mini|250px|Zehntklässler in einem Gadna-Camp, 1969 Gadna () ist eine Abkürzung für Gedudei Noʿar und bedeutet Jugendkorps oder auch Jugendbataillone. Der Name steht für ein Wehrerziehungs-Programm, durch das 13- bis 18-jährige israelische und auch ausländische Jugendliche auf den Militärdienst in den israelischen Streitkräften (IDF) vorbereitet werden sollen. Gadna ist der IDF unterstellt und arbeitet und mit dem Ministerium für Bildung und Kultur zusammen.Jewish Virtual Library: Gadna (siehe Weblinks)
Geschichte mini|220px|David Ben-Gurion besucht das Gadna-Camp in Beʾer Ora (1957) Unter dem Eindruck des arabischen Aufstands gegen Juden im damaligen Palästina kam es ab 1936 unter den ansässigen Juden zu Verteidigungsanstrengungen, in die nun verstärkt auch Jüngere einbezogen wurden. Nachdem Jungen bereits in paramilitärische Aktivitäten eingebunden waren, führte 1937 Arthur Biram an der Hebräischen Reali-Schule in Haifa das ḤaGaM (Akronym für Chinnuch Gufani Murchav; Erweitertes körperliches Training) ein. Für die Jungen wurden damit Feldübungen und Formen des Defensivsports obligatorisch, und männliche und weibliche Schüler der Reali-Schule nahmen fortan am Wachdienst teil, kümmerten sich um die Verwundeten und halfen bei der Arbeit von Feuerwehrleuten und der Hilfspolizei. Mit Hilfe von Jaʿaqov Dori, eines Reali-Absolventen und Hagana-Kommandeurs in Haifa, wurde die koedukative Reʾali-Schuleinheit – bestehend Schülern und ihren Kommandanten – als separater Zug in die Hagana aufgenommen. Für die Schüler galt ein spezielles Programm, dessen Aktivitäten in Absprache mit der Schule festgelegt wurden.Dganit Boni-Davidi: Haganah, in: Jewish Women’s Archive
Nach der Vorlage des Weißbuches von 1939 durch die britische Mandatsverwaltung für Palästina beschloss der zionistische Generalrat auf seiner Sitzung am 8. Juni 1939 ab dem Schuljahr 1939/40 „ein erweitertes Sportunterrichtsprogramm in allen Schulen durchzuführen“. In vielen Quellen gilt dies als die eigentliche Geburtsstunde des ḤaGaM. Ende 1940 beschloss das Hagana-Oberkommando, Jugendbataillone auch in Form von Feldeinheiten einzurichten und junge Männer und Frauen auf den aktiven Dienst in den Feldeinheiten vorzubereiten. Die Gadna ist seit 1948 die Nachfolgeorganisation der ḤaGaM. Im Juni 1949 verabschiedete die Knesset ein Gesetz über die Einführung des Militärdienstes für Männer und Frauen ab dem 18. Lebensjahr. In diesem Gesetz wurde auch Gadna als vormilitärischer Dienst für Schüler verankert.Ahron Bregman, Israel’s Wars: A History Since 1947, Routledge (2002) Die Aufgabe von Gadna definierte David Ben-Gurion folgendermaßen: „Training für den Frieden und nicht für den Krieg“. Faktisch aber stand der Kriegseinsatz im Vordergrund, und schon am Unabhängigkeitskrieg hatten Tausende Gadna-Mitglieder an aktiven Kampfeinsätzen teilgenommen.Gadna pre-army program tries to restore IDF’s appeal (siehe Weblinks)
1950Die Webseite „Encyclopedia.com: BEʾER ORAH“ (siehe Weblinks) nennt das Jahr 1950, die Seite „Jewish Virtual Library: Gadna“ (siehe Weblinks) das Jahr 1951. wurde in Beʾer Ora das erste Gadna-Ausbildungscamp eingerichtet. Es folgten weitere auf dem Gelände des aufgegebenen Moschaws Nurit am Berg Gilboa, in Sde Boker und in Keẓiot (Qtziʿot) im Negev.Zu Keziʿot und seiner Geschichte siehe: :en:Ktzi'ot Prison Seit den frühen 1950er Jahren hat es offenbar mehrere Veränderungen in den Programmschwerpunkten gegeben – unter Beibehaltung der vormilitärischen Ausbildung. So benennt der Artikel in der Jewish Virtual Library als Schwerpunkte nach 1950: Betreuung von Neuankömmlingen in Israel und Erteilung von Hebräischunterricht für sie, Einführung in das israelische Leben durch Einübung israelischer Lieder und Spiele. Darüber hinaus engagierte sich Gadna auch außerhalb Israels. 1959 reiste eine Gadna-Delegation nach Ghana, Nigeria und Liberia, und 1961 wurde ein erster Kurs für Jugendliche aus Afrika und Asien organisiert. Später seien Gadna-Ausbilder in verschiedene Länder entsandt worden.
