mini|300px|Tafel zum Gedenken an die Dezembermorde im Fort Zeelandia, enthüllt am 8. Dezember 2009 von Präsident Ronald Venetiaan miniatur|hochkant|Desi Bouterse, Oberbefehlshaber von Suriname (1985) Mit dem Begriff Dezembermorde werden die Folterung und Ermordung von 15 Gegnern des surinamischen Militärregimes von Desi Bouterse am 7. und 8. Dezember 1982 bezeichnet. Ab 2007 fand vor einem surinamischen Militärgericht der Strafprozess wegen dieses Verbrechens statt. Nachdem der Prozess über Jahre verzögert und behindert worden war, wurde am 29. November 2019 der Hauptangeklagte Desi Bouterse, damaliger Oberbefehlshaber der Armee und seit 2010 Präsident des Landes, zu 20 Jahren Haft verurteilt; sechs weitere Angeklagte zu Strafen von 10 bis 15 Jahren Haft. Keiner der Verurteilten wurde bis April 2020 in Haft genommen, da die Berufungsmöglichkeiten noch nicht erschöpft waren. Der Hauptangeklagte Bouterse genoss als Präsident des Landes zudem politische Immunität. Bouterse starb im Dezember 2024, ohne die Haft angetreten zu haben.

Die Dezembermorde mini|Die Bastion Veere mit Einschusslöchern, von denen einige erst später im Rahmen der Untersuchung verursacht wurden In der Nacht vom 7. auf den 8. Dezember 1982 wurden 14 prominente Kritiker des Militärregimes von Suriname, dem mit etwas mehr als 500.000 Einwohnern kleinsten Land Südamerikas, aus ihren Wohnungen und zwei weitere aus dem Gefängnis geholt. Die Männer wurden zum Fort Zeelandia gebracht, dem damaligen Hauptquartier der Militärverwaltung nahe der Hauptstadt Paramaribo. Nach Aussagen von Zeugen erhob der damalige Oberbefehlshaber der Armee und Chef des Militärrates, Desi Bouterse, in einem „Scheinprozess“ persönlich Anklagen gegen die Männer. Sie wurden gefoltert und 15 der 16 Männer auf der Bastion Veere im Fort Zeelandia exekutiert.

In derselben Nacht zerstörte das Militär das Hauptquartier der Gewerkschaft Moederbond, zwei Radiostationen sowie die Redaktionsräume der oppositionellen Zeitung De Vrije Stem.

Am 8. Dezember 1982 erklärte Bouterse im surinamischen Fernsehen, dass an Weihnachten 1982 ein Putsch mit der Unterstützung ausländischer Kräfte, darunter der US-amerikanischen CIA, geplant gewesen sei und dass man dies frühzeitig vereitelt habe. Er behauptete zudem, die Männer seien auf der Flucht erschossen worden. Anschließend wurde eine kurze Filmsequenz gezeigt, in der der Häftling Jozef Slagveer zu sehen war, dessen linke Gesichtshälfte geschwollen war und der in Anwesenheit des Mithäftlings Roy Horb vor laufender Kamera eine Erklärung verlas. Er habe tatsächlich in Zusammenarbeit mit ausländischen Kräften geplant, das Regime zu stürzen. Auch André Kamperveen gab eine ähnliche Erklärung ab, da er aber noch stärkere Spuren von Misshandlungen aufwies, wurde diese nur im Radio gesendet. Der Film wurde erst später während des Strafprozesses gezeigt.

Den Morden waren mindestens drei erfolglose Versuche vorausgegangen, das Militärregime zu stürzen und die Demokratie wieder herzustellen, sowie Massendemonstrationen und Streiks im November 1982, als Reaktion auf die Festnahme des Gewerkschaftsführers Cyrill Daal.

