mini|St.-Josephs-Kirche in Montigny-lès-Metz, Fassadenturm mini|hochkant|Chorpartie der Josefskirche mini|hochkant|Herz-Jesu-Kirche (Koblenz), Vorbild für die architektonische Gestaltung der Josephskirche in Montigny, Zustand vor der Zerstörung der Turmhelme im Zweiten Weltkrieg. St-Joseph ist eine römisch-katholische Pfarrkirche in der lothringischen Gemeinde Montigny-lès-Metz im französischen Département Moselle in der Region Grand Est. Die St.-Josephs-Kirche wurde während der Zeit der Zugehörigkeit von Montigny zum Deutschen Reich (Reichsland Elsaß-Lothringen) erbaut. Sie ist dem Bistum Metz zugeordnet. Der Haupt-Patroziniumstag ist das kirchliche Hochfest des Josef von Nazaret (19. März). Die beiden zusätzlichen Schutzpatrone der Josephskirche sind der heilige Antonius von Padua (Gedenktag: 13. Juni) sowie der heilige Privatus von Mende (Gedenktag: 21. August). Beide Heilige erinnern an die Patrozinien der zwei früheren Kirchen von Montigny.
Geschichte Nach der Angliederung von Metz an das Deutsche Reich nach dem Deutsch-Französischen Krieg im Jahr 1870/1871 und dem darauffolgenden Friedensvertrag von Frankfurt wurde die Stadt an der Mosel Verwaltungssitz des neu geschaffenen Bezirkes Lothringen innerhalb des Reichslandes Elsaß-Lothringen (mit der Hauptstadt Straßburg). Darüber hinaus wurde Metz zur stärksten Festungsstadt (Festung Metz) im Deutschen Reich ausgebaut. Vor dem Deutsch-Französischen Krieg hatte Metz 47.242 Einwohner, von denen nur 1952 die deutsche Sprache als ihre Muttersprache angegeben hatten. Die Mehrheit der Bevölkerung war katholischer Konfession, die evangelische Gemeinde hatte etwa 1000 Mitglieder und die jüdische Gemeinde zählte 1952 Mitglieder.
Bis zum Jahr 1910 wuchs die Stadt infolge des Zuzuges von sogenannten „Altdeutschen“ und Militärangehörigen auf insgesamt 68.598 Einwohner an. Das Bevölkerungswachstum zwischen 1905 und 1910 war auch eine Folge der im Jahr 1908 vollzogenen Eingemeindung der Orte Plantières-Queuleu und Devant-les-Ponts, die zusammen 7639 Einwohner beisteuerten. Hinsichtlich der Bevölkerungszahl von 1910 waren nur 20.932 Menschen in Metz selbst geboren worden, 15.432 stammten aus dem Gebiet des übrigen Reichslandes, 14.521 waren aus Altdeutschland zugezogen, und 4080 stammten aus dem Ausland.Folz, o. Nachnamen: Metz als deutsche Bezirkshauptstadt (1870–1913). In: A. Ruppel (Hrsg.): Lothringen und seine Hauptstadt. Eine Sammlung orientierender Aufsätze. Metz 1913, S. 372–383.
Infolge der Emigration eines Teils der Einwohner nach Frankreich und vor allem durch Zuwanderung und Stationierung von deutschen Beamten und Militärs wurde das zuvor mehrheitlich französischsprachige MetzThomas Nipperdey: Deutsche Geschichte. 1866–1918. Band 2: Machtstaat vor der Demokratie. Beck, München 1993, ISBN 3-406-34801-7, S. 72. vorübergehend mehrheitlich deutschsprachig.
Metz wurde nach der deutschen Angliederung von den deutschen Behörden umgestaltet, die beschlossen, die Stadtplanung zu einem quasi architektonischen ‚Schaufenster‘ des Deutschen Reiches zu machen. Die bisherigen alten Verteidigungswälle um die Innenstadt wurden infolgedessen niedergelegt, eine neue Infrastruktur angelegt und das Gebiet zu Wohn- und Gewerbezwecken neu bebaut.Rolf Wittenbrock: Die Stadterweiterung von Metz (1898–1903). Nationalpolische Interessen und Konfliktfelder in einer grenznahen Festungsstadt. In: Francia, 18/3 (1991), S. 1–23.Christiane Pignong-Feller: Metz 1900–1939. Eine imperiale Architektur für eine neue Stadt. Dt. Übertragung von Margarete Ruck-Vinson (Èditions du patrimoine, Centre des monuments nationaux), Paris 2014.
