Die COVID-19-Pandemie im Vereinigten Königreich trat Ende Januar 2020 als regionales Teilgeschehen der weltweiten COVID-19-Pandemie auf. Das SARS-CoV-2 aus der Familie der Coronaviren verursacht die Krankheit COVID-19 und bei einem Teil der Erkrankten Long COVID. Die Pandemie begann im Dezember 2019 in der chinesischen Metropole Wuhan. Seit dem 11. März 2020 stuft die Weltgesundheitsorganisation (WHO) das Ausbruchsgeschehen als Pandemie ein.
Am 12. März 2020 wurde das Gefährdungsniveau im Vereinigten Königreich (UK) auf die Stufe hoch angepasst.Daily Mail: Chief medics raise coronavirus threat to HIGH across the UK as they admit up to TEN THOUSAND patients may ALREADY have the killer disease, 12. März 2020.
Das nationale Statistikamt Großbritanniens (ONS) teilte am 14. April 2020 mit, dass der National Health Service (NHS) nur die in Krankenhäusern gemeldeten Todesfälle aufaddierte, nicht aber die der gesamten Gemeinden. Todesfälle in Alten- und Pflegeheimen wurden auf diese Weise ignoriert. Erst Ende April nahm man diese mit in die Statistik auf. Außerdem sind laut ONS in England und Wales bis zum 3. April 2020 6235 Menschen gestorben, auf deren Totenschein COVID-19 oder COVID-19-Verdacht stehe. Betrachte man diese Daten, dann sei die Zahl der Toten um 15 Prozent höher als vom NHS publiziert.reuters.com: UK coronavirus death toll could be 15 % higher than previously shown: new data Die Übersterblichkeit von Mitte März bis zum 22. Mai 2020 betrug fast 62.000 Menschen. 48.000 davon werden dem Coronavirus zugeschrieben.bbc.com, zeit.de vom 4. Juni 2020: Boris Johnsons erneute KehrtwendeNiklaus Nuspliger: Warum so viele Engländer am Coronavirus sterben NZZ, 2. Juni 2020, abgerufen am 9. Juni 2020
Im September 2020 stieg die Zahl der täglichen Neuinfektionen stark an. Am 22. September 2020 kündigte Premierminister Boris Johnson Einschränkungen des Alltagslebens an.Johnson: Haben „gefährlichen Wendepunkt“ erreicht Millionen von Menschen im Norden Englands mussten wieder relativ strenge Vorsichtsmaßnahmen einhalten, nachdem die Neuinfektionsraten in zahlreichen Städten auf bis zu 200 Fälle je 100.000 Einwohner gestiegen waren. Die Regierung Johnson kürzte das Kurzarbeitergeld angesichts der hohen Staatsverschuldung. Ein drastischer Anstieg der Arbeitslosigkeit wurde allgemein befürchtet.zeit.de: Auf einmal ganz klein
In den letzten sieben Tagen des Jahres 2020 wurden über 300.000 Neuinfektionen (durchschnittlich 43.342 pro Tag) registriert und 3497 COVID-Tote. Anfang Dezember – einige Wochen früher als in der EU – begann eine große Impfkampagne. Am 4. Januar 2021 verkündete Premierminister Johnson einen dritten Lockdown.Großbritanniens Suche nach dem Ausweg
Bis Mitte Mai 2021 fiel die Zahl der Neuinfizierten stark. Vom 13. April bis zum 25. Mai war sie durchgehend unter 3.000 pro Tag; am 3. Juni waren es 5.274 und am 4. Juni 6.238.coronavirus.data.gov.uk Als Ursachen des Anstiegs gelten Lockerungen und die zunehmende Verbreitung der Delta-Variante (B.1.617.2) des Coronavirus SARS-CoV-2. Am 10. Juni teilte Gesundheitsminister Hancock mit, dass bereits 91 Prozent der Corona-Neuinfektionen durch die Delta-Variante verursacht werden.bbc.com: Delta variant comprises 91 % of new UK cases Mitte Juli 2021 beschloss die Regierung bei gleichzeitigem Ansteigen der Neuinfektionen weitgehende Lockerungen, darunter die Aufhebung aller Abstandsvorschriften; Einreise- und Quarantänevorschriften für nicht Geimpfte und für Einreisende aus „roten Ländern“ bleiben in Kraft.
Im Dezember 2021 verbreitete sich die Omikron-Variante in vielen Staaten, auch in Großbritannien (siehe #Dezember 2021). Am 10. Dezember wurden 50.023 Neuinfektionen an einem Tag registriert; genau drei Wochen später waren es 189.000. Kurz nach Neujahr erreichte die Welle mit 220.000 Neuinfektionen einen Hochpunkt; zehn Tage später war sie nur noch halb so hoch. Vermutlich haben 95 Prozent der Einwohner Antikörper gegen Corona durch Impfungen oder eine Infektion oder beides.Philip Plickert: Ist England jetzt über den Berg?
