Die Terwingen („Waldbewohner“)Herwig Wolfram: Die Goten. Von den Anfängen bis zur Mitte des sechsten Jahrhunderts. Entwurf einer historischen Ethnographie. 4. Auflage, München 2001, S. 35 mit Verweis auf abweichende Etymologie in Anm. 10; zum Namenkundlichen vgl. auch (kostenpflichtig abgerufen über GAO, De Gruyter Online) waren ein Teilstamm der ostgermanischen Goten. Nach der Trennung der Goten in TerwingenDie Terwingen werden in den Quellen erstmals im Jahr 291 genannt: vgl. Panegyrici Latini XI [III], 17, 1 und östlich des Dnestr lebende Greutungen siedelten sie sich Ende des 3. Jahrhunderts – nachdem Kaiser Aurelian die Provinz Dakien aufgegeben hatteVgl. (kostenpflichtig abgerufen über GAO, De Gruyter Online) – bis zum Auftauchen der Hunnen in Europa im Jahr 375 in einem als Gutþiuda (gotisch; ) bezeichneten Gebiet nördlich der unteren Donau anZur Ausdehnung der Gutþiuda vgl. Herwig Wolfram: Die Goten. Von den Anfängen bis zur Mitte des sechsten Jahrhunderts. Entwurf einer historischen Ethnographie. 4. Auflage, München 2001, S. 100–102., das direkt an das Römische Reich angrenzte. Aus ihnen gingen sowohl die Kleingoten als auch die Visigothen – die späteren Westgoten – sowie wahrscheinlich auch die späteren ThüringerVgl. Heike Grahn-Hoek: Stamm und Reich der frühen Thüringer nach den Schriftquellen. In: Zeitschrift des Vereins für Thüringische Geschichte 56. 2002, S. 7–90. hervor.
Die Terwingen waren mehrfach in militärische Konflikte mit den Römern verwickelt. Mit dem Hunneneinfall des Jahres 375 zerfielen sie in verschiedene Gruppierungen, die größtenteils Gutþiuda verließen.Vgl. (kostenpflichtig abgerufen über GAO, De Gruyter Online) Als Visigothen siedelte ein Teil der Terwingen, sicher vor Hunnenüberfällen, auf oströmischem Boden. Während der spätantiken Völkerwanderungszeit bildeten sie als die Visigothen (spätere Westgoten) auf dem Boden des ehemaligen weströmischen Reiches ein eigenes Reich, das in der Folge der Schlacht am Río Guadalete des Jahres 711 unterging.
Die Terwingen bezeichneten sich selbst wohl auch mit Visi, „die Guten, Edlen“, dennoch unterschieden sie sich als freie Ansiedler im Barbaricum sehr von den Visigothen, die erst in einer eigenen Ethnogenese nach 376 auf dem oströmischen Reichsgebiet entstanden und in den Quellen auftauchen.Vgl. Peter J. Heather: The Creation of the Visigoths. In: Peter J. Heather (Hrsg.): The Visigoths from the Migration Period to the Seventh Century. An Ethnographic Perspective. 1999, S. 43–73; vgl. Peter J. Heather, John Matthews: The Goths in the Fourth Century. Liverpool 1991. Die reichsgebietlichen Visigothen wurden bereits in den Getica des JordanesVgl. Jordanes, Getica 82. irrtümlich als Westgoten gedeutet.In der deutschen Geschichtsforschung setzt sich die Fehlbezeichnung „Westgoten“ für die Visigothen bis heute fort, hingegen wird international die Bezeichnung „Visigothen“ verwendet.
Anmerkungen
Literatur (kostenpflichtig abgerufen über GAO, De Gruyter Online)
Volker Bierbrauer; Archäologie und Geschichte der Goten vom 1.–7. Jahrhundert. In: Frühmittelalterliche Studien 28. 1994, S. 51–171 (PDF; 20,4 MB), hier S. 98–134. Heike Grahn-Hoek: Stamm und Reich der frühen Thüringer nach den Schriftquellen. In: Zeitschrift des Vereins für thüringische Geschichte 56. 2002, S. 7–90. Peter Heather: Goths and Romans. 332–489. Clarendon Press, Oxford 1991, ISBN 0-19-820234-2 (Qu. und Lit.). Peter Heather: The Goths (= The Peoples of Europe.). Blackwell, Oxford 1996, S. 43–63, ISBN 0-631-16536-3 (Qu. und Lit.). Peter Heather: The Creation of the Visigoths. In: Peter Heather (Hrsg.): The Visigoths from the Migration Period to the Seventh Century. An ethnographic Perspective (= Studies in historical Archaeoethnology. Band 4). Boydell Press u. a., Woodbridge 1999, ISBN 0-85115-762-9, S. 43–73. Peter Heather, John Matthews: The Goths in the Fourth Century. Translated Texts for Historians 11. Liverpool 1991. Friedrich Lotter: Völkerverschiebungen im Ostalpen-Mitteldonau-Raum zwischen Antike und Mittelalter (375–600). Berlin [u. a.] 2003. Knut Schäferdiek: Gotien. Eine Kirche im Vorfeld des frühbyzantinischen Reichs. In: Jahrbuch für Antike und Christentum 33. 1990, S. 36–52 (= In: Knut Schäferdiek: Schwellenzeit. Beiträge zur Geschichte des Christentums in Spätantike und Frühmittelalter 1996 (kostenpflichtiges Digitalisat), S. 97–113). Knut Schäferdiek: Das gotische Christentum im vierten Jahrhundert. In: Triuwe. Studien zur Sprachgeschichte und Literaturwissenschaft (Gedächtnisbuch Elfriede Stutz). 1992, S. 19–50 (= In: Knut Schäferdiek: Schwellenzeit. Beiträge zur Geschichte des Christentums in Spätantike und Frühmittelalter 1996 (kostenpflichtiges Digitalisat), S. 115–146). Knut Schäferdiek: Märtyrerüberlieferungen aus der gotischen Kirche des vierten Jahrhunderts. In: Logos. Festschrift für Luise Abramowski zum 8. Juli 1993 (Zeitschrift für die neutestamentliche Wissenschaft und die Kunde der älteren Kirche). Beiheft 67. 1993, S. 328–360 (= In: Knut Schäferdiek: Schwellenzeit. Beiträge zur Geschichte des Christentums in Spätantike und Frühmittelalter 1996 kostenpflichtiges Digitalisat, S. 169–202). Knut Schäferdiek: Die Anfänge des Christentums bei den Goten und der sog. gotische Arianismus In: Zeitschrift für Kirchengeschichte 112. 2001, S. 295–310 (Digitalisat). Ludwig Schmidt: Geschichte der deutschen Stämme bis zum Ausgang der Völkerwanderung. Die Ostgermanen. 2. Ausgabe, 1941 (Unveränderter Nachdruck 1969), S. 221–249. Andreas Schwarcz: Cult and religion among the Tervingi and the Visigoths and their conversion to Christianity. In: Peter Heather (Hrsg.): The Visigoths from the Migration Period to the Seventh Century. An ethnographic Perspective (= Studies in historical Archaeoethnology. Band 4). Boydell Press u. a., Woodbridge 1999, ISBN 0-85115-762-9, S. 447–458 (Digitalisat). Herwig Wolfram: Die Goten. Von den Anfängen bis zur Mitte des sechsten Jahrhunderts. Entwurf einer historischen Ethnographie. Vierte Auflage, München 2001, S. 65–145 (Qu. und Lit.).
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