Gender-Doppelpunkt (von englisch gender [ˈdʒɛndɐ] „soziales Geschlecht“) bezeichnet die Verwendung eines Doppelpunkts (Kolon) im Wortinneren als Mittel der gendersensiblen Schreibung im Deutschen, um als Platzhalter in Personenbezeichnungen zwischen männlichen und weiblichen auch nichtbinäre, diversgeschlechtliche Personen typografisch sichtbar zu machen und einzubeziehen (vergleiche Soziale Inklusion, Diversity Management). Das traditionell im Deutschen nur als Satzmittezeichen verwendete Schriftzeichen : wird hierbei genutzt zur Vermeidung der generischen Maskulinform (Mitarbeiter), um in der verkürzten Paarform (Mitarbeiter/-innen) den Schrägstrich zu ersetzen und die Bedeutung zu erweitern: Mitarbeiter:innen. Im Singular kann auch eine Person bezeichnet werden, die nicht männlich oder weiblich ist: Alex ist ein:e Mitarbeiter:in. Unpassend kann der Doppelpunkt sein, wenn sich nicht zwei einzeln lesbare Ausdrücke ergeben, beispielsweise bei „Kolleg:in“ (Kollege fehlt), bei Umlautungen wie „Ärzt:in“ (Arzt fehlt) oder bei nicht übereinstimmenden grammatischen Bezügen beider Formen: „ein:e Abgeordnete:r“ oder „zum:zur Lokführer:in“ (siehe Problemfälle bei Kurzformen).
Die gegenderte Schreibweise mit Doppelpunkt kam 2015 auf als Abwandlung des 2003 entwickelten Gender-Gap (Mitarbeiter_innen) und des 2009 vorgeschlagenen Gendersternchens (Mitarbeiter*innen). Beim Vortragen können Genderzeichen zu einer Beidnennung aufgelöst (Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen) oder mit einer kurzen Sprechpause zum Ausdruck gebracht werden: Mitarbeiter-innen, was einem Glottisschlag entspricht und „Gender-Pause“ genannt wird. Screenreader lesen den Doppelpunkt normalerweise als kleine Pause vor, manchmal allerdings mit einer Verzögerung, als ob ein neuer Satz beginnen würde. Befürworter geben als Hauptargument eine gute Lesbarkeit an. Der Gebrauch eines Doppelpunkts im Wortinneren ist allerdings nicht Bestandteil der amtlichen Rechtschreibung. 2020 führt der Rechtschreibduden den Doppelpunkt als „vom amtlichen Regelwerk nicht abgedeckte“ Möglichkeit des „geschlechtergerechten Sprachgebrauchs“ auf. 2021 empfiehlt der Rat für deutsche Rechtschreibung zwar nicht die Aufnahme des Gender-Doppelpunkts ins offizielle Regelwerk, beobachtet ihn und andere mehrgeschlechtliche Schreibweisen jedoch weiterhin. Die Gesellschaft für deutsche Sprache erkennt den Doppelpunkt, andere Genderzeichen oder Gender-Pausen nicht als geeignetes Mittel an, um diskriminierungsfreie Sprache umzusetzen. Einige Stadtverwaltungen, Hochschulverwaltungen, Medien (siehe Liste von Einrichtungen, die Genderzeichen nutzen) oder einige Anbieter der IT-Branche nutzen Gender-Doppelpunkte.
Screenreader Im Wortinneren oder zwischen zwei Artikeln (der:die) bewirkt der Doppelpunkt eine kleine Pause beim Vorlesen durch Screenreader (Mitarbeiter: innen); dies entspricht dem Effekt eines Glottisschlags (siehe Aussprache von Genderzeichen und Kritiken). Weil er problemlos vorlesbar ist, erfüllt der Gender-Doppelpunkt die Barrierefreiheit für sehbehinderte oder blinde Menschen; Brailleschrift-Displays verarbeiten meist nur die Ausgabe eines Screenreaders.Anna E. Poth: „Doppelpunkt ist für Blinde am besten“. In: genderleicht.de. 12. November 2020, abgerufen am 3. Dezember 2020. In Lübeck wurde die Entscheidung für den Doppelpunkt getroffen, weil er beim Vorlesenlassen der städtischen Website nicht gesprochen werde, im Unterschied zu anderen Genderzeichen. Neben der HRM-Redaktion weist auch das Kommunikationsportal kom.de (ehemals pressesprecher.com) ausdrücklich auf die Barrierefreiheit für Sehbehinderte hin: „Heute ist der Doppelpunkt im Gegensatz zum Genderstern barrierefrei auch für Sehbehinderte und – verglichen mit anderen Möglichkeiten inkludierender Sprache – minimalinvasiv.“
Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband
Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) erklärt im März 2021 in seinen Richtlinien zum Gendern, um die Vorlesbarkeit zu gewährleisten sollten paarige Bezeichnungen ausformuliert werden (Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter): „Gendern durch Sonderzeichen und Typografie […] ist nicht zu empfehlen.“ Dies umfasst ausdrücklich auch den Gender-Doppelpunkt (Mitarbeiter:innen): „Abgesehen davon, dass dies von den Screenreadern unterschiedlich gehandhabt wird, hat der Doppelpunkt jedoch wichtige Funktionen, weshalb viele blinde und sehbehinderte Menschen ihn sich vorlesen lassen. Das Unterdrücken des Doppelpunktes führt zudem zu einer längeren Pause als das Unterdrücken anderer Zeichen. So kann der Eindruck entstehen, der Satz sei zu Ende.“ Von allen Genderzeichen gibt der Verband allerdings dem Genderstern den Vorrang: „Falls jedoch mit Kurzformen gegendert werden soll, empfiehlt der DBSV, das Sternchen zu verwenden, weil es laut Veröffentlichungen des Deutschen Rechtschreibrates die am häufigsten verwendete Kurzform ist und so dem Wunsch nach einem Konsenszeichen am nächsten kommt.“Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV): Gendern. In: DBSV.org. April 2019, aktualisiert im März 2021, abgerufen am 2. Mai 2021.
