mini|hochkant|Mutmaßliche Darstellung Christopher Marlowes Tamburlaine the Great ist ein Theaterstück in zwei Teilen des englischen Dramatikers Christopher Marlowe. Es basiert lose auf dem Leben des zentralasiatischen Militärführers Timur (Temür ibn Taraghai Barlas, 1336–1405). Als das Drama 1587 oder 1588 niedergeschrieben wurde, galt es als Meilenstein der englischen Literatur des Elisabethanischen Zeitalters; es markiert eine Abkehr von der plumpen Sprache und den simplen Handlungen in den Stücken früherer Dramatiker hin zu einem neuen Interesse an frischer und lebendiger Sprache, herausragendem Handlungsgeschehen und intellektueller Komplexität. Zusammen mit der Spanischen Tragödie von Thomas Kyd könnte es als erster öffentlicher Erfolg des Elisabethanischen Theaters angesehen werden.

Marlowe, als der Herausragendste einer Gruppe von Dramatikern, die später unter dem Namen University Wits zusammengefasst wurden, beeinflusste die Autoren in der Regierungszeit Jakob I. und der Widerhall des Bombasts und der sprachlichen Ambition, wie sie in Tamburlaine zu hören ist, kann man in allen Stücken jener Zeit bis hin zur Schließung der Londoner Theater (1642) bemerken. Auch wenn Tamburlaine als den großen Tragödien des späten elisabethanischen und frühen jakobinischen Theaters unterlegen betrachtet wird, ist seine Bedeutung in der Schaffung neuer Themen und insbesondere der Demonstration des Potentials, welches der Blankvers im Drama hat, immer noch unbestritten.

Handlung Während der wahre Timur türkisch-mongolischer Abstammung war und dem Adel angehörte, zeichnet Marlowe ihn als einen skythischen Hirten, der zum Kaiser emporsteigt.

Teil 1 beginnt in Persepolis. Der persische Kaiser Mycetes entsendet Truppen, um Tamburlaine, einen skythischen Hirten und zu diesem Zeitpunkt ein nomadischer Bandit, zu eliminieren. In derselben Szene plant der Bruder des Kaisers Cosroe Mycestes zu stürzen und den Thron zu besteigen. Die Szene wechselt nach Skythien, wo Tamburlaine gezeigt wird, wie er Zenocrate, die Tochter des ägyptischen Königs, umwirbt, einfängt und gewinnt. Von Mycetes’ Soldaten konfrontiert, überredet er zuerst die Soldaten und dann Cosroe, sich ihm in einem Kampf gegen Mycetes anzuschließen. Obwohl er Cosroe dabei den Thron Persiens verspricht, bricht Tamburlaine diese Zusage und übernimmt nach dem Sieg über Mycetes selber die Führung des Persischen Reichs.

Tamburlaine ist jetzt eine mächtige Person und wendet seine Aufmerksamkeit gegen Bajazeth, den Kaiser der Türken. Er besiegt Bajazeth und seine Nebenkönige und nimmt ihn und seine Frau Zabina gefangen. Der siegreiche Tamburlaine hält den besiegten Herrscher in einem Käfig und füttert ihn mit Resten von seinem Tisch. Zwar lässt er Bajazeth ab und an frei, jedoch nur um ihn als Fußschemel zu benutzen. Als er von Tamburlaines nächstem Sieg hört, tötet Bajazeth sich, indem er seinen Kopf gegen die Käfigstangen schlägt. Als Zabina seine Leiche findet, folgt sie ihm in den Tod.

Nachdem Tamburlaine Afrika erobert und sich selbst zum Kaiser des Kontinents ernannt hat, richtet er seinen Blick auf Damaskus. Ein Ziel, das den ägyptischen Sultan, seinen zukünftigen Schwiegervater, direkt in seinen Weg stellt. Zenocrate bittet ihren zukünftigen Ehemann, ihren Vater zu schonen. Er stimmt zu und macht den Sultan stattdessen zu einem Nebenkönig. Das Stück endet mit der Hochzeit von Tamburlaine und Zenocrate, die zur Kaiserin von Persien gekrönt wird.

In Teil 2 bereitet Tamburlaine seine Söhne darauf vor, ebenfalls als Eroberer benachbarte Königreiche anzugreifen. Sein ältester Sohn Calyphas, der es vorzieht, an der Seite seiner Mutter zu bleiben, um nicht den Tod zu riskieren, erfährt Tamburlaines Zorn. Währenddessen entkommt Callapine, der Sohn Bajazeths, aus Tamburlaines Gefängnis und versammelt eine Gruppe von Nebenkönigen an seiner Seite, um seinen Vater zu rächen.

