Die Docker Daimlers sind fünf Show Cars des ehemaligen britischen Automobilherstellers Daimler, die auf den Earls Court Motor Shows der Jahre 1951 bis 1955 debütierten. Der Begriff nimmt Bezug auf Bernard Docker, der die Daimler Motor Company seit 1940 leitete, und seine umstrittene Ehefrau Norah Docker, die in den frühen 1950er-Jahren großen Einfluss auf das öffentliche Erscheinungsbild der Marke nahm. Die von Hooper gebauten Docker Daimlers erregten Aufsehen, wurden aber auch als vulgär wahrgenommen. Sie brachen mit dem traditionellen Image sowohl Daimlers als auch Hoopers und fügten in den Augen von Kritikern der Marke Daimler erheblichen Schaden zu.

Entstehungsgeschichte und Einordnung mini|Daimler Motor Company

Die 1896 gegründete Daimler Motor Company war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einer der exklusivsten britischen Automobilhersteller. Das seit 1910 zur Birmingham Small Arms Company (BSA) gehörende Unternehmen lieferte regelmäßig Fahrzeuge für das britische Königshaus. Seit 1939 bestand außerdem eine Verbindung zum Karosseriehersteller Hooper, der eines der renommiertesten Unternehmen seiner Branche war („quite simply the best“Nick Walker: A–Z of British Coachbuilders 1919–1960. Shebbear 2007 (Herridge & Sons Ltd.) ISBN 978-0-9549981-6-5, S. 127.). Sowohl Daimler als auch Hooper waren bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs für zurückhaltende, konservative Fahrzeuge und Aufbauten bekannt.Geschichte Hoopers auf der Internetseite www.coachbuild.com (abgerufen am 30. Juli 2023). Daimlers Stellung änderte sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, als die Konkurrenten Rolls-Royce und Vanden Plas nach und nach führende Rollen im Bereich der großen Limousinen übernahmen.Lord Montagu of Beaulieu, David Burgess-Wise: Daimler Century. Patrick Stephens Ltd., 1995, ISBN 1-85260-494-8, S. 272.

Während Daimler im Bereich der Serienmodelle in den späten 1940er-Jahren zunächst weiter konservative Modelle anbot, zeigte das Unternehmen andererseits auf der Earls Court Motor Show 1948 ein von Osmond Rivers innovativ gestaltetes Konzeptfahrzeug mit der Bezeichnung Green Goddess, das das Design der Vorkriegsjahre mit Elementen der modernen Pontonform verbandJames Taylor: Coachwork on Rolls-Royce & Bentley 1945–1965, Herridge & Sons, Beaworthy, 2019, ISBN 978-1-906133-89-4, S. 91. und das Designkonzept Hooper Empress Line vorwegnahm. Green Goddess war 1948 in Earls Court „der Star der Show“Brian Long: Daimler & Lanchester. A Century of Motor History. Longford International Publications, 1995, ISBN 1-899154-01-9, S. 206. und verschaffte Daimler weltweit positive Presse.

Nachdem die ehemalige Tänzerin Norah Docker den Daimler-Vorsitzenden Bernard Docker geheiratet und im Folgenden selbst Verantwortung bei Daimler und Hooper übernommen hatte, entwickelte sie die Idee, jährlich in Earls Court ein ähnlich Aufsehen erregendes Show Car wie Green Goddess zu zeigen. Ihre Absicht war es, der noch immer als behäbig geltenden Marke Daimler auf diese Weise mehr öffentliche Aufmerksamkeit zu verschaffen.Brian Long: Daimler V8 S.P. 250. Veloce Publishing Ltd, 2008, ISBN 978-1-904788-77-5, S. 16. Nach dieser Idee entstanden die Einzelstücke The Gold Car (1951), Blue Clover (1952), Silver Flash (1953), Star Dust (1954) und Golden Zebra (1955), die stilistisch auf Green Goddess zurückgehen bzw. Weiterentwicklungen des Designkonzepts waren. Diese fünf Autos – nicht dagegen Green Goddess – werden bezugnehmend auf Norah und Bernard Docker gemeinhin als Docker Daimlers bezeichnet. Der Bau derartiger Show Cars endete mit dem Machtverlust der Dockers bei BSA und Daimler im Frühjahr 1956.Dazu Brian Long: Daimler & Lanchester. A Century of Motor History. Longford International Publications, 1995, ISBN 1-899154-01-9, S. 240. Bis 1956 nutzten Bernard und Norah Docker die Docker Daimlers zu privaten Zwecken. Nachdem sie den BSA-Konzern verlassen hatten, forderte Daimler alle fünf Docker Daimlers von ihnen zurück. Das Rückgabebegehren war Gegenstand eines Gerichtsverfahrens. Letztlich übernahm Daimler alle Autos und verkaufte sie schrittweise an verschiedene Sammler.

