mini|400px|Ausschnitt der Darstellung des Festzuges im sogenannten Kleinen Zyklus, hier als altkolorierte Kreidelithographie vom Verlag R. Braun in Stuttgart: verschiedene Abordnungen von Schützengesellschaften und Jungfrauen sowie Vertreter württembergischer Ämter. Der Festzug der Württemberger wurde am 28. September 1841 anlässlich des 25-jährigen Thronjubiläums des württembergischen Königs Wilhelm I. in Stuttgart veranstaltet. Mit rund 10.000 Teilnehmern und 200.000 Zuschauern war er der Höhepunkt der Jubiläumsfeierlichkeiten. Neben der Huldigung des Monarchen verdeutlichte der Festzug auch die Zusammengehörigkeit des zu Beginn des 19. Jahrhunderts aus verschiedenen Herrschaften gebildeten Königreichs Württemberg.
Geschichte mini|Das Königreich Württemberg zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit den territorialen Zuwächsen ab 1803
Im Jahr 1803 war das Herzogtum Württemberg zu einem Kurfürstentum erhoben worden. 1806 stieg es unter Napoleon Bonaparte zum Königreich auf. Zum ursprünglichen Territorium Altwürttemberg kamen so Oberschwaben, das westliche Allgäu, die Grafschaft Waldburg, Esslingen, Reutlingen und weitere Reichsstädte sowie klösterliche und adelige Herrschaften dazu. Zu den neuen Territorien gehörten auch katholische Gebiete, die nun einen protestantischen Landesherrn bekamen – eine Herausforderung für die Integration. Der Herrschaftswechsel war einschneidend; Fürsten und Grafen mussten sich ihrem neuen König, Friedrich I., unterwerfen, die Bevölkerung teilweise an eine neue Nationalität gewöhnen. Die Bürger der vormals freien Reichsstädte waren auch betroffen; deren Räte wurden in ihren Entscheidungsbefugnissen eingeschränkt.
Im Herbst 1816 übernahm Wilhelm I. die Regierung. Hatte sein Vater in seinem Königreich noch absolutistisch geherrscht, führte der Sohn konstitutionelle Elemente in die Landesherrschaft ein. 1819 wurde eine Verfassung erlassen, in der Gottesgnadentum mit Rechten des Volkes verbunden wurde. Kommunale Selbstverwaltung, Trennung von Verwaltung und Justiz sowie eine Reduktion von Bürokratie führten zu einem Aufschwung von Wirtschaft und öffentlichem Leben. Die unter Friedrich I. entstandene hohe Staatsverschuldung wurde abgebaut, die Landwirtschaft gefördert und neue Sozialfürsorgeeinrichtungen geschaffen. Während der Revolution von 1848/49 erkannte Wilhelm die Grundrechte und eine neue Reichsverfassung an. Der König führte sein Land vorausschauend, er war gebildet und gab sich bescheiden. In der Bevölkerung wurde er geachtet.Ute Schäfer, , 10. September 2016, swp.de Indem die Untertanen ihrem König zum Regierungsjubiläum huldigten, feierten sie auch Württemberg als ihr Vaterland.
Jubiläum mini|4-Dukaten-Stück von 1841, Prägung anlässlich des 25-jährigen Regierungsjubiläum Wilhelms I. Friedrich I. war am 30. Oktober 1816 gestorben, der Festzug am 28. September 1841 huldigte König Wilhelm anlässlich seiner annähernd 25-jährigen Regierungszeit seit der Thronbesteigung; am gleichen Tag wurde der 60. Geburtstag des am 27. September 1781 geborenen Königs um einen Tag nachgefeiert.
Das Jubiläum wurde von vielen Maßnahmen und Aktivitäten begleitet. Politische Gefangene wurden amnestiert und wohltätige Stiftungen gegründet. Es wurden Gedenksteine gesetzt, Bäume gepflanzt und Gedenkmünzen geprägt. Es gab Feuerwerke und im ganzen Land wurden Freudenfeuer abgebrannt. Zahlreiche Gedenkschriften huldigten dem König. Der Festzug in Stuttgart war der Höhepunkt der Feierlichkeiten.
