Das Vulkankaninchen (Romerolagus diazi) ist eine Säugetierart aus der Familie der Hasen (Leporidae). Es gehört zu den kleinsten Arten der Familie und kommt endemisch ausschließlich in der Gebirgsregion im zentralen Teil Mexikos vor und wird dort als Zacatuche oder Teporingo bezeichnet. Dort lebt es vorwiegend im Gebiet der Vulkane Popocatépetl und Iztaccíhuatl, worauf auch sein deutscher und englischer Trivialname Bezug nimmt. Die Tiere sind einheitlich gelbbraun bis schwarz gefärbt, sie haben vergleichsweise kurze Ohren und der Schwanz ist äußerlich nicht sichtbar. Sie leben im Unterwuchs von Kiefern- und Erlenwäldern in Höhen von 2800 bis 4250 Metern, wobei die Lebensräume stark von dicht wachsenden Büschelgräsern („zacatón“) und von steinigem bis felsigem Untergrund geprägt sind.

Die Tiere bilden Gruppen von zwei bis fünf Individuen und ernähren sich von Gräsern und Kräutern. Sie graben Baue in den Waldboden oder nutzen die verlassenen Höhlen anderer Tierarten. Vorwiegend zwischen April und September werden durchschnittlich zwei Jungtiere geboren. Die Art steht unter strengem Schutz und wird aufgrund des sehr kleinen Verbreitungsgebietes als bedroht eingestuft.

Merkmale Allgemeine Merkmale Das Vulkankaninchen hat eine Kopf-Rumpf-Länge von etwa 23 bis 35 Zentimetern und ein Gewicht von etwa 380 bis 600 Gramm. Kleiner ist in seiner Familie nur noch das im Westen der Vereinigten Staaten lebende Zwergkaninchen (Brachylagus idahoensis). Ein Sexualdimorphismus ist nur gering ausgeprägt, die Weibchen sind in der Regel etwas größer als die Männchen. Der Schwanz ist sehr kurz und von außen nicht sichtbar; wie bei den Pfeifhasen ist er durch einen ihn überdeckenden Hautlappen verdeckt. Die Länge der Schwanzwirbel beträgt etwa 18 bis 31 Millimeter. Die Hinterbeine und die Füße sind vergleichsweise klein, die Hinterfußlänge beträgt im Durchschnitt etwa 51 Millimeter mit einer Varianz von 42 bis 55 Millimetern. Die Ohren sind klein und gerundet, sie erreichen eine Länge von 40 bis 45 Millimeter.

Das Fell ist sehr kurz und dicht, es ist auf der Rückenseite einheitlich dunkel gelbbraun bis grau oder schwarz gefärbt. Dabei sind die Basen und die Spitzen der Fellhaare schwarz und der mittlere Teil gelblich. Die Kehle, die Brust und die Bauchseite sind heller sandbraun mit dunkelgrauem Einschlag der Unterwolle. Auf der Brust befindet sich eine „Mähne“ aus etwas längeren und weicheren Haaren, die in der Farbe der restlichen Brustbehaarung entspricht und sich von dieser nicht absetzt. Die Hinterbeine und die Füße sind kurz, die Oberseiten der Vorderfüße sind hell sandgelb, die der Hinterfüße braun. Die Füße besitzen jeweils fünf Zehen, auch wenn ihre Spuren häufig nur vier Zehen zeigen. Die Seiten der Nase und die Augenregion sind hell sandbraun, die Basis der kurzen und runden Ohren ist etwas dunkler sandbraun. Hinter den Ohren befindet sich ein undeutliches Dreieck aus gelblichen Haaren.

Die Weibchen besitzen drei Paar Zitzen, jeweils eines im Brust-, im Abdomen- und im Lendenbereich. Während der Stillzeit schwellen die Milchdrüsen auf eine Dicke von etwa einem Millimeter an und bilden zwei jeweils zwei Zentimeter breite Streifen, die die jeweils vorderen beiden Zitzen verbinden. Dabei produzieren die Weibchen nie in allen Zitzen Milch und besitzen in der Regel vier wechselnde aktive Zitzen.

Schädelmerkmale

Der Schädel erreicht eine Gesamtlänge von etwa 45 bis 47 Millimetern und eine maximale Breite von 25 bis 27 Millimetern im Bereich der Jochbögen. Er entspricht in seinem generellen Aufbau dem eines typischen Hasenartigen. Die Länge der Nasenbeine beträgt etwa 22 bis 25 Millimeter bei einer Breite von 9,5 bis 11,5 Millimetern und das Gaumenbein ist mit einer Länge von etwa 6 bis 8 Millimetern im Vergleich zu anderen Arten verlängert. Der bei einigen Hasen typische Processus postorbitalis, ein Knochenvorsprung hinter dem Auge, ist bei dieser Art nur kurz ausgebildet. Die Paukenhöhlen sind nicht vergrößert und entsprechen dem Foramen magnum in der Größe. Die Gehörgänge sind dagegen im Vergleich zu anderen Hasenartigen verlängert und erreichen eine Länge von 5,2 bis 6,4 Millimetern.

