mini|hochkant=1.1|Basalt-Löwenskulpturen vom inneren Burgtor in Sam’al/Zincirli aus dem 8. Jh. v. Chr. (Pergamonmuseum, Berlin) Sam’al (auch Ja’udi, Bit Gabbar) war ein aramäischer Stadtstaat im ehemaligen nordsyrischen Bereich (heutiges Zincirli (auch Sendschirli) in der südöstlichen Türkei, zehn Kilometer nordöstlich von İslahiye und 70 Kilometer westlich von Gaziantep). Es lag südlich von Gurgum (Maraş) und östlich von Ḫilakku (Kilikien).
Etymologie Der heutige Name Zincirli Höyük bedeutet „umketteter Hügel“. Er erklärt sich dadurch, dass die äußere Mauer wie eine Bekränzung kreisrund um den Hügel verlief. Der Name Sam’al lässt sich auf die semitische Wurzel שֹמאל sm’l mit der Bedeutung „links“ zurückführen.Gesenius, 16. Aufl. 1915, S. 787 Da bei einer Blickrichtung nach Osten sich links der „Norden“ befindet, lässt sich Sam’al mit „Nordland“ übersetzen. Der Name Ja’udi konnte bisher nicht erklärt werden. Bit Gabbar, übersetzt „Haus des Gabbar“, benennt den Ort nach dem Dynastiegründer Gabbaru, dessen Name selbst wohl mit der Wurzel גבר gbr„stark sein“Gesenius, 16. Aufl. 1915, S. 128 zusammenhängt und „Held / Anführer“ bedeutet.Erich Ebeling: Gabbaru. In: Dietz-Otto Edzard u. a.: Reallexikon der Assyriologie und vorderasiatischen Archäologie, Bd. 3: Fabel - Gyges und Nachtrag. de Gruyter, Berlin 1971, ISBN 3-11-003705-X, S. 129.
Topografie mini|Burg von Sam’al, Rekonstruktionszeichnung mini|Zincirli Höyük Die Stadt lag in einer Ebene am Fuß des Nurgebirges. Sie war recht symmetrisch angelegt und durch eine doppelte, fast kreisrunde Stadtmauer mit 720 bis 800 Metern Durchmesser geschützt. Jede der beiden Mauern aus luftgetrockneten Lehmziegeln war über drei Meter dick, der Abstand dazwischen betrug sieben Meter. Die Mauern besaßen rund 100 Turmvorsprünge zur Überwachung und drei Eingänge. Innerhalb der Mauern befand sich die Wohnsiedlung.
Oberhalb der Stadt lag auf einem natürlichen Hügel eine Zitadelle von unregelmäßig ovalem Grundriss. Es gab nur einen Zugang in der äußeren Befestigungsmauer im Süden, er wurde durch zwei hintereinanderliegende Zangentore geschützt. Dahinter folgten weitere Höfe, die durch Quermauern voneinander abgegrenzt waren. Auf der Zitadelle lagen mehrere Paläste in der aus Syrien stammenden Hilani-Bauweise, also mit einem mit hölzernen Säulen verzierten Eingang und querliegendem Hauptraum. Auf der Zitadelle befinden sich auch Paläste aus assyrischer Zeit (G, J, K, H 1-5) und Magazine.
Die drei Tore der Stadt, Kammertore zwischen zwei hohen Türmen, sind mit reliefierten Basaltplatten (Orthostaten) verziert, typisch für die späthethitische Zeit. Aus dem 9. Jahrhundert v. Chr. stammen plastische Löwenfiguren sowie eine Sphinx, die vermutlich zum figürlichen Schmuck des Tores gehörten. Etwa 25 km südöstlich liegt die zum Herrschaftsbereich der Stadt gehörende Bildhauerwerkstatt von Yesemek, wo die Sphinx hergestellt wurde.
Geschichte Der genaue Zeitpunkt des Entstehens von Sam’al ist nicht bekannt. Sicher belegt ist hingegen, dass der Stadtstaat Anfang des 1. Jahrtausends v. Chr. durch einwandernde Aramäer gegründet und die Namen Ja’udi und Sam’al erhielt. Der ursprüngliche Name dieser zum Reich der Hethiter gehörenden Region ist unbekannt.
Der assyrische König Salmānu-ašarēd III. kämpfte nach seinem Bericht auf dem Kurkh-Monolith mit Verbündeten aus Bit Adini, Karkemiš und Unqi (Amuq) gegen Ja’udi. Im späten 8. Jahrhundert v. Chr. kam es unter assyrische Herrschaft.
Stele des Kulamuwa mini|hochkant=0.5|Stele des Kulamuwa(Pergamonmuseum) Aus dem 8. Jahrhundert v. Chr. stammt die Stele des Kulamuwa (auch Kilamuwa) mit phönizischer Inschrift. Kulamuwa zeichnet sich durch assyrische Königskleidung aus. Seine Symbole sind der gehörnte Helm, der Bogen, die geflügelte Sonnendarstellung und der Halbmond. Der literarische Stil entspricht den damals üblichen Gepflogenheiten in Phönizien:
Stele des Panamuwa II. Durch einen ausführlichen Bericht auf der Stele des Panamuwa II., die sein Sohn Bar-Rakib anfertigen ließ (phönizisch-aramäisch), kann der Verlauf der Ereignisse in dieser Zeit sehr gut nachvollzogen werden:TUAT 1 Alte Folge, S. 630 ff.