Festzüge zu königlichen Geburtstagen oder Regierungsjubiläen hatte es schon früher gegeben. Der Jubiläumszug von 1841 sollte sie übertreffen.Leo von Stieglitz, Suche nach Identitäten: Der Festzug der Württemberger. In: Günther H. Oettinger, Das Königreich Württemberg 1806–1918: Monarchie und Moderne, Württembergisches Landesmuseum (Hrsg.), Süddeutsche Verlagsgesellschaft, 2006, S. 420. Mit ihm sollte die Vielfältigkeit des Königreichs, der Aufschwung der Wirtschaft und die Einheit der Bevölkerung verdeutlicht werden. Der Huldigungsumzug war eine Zurschaustellung bürgerlicher Traditionen und Stolzes, ein Spiegelbild der württembergischen Gesellschaft zur Mitte des 19. Jahrhunderts mit allen Gesellschafts- und Berufsgruppen. Im Unterschied zu anderen Herrscherhuldigungen enthielt der Umzug keine Elemente einer Militärparade (Ausnahme: Veteranen aus den napoleonischen Kriegen) oder mittelalterlich-historisierende Darstellungen. Die Organisatoren inszenierten das Bild einer genügsamen Biedermeier-Gemütlichkeit.
Organisation des Festzuges Erste Anstöße zu Jubiläumsfeierlichkeiten kamen vom 1830 gegründeten Landesgewerbeverein für Württemberg, dem sich Vertreter der Landwirtschaft anschlossen. Am 9. November 1840 wurde auf einer Versammlung landwirtschaftlicher Vereine in Hohenheim die Bildung eines Festkomitees zur Festlegung und Koordination verschiedener Jubiläumsaktivitäten beschlossen. Diesem Aktionskomitee gehörten Mitglieder der Landtagskammern und des Fürstenhauses sowie weitere Adlige an. Den Vorsitz des Komitees übernahm der Staatsrat Karl von Gärttner.
Die Festlegung des Jubiläumfestzuges auf den 28. September entsprach den Wünschen des Königs, der Regierung und der Stände.Karl Johannes Grauer, Wilhelm I., König von Württemberg: ein Bild seines Lebens und seiner Zeit, Schwabenverlag, 1960, S. 258f. (Snippet) Den Festzug organisierten vorwiegend die Bürger und städtischen Kollegien Stuttgarts. Es wurde entschieden, einen privaten Ordnungsdienst aufzustellen, der den reibungslosen Ablauf des Festzugs sicherstellen sollte und von 360 Bürgern versehen wurde. Polizei und Militär wurden nicht eingebunden. Der Hofbaumeister Johann Michael Knapp sowie die Künstler Manfred und Carl Alexander Heideloff waren für die äußere Gestaltung des Festzugs verantwortlich.
Gestaltung des Zuges mini|Ansicht eines von Vertretern der Karchner-Zunft von Reutlingen begleiteten Festwagens sowie von Abordnungen aus Besigheim, Marbach, Schorndorf, Waiblingen und Welzheim. mini|Wagen mit dem Gemeinde-Verwaltungs-Edikt von 1818, der die kommunale Selbstverwaltung in Württemberg wiederherstellte. Das vom Stuttgarter Stadtrat präsentierte Edikt wurde von Männern in römischen Togen mit Liktorenbündeln und einer Bürgerwehrabteilung begleitet. Am Jubiläumsfestzug beteiligten sich 10.390 Personen. Es wurden 23 Festwagen und 716 Tiere mitgeführt. Der Zug bestand aus zwölf Abteilungen, die die Wirtschaft des Landes vorstellten. Die Reihenfolge der in regionalen Trachten gekleideten Teilnehmer entsprach der sektoralen Verteilung der württembergischen Volkswirtschaft um 1841. An erster Stelle präsentierten sich die verschiedenen Zweige der Landwirtschaft. Es folgten Gewerbe, Industrie und der Handel.Gert Kollmer-von Oheimb-Loup, Industrie, Gewerbe und Handel im Festzug der Württember – ein reales Abbild ? in: Markus Dewald (Hrsg.): Der Festzug der Württemberger von 1841. ISBN 978-3-7995-0160-6, Thorbecke, Ostfildern 2005, S. 61. Ebenso waren Vertreter aller 64 Oberämter beteiligt.Die Göppinger Stände ehren den König, GP-Geschichten, S. 118. Goeppingen.de (Hohenstaufenstadt Göppingen)
