mini|Verbreitung bestätigter Fälle nach Bundesstaaten und Häufigkeit pro 100 Tsd. Einwohner
Die COVID-19-Pandemie in Brasilien ist ein regionales Teilgeschehen der weltweiten COVID-19-Pandemie. Das Ende 2019 neu aufgetretene Virus SARS-CoV-2 aus der Familie der Coronaviren verursacht die Infektionskrankheit COVID-19.
Ein erster COVID-19-Fall in Brasilien wurde am 25. Februar 2020 berichtet, ein erster Todesfall datiert vom 17. März 2020. Mit Stand 19. Mai 2020 hatte Brasilien rund 255.000 Infizierte und lag damit weltweit nach den USA und Russland auf Platz 3. Dabei gab es rund 17.000 Todesfälle. Einige Schätzungen im Mai 2020 gingen davon aus, dass aufgrund der geringen Zahl an Tests die tatsächliche Mortalität doppelt so hoch lag und die Zahl der Infizierten sogar 15 mal so hoch war wie die offiziellen Zahlen.Susann Kreutzmann: Brasilien taumelt in die Corona-Katastrophe. In: Der Standard, 19. Mai 2020. Abgerufen am 21. Mai 2020. Mit Stand 4. Juli 2020 zählte Brasilien mehr als 1,5 Millionen registrierte Infizierte und mehr als 63.000 Tote. Nur die Vereinigten Staaten hatten noch höhere Infiziertenzahlen.
Am 8. August 2020 wurden vom brasilianischen Gesundheitsministerium 100.000 Corona-Tote gemeldet. Brasilien war nach den USA das zweite Land, das diese Schwelle überschritt. Am 10. Oktober 2020 wurde die Marke von 150 000 Corona-Toten überschritten. Mitte Dezember 2020 hatte das Land mehr als sieben Millionen Infizierte, rund 185.000 Menschen waren in Verbindung mit dem Virus gestorben.Bolsonaro macht sich über Impfungen lustig. In: n-tv.de, 18. Dezember 2020. Abgerufen am 18. Dezember 2020. Anfang März 2021 überstieg die Zahl der Toten 250.000Tjerk Brühwiller: Spanferkel statt Corona: Bolsonaro interessiert Brasiliens dritte Welle nicht. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3. März 2021. Abgerufen am 3. März 2021., am 24. März 300.000.. In: Potsdamer Neueste Nachrichten, 25. März 2021. Abgerufen am 25. März 2021. Am 10. April 2021 überstieg die Zahl der Toten die Marke von 350.000.Mehr als 350.000 Corona-Tote in Brasilien. In: evangelisch.de, 11. April 2021. Abgerufen am 11. April 2021. Neben Erwachsenen starben in Brasilien zudem bis Mitte April 2021 1300 Babys an dem Virus.Manuel Escher, Klaus Taschwer: Brasilien zeigt, was es bedeutet, wenn Corona nahezu ungebremst wüten kann. In: Der Standard, 16. April 2021. Abgerufen am 17. April 2021. Ende April waren mehr als 400.000 Menschen an dem Virus verstorben.Mehr als 400.000 Corona-Tote in Brasilien . In: Salzburger Nachrichten, 30. April 2021. Abgerufen am 2. Mai 2021. Die Marke von 500.000 Coronavirus-Toten wurde am 19. Juni 2021 überschritten. Damit hatte Brasilien, wo ca. 2,7 % der Weltbevölkerung leben, rund 13 % der weltweiten Coronatoten zu verzeichnen, obwohl die Todeszahlen in Brasilien wahrscheinlich noch unterschätzt wird.Brazil Passes 500,000 Covid Deaths, a Tragedy With No Sign of Letup. In: The New York Times, 24. Juni 2021. Abgerufen am 24. Juni 2021. Gesundheitsexperten befürchteten noch eine deutliche Verschlimmerung der Lage spätestens im kommenden Winter, da zu diesem Zeitpunkt erst 15 Prozent der Bevölkerung voll geimpft waren.
Im November 2020 wurde erstmals Lineage P.1 gefunden. Diese COVID-Mutation ähnelt der britischen Mutation B.1.1.7, die deutlich ansteckender und 60 % tödlicher als das ursprüngliche COVID-Virus ist. P.1 verbreitete sich rasant in Manaus und machte die Stadt (sie hat 2,2 Millionen Einwohner) und die Region bald zu einem COVID-Hotspot. Teilweise sind Patienten gleichzeitig mit den beiden Varianten P.1 als auch B.1.1.7. infiziert. Nicht zuletzt deshalb besteht die Gefahr, dass sich durch Kreuzung verschiedener Varianten weitere, potentiell noch gefährlichere Mutationen entstehen könnten, die unter Umständen auch resistent gegenüber den gegenwärtig vorhandenen SARS-CoV-2-Impfstoffen sein könnten.Coronavirus: Forscher in Manaus warnt vor «resistentem Supervirus». In: Nau.ch, 16. März 2021. Abgerufen am 21. März 2021. Nachdem die Pandemie außer Kontrolle geraten und die Versorgung der Krankenhäuser mit Medikamenten zusammengebrochen war, baten Mitte April 2021 verschiedene Gouverneure die Vereinten Nationen um humanitäre Hilfe, um dringend benötigte Schmerzmittel, Beruhigungsmittel und Sauerstoff sowie Impfstoffe zu besorgen.Brasilien: Gouverneure bitten UN in Corona-Krise um Hilfe. In: Blick.ch, 17. April 2021. Abgerufen am 12. März 2024.