Die Beurteilungen der Docker Daimler sind zwiespältig. Einige Autoren heben zwar die eleganten bzw. ästhetischen Linien der Autos hervor; allerdings überwiegt die Kritik: Danach hätten die Docker Daimlers „wunderbar ausgewogene Formen, die durch schlechten Geschmack ruiniert werden“. Für andere sind die Wagen eine „inspirierende Zurschaustellung des Exzesses“ (inspiring Display of excess), wieder andere jedenfalls in Details für vulgär. In der Automobilliteratur gibt es zahlreiche Stimmen, die in den Docker Daimlers einen maßgeblichen Beitrag zum Reputationsverlust und zum Niedergang der Marke Daimler sehen.Classic Cars Spezial: Englische Oldtimer. Heft 7/8/9 1994, S. 36.Tim Hogarth: The Dazzling Lady Docker: Britain's Forgotten Reality Superstar, Scratching Shed Publishing Ltd., 2018, ISBN 978-0-9955861-4-7, S. 178.

Vorläufer: The Green Goddess

mini|Green Goddess

Die Green Goddess ist ein über 6 Meter langes und 3,5 Tonnen schweres fünfsitziges Cabriolet. Vorn befinden sich drei, hinten zwei Sitze; die hinteren Sitze sind zur Wagenmitte hin versetzt.Lord Montagu of Beaulieu, David Burgess-Wise: Daimler Century. Patrick Stephens Ltd., 1995, ISBN 1-85260-494-8, S. 257. Technische Grundlage ist das Fahrgestell der DE36-Reihe, Daimlers größten Modells, das eigentlich für Chauffeurlimousinen und Staatskarossen vorgesehen war. Die vorderen Kotflügel stehen, wie beim Vorkriegsdesign üblich, frei. Am Heck hingegen gibt es keine ausgeformten Kotflügel mehr. Das Passagierabteil ist hinten so breit, dass es die Hinterräder einschließt.Brian Long: Daimler & Lanchester. A Century of Motor History. Longford International Publications, 1995, ISBN 1-899154-01-9, S. 207. Sie sind vollständig von sogenannten Spats abgedeckt. Die auslaufenden vorderen Kotflügel und eine Zierleiste unterhalb der Gürtellinie treffen sich am unteren Ende des Wagenhecks. Diese Gestaltungsmerkmale finden sich später auch bei Hoopers Empress Line wieder. Die Doppelscheinwerfer sind übereinander angeordnet, in die vorderen Kotflügelenden eingelassen und mit einer durchsichtigen, leicht gebogenen Scheibe aus Perspex abgedeckt. Nach dem Erfolg des Green Goddess in Earls Court 1948 baute Daimler auf Kundenwunsch bis 1953 je nach Quelle fünf, sieben oder acht weitere Fahrzeuge im Stil des Green Goddess, die zu einem Stückpreis von 7.001 £ verkauft wurden. Damit waren sie die teuersten britischen Autos ihrer Zeit.Brian Long: Daimler & Lanchester. A Century of Motor History. Longford International Publications, 1995, ISBN 1-899154-01-9, S. 206.

Green Goddess zählt selbst nicht zu den Docker Daimlers, weil das Modell vor der Eheschließung von Bernard und Norah Docker entwickelt wurde. Das Auto wird lediglich als „Vorbote dessen [angesehen], was noch kommen sollte“.Richard Townsend: Docker’s Daimlers. Daimler and Lanchester Cars 1945 to 1960. Amberley Publishing, Stroud, 2017, ISBN 978-1-4456-6316-6, S. 79.

Die einzelnen Docker Daimlers

1951: The Gold Car

Der erste Docker Daimler ist The Gold Car (auch: The Golden Daimler). Er ist eine viertürige Limousine im Stil der Empress Line.

Technik The Gold Car basiert auf einem leicht modifizierten Fahrgestell des Daimler DE36 (Nummer 52830) und wird von dem in dieser Baureihe üblichen Reihenachtzylindermotor (Straight Eight) angetrieben, der bei einem Hubraum von 5,5 Litern (5460 cm³) 150 bhp (152 PS, 110 kW) leistet.