Die Tiere besitzen im Oberkiefer jeweils zwei Schneidezähne (Incisivi) gefolgt von einer längeren Zahnlücke (Diastema) sowie von drei Vorbackenzähnen (Praemolares) und von drei Backenzähnen (Molares). Im Unterkieferast sind außer den drei Backenzähnen nur ein Schneidezahn sowie nur zwei Prämolaren vorhanden. Insgesamt besitzen die Tiere also 28 Zähne. Die Länge der Zahnreihe beträgt etwa 10 bis 12 Millimeter.

Genetische Merkmale Der Karyotyp besteht aus einem diploiden Chromosomensatz von 2n = 48 Chromosomen mit einer Armanzahl (fundamental number, FN) von 78. Er entspricht dem aller Vertreter der Gattung Lepus sowie dem des Strauchkaninchens (Sylvilagus bachmani) und wird als ursprüngliches Merkmal betrachtet, wobei andere Arten der Gattungen Sylvilagus und andere Kaninchenarten eine variable Chromosomenzahl von 2n = 42 bis 52 aufweisen. Es handelt sich um einen Karyotyp mit 16 metazentrischen und 7 telozentrischen Chromosomen sowie zwei großen Geschlechtschromosomen (subtelozentrisches X und metazentrisches Y).

Spuren Die wichtigsten Spuren der Vulkankaninchen sind Fußspuren und Kotspuren. Erstere bestehen in der Regel aus Abdrücken der Vorder- und der Hinterfüße, wobei meistens je nur vier Zehen erkennbar sind. Die Vorderfußspuren haben eine Länge von etwa 3 Zentimetern und die Hinterfußspuren eine Länge von etwa 4,6 Zentimetern, die Breite beträgt bei beiden etwa 1,5 Zentimeter. Trittsiegel laufender Vulkankaninchen entsprechen denen anderer Kaninchen, aufgrund der geringeren Größe sind sie jedoch näher beieinander. Die Vorderfüße kommen in der Regel mit einem Abstand von 10 bis 12 Zentimetern hinter den letzten Hinterfußspuren auf. Die Kotpillen der Tiere sind linsenförmig mit einem Durchmesser von 5 bis 9 Millimeter. Frische Pillen sind ockerfarben und weich, später werden sie gelblich und trocken. Sie können vor allem nahe der Baue und der Hauptwege der Tiere gefunden werden.

Verbreitung mini|Verbreitungskarte des Vulkankaninchens Das Vulkankaninchen kommt endemisch in Zentralmexiko vor. Das Verbreitungsgebiet beschränkt sich auf die Gebirgsregion im transmexikanischen Vulkangürtel um die Vulkane Popocatépetl, Iztaccíhuatl, El Pelado und Tlaloc (Sierra Volcánica Transversal) in Morelos, im Westen von Puebla und im südlichen Umland von Mexiko-Stadt („Distrito Federal“). Bei intensiven Suchen in den angrenzenden Gebieten in den 1980er Jahren konnten keine weiteren Vorkommen identifiziert werden. Die Gesamtfläche des Verbreitungsgebietes beträgt maximal etwa 386 Quadratkilometer, wodurch das Vulkankaninchen wahrscheinlich das am engsten eingegrenzte Verbreitungsgebiet aller Säugetiere in Mexiko hat. Historisch war das Gebiet etwas größer: Die Art ist unter anderem von den östlichen Ausläufern des Iztaccihuatl sowie der Nevado de Toluca verschwunden; zudem verringert sich das Gebiet aufgrund der Fragmentierung und Umnutzung in der Region zunehmend.

Lebensweise und Ökologie mini|Vulkankaninchen im Zoológico de Chapultepec, Mexiko-Stadt