Der Einsatz im Innern verlor darüber nicht an Bedeutung. Während der Sueskrise von 1956 und des Sechstagekriegs von 1967 ersetzten Gadna-Jugendliche das Personal im Postsystem und wurden im Zivilschutz, in Krankenhäusern, in der Industrie und in der Landwirtschaft eingesetzt. In der Folge arbeitete Gadna hauptsächlich im schulischen Rahmen, oder, wie es Shelly Paz in The Jerusalem Post formulierte: „Bis 1990 konzentrierte sich Gadna darauf, der israelischen Jugend patriotische Werte zu vermitteln und die Diaspora-Jugend zu ermutigen, Alija zu machen.“Gadna pre-army program tries to restore IDF's appeal (siehe Weblinks) Auch dies geschah und geschieht auf unterschiedlichen Wegen. In einigen Schulen ist Gadna Teil des Lehrplans, während andere Schulen ihre Schüler für eine Woche in ein Gadna-Camp schicken, um sie auf den Militärdienst vorzubereiten, Waffentraining inklusive. Zudem betreiben verschiedene militärische Zweige ihre eigenen Gadna-Gruppen, so die Luftwaffe und die Marine.
In den Jahren 2007/2008 fand eine Neuausrichtung von Gadna statt. Statt der früher üblichen Vermittlung patriotischer Werte wurde nun die Aufgabe in den Vordergrund gerückt, der Einberufungsmüdigkeit der israelischen Jugend entgegenzuwirken. Um das zu erreichen, lässt die Armee ab der 10. Klasse die Schüler durch Jugendoffiziere über den Militärdienst, ihre mögliche Rolle dort und den Rekrutierungsprozess informieren. Wenn die Schulleiter es genehmigen, besuchen die Schüler in der 11. Klasse ein Gadna-Camp, und während ihres letzten Schuljahres werden sie darauf vorbereitet, sich bei der IDF zu bewerben. Allerdings würden immer weniger Gymnasien ihre 11. Klassen in die Gadna-Camps schicken, was nach Ansicht der Militärs ein Grund für die schwindende Anziehungskraft des Militärdienstes sei.
Seit 2008 gibt es nur noch drei Gadna-Camps: Sde Boker, das 450 Schüler pro Woche aufnehmen kann Joara, in der Nähe von Joqneʿam im israelischen Nordbezirk, das 220 Schüler aufnehmen kann Tzalmon (auch Selamin)Siehe :en:Selamin in der Nähe des Karmels, das 320 Schüler aufnehmen kann
Gestützt auf die Aussage der Kommandantin des Camps von Tzalmon führt Shelly aus, dass sich das Programm nicht nur auf körperliches Training wie Camping, Nachtwanderungen und den Gebrauch von Waffen beschränkt; ein großer Teil der Woche sei dem Kennenlernen der Armee gewidmet – ihren Einheiten, der Kampfethik, der Verpflichtung, gefangene eigene Soldaten nach Hause zu bringen, und vor allem der Bedeutung des Dienstes in der IDF. Die Jugendlichen tragen während der Woche im Camp Militäruniformen.