Die Opfer mini|hochkant|Denkmal für André Kamperveen vor dem Stadion in Paramaribo John Baboeram (36), Rechtsanwalt Bram Behr (31), Journalist mit Verbindung zum kommunistischen Wochenblatt Mokro Cyrill Daal (46), Vorsitzender des Moederbond, damals größte Gewerkschaft von Suriname Kenneth Gonçalves (42), Rechtsanwalt und Präsident des lokalen Anwaltverbandes Eddy Hoost (48), Rechtsanwalt André Kamperveen (58), Unternehmer, Eigentümer von ABC Radio, vormaliger Minister für Jugend, Sport und Kultur sowie Vizepräsident der FIFA Gerard Leckie (39), Psychologe und Dekan der Wirtschaftsfakultät der Universität von Suriname Sugrim Oemrawsingh (42), Mathematiker und Naturwissenschaftler sowie ehemaliges Parlamentsmitglied der Vooruitstrevende Hervormings Partij.Rapport over de mensenrechtensituatie in Suriname van de Inter-Amerikaanse Commissie voor de Mensenrechten Sein Zwillingsbruder war Baal Oemrawsingh, Medizindozent an der Universität von Suriname, dessen blutiger Leichnam nach einem Putschversuch im März 1982 aufgefunden worden war. Lesley Rahman (28), Journalist der Tageszeitung De Ware Tijd Surendre Rambocus (29), Leutnant, der im März 1982 den Putschversuch gegen Bouterse angeführt hatte und im November 1982 zu zwölf Jahren Haft verurteilt worden war Harold Riedewald (49), Rechtsanwalt Jiwansingh Sheombar (25), Soldat, der beschuldigt wurde, am Putschversuch im März 1982 beteiligt gewesen zu sein und deshalb zu acht Jahren Haft verurteilt worden war Jozef Slagveer (42), Journalist und Direktor der Nachrichtenagentur Informa Robby Sohansingh (37), Unternehmer Frank Wijngaarde (43), Journalist und Radiosprecher bei ABC Radio

Alle Opfer waren Mitglied in der Suriname Association for Democracy. Mit John Baboeram, Eddy Hoost, Kenneth Gonçalves und Harold Riedewald befanden sich vier der renommiertesten Strafverteidiger von Suriname unter den Opfern. Sie waren in dem Prozess wegen eines Putsches am 11. März 1982 als Verteidiger der Angeklagten Surendre Rambocus und Djiewansing Sheombar tätig.

Viele Familienangehörige der ermordeten Männer emigrierten nach den Dezembermorden in die Niederlande, bis 1975 Kolonialmacht von Suriname.

Berichte und Voruntersuchungen Bericht der niederländischen Juristenkommission Am 14. Februar 1983 legte die niederländische Sektion der Internationalen Juristenkommission (NJCM) in Leiden ihren Bericht zu den Dezembermorden vor. Er fasste die Aussagen von Zeugen zusammen, die zwischen dem 9. und 13. Dezember im Leichenhaus des Universitätsklinikums in Paramaribo die zum Teil verstümmelten Körper der Opfer gesehen hatten. Danach wiesen die Gesichter aller Opfer Spuren von schweren Misshandlungen auf, die Körper Knochenbrüche und andere Verwundungen, die nicht von Gewehrschüssen herrühren konnten. Auch stellten Experten fest, dass die Schüsse in Brust und Bauch eindeutig von vorne abgegeben worden waren. Fazit des Berichts war, dass die Opfer nicht versucht hatten zu fliehen, sondern dass sie schwer gefoltert und dann getötet worden waren. Es wurden auch einzelne Verletzungen aufgelistet: So war Cyrill Daal entmannt worden. Surendre Rambocus wurde von mehreren Kugeln durchbohrt, angefangen vom linken Fuß bis zum Hals, seine Zunge war herausgeschnitten und das Gesicht von Brandwunden durch Zigaretten übersät. Jiwansingh Sheombars Brust und Bauch wiesen Schüsse in einem Kreuzmuster auf.

Vereinte Nationen mini|hochkant|Amos Wako (1984) 1983 forderten die Angehörigen von acht Opfern der Dezembermorde den UN-Menschenrechtsausschuss auf, die Hinrichtungen als Verstoß gegen den Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte (IPbpR) zu verurteilen. Die surinamische Regierung verlangte im Gegenzug, der Antrag solle für unzulässig erklärt werden. Der Ausschuss urteilte aber, dass die 15 Opfer unter Verstoß gegen Artikel 6 des IPbpR „willkürlich getötet“ worden seien, und forderte Suriname auf, die Morde zu untersuchen und die Verantwortlichen strafrechtlich zu verfolgen.

1984 besuchte der Sonderberichterstatter des UN-Menschenrechtsausschusses, Amos Wako, Suriname und die Niederlande als ehemaliges Mutterland des Landes, wo eine große surinamische Gemeinschaft lebt. Er stellte fest, dass in der Nacht vom 7. auf den 8. Dezember 1982 „standrechtliche oder willkürliche Hinrichtungen“ stattgefunden hätten, die „eine traumatische Wirkung“ auf die surinamische Bevölkerung gehabt hätten, insbesondere mit Hinblick auf den prominenten Status der Opfer. Viele Surinamer seien der Meinung, dass eine unabhängige Untersuchung und Verfolgung der Schuldigen notwendig sei.

1992 wurde Desi Bouterse in den Niederlanden in Abwesenheit wegen Drogenhandels zu elf Jahren Haft verurteilt. Wegen eines internationalen Haftbefehls konnte er anschließend das Land nicht verlassen, war aber nach seiner Wahl zum Präsidenten im Jahre 2010 durch politische Immunität geschützt.