Geschichte
Der Doppelpunkt, früher Kolon genannt, gehört neben dem Punkt zu den ältesten Satzzeichen der deutschen Sprache. Er wird seit über 1000 Jahren verwendet, zunächst nur, um eine Sprechpause zu markieren oder als Lesehilfe zur Worttrennung; ab dem 17. Jahrhundert steht er vor Aufzählungen, Zitaten und direkter Rede. Gewöhnlich dient der Doppelpunkt als Übergangs- und Ankündigungszeichen.
Ab 2011 finden sich erste Verwendungen des Doppelpunkts als Mittel der gendergerechten Sprache in Ankündigungstexten der Hedonistischen Internationale, Sektion Greifswald; hier wird er eingesetzt als Genderzeichen in Kurzformen, um alle Geschlechter einzubeziehen: Eiskunstläufer:innen, Hedonist:innen, Radfahrer:innen, Herr:innen.Pia Stenner: Digitale Sprache: Vielfältige Emojis und der Gender-Doppelpunkt im Betriebssystem. In: netzpolitik.org. 26. Juni 2021, abgerufen am 2. August 2021.Hedonistische Internationale: Das freut bestimmt die Greifswalder Sektion @HI_HGW, in deren Umfeld der Gender-Doppelpunkt irgendwann um das Jahr 2010 erfunden wurde… In: Twitter. 2. März 2021, abgerufen am 2. August 2021.Hedonistische Internationale, Sektion Greifswald: In: hihgw.org. 26. April 2011, abgerufen am 2. August 2021 (Ankündigung); Zitat: „Das kleine Rabauke lädt alle Eiskunstläufer:innen, Hockeyspieler:innen und sonstige Rutschbegeisterte ein, beim ersten Open-Air-Event des Jahres 2011 dabei zu sein.“Ebenda: 31. Mai 2011; Zitat: „Keine Angst eure Greifswalder Hedonist:innen bleiben dem Machowahn fern und machen natürlich keine Herrentagsparty.“Ebenda: 29. Februar 2012; Zitat: „Ohne den Großteil der studentischen Radfahrer:innen würde Greifswald sich der vorpommerschen Einöde anpassen – Das sollten auch die alten Herr:innen in der Bürgerschaft nicht vergessen!“Leonie: Ich finde ja das : als Gendergap-Zeichen sehr schön. Wie seid ihr denn da drauf gekommen? In: Metronaut.de. Autorenblog, 25. Januar 2016, abgerufen am 2. August 2021.
Ende 2015 kommt der Doppelpunkt zum Gendern in der deutschen Schriftsprache in Umlauf, als die Organisatoren des Fusion Festivals bei einer Ticketlotterie die Hunderte von „glücklichen Gewinner:innen“ benachrichtigten. 2016 wurde dann auf den Festivalseiten von „Fusionist:innen“ gesprochen. Diesen Ursprung der Verwendung des Gender-Doppelpunkts recherchierte 2016 ein Beitrag im feministischen Blog kleinerdrei. Dazu befragt, kannte Lann Hornscheidt (geschlechtsneutraler Titel: Profex Drex für Prof. Dr.) die Schreibweise noch nicht und befürwortete sie als eine Möglichkeit. Zur Frage, wer sie erfunden habe, konnte nur in Erfahrung gebracht werden, dass die Gewinnbenachrichtigung seinerzeit „halt eine:r geschrieben hatte“.