Status Patrick Vallance, der Chief Scientific Adviser der britischen Regierung, sagte Mitte März 2020, Großbritannien werde den Höhepunkt der Epidemie im Mai bis Juni erreichen. Es könne jetzt nicht mehr verhindert werden, dass sich fast jeder mit COVID-19 anstecken werde. Obwohl die meisten Krankheitsfälle relativ mild verliefen, sei nicht zu verhindern, dass ein Teil von ihnen schwer verlaufen und auch tödlich enden werde.BBC: Coronavirus: UK virus cases rise again as sixth person dies, 10. März 2020 Boris Johnson erklärte Mitte März 2020: Seit dem 23. März 2020 gelten strenge Ausgangsbeschränkungen.
Besondere Sorge galt in Großbritannien dem staatlichen Gesundheitssystem NHS, das als chronisch überlastet und marode gilt. Rosena Allin-Khan, Notfallmedizinerin und Labour-Abgeordnete, berichtete, dass es nicht genügend Schutzkleidung für Ärzte gebe.t-online.de: Briten verzweifeln an Corona – Erfolgsmodell Südkorea, 13. März 2020, abgerufen am 17. März 2020 Eine am 7. April 2020 veröffentlichte Umfrage unter Ärzten berichtete, dass sich die Hälfte der befragten Allgemeinmediziner aufgrund des Mangels an Ausrüstung gar nicht geschützt fühlten. Rund die Hälfte der Krankenhausärzte, die aerosolbildende Eingriffe durchführen, beklagten einen Mangel an FFP-3-Masken.Abi Rimmer: Covid-19: doctors still do not have #properPPE. BMJ, 7. April 2020; doi:10.1136/bmj.m1423
Mitte April 2020 wurde deutlich, dass die Lagerbestände an langärmeligen, flüssigkeitsabweisenden Einweg-Kitteln, die für Ärzte und Pfleger zum Schutz gegen das Coronavirus empfohlenen werden, aufgebraucht waren und auf Intensivstationen zur Neige gehen würden. Dem medizinische Personal wurde von den Behörden mitgeteilt, dass nun die Verwendung anderer Kittel und Schürzen erlaubt sei. Gewerkschaften warnten vor einem erhöhten Ansteckungsrisiko für das Klinikpersonal.
In einer Handlungsanweisung der Regierung waren Regeln für die häusliche Quarantäne festgelegt: Wer Symptome hat, muss sieben Tage zuhause in Quarantäne bleiben und bei andauerndem Fieber weiterhin zuhause bleiben; wer aber mit anderen gemeinsam in einem Haushalt lebt, muss im Falle von Symptomen mindestens 14 Tage, angefangen vom Tag, an dem das erste Haushaltsmitglied Symptome zeigte, zuhause bleiben. Wer mit Symptomen zuhause bleibt, braucht sich keinem COVID-19-Test unterziehen.
Maßnahmen mini|hochkant|Seife als Mangelware,London, 12. März 2020
Unter anderem beschloss die britische Regierung folgende Maßnahmen: Menschen mit Symptomen (Fieber und Husten) wurde eine freiwillige 7-tägige Isolierung empfohlen. Britische Unternehmen wurden aufgefordert, mehr Geräte und medizinische Ausrüstung für Intensivstationen zu produzieren, um damit dem NHS zu helfen, die steigenden Zahlen von Kranken zu bewältigen.Independent: Coronavirus news – live: 'Every single person in this country will be affected,' warns health secretary as government to tell over-70s to self isolate for months, 15. März 2020 Älteren Menschen wurde angeraten, auf Kreuzfahrten zu verzichten und sich in Selbstisolierung zu begeben, insbesondere wenn sie Vorerkrankungen haben. Am 23. März 2020 verhängte die Regierung Ausgangsbeschränkungen, die vorgeben, dass die Bürger ihr Zuhause nur für wichtige Erledigungen und Sport verlassen dürfen. Gemeinsames Sporttreiben im Freien wurde auf Mitglieder desselben Haushalts beschränkt. Versammlungen im öffentlichen Raum von mehr als zwei Personen wurden verboten. Am 16. April 2020 wurde bekannt, dass die Ausgangsbeschränkungen um drei Wochen verlängert wurden. Mitte April 2020 wurde der Lockdown weiter verlängert. Am 31. Mai 2020 machte die Regierung weitere Änderungen bekannt. Ab dem 1. Juni 2020 dürfen Autohäuser öffnen und Märkte im Freien stattfinden; Treffen im Freien mit bis zu sechs Personen werden erlaubt, wobei sechs Fuß (circa zwei Meter) Abstand einzuhalten sind. Zugleich sind die neuen Regeln restriktiver, was Versammlungen in Innenräumen betrifft: Drinnen sind jegliche Treffen von zwei oder mehr Personen, „um in jedweder Form der sozialen Interaktion miteinander zu interagieren oder andere Aktivität miteinander auszuüben“, verboten. Medien sprachen von einem sex ban (Sexverbot), da die neue Regelung sich auf jeglichen Kontakt zu Menschen außerhalb des eigenen Hausstandes erstreckt. Vor dem 1. Juni 2020 galt, dass jemand, der andere in deren Haushalt besuchte, gegen den Lockdown verstieß, nicht aber der Gastgeber. Das Gesetz nennt zwar einige Ausnahmen vom Verbot, nicht aber den Kontakt zu einem außerhalb des eigenen Haushalts wohnenden Lebenspartner. Ab dem 15. Juni 2020 sollen weitere Dienstleister und Geschäfte öffnen dürfen. Für die Stadt Leicester wurde Ende Juni eine Beschränkung des öffentlichem Lebens durch die britische Regierung beschlossen, da dort die Infektionszahlen im Gegensatz zu den meisten anderen Teilen des Königreiches angestiegen waren. So sollen in Leicester für mindestens zwei Wochen ab dem 1. Juli 2020 ausschließlich systemrelevante Einrichtungen offen bleiben. Schulen würden ebenfalls in den ersten Tagen des Juli schließen.
