Als School Shooter Fandom (engl.; deutsch: Schul-Amokläufer-Fangemeinde) wird eine weltweit verbreitete Internet-Subkultur bezeichnet, die mit dem Aufkommen der sozialen Medien in den 2000er-Jahren entstand und deren Anhängerschaft sich durch ein außergewöhnlich großes Interesse an Schul-Amokläufern und deren Taten auszeichnet. Die Fangemeinde wird den sogenannten Dark Fandoms („Düstere Fangemeinden“) zugeordnet und gilt als gesellschaftlich nicht akzeptiert.

Beschreibung des Phänomens Das School Shooter Fandom formierte sich mit dem Aufkommen der sozialen Medien in den 2000er-JahrenNatalie Paton: Media Participation of School Shooters and their Fans: Navigating between Self-Distinction and Imitation to Achieve Individuation. 2012, S. 223. und ist besonders auf den Blogging-Plattformen Tumblr und Blogspot, dem Videoportal YouTube, den Onlinediensten DeviantArt und Reddit sowie dem sozialen Netzwerk Facebook aktiv.Jenni Raitanen, Atte Oksanen: Global Online Subculture surrounding School Shootings. 2018, S. 198.Chelsea Daggett: Eric Harris and Dylan Klebold: Antiheroes for outcasts. 2015, S. 47. Die Anhänger des Fandoms fallen auf diesen Kanälen unter anderem dadurch auf, dass sie mit ihren Profilnamen Bezug auf diverse bekannt gewordene School Shooter nehmen und Fotos von den Tätern als Profil- oder Hintergrundbild verwenden.Atte Oksanen et al.: Hate Groups. In: James Hawdon et al. (Hrsg.): The Causes and Consequences of Group Violence: From Bullies to Terrorists. Lexington Books, Lanham, MD, 2014, ISBN 978-0-7391-8896-5, S. 21–48, hier: S. 33.

Die Zahl der Anhänger wird auf mehrere tausend weltweit geschätzt.Alexandra Artamonova: Rebels with a Cause: School Shooters Fandom as a Form of Counterculture. 2017, S. 4. Die meisten von ihnen bleiben im Netz anonym. Laut ersten Befragungsstudien zu dem Phänomen handelt es sich überwiegend um junge Frauen im Teenageralter oder in den Zwanzigern, insgesamt gehen Forscher jedoch von einer heterogenen Gruppe mit einem nicht geringen Männeranteil aus. An einer 2015 durchgeführten Befragungsstudie beteiligten sich zwölf Personen im Alter von 18 bis 32 Jahren, von denen zehn weiblich waren.Chelsea Daggett: Eric Harris and Dylan Klebold: Antiheroes for outcasts. 2015, S. 49. Bei einer Befragung aus dem Jahr 2018 von 22 Anhängern mit einer Altersspanne von 15 bis 32 Jahren gaben 15 an, weiblich zu sein, vier bezeichneten sich als männlich und drei als Transgender.

Als zentraler gemeinsamer Bezugspunkt fast aller Anhänger des School Shooter Fandoms gilt der Amoklauf an der Columbine High School (1999), der bei vielen von ihnen erstmals das Interesse an School Shootings weckte. Weitere Schul-Amokläufe, die von den Anhängern des Fandoms als besonders bedeutsam angesehen werden, sind unter anderem der Amoklauf an der Thurston High School (1998), der Amoklauf von Jokela (2008), der Amoklauf an der Chardon High School in Ohio (2012), der Amoklauf an der Sandy Hook Elementary School (2012) und das Schulmassaker von Parkland (2018).Jenni Raitanen, Atte Oksanen: Global Online Subculture surrounding School Shootings. 2018, S. 196, 199.Alexandra Artamonova: Rebels with a Cause: School Shooters Fandom as a Form of Counterculture. 2017, S. 12.

