mini|New York City, Siegel mit zwei Bibern Rund um den Broadway, flankiert von der 6th und 8th Avenue, von der 26. bis zur 30. Straße in New York City befindet sich der sogenannte Fur District von New York, ein Zentrum der Pelzherstellung, des Pelzgroßhandels und Pelzeinzelhandels. Im Jahr 1950 war noch eine größere Ausdehnung beschrieben worden, zwischen der 24. und 31. Straße und der Eighth Avenue. Mit der wesentlichen Abnahme der Pelzbetriebe ist diese Bezeichnung des Viertels inzwischen nur noch wenig gebräuchlich.Emily Nonko: Well-heeled New Yorkers are flocking to the ‘Fur District’. New York Post, 14. März 2018 (englisch). Zuletzt abgerufen am 19. März 2020.
Allgemein Die Nutzung der amerikanischen Pelztierbestände für den europäischen Markt begann im 16. Jahrhundert, anfangs vor allem von Biberfellen, deren Haare für die Herstellung feiner Herrenhüte, den Kastorhüten, gebraucht wurden. Die Geschichte der Stadt New York ist eng mit dem nationalen Pelzaufkommen und dem internationalen Rauchwarenhandel, dem Handel mit Pelzfellen, verbunden. Zwei Biber im Wappen der Stadt weisen noch heute darauf hin. Der Unternehmer und Pelzhändler Johann Jakob Astor (* 1763; † 1848 in New York City) wurde, beginnend mit einem Pelzhandel, der reichste Mann seiner Zeit und der erste Multimillionär Amerikas. Auch waren die USA seit den 1920er Jahren bis in die 1950er Jahre der führende Pelzverbraucher, noch vor Gesamteuropa.Reuben Papert: Das Zeitalter der Verschiedenheiten. New York, ca. 1971. Schreibmaschinen-Übersetzung Kasper, Blatt 2, Sammlung G. & C. Franke.
mini|Mann mit Fuchsfell, Relief neben einem Hauseingang (2009) Der Pelzgroßhandel konzentrierte sich in vielen Ländern auf bestimmte Stadtviertel. Das brachte viele Vorteile für die teils von weither anreisende Kundschaft und die auch untereinander handelnden Rauchwarenhändler. In Deutschland war das vor allem das Pelzhandelszentrum Leipziger Brühl und später die Niddastraße in Frankfurt am Main, in London Garlick Hill, die Gegend um das Pelzauktionshaus Beaver House, und in kleinerem Umfang beispielsweise in Prag die Straße Michalská. In Griechenland galt zeitweilig der ganze Ort Kastoria als Kürschnerstadt und Pelzzentrum, auch heute noch beschäftigt die Pelzbranche dort einen erheblichen Teil der Bevölkerung. Immer siedelten sich im Umkreis der Pelzgroßhandelsviertel auch Kürschnereien und andere Pelzeinzelhandelsgeschäfte an. Allein im Gebäude des New Yorker Fur Fashion Centers führten „27 erstrangige Pelzateliers“ um 1949 ihre Modelle vor.
Das ehemals weltbedeutende New Yorker Pelzviertel und Zentrum der amerikanischen Pelzindustrie befindet sich, laut der Lagebeschreibung aus einer Geschichte der New Yorker Pelzarbeiter-Organisationen aus dem Jahr 1950, in vier Häuserblöcken, zwischen der 24. und der 31. Straße. Durchquerte man noch Mitte des 20. Jahrhunderts nachmittags diese Gegend, so sah man hier tausende, sich drängende Pelzarbeiter. 1950 hieß es dazu: „Das sind die Männer und Frauen, die die gepflegte, elegante Winterkleidung herstellen, die in den Schaufenstern modischer Avenues jeder Stadt gezeigt wird. Und das sind die Männer und Frauen, deren inspirierende Kämpfe und großartige Errungenschaften auf der ganzen Welt bekannt sind“. Es ist Teil des sich nach Norden Manhattans erstreckenden Garment Districts, der eine ähnliche Funktion für die Textilindustrie ausübt.
An einst wohlhabende Pelzhändler erinnern noch einige Ausschmückungen an deren ehemaligen Geschäftshäusern. In der 29. Straße erledigen zwei groteske, in Stein gehauene Kürschner ihre Arbeit, in einem scheint ein Eichhörnchen in den Finger des Kürschners zu beißen, in dem anderen streichelt er ein Fuchsfell oder einen vielleicht bereits zu einem Pelzkollier verarbeiteten Fuchs. Es gibt weitere solche pelzbezüglichen Reliefs in der Nachbarschaft, unter anderem bewacht ein Paar „hübscher Füchse“ eine elegante Tür.Jeremiah Moss: Fur District. 9. April 2013. Zuletzt abgerufen am 19. März 2020.