Kooperationsprogramme Die in New York ansässige Organisation Friends of Israel Scouts Inc. bietet im Rahmen ihres Programms Tzofim Chetz V'Keshet (CVK) seit 1981 jährlich ein einmonatiges Israel-Sommerprogramm für Teenager aus Nordamerika und der ganzen Welt an. Den Jugendlichen soll ein Einblick in die jüdische Kultur, in das jüdische Erbe, in die Sprache und die israelische Gesellschaft vermittelt werden. Fester Bestandteil des Programms ist aber auch eine Gadna-Woche. Für 2020 wird hierzu angekündigt: Training auf dem Armeestützpunkt Tzalmon, das Tragen der IDF-Uniformen, das Absolvieren von Trainings mit den IDF-Soldaten, eine Armeenacht in Tarnkleidung und vieles mehr. Auf der Webseite der Organisation heißt es dazu:
Wie sehr diese gekonnt auf jugendliche Abenteuerlust abgestellte vor-militärische Ausbildung bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern ankommt, wird auf der CVK-Homepage durch viele Statements hervorgehoben, und eindrucksvoll demonstriert das auch ein offizielles CVK-VideoOfficial Video-Summer Program Israel, in dem sich Sightseeing-Aktivitäten mit militärischen Übungen abwechseln. Ein Fazit von vielen: „Ich verbrachte eine Woche bei Gadna, wo ich wie ein echter israelischer Soldat lebte und wie die Helden, die ihr Leben riskieren, um diese große Nation Israel zu schützen.“ Ob Frieden für Israel auch anders als mit Waffengewalt möglich sein könnte, scheint in diesen Programmen nicht diskutiert zu werden. Dies bestätigt ein Erfahrungsbericht der jungen Amerikanerin Isabel Hoffman, die im Jahr 2019 an einem Kurs im Gadna-Camp in Sde Boker teilgenommen hat. „Ich war noch nie in einer Situation gewesen, in der ich das Gefühl hatte, wirklich indoktriniert zu werden. […] Es war nicht die Rede von Konflikten, von den Nuancen und Widersprüchen und der Unordnung in der Arbeit der Armee. Alles wurde als glänzend und gesund dargestellt. Das konnte ich nicht akzeptieren.“Isabel Hoffman about Gadna on JEWISH WOMEN, AMPLIFIED, 20. Dezember 2019. „I had never been in a situation before where I felt like I was really being indoctrinated. […] There was no talk of conflict, of the nuance and contradictions and messiness of the work of the army. Everything was presented as shiny and wholesome. I couldn’t accept that.“
Einen Schritt weiter als CVK geht das aus Gadna hervorgegangene Programm MarvaSiehe hierzu auch den Artikel in der englischen WIKIPEDIA: :en:Marva, das in einem zweimonatigen Grundausbildungsprogramm der IDF jungen Juden aus der Diaspora die Möglichkeit bietet, die IDF hautnah zu erleben. Auf der Marva-Homepage heißt es dazu:
Wer nach einer Marva-Ausbildung oder allgemein als Jude mit Wurzeln außerhalb Israels sich für den Dienst in der IDF entschließt, dem wird Unterstützung im Rahmen des Programms Garʿin Tzabar zu Teil. Diaspora-Juden und Israelis, die keine in Israel lebenden Eltern haben, werden ab ihrer Ankunft in Israel von Garʿin Tzabar betreut und durch Vermittlung der Organisation von einer israelischen Gemeinschaft adoptiert, die vor und während ihres Militärdienstes ihr Zuhause in der Ferne sein soll. Das Programm richtet sich an die Lone Soldiers (alleinstehende Soldaten) genannten jüdischen Erwachsenen zwischen 18 und 24 Jahren (Männer) beziehungsweise 23 Jahren (Frauen). An ihrer Betreuung beteiligen sich in Israel 60 Kibbuzim.. Über Garʿin Tzabar existiert auch ein Artikel in der englischen WIKIPEDIA: :en:Garin Tzabar
Gadna-Kritik Wissenschaftliche und politische Kritik Während sich die Gadna-Kommandantin von Tzalmon 2008 positiv überrascht davon zeigte, wie sich die Schüler innerhalb von zwei Minuten nach ihrer Ankunft in Soldaten verwandeln, ist das Programm unter Lehrern und Erziehungswissenschaftlern nicht unumstritten und wurde als unangemessen militaristisch kritisiert.Or Kashti: New IDF Gadna Youth Program Criticized as Overly Militaristic (siehe Weblinks)
Eine literarische Kritik In einem Beitrag für Deutschlandfunk Kultur schreibt Sigrid Löffler über David Grossmans 2014 in Israel (Deutschland: 2016) erschienenen Roman:
Diese „durchmilitarisierte Gesellschaft“ kommt bei Grossmann auf Seite 109 zum ersten Mal ins Spiel; sie zieht sich von da an durch den gesamten zweiten Teil des Romans und hat einen Anknüpfungspunkt: das Gadna-Jugendcamp in Beʾer Ora, in dem sich die beiden Protagonisten der Geschichte, der Stand-up Comedian Dovele Grinstein und sein früherer Freund, der pensionierte Richter Avischai Lasar, in den 1950er Jahren aufhielten. Sie waren unabhängig voneinander und ohne zu wissen, dass der je andere dort sein wird, in das Camp gekommen. Mit Anspielungen auf die Nazi-Verfolgungen beschreibt Grinstein das Gadna-Training, und „en passant lässt Grossman hier einfließen, dass diese Wehrertüchtigungslager in der israelischen Wüste nicht weit weg waren von den Lagern der HJ“:
Mit ebensolchem Sarkasmus beschreibt er die an die Pfadfinder-Romantik anknüpfende Freizeitgestaltung, die Abende am Lagerfeuer. Altersmäßig der Kleinste und auch körperlich sehr schmächtig, wird Grinstein schnell zum Opfer sadistischer Spiele seiner Kameraden, und vor denen schützen ihn weder die Betreuer, noch Avischai Laser, der ihn schlicht verleugnet, ihn nicht wahrnimmt.