mini|hochkant|Evangelische Stadtkirche Weingarten, von Südosten gesehen Die neugotische Evangelische Stadtkirche in der Abt-Hyller-Straße 17 in Weingarten (Württemberg) wurde 1883 eingeweiht. Sie ist das geistliche Zentrum der Kirchengemeinde Weingarten der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.
Vorgeschichte und Bau mini|links|Evangelische Stadtkirche um 1880, noch außerhalb des damals bebauten Stadtgebiets mini|hochkant|Evangelische Stadtkirche Weingarten, von Norden gesehen mini|Blick zum Chor Zu Zeiten der Reichsabtei Weingarten war Altdorf, das spätere Weingarten, ein rein katholischer Ort. Erst im 19. Jahrhundert kamen die ersten evangelischen Christen in die Stadt, nachdem die Region 1805 an das Königreich Württemberg fiel. Ein Waisenhaus für katholische und evangelische Kinder, das im ehemaligen Kloster eingerichtet wurde, führte 1825 zur Gründung der Evangelischen Kirchengemeinde Weingarten. Als erster Pfarrer wurde mit Erlass des Königlichen evangelischen Consistoriums am 13. Mai 1825 Mag. Christian Heinrich Fritz bestellt.Hans-Hermann Keinath; Barbara Jäckel: Evangelische Stadtkirche Weingarten 1883–1983, Eigenverlag der Evangelischen Gemeinde Weingarten, 1983, S. 7. Die evangelischen Christen feierten Gottesdienst in einem Betsaal mitten im ehemaligen Kloster, auch als es später als Kaserne genutzt wurde. Die Räumlichkeiten dort waren zu klein und vom Zuschnitt her wenig geeignet, so dass der Ruf nach einer eigenen Kirche immer lauter wurde.
1878 wurde der Beschluss zum Kirchenbau dann gefasst. Mit Hilfe vieler Spenden evangelischer Christen und einem Darlehen konnten die 100.000 Mark, die dieser Bau in der Diaspora kostete, aufgebracht werden. Ein Drittel kam allein vom Gustav-Adolf-Verein, und auch der deutsche Kaiser Wilhelm I. spendete 1000 Mark. Ein Teil der Baukosten wurden als Darlehen aufgebracht, das bis 1912 zurückgezahlt wurde.Hans-Hermann Keinath, Barbara Jäckle: Evangelische Kirchengemeinde Weingarten 1883–1983, Eigenverlag der Evangelischen Kirchengemeinde Weingarten 1983, S. 18–20.
Als Architekt der Stadtkirche konnte der Stuttgarter Oberbaurat Christian Friedrich von Leins (1814–1892) gewonnen werden. Neben vielen evangelischen Kirchen in ganz Württemberg baute er in seiner Heimatstadt berühmte Gebäude wie die Villa Berg und den Königsbau am Schlossplatz. Mit seinen Initialen hat er sich an der Decke der Eingangshalle der Weingartener Stadtkirche verewigt.
Mit einem Festzug und einem feierlichen Gottesdienst wurde die Kirche am 5. August 1883 eingeweiht.
Mit dem Pfarrhaus von 1890 und der evangelischen Schule (heute Stadtbücherei) von 1894 entstand ein Zentrum evangelischen Gemeindelebens, das anfangs noch am Stadtrand lag, durch das stetige Wachstum der Stadt inzwischen aber ins Zentrum gerückt ist. Das Martin-Luther-Gemeindehaus mit Kindergarten ergänzt seit 1951 das Ensemble des späten 19. Jahrhunderts; 2017–2018 wurde es umfassend umgebaut und renoviert.
Umbauten und Renovierungen In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg zeigten sich an der Kirche starke Alterungserscheinungen. 1920 fiel sogar eine Kreuzblume vom Turm und durchschlug das Dach. 1931 wurde die Kirche daher renoviert und außen wie innen stark vereinfacht. Die Seitentürmchen am Kirchturm und Fialen am Kirchenschiff wurden entfernt. Im Inneren wurden dekorative Wandbemalungen übertüncht. Das brüchig gewordene Chorfenster wurde durch das noch heute sichtbare Fenster ersetzt. Eine erste umfassende Renovierung, die ca. 46.400 Reichsmark erforderte, erfolgte 1930/31.Hans-Hermann Keinath, Barbara Jäckle: Evangelische Kirchengemeinde Weingarten 1883–1983, Festschrift im Eigenverlag der Evangelischen Kirchengemeinde Weingarten, 1983, S. 30f. Zwei Gemälde an der Chorwand und eine neue schlichte Kanzel, die 1931 in die Kirche kamen, gingen bei einer weiteren Renovierung 1958 wieder verloren.
1942 wurde das Altarkreuz ersetzt. 1960 erfolgte eine weitere Renovierung.Hans-Hermann Keinath, Barbara Jäckle: Evangelische Kirchengemeinde Weingarten 1883–1983, Festschrift im Eigenverlag der Evangelischen Kirchengemeinde Weingarten, 1983, S. 42.