Seit Anfang 2016 benutzt der Autorenblog Metronaut.de den Doppelpunkt zum Gendern und erklärt dazu: „Der Gender-Doppelpunkt tauchte irgendwann vor ein paar Jahren im Umfeld der Hedonistischen Internationale und des Fusion Festivals auf. Wir fanden das ästhetisch sehr schön und für den Lesefluss ganz gut – und symbolisch soll das alle Gender bezeichnen.“
Ende 2018 erwähnt ein Beitrag im Deutschlandfunk zum Genderstern: „neuerdings sieht man auch manchmal einen Doppelpunkt an dieser Stelle.“ Im April 2019 meint das Onlinemagazin jetzt.de, der Gender-Doppelpunkt sei eine Variante des Gender-Schrägstrichs („Schüler/in“).
Mitte 2019 wird der Sprachwissenschaftler Karsten Rinas – Autor des Buches Theorie der Punkte und Striche: Die Geschichte der deutschen Interpunktionslehre – gefragt, was er von der Verwendung als Genderzeichen halte: „Rein typografisch gesehen ist ein Doppelpunkt sicherlich besser ins Wort integriert als so ein Sternchen, einfach deshalb, weil er schmaler ist und nicht so brutal ins Auge springt wie so ein Sternchen. […] definitiv wäre der Doppelpunkt besser zu lesen als der Stern, aber die Frage, wie man dann in der Sprachkultur damit umgeht, die ist sicherlich noch nicht definitiv beantwortet.“
2021 verwendet die nichtbinäre Person Hengameh Yaghoobifarah im Debütroman Ministerium der Träume den Doppelpunkt als Genderzeichen.Anna Rosenwasser (freie Autorin, Zürich): Gastkommentar: Oh boy, dieses Gendern! In: NZZ.ch. 7. Juli 2021, abgerufen am 1. August (bezahlpflichtig); Zitat: „Weil mir die Sprache am Herzen liegt, will ich die Realität abbilden (und finde linguistische Inklusion zudem recht ästhetisch; zum Beispiel in dem phantastischen Roman Ministerium der Träume von Hengameh Yaghoobifarah, dessen erste Auflage den Doppelpunkt verwendet; die kommende Auflage gendert mit Gender_Gap).“Sabine Cronau: Gendern in der Belletristik (2) - Constanze Neumann: „Natürlich kann gegenderte Literatur gute Literatur sein“. In: Börsenblatt.net. 17. Juni 2021, abgerufen am 1. August 2021; Zitat von Constanze Neumann, Verlagsleiterin Aufbau Verlag: „In der Kommunikation des Verlages, also in der Vorschau und allen begleitenden Texten, verwenden wir den Doppelpunkt. […] Nehmen Sie den beeindruckenden Debütroman von Hengameh Yaghoobifarah […]: große Kunst, wie sich gegenderte Formen und verschiedene Slangs hier zu einer ganz eigenen, hochliterarischen Sprache verweben.“ Auch der herausgebende Aufbau Verlag nutzt in seiner Kommunikation den Gender-Doppelpunkt, während viele Verlage dazu das Gendersternchen nutzen (Details).
Apple verwendet seit iOS 15 bzw. iPadOS 15 und macOS Monterey ebenso wie auf ihrer Website den Gender-Doppelpunkt.
Rechtschreibung Die Verwendung eines Doppelpunkts im Inneren eines Worts ist nicht Bestandteil der offiziellen Rechtschreibregeln.
Rat für deutsche Rechtschreibung
Im November 2018 analysierte der Rat für deutsche Rechtschreibung (RdR) die Vorkommen von Genderstern, Gender-Gap und Binnen-I in verschiedenen Textsorten und dazu bestehende Leitlinien, berücksichtigte aber den Doppelpunkt noch nicht. Zur weiteren Entwicklung schrieb der Rat:
Im März 2021 wurde seitens des Rats „die Aufnahme von Asterisk (‚Gender-Stern‘), Unterstrich (‚Gender-Gap‘), Doppelpunkt oder anderen verkürzten Formen zur Kennzeichnung mehrgeschlechtlicher Bezeichnungen im Wortinnern in das Amtliche Regelwerk der deutschen Rechtschreibung zu diesem Zeitpunkt nicht empfohlen.“Rat für deutsche Rechtschreibung (RdR): Geschlechtergerechte Schreibung: Empfehlungen vom 26.03.2021. In: Rechtschreibrat.com. 26. März 2021, abgerufen am 26. März 2021 (Kurzfassung).Langfassung der Pressemitteilung: PDF: 453 kB, 2 Seiten auf rechtschreibrat.com.Ebenda: Anlage 1: Die Entwicklung und Bewertung des Themas „Geschlechtergerechte Schreibung“ in der Beobachtung des Schreibgebrauchs 2018–2020 vom Rat für deutsche Rechtschreibung, gebilligt am 26.03.2021. (PDF: 916 kB, 5 Seiten); Zitat: „Das vorliegende Papier wurde in einer (digitalen) Sitzung der Arbeitsgruppe am 15.12.2020 erarbeitet“.Ebenda: Anlage 2: Geschlechtergerechte Schreibung: Orthografisch nicht normgerechte Wort- und Satzbildungen. Stand: 9. Dezember 2020 (PDF: 285 kB, 2 Seiten).
Duden