Callapine und Tamburlaine treffen in der Schlacht aufeinander, wobei Tamburlaine den Sieg davonträgt. Als Tamburlaine feststellt, dass sein Sohn Calyphas während der Schlacht in seinem Zelt geblieben ist, tötet er ihn wutentbrannt. Tamburlaine zwingt die besiegten Könige, seinen Streitwagen auf sein nächstes Schlachtfeld zu ziehen und höhnt: „Holla ye pampered jades of Asia!“ (Holla ihr verwöhnten Weiber Asiens!) und „What, can ye draw but twenty miles a day?“ (Was, könnt ihr nur zwanzig Meilen am Tag ziehen?). Bei Erreichen von Babylon, welches sich gegen ihn zur Wehr setzt, begeht Tamburlaine weitere Akte überzogener Grausamkeit. Als der Stadtgouverneur versucht, sein Leben zu retten, indem er den Zugang zur Stadtkasse preisgibt, lässt Tamburlaine ihn von der Stadtmauer hängen und erschießen. Er ordnet an die Einwohner – Männern, Frauen und Kinder – zu fesseln und in einen nahe gelegenen See zu werfen. Schließlich verbrennt Tamburlaine verächtlich eine Kopie des Korans und behauptet, größer als Gott zu sein.

Im letzten Akt erkrankt er, schafft es aber noch einen weiteren Feind zu besiegen, bevor er stirbt. Zuvor bittet er seine Söhne, den Rest der Erde zu erobern, wenn er das Leben verlässt.

Charaktere In beiden Teilen Tamburlaine – in Teil 1 ein skythischer Hirte; in Teil 2 König von Persien Techelles – in Teil 1 ein Gefolgsmann Tamburlaines; in Teil 2 König von Fez Usumcasane – in Teil 1 ein Gefolgsmann Tamburlaines; in Teil 2 König von Marokko Theridanes – in Teil 1 ein persischer Adeliger, später Gefolgsmann Tamburlaines; in Teil 2 König von Algier Zenocrate – Tochter des Sultans von Ägypten; in Teil 2 Ehefrau von Tamburlaine

Nur in Teil 1 Mycetes – König von Persien Cosroe – Bruder von Mycetes Ceneus – ein persischer Adeliger Ortygius – ein persischer Adeliger Meander – ein persischer Adeliger Menaphon – ein persischer Adeliger Bajazeth – Kaiser der Türkei Zabina – Ehefrau von Bajazeth Ebea – Zofe Zabinas König von Algier König von Fez König von Marokko Alcidamus – König von Arabien Sultan von Ägypten Gouverneur von Damaskus Agydas MagnetesAngenommen nach einem fragmentarischen „Mag.“ im Text Capolia – ein Ägypter Anippe Jungfrau von Damaskus 1 Jungfrau von Damaskus 2

Nur in Teil 2 Calyphas – Sohn von Tamburlaine Amyras – Sohn von Tamburlaine Celebinus – Sohn von Tamburlaine Orcanes – König von Natolia König von Jerusalem König von Soria König von Trebizon Gazellus – Vizekönig der „City of Byron“ Uribassa Sigismund – König von Ungarn Frederick – Peer von Ungarn Baldwin – Peer von Ungarn Callapine – Sohn des Bjazeth Alameda – Bewacher von Callapine König von Amasia Gouverneur von Babylon Captain (Kompaniechef) von Balsera Olympia – Ehefrau des Captain von Balsera Ein weiterer Captain Maximus Peridicas

Veröffentlichung Das Stück mit beiden Teilen wurde am 14. August 1590 in das Stationers’ Register eingetragen. Beide Teile wurden im selben Jahr zusammen in einem einzigen Buch (Oktavformat) und in gebrochener Schrift durch den Drucker Richard Jones veröffentlicht; jener Text wird üblicherweise als O1. bezeichnet. Eine zweite Edition wurde 1592 von Jones herausgegeben; eine dritte folgte 1597, welche im Wesentlichen den Nachdruck des Textes der ersten Ausgabe darstellt. Die Stücke wurden dann erneut in Quarto-Buchgröße vom Buchhändler Edward White herausgebracht, Teil 1 im Jahre 1605 und Teil 2 im Jahre 1606 (auch hier der Nachdruck des Textes von 1597).Chambers, Band 3, S. 421.