Ein Großteil der Personen, die von Außenstehenden dem Fandom zugerechnet werden, bezeichnen sich selbst nicht als „Fans“. Je nachdem, welchen Schul-Amoklauf sie favorisieren, nennen sich einige jedoch zum Beispiel „Columbiner“ (nach dem Amoklauf an der Columbine High School), „Cruzers“ (nach Nikolas Cruz, dem Amokläufer von Parkland), „Holmies“ (nach James Holmes, dem Amokläufer von Aurora) oder „Laneatics“Alexandra Artamonova: Rebels with a Cause: School Shooters Fandom as a Form of Counterculture. 2017, S. 12. (Kofferwort aus Lane, dem Nachnamen des Amokläufers an der Chardon High School, und lunatics, dem englischen Wort für „Verrückte“). Andere lehnen derartige Bezeichnungen aufgrund ihrer negativen Konnotation ab.Alexandra Artamonova: Rebels with a Cause: School Shooters Fandom as a Form of Counterculture. 2017, S. 6. Viele Anhänger versehen ihre Social-Media-Profile mit dem Disclaimer I do not condone („ich billige [das] nicht“), um kenntlich zu machen, dass sie die Taten der School Shooter nicht gutheißen. Einige nutzen jedoch auch den gegenteiligen Schriftzug I do condone („ich billige [das durchaus]“).Alexandra Artamonova: Rebels with a Cause: School Shooters Fandom as a Form of Counterculture. 2017, S. 12 f.

Während das Interesse an School Shootings bei vielen Anhängern rein forensischer Natur ist und sie sich mit Gleichgesinnten austauschen wollen, reicht die Faszination bei anderen bis hin zum Personenkult, bei dem die Schul-Amokläufer glorifiziert und romantisiert werden. School-Shooter-Fans unterscheiden sich dabei grundsätzlich nicht von anderen Fangemeinden: Sie kreieren Fan-Art, schreiben Fan-Fiction, betreiben Cosplay und teilen und kommentieren Bilder, GIFs, Memes sowie Audio- und Videoclips mit Bezug zu Schul-Amokläufern und deren Taten. Häufig verarbeiten sie dazu das von den Tätern hinterlassene Material, welches diese vor dem Amoklauf entweder selbst ins Internet gestellt hatten oder das später von Behörden veröffentlicht wurde (beispielsweise Tagebucheinträge und selbst gedrehte Videos, Überwachungskameraaufnahmen sowie Klassenfotos). Außerdem verwenden sie die Lieblingsmusik der Täter und Szenen aus Filmen über Schul-Amokläufe wie Bang, Bang, Du bist tot (2002) oder Zero Hour (2004).Jaclyn Schildkraut, Glenn W. Muschert: Columbine, 20 Years Later and Beyond: Lessons from Tragedy. Praeger, Santa Barbara, CA 2019, ISBN 978-1-4408-6252-6, S. 148 ff.Chelsea Daggett: Eric Harris and Dylan Klebold: Antiheroes for outcasts. 2015, S. 45–77.Natalie Paton: Media Participation of School Shooters and their Fans: Navigating between Self-Distinction and Imitation to Achieve Individuation. 2012, S. 224. Sie schicken Fanpost an inhaftierte School Shooter oder, wenn die Täter bei ihrem Amoklauf selbst ums Leben gekommen sind, an deren Angehörige.Rosa Flores, Hollie Silverman: The amount of fan mail the Parkland shooter is receiving is unreal. CNN. 30. März 2018, abgerufen am 22. März 2020.Andrew Solomon: Far from the Tree. Parents, Children and the Search for Identity. Scribner, New York, NY 2012, ISBN 978-0-7432-3671-3, S. 592. Wie andere Subkulturen nutzen sie eine gemeinsame Sprache, Symbole sowie Codes und erzeugen dadurch Solidarität.Atte Oksanen et al.: Hate Groups. In: James Hawdon et al. (Hrsg.): The Causes and Consequences of Group Violence: From Bullies to Terrorists. Lexington Books, Lanham, MD, 2014, ISBN 978-0-7391-8896-5, S. 21–48, hier: S. 43.Jenni Raitanen, Atte Oksanen: Global Online Subculture surrounding School Shootings. 2018, S. 196.

