Gülşah Gabriel (auch: Gülsah Mehmetoglu; * 1978 in Xanthi, Griechenland) ist eine deutsche Biologin und Virologin. Sie leitet am Leibniz-Institut für Virologie in Hamburg die Abteilung Virale Zoonosen – One Health, hat eine W3-Professur für Virale Zoonosen an der Tierärztlichen Hochschule Hannover (TiHo), und ist Sprecherin des Leibniz-Labs „Pandemic Preparedness: One Health, One Future“. Gabriel ist eine Expertin auf dem Gebiet der Influenza-A-Viren und der Pandemieforschung. Sie untersucht, wie hochpathogene aviäre Influenza-A-Viren (HPAIV, Vogelgrippeviren) Artenbarrieren überwinden und auf den Menschen übergehen und somit Epidemien oder Pandemien auslösen. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf der Pathogenese von Influenzaviren bei Risikogruppen, insbesondere bei Schwangeren und Menschen mit metabolischen Grunderkrankungen. Während der Corona-Pandemie identifizierte ihre Forschungsgruppe frühzeitig zentrale Krankheitsmechanismen, darunter erstmals die Replikation von SARS-CoV-2 im humanen Fettgewebe, dem größten endokrinen Organ sowie Veränderungen im Hormonstoffwechsel bei COVID-19 Patientinnen und Patienten. Die Virusreplikation im Fettgewebe wird aktuell als mögliches „stilles Reservoir“ bei der Entstehung von Langzeitkonsequenzen akuter Infektionen diskutiert.
Werdegang Gabriel absolvierte nach ihrem Abitur am Paul-Klee-Gymnasium in Gersthofen (Bayern) ein Studium der Biologie mit den Schwerpunkten Virologie, Genetik und Mikrobiologie an der Philipps-Universität Marburg (Hessen). Während ihres Studiums legte sie einen Forschungsaufenthalt im Special Pathogens Program an der Public Health Agency of Canada in Winnipeg in Kanada ein, wo sie sich mit Ebola-Viren beschäftigte. 2003 schloss sie ihr Studium mit dem Diplom in Molekularbiologie ab und promovierte 2006 im Fach Virologie (Dr. rer. nat.) über die Adaption hochpathogener aviärer Influenzaviren an Säuger. Nach einem Postdoc-Studium am Institut für Virologie der Philipps-Universität Marburg ging Gabriel von 2007 bis 2009 mit einem Postgraduiertenstipendium an die Universität Oxford, um molekulare Determinanten der Influenzavirus Interspeziestransmission und Pathogenese zu beforschen. Im Mai 2009 wurde sie im Rahmen des Emmy-Noether-Programms der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) ausgezeichnet und nahm das Angebot des Heinrich-Pette-Instituts (HPI) in Hamburg an, dort eine Nachwuchsgruppe zu leiten.
Im Jahr 2012 habilitierte sich im Fach Virologie an der Universität zu Lübeck. Auch in ihrer Habilitation setzte sie sich mit den viralen und zellulären Anpassungsmechanismen von Influenza-A-Viren, insbesondere von hochpathogenen aviären Influenzaviren von Tier auf den Menschen auseinander. Im Jahr 2014 übernahm Gabriel eine Professur für Virologie an der Universität zu Lübeck und die Leitung der Forschungsgruppe „Virale Zoonosen und Adaptation“ am Leibniz-Institut für Virologie in Hamburg. Nachdem sie 2015 zunächst eine Gastprofessur bei der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover innegehabt hatte, wurde sie dort 2018 auf eine W3-Professur berufen und übernahm gleichzeitig die Leitung der neuen Abteilung Virale Zoonosen – One Health am Leibniz-Institut für Virologie. Seit 2024 ist Gabriel Sprecherin des Leibniz-Labs Pandemic Preparedness: One Health, One Future, worin deutschlandweit erstmalig inter- und transdisziplinäre Expertisen von 41 Leibniz-Instituten aus den Lebenswissenschaften, den Gesundheitstechnologien, der Gesundheitsökonomie und der Bildungsforschung gebündelt werden, um besser auf künftige Pandemien vorbereitet zu sein.
