mini|England um 878 Æthelwold (/ˈæθəlwoʊld/) oder Æthelwald († 902Simon Keynes, Michael Lapidge (Hrsg.): Alfred the Great: Asser’s Life of King Alfred and Other Contemporary Sources. Penguin Classics, London 1983, ISBN 978-0-14-044409-4, S. 292. oder 903Ann Williams: Æthelwold Ætheling d. 903. In: Ann Williams, Alfred P. Smyth, D.P. Kirby (Hrsg.): A Biographical Dictionary of Dark Age Britain. Seaby, London 1991, ISBN 978-1-85264-047-7, S. 33.) war der jüngere von zwei bekannten Söhnen von Æthelred, dem König von Wessex von 865 bis 871. Æthelwold versuchte nach dem Tod Alfreds des Großen, dessen Sohn Eduard dem Älteren den Thron streitig zu machen. Dafür gelang es ihm, die Unterstützung der dänischen Wikinger aus den Königreichen Northumbria und East Anglia zu gewinnen. Dieser Versuch, den Thron mit Gewalt an sich zu reißen, scheiterte jedoch schließlich mit Æthelwolds Tod in der Schlacht 902 oder 903.
Der Konflikt um die Krone geht zurück in die Zeit, als Æthelwold und sein Bruder Æthelhelm noch Kleinkinder waren und ihr Vater bei Kämpfen gegen die Invasion der dänischen Wikinger starb. Die Krone ging daraufhin an den jüngeren Bruder des Königs, Æthelwolds Onkel, Alfred den Großen. Alfred führte den Krieg gegen die Wikinger fort und erzielte 878 in der Schlacht von Edington einen entscheidenden Sieg. Nach Alfreds Tod 899 versuchte Æthelwold, den Thron von Wessex zu beanspruchen. Als älterer Prinz der königlichen Dynastie (angelsächsisch ætheling) hatte Æthelwold ebenso wie Alfreds Sohn Eduard einen starken Anspruch auf den Thron. Um seinen Thronanspruch durchzusetzen, versuchte Æthelwold, eine Armee aufzustellen, konnte aber nicht ausreichend Unterstützung sammeln, um sich Eduard in Wessex im Kampf zu stellen. Er floh in das von Wikingern beherrschte Northumbria, wo er von diesen als König anerkannt wurde.
Im folgenden Jahr überzeugte Æthelwold die dänischen Wikinger in East Anglia, Eduards Herrschaftsbereich in Wessex und Mercia anzugreifen. Eduard schlug mit einem Überfall auf East Anglia zurück. Als er sich zurückzog, blieben die Männer aus dem verbündeten Königreich Kent zurück und trafen auf die Dänen in der Schlacht von Holme. Die Dänen siegten, erlitten aber schwere Verluste, einschließlich des Todes von Æthelwold, was die Bedrohung von Eduards Thronanspruch beendete. Wäre Æthelwold erfolgreich gewesen – so die Einschätzung heutiger Historiker –, hätte er möglicherweise schneller und friedlicher als Eduard die angelsächsischen und dänischen Königreiche im Süden Britanniens zu einem Königreich England vereinigen können.
Historischer Hintergrund Im Frühmittelalter befanden sich auf dem Gebiet des heutigen Englands eine Vielzahl von teilweise konkurrierenden angelsächsischen Königreichen. Die traditionelle Geschichtsschreibung spricht etwas vereinfachend von sieben Königreichen, von denen zeitweise einzelne Königreiche eine Vorherrschaft über ihre Nachbarn erzielten. Im 8. Jahrhundert war Mercia das mächtigste Königreich im südlichen England, aber im frühen 9. Jahrhundert übernahm Wessex die Vorherrschaft. In den 820er Jahren eroberte Egbert von Wessex den Südosten Englands (Kent, Surrey, Sussex und Essex). Unter Egberts Herrschaft begannen die Einfälle der dänischen Wikinger in England, aber Egbert und sein Sohn Æthelwulf, der ihm 839 auf den Thron folgte, konnten sie zurückschlagen. Æthelwulf starb 858, und auf ihn folgten nacheinander vier seiner Söhne als Könige von Wessex: Æthelbald starb 860, Æthelberht 865, worauf Æthelred, Æthelwolds Vater, den Thron bestieg. 871 sollte schließlich der jüngste von Æthelwulfs Söhnen, Alfred, folgen.
