mit Quadratchor (außen 7,90 Meter breit und innen 4,20 Meter, 8,00 Meter lang) und halbrunder Ostapsis (außen 7,00 Meter breit, innen 4,80 Meter) zutage. Das schmale Nordschiff (3,50 Meter breit) schloss in derselben Höhe wie das zweigeteilte Mittelschiff (außen 12,25 Meter lang, 6,50 Meter breit, etwa 4,00 Meter lichte Breite) mit einer Ostapsis ab. Im Süden des Chorquadrates war ein querschiffartiger halbrunder Apsisbau angebaut (außen 6,70 Meter breit, 5,40 Meter tief).Schoppa: Die alte Kirche von Biskirchen, Kreis Wetzlar. 2012. S. 22–23. Vermutlich war ursprünglich eine dreischiffige (basilikale) Anlage ohne Querhaus geplant. In einer zweiten Bauphase in spätgotischer Zeit wurde das Nordschiff aufgegeben und in einer dritten Phase der südliche Anbau in ein Rechteck umgebaut und das Chorquadrat Richtung Norden durch einen schmalen rechteckigen Anbau erweitert. Aufgrund der spärlichen schriftlichen Überlieferung ist eine Datierung schwierig, im 10. oder frühen 11. Jahrhundert nicht ausgeschlossen, aber im 12. Jahrhundert am wahrscheinlichsten.Schoppa: Die alte Kirche von Biskirchen, Kreis Wetzlar. 2012. S. 26.
Mit Einführung der Reformation im Jahr 1549 wechselte die Kirchengemeinde zum evangelischen Bekenntnis. Nach drei Jahren Vakanz wird 1552 als erster evangelischer Pfarrer ein Christophel N. genannt, als die Grafen von Leiningen-Westerburg das Patronat innehatten. 1582 führte Graf Konrad von Solms-Braunfels das reformierte Bekenntnis offiziell ein.
Die „Bischofskirche“ war immer wieder vom Hochwasser betroffen und wurde im 19. Jahrhundert zunehmend abgängig. Nach mehreren Hochwasserkatastrophen im 18. Jahrhundert, bei denen das Lahnwasser in der Kirche stand, wurde 1806/1807 eine umfassende Sanierung durchgeführt.Heller, Scharf, Weber (Red.): Die Geschichte des Kirchspiels Biskirchen, Bissenberg und Stockhausen. 1994, S. 203–204. Im Winter 1846/1847 blieb sie aufgrund von Einsturzgefahr gesperrt. Die drei Gemeinden des Kirchspiels zahlten ab 1858 in eine Kirchenbaukasse ein, die durch einen groß angelegten Kollektenaufruf der Landeskirche unterstützt wurde.Diehl: Die „Stüler“-Kirche. 2007, S. 1. Pfarrer Karl Wetz (1821–1894) gab 1867 eine Predigtsammlung heraus, deren Verkaufserlös dem Kirchenneubau und einer neuen Orgel zugutekam. Im Jahr 1862 hielt der Landschaftszeichner Carl Theodor Reiffenstein eine Ansicht von Osten fest. Sie zeigt ein Langhaus mit Satteldach (14–15 Meter hoch), einen Westturm mit barockem, oktogonalem Haubenhelm (etwa 21 Meter hoch), eine romanische, eingezogene, halbrunde Ostapsis (10–11 Meter hoch) sowie einen südlichen Anbau.Strichzeichnung von Reiffenstein, abgerufen am 22. März 2020.