Design Die Linien des Gold Car gelten als wohlproportioniert und „extrem elegant“.Richard Townsend: Docker’s Daimlers. Daimler and Lanchester Cars 1945 to 1960. Amberley Publishing, Stroud, 2017, ISBN 978-1-4456-6316-6, S. 79. Sie folgen in weiten Teilen der Hooper Empress Line, weichen von ihr aber im Bereich der Scheinwerfer ab, die der Gestaltung der Green Goddess entsprechen. Wegen des sehr langen Radstands des DE36 sind die Linien des Gold Car deutlich gestreckter als bei den nach diesem Designkonzept in Serie gefertigten Daimler-Empress-Modellen, die auf kürzeren DB18- oder Regency-Fahrgestellen beruhen. Die Proportionen des Gold Car griff Hoopers Konkurrent Freestone & Webb ab 1952 für eigene Kopien der Empress Line auf. In das Dach des Gold Car ist eine große Glasfläche eingelassen. Sämtliche Dekorteile wie Kühlergrill, Stoßstangen, Türgriffe und Auspuffeinfassungen waren vergoldet. Norah Docker erklärte diesen Schritt mit der Behauptung, dass aufgrund von Engpässen auf dem Nachkriegsmarkt kein Chrom erhältlich gewesen und Blech als Ersatz nicht in Frage gekommen sei. Die Karosserie ist zweifarbig lackiert. Der obere Teil des Aufbaus und die Kotflügel sind schwarz, die Flanken des Autos cremefarben. Die Seitenflächen sind mit 7000 goldenen Sternen dekoriert,Abbildung des Gold Car auf der Internetseite www.curbsideclassic.com (abgerufen am 18. März 2020). die der Wappenmaler Geoffrey Francis einzeln von Hand aufmalte.Lord Montagu of Beaulieu, David Burgess-Wise: Daimler Century. Patrick Stephens Ltd., 1995, ISBN 1-85260-494-8, S. 259. Die Idee hierzu lieferte angeblich der persönliche Assistent Bernard Dockers.Lord Montagu of Beaulieu, David Burgess-Wise: Daimler Century. Patrick Stephens Ltd., 1995, ISBN 1-85260-494-8, S. 258. Für die Innenverkleidungen wurde Holz vom Kampferbaum gewählt, das einen goldenen Farbton hat.Brian E. Smith: The Daimler Tradition. Isleworth, Transport Bookman, 1972, ISBN 0-85184-004-3, S. 179. Die Sitze im Fahrgastbereich und die inneren Seitenteile sind mit goldfarbenem Seidenstoff bezogen. Zum Auto gehörten ein den Karosseriefarben angepasstes Teeservice aus chinesischem Porzellan, ein Satz Cocktailgläser von Cartier und ein Kofferset aus Krokodilleder, das in Gold und Schwarz gefärbt war.Brian Long: Daimler & Lanchester. A Century of Motor History. Longford International Publications, 1995, ISBN 1-899154-01-9, S. 215. Die Herstellung des Gold Car kostete 8.500 £, was einem Gegenwert von acht Jaguar Mark V entsprach.Richard Townsend: Docker’s Daimlers. Daimler and Lanchester Cars 1945 to 1960. Amberley Publishing, Stroud, 2017, ISBN 978-1-4456-6316-6, S. 80. Allein die vergoldeten Dekorteile kosteten mit 900 £ so viel wie zwei Morris Minor.

Vorstellung, Rezeption und weitere Verwendung Das Gold Car wurde auf der British Motor Show im Oktober 1951 öffentlich vorgestellt und war dort die größte Attraktion („the most looked-at car“). Seine verschwenderische Ausstattung, die im Kontrast zu dem durch Entbehrungen gekennzeichneten Nachkriegsalltag in Großbritannien stand, beeindruckte die Besucher. Das Gold Car gewann in seiner Klasse den Ersten Preis des Institute of British Carriage & Automobile Manufacturers. Nach seinem Debüt in London wurde das Auto auf Ausstellungen in Frankreich, Australien und den USA gezeigt. Auch in späteren Jahren erschien es noch einmal in Earls Court. In der Zwischenzeit diente es den Dockers als Privatfahrzeug. 1954 wurde das Gold Car noch einmal auf eine weltweite PR-Tour geschickt; Norah Docker, die das Auto begleitete, ließ sich dafür Kleider anfertigen, deren Wert dem des Autos annähernd entsprachen, und stellte die Kosten dafür dem BSA-Konzern in Rechnung. 1955 war The Gold Car Requisite in dem US-amerikanischen Spielfilm Gentlemen Marry Brunettes (deutscher Titel: So liebt man in Paris). Norah Docker nahm bei den Hauptdarstellerinnen Jane Russell und Jeanne Crain Schauspielunterricht, um das Posieren auf dem Auto bei Fotoaufnahmen zu professionalisieren.Lord Montagu of Beaulieu, David Burgess-Wise: Daimler Century. Patrick Stephens Ltd., 1995, ISBN 1-85260-494-8, S. 267.