Die Vorherrschaft von Wessex über das Gebiet des heutigen England blieb nicht uneingeschränkt, sondern wurde ab der Mitte des 9. Jahrhunderts durch dänische Wikinger bedroht: 865 fiel das Große Wikingerheer in England ein. Innerhalb von fünf Jahren gelang es den Wikingern, Northumbria und East Anglia zu erobern, und sie zwangen Mercia, sich von ihrer Bedrohung freizukaufen. Ende des Jahres 870 fielen die Wikinger in Wessex ein. Anfang des Jahres 871 kämpften sie in vier kurz aufeinander folgenden Schlachten gegen Armeen unter Æthelred und Alfred, wobei die letzten beiden Schlachten von Wessex verloren wurden. Æthelred starb kurz nach Ostern im Jahr 871 und hinterließ zwei junge Söhne.Sean Miller: Æthelred I [Ethelred I] (d. 871), King of the West Saxons. In: Oxford Dictionary of National Biography. Oxford University Press, Oxford 2004. Ein Recht des Erstgeborenen (Primogenitur) gab es zu dieser Zeit noch nicht, ferner herrschte die Überzeugung, dass Könige Erwachsene sein sollten, weshalb Æthelreds jüngerer Bruder, der spätere Alfred der Große, Æthelred auf den Thron folgte.Ann Williams: Some Notes and Considerations on Problems Connected with the English Royal Succession 860–1066. In: R. Allen Brown (Hrsg.): Proceedings of the Battle Conference on Anglo-Norman Studies. The Boydell Press 1979, ISBN 0-85115-107-8, S. 145–146.
Bis 878 hatten die dänischen Wikinger den Osten Mercias an sich gerissen und beinahe Wessex erobert. Alfred gelang jedoch schließlich mit der gewonnenen Schlacht von Edington ein Wendepunkt; die Wikinger zogen sich auf Gebiete außerhalb von Wessex im Norden und Osten des heutigen Englands zurück. Der Einflussbereich von Wessex und seinen abhängigen Königreichen umfasste im Wesentlichen den Süden und Westen Englands. In den späten 880er Jahren schloss Alfred einen Vertrag mit Guthrum ab, dem dänischen König von East Anglia. Der Vertrag legte die Grenze zwischen Wessex und dem englisch regierten Mercia auf der einen Seite und dem dänisch beherrschten Danelag auf der anderen Seite fest. Ein weiterer Wikingerangriff in der Mitte der 890er Jahre scheiterte.Simon Keynes, Michael Lapidge (Hrsg.): Alfred the Great: Asser’s Life of King Alfred and Other Contemporary Sources. Penguin Classics, London 1983, ISBN 978-0-14-044409-4, S. 18–43, 311. Alfreds Herrschaft sorgte für eine relative Friedensperiode, wobei er sich nicht nur um militärische Aufgaben kümmerte, sondern auch die Kultur förderte.Richard Abels: Alfred the Great. War, Culture and Kingship in Anglo-Saxon England (The Medieval World). London 1998.
Trotz dieser relativen Friedenszeit war das Gebiet Englands de facto damit zwischen Angelsachsen und dänischen Wikingern zweigeteilt, und die Dänen sowie das Königreich Wessex standen immer wieder in Konkurrenz zueinander, bis hin zu feindlichen Übergriffen.
Familie Über Æthelwolds unmittelbare Familie ist wenig bekannt. Æthelwolds Mutter war vermutlich eine Wulfthryth, die als Zeugin in einer Urkunde von 868 auftaucht. Wulfthryth und Æthelred hatten zumindest zwei Söhne, Æthelwold und Æthelhelm, wobei Historiker davon ausgehen, dass Æthelhelm der ältere Bruder war.Barbara Yorke: Edward as Ætheling. In: N.J. Higham, D.H. Hill (Hrsg.): Edward the Elder 899–924. Routledge, Abingdon 2001, ISBN 0-415-21497-1, S. 35. Ryan Lavelle: The Politics of Rebellion: The Ætheling Æthelwold and West Saxon Royal Succession, 899–902. In: Patricia Skinner (Hrsg.): Challenging the Boundaries of Medieval History. The Legacy of Timothy Reuter. Brepols, Turnhout 2009, ISBN 978-2-503-52359-0, S. 56. Dafür spricht auch, dass Æthelhelm vor Æthelwold im Testament Alfreds des Großen aufgeführt wurde.Simon Keynes, Michael Lapidge (Hrsg.): Alfred the Great: Asser’s Life of King Alfred and Other Contemporary Sources. Penguin Classics, London 1983, ISBN 978-0-14-044409-4, S. 177. Æthelred wurde 848 geboren und starb 871, also müssen seine Söhne zum Zeitpunkt seines Todes zu jung gewesen sein, um auf den Thron zu folgen, weshalb Æthelreds Bruder Alfred König von Wessex wurde.