Gerichtliche Untersuchung miniatur|hochkant|Bouterse als Präsident von Suriname (12. August 2010) Am 1. November 2000, kurz vor Ablauf der Verjährungsfrist, wurde eine gerichtliche Voruntersuchung unter Leitung von Untersuchungsrichter Albert Ramnewash eingeleitet. Im Dezember 2002 ordnete Ramnewash eine Autopsie der Opfer an, und das Nederlands Forensisch Instituut (NFI) wurde hinzugezogen. Im August 2004 übermittelte das NFI die Ergebnisse der forensischen Untersuchung an das surinamische Untersuchungsteam, das Anfang Dezember 2004 die Voruntersuchung abschloss.

Im Jahr 2000 kam John Dugard, langjähriger Rechtsberater von Bischof Desmond Tutu, zu dem Schluss, dass die Dezembermorde vom 8. Dezember 1982 mit Folterungen und Hinrichtungen ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit gewesen seien. Um die friedliche Volksbewegung für Recht und Demokratie zu brechen, seien gezielt ihre intellektuellen Anführer ermordet worden. Im selben Jahr berichtete der einzige Überlebende, der Gewerkschaftsführer Freddy Derby, Bouterse habe ihm zugesagt, ihn am Leben zu lassen, um die „rebellischen“ Gewerkschaften von Suriname zu beruhigen.

Strafrechtliche Verfolgung Beginn des Prozesses Im März 2007 entschuldigte sich Desi Bouterse öffentlich für die Dezembermorde. Gleichzeitig plädierte er für eine Amnestie der Täter und ihrer Komplizen. Bouterse erklärte, er sei lediglich „politisch verantwortlich“ für die Morde: „Es hieß: sie oder wir.“ Er sei auch nicht persönlich in der Festung anwesend gewesen. Dementgegen sagten zwei Augenzeugen aus, die Opfer Paul Bhagwandas und Roy Horb seien in Bouterses Büro in Fort Zeelandia kurz vor ihrem Tod durch ihn „verhört“ worden. Bouterse habe als „Richter“ agiert und die Strafen ausgesprochen. Laut den Aussagen der beiden Zeugen – zwei Soldaten – wurden die Morde schon einen Monat zuvor vorbereitet. Ursprünglich sei geplant gewesen, die Männer auf einem Patrouillenboot auf See zu erschießen.

Am 30. November 2007, 25 Jahre nach der Tat, begann der Strafprozess wegen der Dezembermorde vor einem Militärgericht in Suriname unter dem Vorsitz von Richterin Cynthia Valstein-Montnor. 25 Männer waren angeklagt, und Desi Bouterse als damaliger Oberbefehlshaber der Armee war der Hauptangeklagte. Speziell für dieses Strafverfahren wurde im Bezirk Domburg ein stark gesicherter Gerichtssaal errichtet. Ivo Evers, Pieter Van Maele: Bouterse aan de macht. ().

Der Prozess verlief schleppend, und Bouterse selbst, der im Mai 2010 trotz des laufenden Verfahrens zum Präsidenten von Suriname gewählt worden war und dadurch nun Immunität genoss, erschien bis zu seiner Berufungsverhandlung im Januar 2020 nie vor dem Gericht. Einer der 25 Angeklagten, Ruben Rozendaal, erklärte am 8. Mai 2010, dass ihm der Anwalt von Bouterse 10.000 US-Dollar gegeben habe, zum Dank dafür, dass er keine Bouterse belastenden Aussagen gemacht habe. Am 23. März 2012 sagte er aus, Desi Bouterse habe die Opfer Cyrill Daal und Surendre Rambocus eigenhändig erschossen. Bouterse sei ebenfalls verantwortlich für den Tod von Roy Horb, dessen Schwager Guno Mahadew, von Roy Tolud und Wilfred Hawker. Auch sei Bouterse ein Drogendealer und Waffenhändler, der weitere Morde in den 1980er Jahren zu verantworten habe. Rozendaal erklärte, er habe wegen einer schweren Erkrankung nicht mehr lange zu leben und wolle seinen Namen vor seinem Tod reinwaschen. Seine eigene Rolle bei den Dezembermorden habe einzig darin bestanden, André Kamperveen zu Hause abzuholen und nach Fort Zeelandia zu bringen. Er habe nicht an den Folterungen und Morden teilgenommen. Im Dezember 2017 beging Rozendaal Suizid, nachdem der Staatsanwalt für ihn einen Monat zuvor zehn Jahre Haft gefordert hatte.

Das Amnestiegesetz