Obwohl in den ersten Ausgaben kein Autor benannt wurde und die ersten eindeutigen Zuweisungen zu Marlowe deutlich nach 1590 erfolgen, schreiben die Forscher Tamburlaine, aufgrund der Ähnlichkeiten mit seinen anderen Werken, ihm zu. Hierbei half, dass viele Passagen in Tamburlaine Texte seiner anderen Werke durchscheinen lassen und es gibt eine klare Parallele zwischen der Charakterentwicklung in Tamburlaine und der der meisten anderen Charaktere Marlowes. Allein diese Hinweise lassen die Gelehrten geradezu übereinstimmend annehmen, dass Marlowe der Autor von Tamburlaine war.

Rezension Der Einfluss Tamburlaines auf die Entwicklung des Theaters in den 1590er Jahren kann nicht überschätzt werden. Das Stück veranschaulichte und schuf in einigen Fällen viele der typischen Merkmale des hochelisabethanischen Dramas: grandiose und oft schöne Bilder (Bühne und Imagination), hyperbolischer Ausdruck und starke Figuren, die von überwältigenden Leidenschaften verzehrt werden.

Die ersten Berichte zu dem Stück waren allerdings noch recht negativ: Am 16. November 1587 ereignete sich im Rose Theatre während der Aufführung durch die Admiral’s Men ein schweres Unglück: Eine auf der Bühne abgefeuerte Kanone tötete in den Zuschauerreihen ein Kind und eine schwangere Frau.Edmund Kerchever Chambers The Elizabethan Stage. 4 Bände, Clarendon Press, Oxford 1923. Band. 2, S. 135. Im darauffolgenden Jahr verurteilte Robert Greene im Rahmen eines Angriffs auf Marlowe in seinem Epistel das Drama als atheistisch. Dass die meisten Theaterbesucher (und Dramatiker) das Stück jedoch mit Begeisterung aufnahmen, zeigt das anschließend vermehrte Aufkommen asiatischer Tyrannen und „emporstrebender Köpfe“ im Drama der 1590er Jahre.

Marlowes Einfluss auf viele Charaktere in Shakespeares historischen Stücken wurde unter anderem vom Dichter Algernon Swinburne bemerkt. Der Literaturwissenschaftler Stephen Greenblatt hält es für wahrscheinlich, dass Tamburlaine auch zu den ersten Londoner Stücken gehörte, welche Shakespeare sah. Eine Erfahrung, die seine frühen Historiendramen inspirierte, etwa die drei Stücke von Henry VI.Greenblatt, Stephen Will in the World: How Shakespeare Became Shakespeare W. W. Norton & Company, 2004, Seiten 189–249

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts ist diese hyperbolische Sprache aus der Mode gekommen. Shakespeare nutzt allerdings Zitate aus Tamburlaine und legt sie im zweiten Teil Heinrich IV. (II.4.155) in den Mund seines, ohnehin mit angeberischen Tönen hervortretenden, Soldaten Ancient Pistol.Della Hilton, Who Was Kit Marlowe?, Tamburlaine in London, Taplinger Publishing Company, S. 42, „[…] Shall pack-horses / And hollow pampered jades of Asia, / Which cannot go but thirty miles a dag […]?“ In seinem Buch Timber verurteilte Ben Jonson die „Tamerlanes und Tamer-Chams“ des späten Zeitalters, die nichts in sich hatten als das szenische Herumstolzieren und das übertriebene Geschrei, um sie den ignoranten Gaffern zu gewähren („the Tamerlanes and Tamer-chams of the late age, which had nothing in them but the scenical strutting and furious vociferation to warrant them to the ignorant gapers“).Ben Jonson: Timber, or Discoveries made upon men and matter, as they have flowed out of his daily readings, or had their reflux to his peculiar notion of the times, a commonplace book, London 1640, online

Spätere Kritiker haben die von Jonson vertretene Position, dass die Sprache und die Ereignisse in Stücken wie Tamburlaine unnatürlich und letztendlich nicht überzeugend sei, nicht widerlegen können. Dennoch wurde das Stück als der Text über allen anderen angesehen, „in dem das ganze unruhige Temperament des Zeitalters zum Ausdruck kommt“William Long: English Literature: Its History and Significance online in gutenberg.org