Die erste schriftliche Erwähnung von Æthelwold und seinem Bruder Æthelhelm ist in König Alfreds Testament, das Alfred in den 880er Jahren verkündete. Die einzige andere Erwähnung von Æthelwold vor Alfreds Tod ist eine Urkunde, die wahrscheinlich aus den 890er Jahren stammt und in der Æthelwold als Zeuge auftaucht, Æthelhelm jedoch nicht mehr. Die Historikerin Barbara Yorke geht deshalb davon aus, dass Æthelhelm wahrscheinlich in den 890er Jahren bereits verstorben war.Barbara Yorke: Edward as Ætheling. In: N.J. Higham, D.H. Hill (Hrsg.): Edward the Elder 899–924. Routledge, Abingdon 2001, ISBN 0-415-21497-1, S. 30–31.S 356. In: The Electronic Sawyer: Online Catalogue of Anglo-Saxon Charters. Letzter Zugriff am 11. April 2020.Ryan Lavelle: The Politics of Rebellion: The Ætheling Æthelwold and the West Saxon Royal Succession, 899–902. In: Patricia Skinner (Hrsg.): Challenging the Boundaries of Medieval History: The Legacy of Timothy Reuter. Brepols, Turnhout, 2009. ISBN 978-2-503-52359-0, S. 56.
Disput um das Erbe 878, als Alfred beinahe im Kampf mit den dänischen Wikingern sein Leben verlor, wären Æthelhelm und Æthelwold, inzwischen erwachsen, vermutlich die nächsten Anwärter auf den Thron von Wessex gewesen, noch vor Alfreds Sohn Eduard, der etwa zehn Jahre jünger als Æthelhelm war.Barbara Yorke: Edward as Ætheling. In: N.J. Higham, D.H. Hill (Hrsg.): Edward the Elder 899–924. Routledge, Abingdon 2001, ISBN 0-415-21497-1, S. 30. Diese Position wurde jedoch durch das Testament ihres Großvaters, Æthelwulf, durch Abmachungen zwischen Æthelred und Alfred und schließlich durch Alfreds eigenes Testament geschwächt. Davon profitiert hat Alfreds Sohn, der spätere Eduard der Ältere, dem Alfred den Weg auf den Thron zu ebnen suchte.
Æthelwulfs Testament und seine Konsequenzen Ausgangspunkt des Konflikts um das Erbe und den Thron von Wessex war das Testament Æthelwulfs. Nach König Æthelreds Tod 871 und der Thronfolge durch seinen jüngeren Bruder Alfred beschwerten sich die Unterstützer von Æthelreds Söhnen, dass Alfred Besitztümer einbehalten hätte, die eigentlich Æthelhelm und Æthelwold zugestanden hätten. Der Disput betraf Besitztümer, die durch das Testament von Alfreds Vater, Æthelwulf, vererbt wurden. Dieses Testament ist nicht erhalten, aber einige Details sind in Assers Biografie von König Alfred überliefert. Alfred selbst beschrieb ferner einige der Verfügungen von Æthelwulfs Testament in der Präambel seines eigenen Testaments.Simon Keynes, Michael Lapidge (Hrsg.): Alfred the Great: Asser’s Life of King Alfred and Other Contemporary Sources. Penguin Classics, London 1983, ISBN 978-0-14-044409-4, S. 16.
Historiker haben Æthelwulfs Testament unterschiedlich eingeschätzt. Die Historiker Simon Keynes und Michael Lapidge legen nahe, dass Æthelwulf sein Königreich teilen wollte: Æthelwulfs anderer überlebender Sohn, Æthelberht, war schon separat im östlichen Königreich versorgt (das vor kurzem eroberte Südostengland), das er als König 855 und 856 regierte und das er vermutlich an seine Nachkommen vererben sollte. Der westliche Teil von Wessex sollte gemeinsam an die übrigen drei Brüder unter der Annahme gehen, dass schließlich alles an den Bruder vererbt werden würde, der am längsten leben würde. Dies passierte jedoch letztlich nicht, weil Æthelbald 860 starb und der östliche und der westliche Teil des Königreichs unter Æthelberht wiedervereinigt wurden. Als Æthelred 865 Æthelberht auf den Thron folgte, forderte außerdem Alfred von Æthelred seinen Anteil am Erbe des Vaters. Æthelred lehnte ab, aber er erkannte Alfred vermutlich als Thronfolger an.Simon Keynes, Michael Lapidge (Hrsg.): Alfred the Great: Asser’s Life of King Alfred and Other Contemporary Sources. Penguin Classics, London 1983, ISBN 978-0-14-044409-4, S. 16–17, 314.Patrick Wormald: Kingship and Royal Property from Æthelwulf to Edward the Elder. In: N.J. Higham, D.H. Hill (Hrsg.): Edward the Elder 899–924. Routledge, Abingdon 2002, ISBN 0-415-21497-1, S. 268–270.