Einreisebeschränkungen Es gab zeitweise Einreisebeschränkungen (elektronische Anmeldung, Covid-19-Test, Quarantäne) für das Vereinigte Königreich.
Impfstrategie und Fortschritt der Impfungen mini|hochkant=1.5|Impfstrategie im Vereinigten Königreich nach Bevölkerungs- und Risikogruppen
+COVID-19-Erst- und Zweitimpfungen im Vereinigten Königreich (in Prozent der Bevölkerung über 18 Jahre)DatumImpfungenErst-Zweit-4,3 %0,7 %18,3 %0,9 %38,9 %1,6 %59,4 %9,4 %65,5 %29,1 %75,2 %49,5 %85,5 %63,1 %
Anfänglich wurden drei Impfstoffe zugelassen (Tozinameran von Pfizer/BioNTech, AZD1222 von Oxford/AstraZeneca, MRNA-1273 von Moderna). Am 29. Mai 2021 erhielt auch Ad26.COV2.S von Janssen Pharmaceutica die Zulassung. Für die Impfungen wurde die Bevölkerung in zehn Prioritätsgruppen eingeteilt, die der Reihe nach durchgeimpft werden sollen. Bewohner und Beschäftigte in Pflegeheimen Über 80-Jährige und besonderes exponierte Mitarbeiter in Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen Altersgruppe 75 bis 80 Altersgruppe 70 bis 74 und alle über 16-Jährigen, die als besonders gefährdet galten (Krebspatienten, Organtransplantierte, Patienten mit schweren Lungenerkrankungen) Altersgruppe 65 bis 69 16- bis 64-Jährige, die an einer ernsthaften Erkrankung litten Altersgruppe 60 bis 64 Altersgruppe 55 bis 59 Altersgruppe 50 bis 54 der Rest der Bevölkerung (16 bis 49-Jährige)auch Kinder und Jugendliche können geimpft werden; siehe z. B. hier: COVID-19 vaccination for children and young people (updated 18. Februar 2022) Die Impfung ist freiwillig. Der Regierungskoordinator der britischen Impfkampagne gab am 2. Februar 2021 bekannt, dass in den Bame Communities (Bame = Black, Asian and Minority Ethnic – Schwarze, Asiaten und andere ethnische Minderheiten) die Impfbereitschaft deutlich geringer ist als in der übrigen Bevölkerung. Es gab falsche Gerüchte über die Impfstoffe und ein Misstrauen gegenüber Empfehlungen weißer Amtspersonen. Zahlreiche Prominente aus der Bame Community (unter ihnen Londons Bürgermeister Sadiq Khan) stellten Internet-Videos gegen Gerüchte online.faz.net vom 5. Februar 2021: Viele Minderheiten trauen der Impfung nicht
Insgesamt machte das Vereinigte Königreich deutlich raschere Fortschritte bei der Durchimpfung der Bevölkerung als die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union. Mit Datum 1. April 2021 waren in der Europäischen Union 16,4 COVID-19-Impfungen pro 100 Personen verabreicht worden, im Vereinigten Königreich 52,4. Es gab mehrmals offene Auseinandersetzungen zwischen der EU-Kommission und der britischen Regierung. Erstere beschuldigte den britisch-schwedischen Pharmakonzern AstraZeneca, die Europäische Union bei Impfstofflieferungen benachteiligt zu haben. Auf britischer Seite berief man sich auf geltende Verträge.
Regionale Unterschiede in den Impfquoten