Jenni Raitanen und Atte Oksanen identifizierten 2018 vier Subgruppen des School Shooter Fandoms, wobei der einzelne Anhänger mehr als einer Subgruppe angehören kann und sich die Verhaltensweisen der Subgruppen teilweise überschneiden können:Jenni Raitanen, Atte Oksanen: Global Online Subculture surrounding School Shootings. 2018, S. 200–203. Researcher: Diese Gruppe versucht vor allem, die Ursachen und wahren Hintergründe der Amokläufe zu ergründen und darüber aufzuklären, um künftige Taten zu verhindern. Hierzu stellen sie eigene Ermittlungen an und sammeln und verbreiten detaillierte Informationen über die Taten und Täter. Einige Researcher haben in der Community den Status von „Meinungsführern“ erlangt, an die sich Neulinge mit Fragen wenden.Alexandra Artamonova: Rebels with a Cause: School Shooters Fandom as a Form of Counterculture. 2017, S. 8. Fan Girls: Das Interesse dieser Subgruppe ist romantischer oder sexueller Natur. Der Fokus ihres Interesses liegt auf dem Täter als Person und weniger auf der von ihm verübten Gewalttat. Diese Subgruppe bringt ihr Interesse häufig durch Fan-Art und andere Fan-Praktiken zum Ausdruck. Columbiner: Angehörige dieser Subgruppe zeichnen sich durch ein besonderes Interesse am Amoklauf an der Columbine High School aus. Nachahmungstäter (Copycats): Diese Subgruppe glorifiziert School Shooter und träumt davon oder plant, selbst einen Amoklauf zu begehen. Vereinzelt kam es durch Angehörige dieser Subgruppe zu vollendeten Nachahmungstaten. So stellte sich beispielsweise nach dem Amoklauf an der Sandy Hook Elementary School heraus, dass der Täter Adam Lanza dem School Shooter Fandom angehörte.Jenni Raitanen, Atte Oksanen: Global Online Subculture surrounding School Shootings. 2018, S. 203. Auch die Amokläufer von Emsdetten (2006), Jokela (2007) und Kauhajoki (2008) waren Mitglieder der Fangemeinde.Frank J. Robertz, Robert Kahr: Phantasien absoluter Gewalt – Ein kriminologischer Blick auf Berichterstattung als Anregung zur Nachahmung. In: Frank J. Robertz, Robert Kahr (Hrsg.): Die mediale Inszenierung von Amok und Terrorismus. Springer, Wiesbaden 2016, ISBN 978-3-658-12135-8, S. 29–57, hier: S. 41. Aufgrund dieser Gefahr werden Internetseiten, auf denen das School Shooter Fandom aktiv ist, teilweise polizeilich überwacht,Dina Temple-Raston: ‘Cruzers’ and the Dark World of School-Shooter Culture Online. In: New York Magazine. 6. April 2018, abgerufen am 21. März 2020. wobei die meisten School-Shooter-Fans von den Behörden jedoch als „harmlos“ eingestuft werden.Jessica Contrera: The man keeping Columbine safe. In: The Washington Post. 5. April 2019, abgerufen am 21. März 2020.

Teilweise wird das School Shooter Fandom selbst als Subgruppe der True Crime Community angesehen,Alexandra Artamonova: Rebels with a Cause: School Shooters Fandom as a Form of Counterculture. 2017, S. 4. bei der es sich ebenfalls um eine Online-Subkultur handelt, deren Anhänger ein generelles Interesse an realen Verbrechen, insbesondere Serien- und Massenmorden, haben.Naomie Barnes: Killer Fandoms Crime-Tripping & Identity in the True Crime Community. In: All Graduate Plan B and other Reports. 726. Utah State University, 2015, S. 27 ff. (online [abgerufen am 2. April 2020]).

Vielen Anhängern des Fandoms ist bewusst, dass es unter ihnen potentielle Nachahmungstäter gibt. Während sich einige besorgt darüber zeigen, wird diese Möglichkeit von anderen ignoriert oder als unvermeidlich hingenommen. Unter den Fandom-Anhängern besteht Uneinigkeit, welches Maß an Hingabe akzeptabel ist. Während ein bis zur Besessenheit reichendes Interesse an dem Thema in der Regel toleriert wird, werden Äußerungen, welche die Täter glorifizieren, auch innerhalb der Gemeinschaft angeprangert.Jenni Raitanen, Atte Oksanen: Global Online Subculture surrounding School Shootings. 2018, S. 203.Natalie Paton: Media Participation of School Shooters and their Fans: Navigating between Self-Distinction and Imitation to Achieve Individuation. 2012, S. 230.

Erklärungsansätze