Im Jahr 1980 wurde die Kirche kurz vor ihrem 100. Geburtstag umfassend restauriert. Bänke und Beleuchtung stammen aus dieser Zeit. Kleinere Sanierungsmaßnahmen folgten 2014. Eine umfassende Außenrenovierung wurde 2024–2025 durchgeführt.
Architektur und Ausstattung mini|hochkant|links|Das Chorfenster von Walter Kohler, 1931 Die Kirche ist wie viele Gotteshäuser ihrer Zeit im neugotischen Stil gehalten. Sie ist heute im Inneren weitgehend schmucklos. Den Raumeindruck bestimmen die dreischiffige Holzdecke und die schlanken hölzernen Säulen im Kirchenschiff.
Das farbenfrohe Chorfenster zeigt Christus als Auferstandenen, in der Hand die Fahne als Symbol des Sieges über den Tod. Das Fenster ist eine Stiftung der Familie Wachter und wurde 1931 von Glasmaler Gaiser nach einem Entwurf des Stuttgarter Malers Walter Kohler (1903–1945) angefertigt. Von dem bei einem Luftangriff früh verstorbenen Kohler stammen Fenster in vielen Kirchen Württembergs und in der Moritzkirche in Halle/Saale.
Orgel mini|Blick zur Orgelempore mini|hochkant|Die Weigle-Orgel von 1981 An der Link-Orgel von 1883 (II/P, 16 Register, op. 101) zeigten sich im 20. Jahrhundert starke technische, bauliche und klangliche Mängel. 1954 wurde sie von Orgelbau Friedrich Weigle (Echterdingen) umgebaut und auf 19 Register erweitert.Wolfgang Manecke, Johannes Mayr, Mark Vogl: Historische Orgeln in Oberschwaben. Der Landkreis Ravensburg. Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg 2006, ISBN 978-3-89870-250-8, S. 250f.
Nach einem Dispositionsentwurf von Paul Horn wurde 1981 dann eine neue Orgel von Orgelbau Weigle gebaut (op. 1353). Das zweimanualige Instrument mit Pedal hat 24 Register mit insgesamt 1400 Pfeifen. Sie wurde nach barocken Werksprinzipien angelegt, aber so, dass auch Werke der Romantik und Moderne auf ihr gespielt werden können. Spiel- und Registertraktur sind mechanisch. Die Orgel kommt ohne Spielhilfen wie feste oder freie Kombinationen aus. Sie erklingt regelmäßig in Gottesdiensten, in Konzerten und bei der Orgelmusik am Markttag an jedem ersten Mittwoch im Monat.
I Hauptwerk C–g3 1. Bourdon 16′ 2. Prinzipal 8′ 3. Holzflöte 8′ 4. Oktave 4′ 5. Blockflöte 4′ 6. Quinte ′ 7. Schwiegel 2′ 8. Mixtur IV-V ′ zieht automatisch Nr. 6 mit. 9. Trompete 8′ Tremulant II Schwellwerk C–g3 10. Holzgedeckt 8′ 11. Salizional 8′ 12. Vox celeste Ab g1. 8′ 13. Rohrquintade 4′ 14. Nasat ′ 15. Prinzipal 2′ 16. Terz ′ 17. Sifflöte 1′ 18. Zimbel III ′ 19. Cromorne 8′ Tremulant Pedal C–f1 20. Subbass 16′ 21. Oktavbass 8′ 22. Gemshornbass 8′ 23. Choralbass 8′ 24. Rauschpfeife II ′ 25. Holzposaune 16′ Koppeln (Fußtritte): II/I, I/P, II/P Anmerkungen:
Glocken
Das Geläut im Turm besteht aus drei Glocken:Weingarten (D - BW) Die Glocken der evangelischen Stadtkirche, YouTube-Video von Glockenfampf, 10. Juni 2014 Stahlglocke h°, hergestellt vom Bochumer Verein, 1921 installiert Bronzeglocke d′, hergestellt von Kurtz in Stuttgart, 1958 installiert Stahlglocke f′, hergestellt vom Bochumer Verein, 1921 installiert
Martin-Luther-Gemeindehaus Auf dem gleichen Grundstück befindet sich auch das 1890 erbaute Pfarrhaus mit dem Gemeindebüro sowie das 1951 erbaute Martin-Luther-Gemeindehaus, das im Erdgeschoss des Ostflügels den Martin-Luther-Kindergarten beherbergt. Das Gemeindehaus wurde zuletzt 2018 mit einem Aufwand von 2 Millionen Euro umfassend saniert, der Nordflügel wurde dabei ganz neu errichtet.o. V.: Neubau des Martin-Luther-Gemeindehauses. Schwäbische Zeitung (Ausgabe Ravensburg), 19. November 2018, www.schwaebische.de/sonderthemen/ravensburg/ein-ort-der-begegnung-51471