mini|hochkant|Denkmal von 1884 für die alte Kirche Im Jahr 1867 erwarb die Gemeinde ein hoch gelegenes Grundstück an einer Straßenkreuzung nördlich des Ortszentrums. 1867/1868 wurde ein neuer Friedhof an der Bissenberger Straße angelegt und der alte Friedhof, der die „Bischofskirche“ umgab, aufgelassen. Die heutige Kirche aus den Jahren 1868 bis 1870 ersetzte die „Bischofskirche“, die 1876 abgebrochen wurde. Das Abbruchmaterial wurde 1887 von der Zivilgemeinde verkauft und diente zum Bau von Häusern.Heller, Scharf, Weber (Red.): Die Geschichte des Kirchspiels Biskirchen, Bissenberg und Stockhausen. 1994, S. 204. Ein erster Entwurf aus dem Jahr 1861 von Kreisbaumeister Mayer aus Wetzlar in Form einer Kreuzkirche mit Dachreiter wurde von der Kirchengemeinde abgelehnt. Friedrich August Stüler veränderte Mayers zweiten Entwurf, der dann angenommen und ausgeführt wurde. Die Grundsteinlegung erfolgte am 9. Oktober 1868 und die Einweihung am 25. November 1870.Franzen: Gottesdienststätten im Wandel. Teil 3. 2002, S. 91. Die neue Kirche bot 1000 Menschen Platz.Matthias Diehl: Die „Stüler-Kirche“ in Biskirchen bot anfangs Platz für 1000 Menschen. In: Heimat an Lahn und Dill. Nr. 338, Juni 1997.
Auf Veranlassung von Pfarrer Wetz wurde 1884 im Chor der alten Kirche als Gedenkstein ein Sandstein-Obelisk mit Inschrift errichtet, der an die „Bischofskirche“ erinnerte. Nach Vorgrabungen in den 1920er Jahren durch Heinrich Zutt führte Helmut Schoppa 1939 archäologische Ausgrabungen durch, da die Umgehungsstraße L 3020 in Planung war, die über das Kirchengelände verlief und die Gebäudereste zerstören würde.Schoppa: Die alte Kirche von Biskirchen, Kreis Wetzlar. 2012. S. 21. Der Bau der Umgehungsstraße erfolgte 1946–1948. Das Denkmal wurde 1952 in die noch erhaltene Ecke der alten Friedhofsmauer südlich der Weilburger Straße zwischen Bahnlinie und L 3020 umgesetzt und erhielt anlässlich der Sanierung 1978/1979 eine Bronzeplatte mit Inschrift.Koordinaten: .
Im Jahr 1953 wurde im Norden ein Gemeindehaus angebaut. Bis 1958 war die polygonale Kanzel am nördlichen Chorbogen auf einem sechsseitigen hohen Fuß errichtet und durch eine unterhalb der Nordempore eingebaute hölzerne Sakristei mit angeschlossener Kanzeltreppe zugänglich.Franzen: Gottesdienststätten im Wandel. Teil 3. 2002, S. 92. Bei einer Innenrenovierung 1958/1959 wurden der Chor und eine Achse des Langhauses abgetrennt, um Raum für eine Sakristei und einen Gemeinderaum zu erhalten. An der eingezogenen Zwischenwand erinnert ein sandsteinfarbener Rundbogen an den originalen Chorbogen. Die bauzeitliche Kirchenausstattung wurde vollständig entfernt, die Empore um drei Achsen auf die Hälfte verkürzt und unterhalb des offenen Dachstuhl eine Flachdecke eingezogen.Heller, Scharf, Weber (Red.): Die Geschichte des Kirchspiels Biskirchen, Bissenberg und Stockhausen. 1994, S. 212. An der Stirnwand wurde ein 3,50 Meter hohes Kreuz aus 50 Metallplatten, die in Messing gefasst waren, angebracht, das Kirchenmaler Jörg Großhaus gestaltet hatte.Anschütz: Geschichte der Kirchengemeinde Biskirchen. 1982, S. 33.