Der architektonische Eklektizismus spiegelt sich in zahlreichen historistischen, insbesondere neoromanischen Gebäuden wider, wie dem Metzer Bahnhof, der Evangelischen Stadtkirche Metz und dem Hauptpostamt. Im Stil der Neogotik wurde die imposante evangelische Garnisonskirche Metz mit ihrem 97 Meter hohen Kirchturm errichtet. Darüber hinaus gestaltete man die gotische Kathedrale von Metz aufwändig um.
Beherbergte Montigny im Jahr 1817 erst 848 Einwohner in 108 Häusern, so wurde es nach 1871 zu einer wichtigen Garnisonsstadt mit starkem Bevölkerungswachstum. Im Jahr 1910 zählte Montigny 10.260 Einwohner. Für die evangelischen Bewohner war bereits im Jahr 1894 eine neue Kirche gebaut worden, sodass die katholische Mehrheit der Gemeindebevölkerung nicht zurückstehen wollte und unter dem damaligen Pfarrer Zutterling Spenden für einen Kirchenneubau zu sammeln begann. Bis dahin besuchten die Bewohner von Montigny die Gottesdienste in der kleine örtlichen Pfarrkirche, die dem heiligen Privatus von Mende geweiht gewesen war. Die alte Pfarrkirche lag an der früheren Chausseestraße (heute Rue de Pont-à-Mousson) im Bereich der heutigen Place de la Nation, westlich der heutigen Josephskirche.
Darüber hinaus gab es noch die Klosterkirche St. Antonius von Padua, die hauptsächlich für die Nonnen der örtlichen Benediktinerabtei bestimmt und im 17. Jahrhundert sowie im 18. Jahrhundert erweitert worden war. Die Dringlichkeit des Neubaus einer Kirche wurde durch einen Beschluss des Gemeinderates am 24. April 1898 erklärt. Die neue Kirche von Montigny sollte nicht mehr am alten Standort stehen, sondern an anderer Stelle erbaut werden. Die Verlegung der neuen Pfarrkirche an einen anderen Platz war der Tatsache geschuldet, dass die frühere Lage an der Hauptstraße von Montigny zu ständiger Lärmbelästigung der Gottesdienste durch Verkehrslärm und Truppendurchzüge geführt hatte und man nun auf eine ungestörte Durchführung des Kultes hoffte.
Die Grundsteinlegung des neuen Kirchenbaues in Montigny an der Stelle früherer Obstgärten erfolgte am 3. Mai 1903. Die in den Jahren 1903 bis 1906Marcel Grosdidier de Matons: Nouveau guide de Metz, Metz 1936. in Montigny bei Metz von Ludwig Becker errichtete neospätromanische Josephskirche knüpft direkt an die Architektur der Koblenzer Herz-Jesu-Kirche an. Laut eines Artikels der Metzer ZeitungKirchenneubau Montigny, in: Metzer Zeitung, 29. Juni 1906. hatte der Pfarrer von Montigny, Philipp Châtelain, der Amtsnachfolger von Pfarrer Zutterling, im Jahr 1899 in Koblenz die ausgestellten Pläne der Herz-Jesu-Kirche gesehen und war von diesen derart begeistert gewesen, dass er Becker den Auftrag für eine ähnliche Kirche in Montigny gab. Ludwig Becker war darüber hinaus auch Mitglied des Metzer Dombauvereins und somit Teil eines lokalen Verbindungsnetzwerkes hinsichtliche des Kirchenbaues.Kristine Marschall: Sakralbauwerke des Klassizismus und des Historismus im Saarland. (=Veröffentlichungen des Instituts für Landeskunde im Saarland, Band 40), Saarbrücken 2002, S. 84.
Die Einweihung der Kirche in Montigny erfolgte am Sonntag, dem 29. Juli 1906 durch den Metzer Bischof Willibrord Benzler.Die Einweihung der neuen katholischen Pfarrkirche zu Montigny, in: Metzer Zeitung, 31. Juli 1906.Niels Wilcken: Architektur im Grenzraum, Das öffentliche Bauwesen in Elsaß-Lothringen (1871–1918), Saarbrücken 2000, S. 273–275.
Die bis dahin im Unterhalt vernachlässigte Kirche wurde auf Beschluss des Stadtrates von Montigny im Jahr 2017 aufwändig restauriert.
Architektur Der im rheinisch-romanischen Stil des 12. Jahrhunderts durch den Mainzer Dombaumeister Ludwig Becker errichtete Sakralbau mit hohem, weit sichtbarem treppenturmflankierte Westturm von 72 Metern Höhe, Narthex und einer reich gegliederten Chorpartie mit Chorflankentürmen orientiert sich im Inneren sowie im Äußeren deutlich an der Architektur der Kölner Kirche St. Aposteln.Niels Wilcken: Vom Drachen Graully zum Centre Pompidou-Metz, Metz, ein Kulturführer, Merzig 2011, S. 216. Über ein großes Hauptportal mit Wimperg und darüber positioniertem Rosenfenster gelangt man ins Innere. Die Seitenschiffe sind durch zwei kleinere Portale an der Hauptfassade zugänglich. Eine Statue über dem Rosenfenster stellt den Kirchenpatron, den heiligen Josef, dar.