Lebensräume Der Lebensraum des Vulkankaninchens sind Kiefern- und seltener Erlenwälder der Höhenlagen mit dichtem Unterbewuchs aus hohen und dicht wachsenden Büschelgräsern („zacatón“) und einem steinigen bis felsigen Untergrund, durchsetzt von Bereichen mit dunklen und tiefen Böden. Die Höhenverbreitung der Art liegt zwischen 2800 und 4250 Metern, die höchste Bestandsdichte befindet sich allerdings in Höhen von 3150 bis 3400 Metern. Sie besiedelt auch Gebiete mit plötzlichen und steilen Abhängen. Diese Habitate im Grenzbereich zwischen der nearktischen und neotropischen Zone sind geprägt von warmen und feuchten Sommern und kalten und trockenen Wintern, der jährliche Niederschlag beträgt durchschnittlich 1330 Millimeter und die Durchschnittstemperatur über das Jahr etwa 9,5 °Celsius. Die Vegetation besteht vor allem aus bis etwa 25 Meter hohen Beständen der Montezuma-Kiefer (Pinus montezumae), teilweise durchsetzt mit anderen Kiefernarten wie Pinus hartwegii, Pinus teocote, Pinus rudis, Pinus patula und Pinus pseudostrobus. Der Unterwuchs setzt sich aus bis zu 5 Meter hohen Gräsern, hauptsächlich Arten wie Muhlenbergia macroura, Festuca amplissima, Festuca rosei, Stipa ichu sowie Epicampus-Arten zusammen. Hinzu kommen sekundäre Bestände der Erle Alnus acuminata subsp. arguta (Syn. Alnus arguta) mit Höhen bis 12 Meter und der palmenähnlichen Agavenart Furcraea bedinghausii, die bis zu 6 Meter hoch wird, sowie einem Unterwuchs aus Sommerflieder (Buddleja), Brombeeren (Rubus), Wasserdost (Eupatorium) und anderen krautigen Pflanzen. Die Auflage erreicht zusammen mit den Gräsern Höhen von 2 bis 5 Metern mit einem hohen Anteil an Gräsern und Kräutern. Seltener besiedelt das Vulkankaninchen auch temporär Felder mit Saat-Hafer (Avena sativa) und verlässt diese nach der Haferernte Anfang Oktober.

Sozialverhalten und Ernährung Vulkankaninchen leben häufig in kleinen Gruppen von zwei bis fünf Individuen. Sie sind vorwiegend dämmerungsaktiv am Abend und am frühen Morgen, können aber auch am Tag und in der Nacht außerhalb ihrer Baue angetroffen werden. Sie meiden allerdings die Mittagshitze. Während dieser Zeiten suchen sie nach Nahrung und gehen anderen Aktivitäten nach, darunter auch dem „Hinterherlaufen“, dem „Kämpfen“ und dem „Spielen“. Die Nahrung der Tiere besteht aus grünen Blättern verfügbarer Gräser und Kräuter, vor allem den „zacatón“-Gräsern Festuca amplissima, Festuca rosei, Muhlenbergia macroura und Stipa ichu. Hinzu kommen Kräuter wie Cunita tritifolium, Alchemilla sebaldiaefolia und Museniopsis arguta. Dabei fressen die Kaninchen in der Regel die jungen und noch grünen Triebe der Gräser und beißen die Blätter an der Basis des Stiels ab. Während der Regenzeiten fressen die Tiere auch junge Hafer- und Maispflanzen in landwirtschaftlich genutzten Flächen nahe ihrer Baue.

Die Ruhezeiten verbringen sie in den Bauen, deren versteckte Eingänge sich an der Basis von Grasbüscheln befinden. Diese Baue sind bis zu 5 Meter lang und haben oft mehrere Ausgänge, oft teilen sich die Gruppen einen gemeinsamen Bau. Die Baue haben eine maximale Länge von etwa fünf Metern und sind aufgrund des steinigen Untergrunds selten geradlinig. Sie werden teilweise nicht selbst gegraben, sondern stammen von andern grabenden Tieren der Habitate wie dem Silberdachs (Taxidea taxus), dem Felsenziesel (Otospermophilus variegatus), dem Neunbinden-Gürteltier (Dasypus novemcinctus) oder der Merriam-Taschenratte (Cratogeomys merriami). Als temporärer Unterschlupf werden zudem Höhlen zwischen Steinen und Holzstämmen oder Erdlöcher genutzt. Die Nester für die Jungtiere werden von den Weibchen in einem flachen Bau angelegt, der in der Regel an der Basis von Grasbüscheln in den Boden gegraben wird; der Nesteingang wird unter Pflanzenmaterial versteckt. Eher selten kommen auch Nester im Bereich von Geröll und Steinen vor. Ein einzelnes Nest hat einen Durchmesser von etwa 15 Zentimetern und eine Höhe von etwa 11 Zentimetern. Als Nestmaterial wird trockene Vegetation wie Gras, Blätter und Zweige verwendet, die durch Haare der Mutter ausgepolstert wird.

Innerhalb ihrer Gruppen wurden Hierarchien mit einem dominanten Weibchen beobachtet, in der Regel sind ein männliches Tier und maximal ein oder zwei Weibchen sexuell aktiv. Untereinander verständigen sie sich mit variablen und hohen Pfeiftönen, die an die der Pfeifhasen erinnern und bei anderen Hasen und Kaninchen nicht ausgeprägt sind, sowie durch Trommeln mit den Hinterpfoten. Nach einzelnen Beobachtungen erhöht sich die Ruffrequenz nach einem Regen.

Innerhalb in Gefangenschaft gehaltener Gruppen wurden Aggressionen beobachtet, die in der Regel von dominanten Weibchen ausgehen und sich meist gegen andere Weibchen und seltener gegen Männchen richten.

Fortpflanzung und Entwicklung