1969 erhielten die zwölf Fenster Antikglas statt Buntglas. Die Spanndecke von 1959 wurde zehn Jahre später durch eine Holzbalkendecke ersetzt. Die Bänke wurden zugunsten eines Blocks zusammengeschoben.Diehl: Die „Stüler“-Kirche. 2007, S. 7. Die Kirche erhielt eine neue Beleuchtung mit Pendelleuchten. Nach den beiden Renovierungen bot die Kirche noch etwa 480 Besuchern Platz.Siglinde Zutt: 125 Jahre (neue) Kirchspielkirche in Biskirchen. In: Heimatkundlicher Arbeitskreis Biskirchen (Hrsg.): Biskirchener Heimatkalender 1995. Biskirchen 1994. Zudem wurden der Glockenstuhl erneuert und ein Stahlgerüst eingebaut.Anschütz: Geschichte der Kirchengemeinde Biskirchen. 1982, S. 35. Von 2008 bis 2010 wurde eine Außen- und Innenrenovierung durchgeführt. In einem ersten Bauabschnitt wurden bauerhaltene Maßnahmen durchgeführt, die das schadhafte Dachwerk, das Giebelmauerwerk, den Eingangsbereich, die Fenster und die Sicherung der bekrönenden Fialen umfassten. Es folgte eine Sanierung der Außenanlagen. Bei der Innenrenovierung im Jahr 2010 wurden eine neue Heizung eingebaut und der Mittelgang wiederhergestellt. Das große Kreuz an der Ostwand wurde durch ein kleines Altarkreuz ersetzt.Uta Barnikol-Lübeck: , abgerufen am 27. März 2020. Eine geplante Freilegung des Chors musste aus Kostengründen zurückgestellt werden.Cornelia Heynen, Jürgen Ambrosius: Die Renovierung der Kirche in Biskirchen. Heimatkundlicher Arbeitskreis Biskirchen (Hrsg.): Biskirchener Heimatkalender 2010. Biskirchen 2009, S. 92–96.
Die Kirchengemeinde gehörte bis Ende 2018 zum Kirchenkreis Braunfels,Frank Rudolph: 200 Jahre evangelisches Leben. Wetzlars Kirchengeschichte im 19. und 20. Jahrhundert. Tectum, Marburg 2009, ISBN 978-3-8288-9950-6, S. 27. der 2019 in den Evangelischen Kirchenkreis an Lahn und Dill in der Evangelischen Kirche im Rheinland aufging.
Architektur mini|hochkant|Ev. Kirche Biskirchen nach der Fertigstellung Der nach Nordosten ausgerichtete Saalbau ist an einer Straßenkreuzung nördlich des alten Ortszentrum in prominenter Lage auf einer Anhöhe errichtet. Die Saalkirche mit polygonalem Chor wird durch den schlanken Westturm beherrscht. Das Gebäude aus unverputztem Bruchsteinmauerwerk aus Schalstein hat einen umlaufenden Sockelbereich und wird von einem verschieferten Satteldach bedeckt. Die Steine stammten aus dem Steinbruch „Lohrberg“ bei Stockhausen.Anschütz: Geschichte der Kirchengemeinde Biskirchen. 1982, S. 29. Die Gewände von Fenstern und Portalen, Gesimsen und Friesen sind in rotem Sandstein ausgeführt. Die Außenmaße betragen 35,23 × 13,53 Meter und die Turmhöhe 36 Meter.
Die Langseiten der schlichten Saalkirche werden durch Lisenen gegliedert, die bis zum Trauffries hinaufreichen. Auch die Giebel an den Schmalseiten weisen Trauffriese auf. Das sechsachsige Langhaus hat über den vier Ecklisenen schlanke viereckige Türmchen mit einem vierseitigen Spitzhelm und einer Kreuzblume als Bekrönung. In halber Mauerhöhe findet sich ein umlaufendes Gesims, über dem gleichmäßig gereihte Rundbogenfenster eingelassen sind. Sie haben zweibahniges Maßwerk und ein Rundfenster im Bogenfeld. Je sechs Fenster an den Langseiten und zwei Westfenster, die den Turm flankieren, belichten den Innenraum; die Ostwand ist fensterlos. Das Portal am westlichen Ende der Südwand hat Gewände mit Stichbogen. Eine wappenschildförmige Bronzetafel von 1996 links des Südportals erinnert an den Architekten Friedrich August Stüler. Der gewölbte Fünfachtelschluss mit drei Rundbogenfenstern ist eingezogen und niedriger als das Schiff.