In 2018 wurde Gabriel von der Leibniz-Gemeinschaft mit dem „Leibniz – Beste Köpfe“-Preis (Leibniz Best Minds Award) ausgezeichnet. Das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) verlieh ihr 2019 ihren Preis für translationale Infektionsforschung.
Forschungsschwerpunkte Die aktuellen Forschungsarbeiten von Gülşah Gabriel widmen sich den molekularen Untersuchungen der Interspeziestransmission und Pathogenese von Influenza-A-Viren als Blaupause für andere zoonotische Viren (wie z. B. Coronaviren und Zikaviren). Ein besonderer Fokus liegt in der Erforschung der molekularen Ursachen der erhöhten Pathogenese in Hochrisikogruppen (Schwangere, metabolische Grunderkrankungen sowie geschlechtsabhängige Erkrankungsbilder). Während der Pandemie des Coronavirus (SARS-CoV-2) zählte ihre Forschungsgruppe zu den ersten, die Pathomechanismen identifizierten, welche gegenwärtig als Mitursache für Langzeitfolgen nach akuten Atemwegsinfektionen diskutiert werden.
Akademische Auszeichnungen (Auswahl)
2024: Nominierung für den Wissenschaftsrat der Bundesregierung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG). 2019: Preis für translationale Infektionsforschung des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF) zur Würdigung ihrer Forschung zur Aufklärung von Schlüsselmolekülen in der Influenza-Pathogenese, die als Blaupause zur Entwicklung von neuen Medikamenten auch gegen andere Viren, wie Zika oder Ebola Viren dienen kann sowie den „außergewöhnlichen translationalen Ansatz“ ihrer Forschung, der die effektive Überführung klinischer Erkenntnisse in die Forschung und umgekehrt erlaubt. 2018: Leibniz Best Minds Award der Leibniz-Gemeinschaft zur Förderung und Würdigung ihrer One Health Forschung zu Influenzaviren. 2014: Aufnahme in die renommierte „Germany’s Top 40 under 40 Scientists“-Liste des Magazins Capital und Würdigung ihrer außergewöhnlichen Leistungen, fachlichen Exzellenz und besonderen Einfluss in Deutschland. 2012: Robert-Koch-Förderpreis der Stadt Clausthal-Zellerfeld für ihre wegweisende Arbeit zur Wirtsadaption von Influenzaviren. 2009: Förderung der Nachwuchsgruppe im Emmy-Noether-Programm der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). 2009: Claude-Hannoun-Preis der European Scientific Working Group on Influenza (ESWI) für herausragende Forschungsleistungen auf dem Gebiet der Influenzaviren und der Wirtsadapttaion.
Mitgliedschaft in wissenschaftlichen Beiräten
Seit 2025: Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Robert Koch-Instituts (RKI) Seit 2024: Sprecherin des Leibniz-Labs Pandemic Preparedness: One Health, One Future Seit 2024: Mitglied des Expertengremiums des BMBF zu Pandemic Preparedness Seit 2022: Vorstandsmitglied der European Scientific Working Group on Influenza and other Acute Respiratory Viruses (ESWI) Seit 2022: Mitglied des EU-Gesundheitsforschungs-ExpertInnenkreises des BMBF Seit 2022: Mitglied des Scientific Advisory Board des Helmholtz Viral Bioinformatics Consortium 2021: Mitglied der Leopoldina-Arbeitsgruppe COVID-19 und Antivirals Seit 2021: Mitglied des Scientific Advisory Board des Helmholtz CoViPa Consortium Seit 2019: Mitglied der One Health-Arbeitsgruppe des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) Seit 2017: Mitglied des Leopoldina-Ausschusses für Dual-Use-Forschung 2012–2022: Vizepräsidentin der ESWI
Publikationen (Auswahl)
Weblinks
Publikationsliste (am Leibniz-Institut für Virologie) Leibniz lab Pandemic Preparedness
Einzelnachweise
Kategorie:Virologe Kategorie:Hochschullehrer (Universität zu Lübeck) Kategorie:Hochschullehrer (Tierärztliche Hochschule Hannover) Kategorie:Deutscher Kategorie:Grieche Kategorie:Geboren 1978 Kategorie:Frau