Als wichtiger Faktor für den Verlauf der Pandemie im Land gilt Präsident Jair Bolsonaro. Bolsonaro steht wegen seines Umgangs mit der Pandemie in der Kritik, weil er sie immer wieder verharmlost, ihre Gefahren leugnet, Falschinformationen verbreitet und keine Maßnahmen zu ihrer Bekämpfung initiiert. Unter anderem stellte er die COVID-Impfungen in Frage und erklärte, sich nicht impfen zu lassen. Auch mit Stand März 2021 leugnet Bolsonaro weiterhin die Gefährlichkeit des VirusSchutzmasken saugen die Tränen auf. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22. März 2021. Abgerufen am 23. März 2021., untergräbt die von Gouverneuren der Bundesstaaten angeordnete Schutzmaßnahmen gegen die Pandemie, ruft zum Boykott der Lockdowns auf und sabotiert die Impfkampagne gegen das Virus.Brasilien steuert auf „Mega-Epidemie“ zu. Bolsonaro sabotiert den Kampf gegen Corona. In: Der Tagesspiegel, 10. März 2021. Abgerufen am 21. März 2021.
Im Oktober 2021 antwortete Bolsonaro auf die Frage eines Journalisten nach der Zahl der Toten in Brasilien, er sei nicht hergekommen, um sich zu langweilen. Zu diesem Zeitpunkt waren in Brasilien mehr als 600.000 Menschen an COVID-19 gestorben, die zweithöchste Zahl weltweit. Zugleich betonte er mehrfach, dass er nicht gegen COVID-19 geimpft sei. Bereits zuvor hatte er immer wieder den Sinn von Impfungen bezweifelt.Bolsonaro »gelangweilt« über Fragen zu Coronatoten. In: Spiegel Online, 12. Oktober 2021. Abgerufen am 12. Oktober 2021. Noch im selben Monat veröffentlichte ein Ausschuss des Bundessenats einen 1200 Seiten umfassenden Bericht, dessen Ausarbeitung sechs Monate in Anspruch nahm. Darin empfiehlt der Ausschuss der Abgeordnetenkammer, gegen Bolsonaro sowie etwa 60 weitere Menschen (darunter fünf Minister oder Ex-Minister sowie drei Söhne Bolsonaros) wegen Verfehlungen des Präsidenten und seiner Regierung im Corona-Krisenmanagement ein gerichtliches Verfahren zu eröffnen. Als einer von 10 vorgeschlagenen Anklagepunkten ist in dem Bericht auch Verbrechen gegen die Menschlichkeit genannt worden.
Verlauf und Maßnahmen Januar 2020 Als vorbeugende Maßnahme hatte der damalige Gesundheitsminister Luiz Henrique Mandetta am 31. Januar 2020 eine Interministerielle Arbeitsgruppe für Notfälle im Bereich der öffentlichen Gesundheit von nationaler und internationaler Bedeutung reaktiviert, die bereits früher bei anderen Epidemien zusammengetreten war.
Februar 2020 Am 3. Februar 2020 erließ Gesundheitsminister Mandetta die Verordnung Nr. 188 (veröffentlicht im Amtsblatt vom 4. Februar 2020), die die Gesundheitliche Notlage internationaler Tragweite (portugiesisch: ESPIN, Emergência em Saúde Pública de importância Nacional) anerkennt und geeignete Maßnahmen ermöglicht, so auch ein operatives Notfallzentrum (Centro de Operações de Emergências em Saúde Pública (COE-nCoV)) auf Ministeriumsebene.
Am 10. Februar 2020 stellte Präsident Jair Bolsonaro dem brasilianischen Verteidigungsministerium 11.287.803 R$, etwas über 2 Millionen Euro zur COVID-Bekämpfung bereit. Dies war vermutlich die politische Maßnahme gegen COVID.