Ein Situationsbericht des Jahres 1971 eines amerikanischen Wirtschaftsmagazins über die sich rapide verschlechternde Lage der dortigen Pelzwirtschaft stellte fest: „Die Entwicklung nach unten begann, als Detroit die Kraftfahrzeuge mit Heizsystemen ausstattete, und sie setzte sich fort, als die Leute in die Vorstädte verzogen und eine lässigere Lebensart annahmen.“ Ab 1967 ging der Umsatz „unablässig zurück“. In der Rezessionszeit Anfang der 1970er Jahre hatte die Branche ihre schlimmste Zeit seit zwanzig Jahren, und Züchter und Verarbeiter verließen die Branche „in rekordartigem Ausmaß“.The Furriers Wear a Hunted Look. In: Business Week, November 1971. Sekundärquelle: Pelzbranche in Nöten. In: Pelz International, März 1972, S. 110. Begleitet und verstärkt wurde dies durch Boykottaufrufe und Demonstrationen von Pelzgegnern, eine Entwicklung, die auch außerhalb Amerikas bis in die Gegenwart anhält.
Geschichte mini|Revillon Building, 13-15 West 28th St. (1897). Firma Revillon Frères, Paris, „Kürschner, Importeure, Exporteure“ mini|Eingang SJM-Building, Geschäftshaus des Rauchwarenhändlers Salomon J. Manne Bis etwa 1830 befand sich der Pelzhandel in der Water Street. Um 1735 zogen verschiedene Firmen hinüber zum Broadway. Als Begründung hieß es, den heutigen Ansichten über eine sachgerechte Pelzaufbewahrung absolut nicht entsprechend: Feuchte Keller wurden als eine wünschenswerte Sache für den Umgang mit Pelzen angesehen.Zitat: „Damp cellars were regarded as a desirable thing to have in the handling of furs“. Dort blieben die Firmensitze über 30 Jahre. Danach kennzeichnete eine Aufwärtsentwicklung die Branche. Alle Einzelhändler zogen hinauf in die Stadt, und mit ihnen der Großhandel.Headquarters of the Trade. In: The Furrier Nr. 11, New York, 18. Juni 1895, S. 14. Primärquelle: New York Shipping and Commercial Ltd. Abgerufen am 29. März 2020 (englisch).
Nicht nur als Umschlagplatz der in Nordamerika anfallenden Pelzfelle bildete New York bereits im 19. Jahrhundert ein wichtiges Pelzhandelszentrum. Die Leipziger Rauchwarenfirma G. Gaudig & Blum errichtete beispielsweise im Jahr 1880, noch vor London, hier eine Niederlassung.Ohne Autorenangabe: 100 Jahre Gaudig & Blum, Leipzig. In: Der Rauchwarenmarkt, Leipzig, 4. August 1931 S. 5, 7.
mini|hochkant|Wappen der ehemaligen deutschsprachigen „Kürschnerzeitung New York“ (um 1900?) Die Elektrifizierung Manhattans machte es gegen Ende des 19. Jahrhunderts möglich, Pelz und Textilien schonend klimatisiert aufzubewahren. 1901 richtete die New York Cold Storage Company im Erdgeschoss des zehnstöckigen De Corcy Building, 570 bis 576 Broadway, „mitten im Fur Center“, ein Kühlhaus für Pelze ein. Sie übernahmen dafür ein englisches Trockenluft-System, das sie an amerikanische Maschinen anpassten und weiter verbesserten. Zwei weitere Niederlassungen des Unternehmens bestanden bereits in der Stadt.A New Cold Storage Company. In: Cloaks and Furs Nr. 9. April 1901, S. 30 (englisch). Abgerufen am 29. März 2020.
Der Haupthandelsplatz für nordamerikanische Pelzfelle war traditionell London, wo die amerikanischen Felle auch den Hauptartikel unter den dort gehandelten Rauchwaren bildeten. Seit dem Ersten Weltkrieg, als die Handelswege nach London weitgehend abgeschnitten waren, fanden in New York City die ersten Rauchwarenversteigerungen statt. Die Wahl war auf New York gefallen, weil zum einen, beispielsweise 1913, hier die jährliche Produktion beachtliche 41 Millionen Dollar betrug, zum anderen bot es aufgrund seiner geografischen Lage die günstigste Anbindung für die europäischen Käufer gegenüber allen anderen amerikanischen Pelzhandelszentren. Auch hatten bereits, neben vielen weiteren, über zwanzig europäische Pelzhändler hier eine Niederlassung.The New York Fur Sales. In: Fur Trade Review, November 1914, S. 52 (englisch). Im Februar 1959 wurde innerhalb von drei Wochen etwa eine Million Nerzfelle versteigert. Felle der neuen Nerzmutationsfarbe Emba „Violet“ erzielten einen Spitzenpreis von 155 Dollar.Eine Million Nerzfelle. In: Das Pelzgewerbe Nr. 1, 1959, Hermelin-Verlag Dr. Paul Schöps, Berlin u. a., S. 41.