Hintergrund war der Feldzug des Tiglat-Pileser III. gegen eine von Azrijau (Asarija) geführte Koalition. Nach dem Sieg durch Tiglat-Pileser III. wurden die Stadtstaaten Sumura, Arqa, Usnu und Siannu der Provinz Hama unterstellt, ohne dass diese jedoch ihre Eigenständigkeit verloren.Bruno Meissner, Erich Ebeling, Ernst Weidner, Wolfram v. Soden: Reallexikon der Assyriologie. S. 537 mini|Stadtmauern am Nordosttor mini|Grabungen in der südlichen Zitadelle
Liste der Stadtkönige Eine Reihe von aramäischen und phönizischen Inschriften überliefert die Namen der Herrscher der Stadt. Gabbār (gbr), „Vater des Ḥayyānu“ (um 920 v. Chr.) Bānihu (bnh), Sohn des Gabbār (bis etwa 860 v. Chr.) Ḥayyānu (assyrisch Ḫayanu), Sohn des Bānihu (etwa 860 bis 850 v. Chr.) Šaʼīl (šʼl), Sohn des Ḥayyānu (etwa 850 bis 840 v. Chr.) Kilamuwa oder Kulamuwa (klmw), Sohn des Ḥayyānu (840 bis 830 v. Chr., Kulamuwa Stele etwa 830 v. Chr.) Qurala oder Qarli (qrl) Panamuwa I. (pnmw), Sohn von Qurala Bar-Ṣūr (brṣr „Felsensohn“), evtl. identisch mit Panamuwa I. Usurpator, dessen Name nicht bekannt ist Panamuwa II. (pnmw, ass. Panammu), Sohn des Bar-Ṣūr (739–733 v. Chr.) Bar-Rākib (brrkb) (733 v. Chr. bis max. 713 v. Chr.)
Verschiedentlich wird auch Azrijau († 739 v. Chr.) zu den Königen von Sam’al gerechnet.
Grabungsgeschichte Sam’al wurde in fünf Etappen zwischen 1888 und 1902 ausgegraben. Von Carl Humann, Otto Puchstein, Felix von Luschan und Robert Koldewey wurde ein in seinen Dimensionen besonders gut vorstellbarer Regierungssitz der frühen Eisenzeit freigelegt. Felix von Luschan erwarb im Namen des Orient-Comités dafür eine Feldbahn von Arthur Koppel, um den Aushub und Schutt effizient aus den Grabungsarealen abzutransportieren.Orient-Comité – Findbuch. Zentralarchiv, Staatliche Museen zu Berlin.
Seit 2006 gräbt ein Team des Institute for the Study of Ancient Cultures, West Asia & North Africa (bis 2023 Oriental Institute) der University of Chicago unter der Leitung von David Schloen in Zincirli.
Siehe auch Torlöwen aus Samʼal
Literatur Ausgrabungen in Sendschirli. Einleitung und Inschriften (= Königliche Museen zu Berlin: Mittheilungen aus den Orientalischen Sammlungen. 11). Spemann, Berlin 1893 Ausgrabungsbericht und Architektur (= Königliche Museen zu Berlin: Mittheilungen aus den Orientalischen Sammlungen. 12). Spemann, Berlin 1898 Thorsculpturen.(= Königliche Museen zu Berlin: Mittheilungen aus den Orientalischen Sammlungen. 13). Druck und Verlag von Georg Reimer, Berlin 1902 (= Königliche Museen zu Berlin: Mittheilungen aus den Orientalischen Sammlungen. 14). Druck und Verlag von Georg Reimer, Berlin 1911 Felix von Luschan, Walter Andrae (Hrsg.): Die Kleinfunde von Sendschirli (= Staatliche Museen zu Berlin: Mitteilungen aus den Orientalischen Sammlungen. 15). Verlag von Walter de Gruyter & Co, Berlin 1943 Thomas Friedrich: Die Ausgrabungen von Sendschirli und das bît ḫillâni. In: Beiträge zur Assyriologie und semitischen Sprachwissenschaft. Bd. 4, Hinrichs, Leipzig 1904, , S. 227–278 () Benno Landsberger: Sam'al. Druckerei der Türkischen Historischen Gesellschaft, Ankara 1948. Herbert Niehr: Bestattung und Ahnenkult in den Königshäusern von Sam’al (Zincirli) und Guzāna (Tell Ḥalāf) in Nordsyrien. In: Zeitschrift des Deutschen Palästina-Vereins 122. 2006, S. 111–139. Winfried Orthmann: Der alte Orient. Propyläen-Kunstgeschichte 18. Propyläen, Frankfurt 1985, ISBN 3-549-05666-4. Josef Tropper: Die Inschriften von Zincirli. Neue Edition und vergleichende Grammatik des phönizischen, sam'alischen und aramäischen Textkorpus. Ugarit, Münster 1993, ISBN 3-927120-14-6. Ralf-B. Wartke: Sam'al. Ein aramäischer Stadtstaat des 10. bis 8. Jahrhunderts. v. Chr. und die Geschichte seiner Erforschung. Zabern, Mainz 2005, ISBN 3-8053-2918-0
Weblinks
Eduard Meyer: Geschichte von Ja'udi Rekonstruktion der Zitadelle Seele im Stein. Auf: wissenschaft.de vom 19. November 2008. Eine in der Türkei gefundene Grabsteinplatte aus dem 8. Jahrhundert vor Christus deutet darauf hin, dass die damaligen Menschen an eine unsterbliche Seele glaubten. Chicago-Tübingen Expedition to Zincirli – Archaeological excavations and surveys at the site of Zincirli Höyük in southeastern Turkey, ancient Sam’al. (zincirli.uchicago.edu) Herbert Niehr: Zum Totenkult der Könige von Sam'al im 9. und 8. Jh. v. Chr. In: Studi epigrafici e linguistici sul Vicino Oriente antico. 11. 1994, , S. 57–73 (PDF; 886 KB)
Anmerkungen und Einzelnachweise
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