Die Gestaltung der Freigeschosse des Fassadenturmes lässt eine umfangreiche architekturhistorische Kenntnis des Architekten erkennen. Becker gestaltete den Turm in ausgewogener Weise und konzipierte seine Entwürfe in Montigny und anderswo als historisch ‚gewordene‘ Bauwerke, die dem Betrachter trotz aller Perfektion in der Ausführung eine längere Bauzeit mit einem Wechsel von Bau- und Stilphasen suggerieren. Diese Erkenntnis setzte Becker bereits in dem unmittelbaren Vorgängerprojekt vor Montigny, in Mettlach beim Bau der neoromanischen Lutwinuskirche (1899–1901), konsequent um. Geschickt werden frühromanische und spätromanische Gestaltungselemente des Rheinischen Übergangsstils miteinander verknüpft. Zur Steigerung der Imposanz seiner Turmfassade in Montigny verwendet Becker beim Turmhelm keinen Rhombenhelm, wie es eine am historischen Original verhaftete Konzeption eigentlich geboten hätte, sondern krönt seinen Glockenturm mit einem bereits der gotischen Formsprache entstammenden hohen oktogonalen Schieferhelm. Die Konzeption der Turmkubatur mit ihren hohen Giebeln und dem spitzen Helm lehnt sich hierbei an diejenige der Türme der Lübecker Marienkirche an.
Wie bei Beckers Kirchenbau der St.-Lutwinus-Kirche in Mettlach, der neoromanischen Bonner Elisabetkirche (1906–1910) sowie der Koblenzer Herz-Jesu-Kirche zum Einsatz wechseln sich in Montigny steinsichtige Elemente und Putzflächen ab. Darüber hinaus werden auch grobbehauene Werksteine in die Fassade eingestreut, um jeden Eindruck einer überglatten, langweiligen Perfektion zu vermeiden. Die Einstreuung von rustikalen Werksteinen in die Fassade der Josephskirche in Montigny schafft organische Übergänge zwischen Putzflächen und Werksteinflächen. Becker bricht bewusst die kanonisch strenge neoromanische Konzeption rheinisch-romanischer Prägung leicht auf und findet so gedankliche Verbindungen zur malerisch-organischen Auffassung des Jugendstils.
Bei Beckers neoromanische Kirchen in Mettlach, Koblenz, Bonn und Montigny wurden architektonische Elemente der späten Stauferzeit, also der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, verwendet. Nach der deutschen Reichsgründung mit dem Sieg über das französische Kaiserreich im Jahre 1871 erlebte der Staufermythos einen großen Aufschwung. So wurde Kaiser Wilhelm I. gelegentlich Barbablanca („weißer Bart“) genannt, analog zum Beinamen Barbarossa („roter Bart“) des staufischen Kaisers Friedrich I. Wilhelm I. als Vollender der Politik Friedrichs I. Barbarossa – dieser Gedanke wurde im Jahr 1896 zum Beispiel beim neoromanischen Kyffhäuserdenkmal in Reinform inszeniert. Der Sage nach hat Barbarossa im Kyffhäuserberg geschlafen, um eines Tages zu erwachen und das Reich zu retten.
Unter der besonderen Einflussnahme von Kaiser Wilhelm II. entstanden nun im Deutschen Reich allenthalben Bauten nach den Stilvorbildern der rheinischen Romanik, die, neben ihrer sakralen oder auch profanen Funktion, vor allem einen Denkmalcharakter im Sinne der Betonung der Verbindung zwischen mittelalterlicher und aktueller Größe und Bedeutung des Reiches zum Ausdruck bringen sollten. In einer historisierenden Architektursprache versuchte Kaiser Wilhelm II., an die Glanzzeit der deutschen Kaiser des Mittelalters anzuknüpfen. Besonders seit dem Jahr 1889 beschäftigte sich der Kaiser intensiv mit den romanischen Kirchen des Rheinlandes in Gelnhausen, Limburg, Maria Laach, Andernach, Sinzig, Bonn, Schwarz-Rheindorf sowie den romanischen Kirchen Kölns. Eine eigens angelegte Sammlung von Bauaufnahmen und Architekturdetails wurden den namhaften Architekten des Deutschen Reiches vorgelegt, da der Kaiser den romanischen Baustil für besonders entwicklungsfähig hielt.Paul Seidel (Hrsg.): Der Kaiser und die Kunst, Berlin 1907, S. 78.