Geführt wurde der Zug von der Stuttgarter Bürgergarde zu Pferde, die sich von Herolden und Wappenkönigen in Schwarzgold und Schwarzrot sowie Trompetern begleiten ließen. Auf den 23 Festwagen, die vier-, sechs- oder achtköpfigen Pferdegespanne zogen, wurden vorwiegend Arbeitswelten dargestellt, wie die Käsezubereitung, das Spinnen oder die Tätigkeiten in einem Weinberg. Die Landwirtschaftliche Anstalt Hohenheim ließ zur Demonstration der Entwicklung moderner Landmaschinen in der anstaltseigenen Ackergerätefabrik Lehrer und Schüler auf einem Festwagen einen in Goldfarbe lackierten Pflug präsentieren.Es handelte sich um eine Exemplar des sogenannten „Goldenen Pfluges“, des ersten wissenschaftlich getesteten und komplett in Manufaktur produzierten landwirtschaftlichen Geräts – ein Vorzeigeprodukt und Verkaufsschlager der Hohenheimer Ackergeräthefabrik, gem. Sonderausstellung: Dt. Landwirtschaftsmuseum auf dem historischen Volksfest, Universität Hohenheim; Co-Jubiläum: Wasen und Hohenheim, 27. Juli 2018, Universität HohenheimAndrea Hartl, Oktoberfest und Cannstatter Volksfest: vom Nationalfest zum Massenvergnügen, Dissertation an der Universität Augsburg, Herbert Utz Verlag, München 2010, ISBN 978-3-8316-0934-5, S. 123. Der Wagen aus Esslingen war der Tuchfabrik der Gebrüder Hardtmann aus Maile gewidmet und zeigte wertvolle Textilien aus deren Produktion. Die Stadt Waiblingen präsentierte auf dem nach Stuttgart geschickten Wagen die Erzeugnisse der damals bedeutendsten Manufaktur der Stadt, der Tonröhrenfabrik der Gebrüder Ernst und Jakob Bihl.Von Römern, Röhren und Regierungsjubiläen…, Heimatverein Waiblingen e. V. – Gesellschaft für Stadt- und Kunstgeschichte Stuttgarter Metzger führten unter der Devise Wer König Wilhelm je veracht‚‘ der werd‘ wie dieser Ochs geschlacht‘ einen Ochsen im Zug mit.Christian Gottlob Barth: Geschichte von Wuerttemberg, Calwer Verlagsverein (Hrsg.), Calw 1876, S. 267.; Merian, Band 25, Hoffmann und Campe, 1972 (Snippet)
Ebenso wurde auf einem Wagen ein Exemplar des Verwaltungsedits von 1818 gezeigt (siehe Darstellung im Bild rechts). Das Original der Verfassungsurkunde von 1819 wurde auf einem Samtkissen von Stadträten aus Stuttgart, Ludwigsburg und Tübingen getragen. Weitere Beteiligte des Zugs waren einzelne oder in Formation eingegliederte Berittene (insgesamt nahmen 640 Reiter teil), Gruppen von Jungfrauen, Zöglinge von Schulen, Kriegsveteranen, rund 30 Kapellen und etwa 2000 Mitglieder von 70 Gesangsvereinen. Die Teilnehmer waren mit Hunderten von Fahnen, Standarten und Emblemen ausgerüstet.
Ablauf Die Teilnehmer des Festzugs formierten sich in Stuttgart am 28. September zwischen acht und neun Uhr morgens. Sie kamen von verschiedenen Sammelplätzen zum Ausgangspunkt des Zugs am Charlottenplatz oder reihten sich an vorgesehener Position an der Esslinger, der Hauptstätter und der Tübinger Straße ein. Begleitet von Kanonenschüssen und Glockengeläut setzte sich der Zug um 10:30 Uhr in Bewegung und erreichte über die Königstraße das Neue Schloss am Schlossplatz gegen zwölf Uhr.
Auf einem Pferd sitzend, nahm König Wilhelm die Huldigung der Festzugsteilnehmer beim Vorbeizug vor dem Neuen Schloss entgegen; das Defilee dauerte zwei Stunden. Der König trug zivil, ein Zeichen für den bürgerlichen Charakter des Zuges. Die Königsfamilie, darunter der 18-jährige Kronprinz Karl, verfolgte das Geschehen vom Schlossbalkon aus. Im Anschluss hielt der Stadtschultheiß eine Rede und die 2000 Mitglieder der Gesangsvereine sangen auf dem Schlossplatz das für diesen Anlass gedichtete und komponierte Festlied Welchen König darf man loben? sowie als Wechselgesang das deutsche Te Deum Herr Gott, dich loben wir und den Choral Nun danket alle Gott.
Bedeutung und Nachwirken mini|Jubiläumssäule auf dem Schlossplatz in Stuttgart, vor 1863, noch ohne die Concordia-Statue, die erst 1863 ergänzt wurde Der Festzug war ein einmaliges Ereignis in Württemberg und ging in die Geschichte des Landes ein.Historie/Zeittafel, Landwirtschaftliches Hauptfest, in.Stuttgart Veranstaltungsgesellschaft (verantw.) Die etwa 200.000 Besucher, die den Festzug und den König feierten, entsprachen der fünffachen Einwohnerzahl Stuttgarts; somit war jeder neunte Württemberger bei der Veranstaltung anwesend.1834 (sechs Jahre vor dem Jubiläumsdatum) zählte das Königreich ca. 1,5 Millionen Einwohner, gem. Das Königreich Württemberg in Zahlen, Landesarchiv Baden-Württemberg Die zeitgenössische Resonanz auf den Festzug war durchgehend positiv, teilweise überschwänglich.