Pfarrer an der Evangelischen Kirche in Weingarten Zunächst wurde eine Pfarrstelle eingerichtet. Pfarrer waren seither:Hans-Hermann Keinath, Barbara Jäckl: Evangelische Stadtkirche Weingarten 1883–1983. Eigenverlag der Evangelischen Kirchengemeinde Weingarten, 1983, passim.Hans Ulrich Rudolf (Hrsg.): Weingarten gestern und heute, Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg 2015, ISBN 978-3-89870-917-0, passim Pfarrer Christian Heinrich Fritz (1825–1832) Gustav Adolf Ricke (1832–1839) Pfarrverweser Christian Eichenhofer (1847–1850) Pfarrverweser Karl Ludwig Sauberschwarz (um 1851–1856) Hermann Ludwig Hopf (1856–1860) Johann Jakob Stotz (1860–1865) Pfarrverweser Amadeus Gustav Günzler (1865–1867), ab jetzt war der Pfarrer auch gleichzeitig Garnisonspfarrer in Weingarten Stadtpfarrverweser Heinrich Otto Binder (1867–1871) Pfarrverweser Gustav Adolf Gerok (1871–1873) Pfarrverweser Eugen Mayer (um 1878) Pfarrverweser Karl Wilhelm Breuninger (um 1879–1883) Pfarrverweser Karl Conz (1883–1884) Pfarrer Gotthelf Heinrich Nathanael Kretschmer (1884–1903) Stadtpfarrer Karl Schieber (1903–1904) Paul Krauß (?–1931) Ludwig Schmidt (1932–1944) Hermann Haeberle (1944–1952) Ernst Körner (1945–1954) Gebhard Kirn (1952–1963) Erwin Horn (1963–1976) Hans-Hermann Keinath (1976–1986) Edwin Schulz (1986–2011) Stephan Günzler (2012–2025) Eva Ulmer (ab 2026)
Mit dem Zuzug von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen ab 1945 sowie mit der Ausweitung der Baugebiete im westlichen Stadtgebiet wurde 1958 eine zweite Pfarrstelle (zunächst mit eigenem Gemeindehaus im Edelweißweg 6) eingerichtet, mit den Pfarrern: Albert Rebus (1958–1960) Jörg Sandberger (1960–1964) Heiner Wezel (1964–1976) Eberhard Schlenker (1977–1993) Susanne Richter (1994–2005) Horst Gamerdinger (seit 2006)
1980 wurde eine dritte Pfarrstelle mit Dienstsitz in der benachbarten politischen Gemeinde Berg eingerichtet, mit den Pfarrern: Christian Reiser (1980–1985) Günter Wagner (1986–1991) Susanne Wahl (1992–2007) Wolfgang Rapp (2008–2014) Steffen Erstling (seit 2014)o. V.: Für den neuen Pfarrer spielt Musik eine große Rolle, Schwäbische Zeitung (Ausgabe Ravensburg), 28. September 2014, www.schwaebische.de/regional/oberschwaben/berg/fuer-den-neuen-pfarrer-spielt-musik-eine-grosse-rolle-754476
Eine dieser zusätzlichen Pfarrstellen wird im Zuge des Pfarrstellenabbaus der Evangelischen Landeskirche vermutlich aufgehoben.Isabel Heine: Abbau von Pfarrstellen – Ravensburg, Weingarten und Biberach müssen abgeben, Sendung des Südwestfunks, Studio Friedrichshafen, vom 29. November 2023, www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/friedrichshafen/weniger-evangelische-pfarrstellen-kirchenbezirk-biberach-ravensburg-100.html.
Bis 2008 war das evangelische Hochschulpfarramt, das ebenfalls bei der Evangelischen Kirchengemeinde Weingarten angesiedelt ist, mit der Pfarrstelle 3 verbunden. Danach hatten es Marit Hole (2008–2009), Esther Manz (2009–2018) und Jirij Knoll (seit 2018) inne.
Literatur Gisela Langeheinicke: Die evangelische Kirchengemeinde Weingarten und ihre Stadtkirche. In: Barbara Jäckl, Hans-Hermann Keinath (Hrsg.): Festschrift Evangelische Stadtkirche Weingarten 1883–1983, Evangelische Kirchengemeinde, Weingarten 1983. Christoph Heinrich Klein: Die neue evangelische Kirche in Weingarten. In: Blätter des Gustav-Adolf-Vereins für das Evangelische Württemberg. 1883. Paul Krauß: Hundertfünf Jahre Evangelische Gemeinde Weingarten. Evangelische Kirchengemeinde, Weingarten 1930 (Digitalisat). Eva-Maria Seng: Der evangelische Kirchenbau im 19. Jahrhundert. Die Eisenacher Bewegung und der Architekt Christian Friedrich von Leins. Tübingen 1995, ISBN 3-8030-1914-1, insbesondere S. 500–505.
Weblinks
Evangelische Kirchengemeinde Weingarten Videos der Evangelischen Kirchengemeinde Weingarten bei Youtube Einzelnachweise
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