Ende Februar war ein 61-jähriger brasilianischer Geschäftsmann aus São Paulo, der von einem Italien-Aufenthalt zurückgekehrt war, der erste bestätigte Fall einer Coronavirus-Infektion in Südamerika. Bis zum 28. Februar zählten die Gesundheitsbehörden in Brasilien etwa 300 Verdachtsfälle. Der damalige brasilianische Gesundheitsminister Luiz Henrique Mandetta erklärte, man bereite sich auf eine Epidemie vor, sei jedoch auf Grund der Erfahrungen mit früheren schweren Epidemien von Atemwegserkrankungen darauf vorbereitet, auch wenn man noch nicht viel speziell über dieses neue Virus wisse.300 Sars-CoV-2-Verdachtsfälle in Brasilien, Artikel vom 28. Februar 2020 im Tagesspiegel, abgerufen am 21. März 2020. Mandetta wurde am 16. April 2020 entlassen.
März 2020 Während Brasiliens Präsident Bolsonaro die Pandemie lange als Erfindung der Medien abgetan und spöttisch kommentiert hatte, wurde am 13. März bekannt, dass er sich bei einem Staatsbesuch bei dem US-amerikanischen Präsidenten Trump über seinen Kommunikationssekretär Fábio Wajngarten selbst angesteckt haben könnte. Daraufhin trat Bolsonaro bei einer Rede im Fernsehen mit Schutzmaske auf und mahnte zunächst Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung vor dem Coronavirus an.Coronavirus: Ex-Nato-Generalsekretär infiziert - EU-Vize Timmermans in Quarantäne, Artikel vom 17. März 2020 des Münchner Merkurs, abgerufen am 21. März 2020.Bolsonaros Coronavirus-Debakel, Artikel vom 13. März 2020 der Tageszeitung Die Welt, abgerufen am 21. März 2020.
Später verharmloste er das Virus jedoch wieder und nannte es eine „Phantasie“ und eine medial geschürte „Hysterie“. Strenge Eindämmungsmaßnahmen gegen das Virus lehnt er mit Stand Ende März 2020 ab; stattdessen startete er eine Kampagne „Brasilien darf nicht stillstehen“, bei der er der Bevölkerung gegen den Rat der Gesundheitsbehörden empfahl, gegen die Ausgangsbeschränkungen zu verstoßen. Daraufhin urteilte ein Gericht, dass er die Kampagne einstellen müsse. Zudem zwang das Gericht die Regierung, binnen 24 Stunden offiziell zu erklären, dass die Kampagne keinen wissenschaftlichen Kriterien genüge, und untersagte ihr, wissenschaftlich nicht fundierte Informationen zu verbreiten oder für agitative Zwecke einzusetzen. Twitter löschte zwei Tweets, in denen Bolsonaro den Sinn von Isolationsmaßnahmen bezweifelt hatte, da sie den Aussagen der Gesundheitsbehörden widersprochen hätten und die Verbreitung des Virus fördern könnten, ebenso reagierte Facebook mit der Löschung eines Videos. Ein weiteres Gericht erklärte ein von Bolsonaro erlassenes Dekret für unwirksam, das Kirchen trotz Ausgangsbeschränkungen die Öffnung erlaubte.Verharmlosende Corona-Botschaften. Twitter löscht zwei Nachrichten des brasilianischen Präsidenten. In: Spiegel Online, 30. März 2020. Abgerufen am 30. März 2020. Zum 31. März hingegen erklärte der Präsident in seiner vierten Fernsehansprache zum Volk: „Das Virus ist eine Realität. Wir stehen vor einer der größten Herausforderungen unserer Generation“. Einen Tag darauf griff er jedoch wieder seinen Gesundheitsminister an, der für strenge Isolationsmaßnahmen eintritt, und verkündete im Radio, dass er die Wiederherstellung der Normalität auch per Dekret anordnen könne.Kein Staatsstreich gegen Bolsonaro. In: taz, 5. April 2020. Abgerufen am 5. April 2020.
Am 15. März sah Gesundheitsminister Mandetta einen breiten Ausbruch der COVID-19-Pandemie auch in Brasilien unmittelbar bevorstehen. Am 17. März waren den brasilianischen Behörden bereits 120 Fälle und etwa 1.400 Verdachtsfälle in 13 Bundesstaaten Brasiliens bekannt.Bolsonaro ignora coronavírus e volta a estimular protestos contra o Congresso e o STF (übersetzt Bolsonaro ignoriert Crononavirus und ruft erneut zu Protesten gegen den Kongress und das Oberste Verfassungsgericht auf), Artikel vom 15. März 2020 des Nachrichtenportals Brasil 247, abgerufen am 21. März 2020 (portugiesisch).
Die Agência Nacional de Vigilância Sanitária, die brasilianische Nationale Behörde für Gesundheitsüberwachung, genehmigte am 19. März 2020 acht Schnelltestverfahren, deren Auswertung 15 Minuten bis sieben Tage dauern soll. Bereits am 6. März hatten Wissenschaftler mitgeteilt, dass ihnen die Kultivierung des Virus im Labor gelungen sei.