Ein New Yorker Stadtführer-Journal des Jahres 1939 schilderte die damalige Situation im Pelzviertel: „Lastwagen parken ein, laden ein und aus, eilige Botenjungen tragen auf Kleiderbügeln hängende Pelze, Verkäufer, Käufer und Gewerkschaft gehen ihrem Geschäft nach.
Der Händler erhält die Pelzfelle direkt von den Trappern oder von den vierteljährlich stattfindenden Auktionen, und er verkauft sie weiter an die Verarbeiter von Mänteln, Schals, Verbrämungen und Accessoires. Im Unterschied zur hochindustrialisierten Bekleidungsindustrie besteht die Pelzherstellung zu einem großen Teil aus Handarbeit. Die in New York City im Jahr 1936 gehandelten Pelze und Pelzprodukte hatten einen Wert von etwa $ 195.000.000, die Einzelhandelspreise reichten von einem Dollar für ein ungefärbtes Kanin-„Kollier“ bis einige tausend für einen Zobelmantel. Von den etwa neunzig gehandelten Pelzarten ist Bisam am häufigsten, Kanin steht in der wirtschaftlichen Bedeutung an nächster Stelle.
Im Distrikt sind etwa 2000 Betriebe, die 15.000 Arbeiter beschäftigen. Es ist ein Saisongeschäft: Zwischen Juni und Juli arbeiten die Werkstätten auf Hochtouren, um für die Nachfrage im Winter bereit zu sein, und im November gibt es einen kurzen Spurt um die Nachfrage zum Weihnachtsgeschäft zu befriedigen. Insgesamt ist der Pelzarbeiter zwanzig Wochen des Jahres beschäftigt. 80 Prozent der Arbeiter sind Mitglied der mächtigen International Fur Workers Union (CIO).“New York City: Vol 1, New York City Guide, 1939 (englisch). Abgerufen am 17. März 2020.
Während in Mitteleuropa die Herstellung eines Pelzes in der Regel von nur einem bis drei Spezialkräften erfolgt (Kürschner und Pelznäher, eventuell getrennt in Maschinennäher und Handnäher), ist dies zumindest in den größeren Firmen des Pelz Districts in der Regel deutlich mehr industrialisiert und spezialisiert. Bereits um 1900 waren das der Designer (Musterschneider und Anprobierer), der Vormann (oberster Arbeiter), die Cutter (Fellzuschneider), die Blocker (Zwecker), die Finisher (welche die Pelze bis zum Füttern fertig machten), dann Pelzmaschinennäher, Handnäherinnen und Liners, die das Seidenfutter einnähten.Paul Larisch, Josef Schmid: Das Kürschner-Handwerk. I. Teil, Nr. 3-4, Kapitel Nord-Amerika. Verlag Larisch und Schmid, Paris 1902, S. 85.
Im US-amerikanischen Telefonbuch der Pelzbranche des Jahres 1963Ready Reference Fur Industry - Telephone Directory. Ready Reference Publishing Co., Inc. New York, 1963. wurden noch differenzierter folgende Berufe aufgeführt: Furrier (Kürschner), Fur Cleaner (Pelz-Reiniger), Fur Comber (Pelz-Kämmer), Fur Cutter (Pelz-Schneider), Fur Dresser (Pelz-Veredler), Fur Drummer (Pelz-Läuterer), Fur Feeder (Pelz-Fütterer), Fur Finisher (Pelz-Ausfertiger), Fur Glazer (Haarbügler), Fur Glosser, Fur Machine Operator (Pelzmaschinen-Näher), Fur Matcher (Pelz-Sortierer) und Fur Nailer (Pelz-Zwecker). Neben den Fertigungsbetrieben sind Zulieferer, Zutatenhandlungen, Vertretungen der Pelzveredler und weitere der Branche zuarbeitende Betriebe im Viertel ansässig. In den Großwerkstätten kamen Mitte der 1940er Jahre auf 10 Fellzuschneider (cutters) 12 Maschinennäher (Operators), 3 Zwecker (Nailers) und 7 Ausfertiger (Finisher). Mittlere Betriebe stellten durch die effektive Arbeitsteilung wöchentlich etwa 500 Pelzmäntel her.
Der New Yorker Kürschner und Pelzkonfektionär Ahbe Jay Treu teilte die amerikanischen Pelzproduzenten und Pelzeinzelhändler auf in: „Manufacturers“ (Hersteller). Diese Unternehmen lieferten an alle Vertriebsfirmen und stellten der Hauptteil der fertigen Pelze her, zumeist in Massenproduktion entstandene, kommerzielle Ware.