mini|Liebfrauenkirche Ravensburg Die Liebfrauenkirche (auch Kirche „Unserer lieben Frau“) ist ein römisch-katholisches Kirchengebäude in Ravensburg in Baden-Württemberg.
Geschichte Die Liebfrauenkirche, erbaut zwischen 1279 und 1360, ist die zweitälteste Pfarrkirche in Ravensburg. Sie liegt am nördlichen Eingang zur Altstadt. Die Kirche war im Mittelalter dem Kloster Weingarten inkorporiert. Im Jahr 1470 wurde ein zusätzliches Seitenschiff angebaut.
Ausstattung mini|Innenraum der Liebfrauenkirche Schutzmantelmadonna Erwähnenswert ist die Kopie einer Schutzmantelmadonna im südlichen Seitenschiff. Das Original stammt aus dem Jahre 1480, als der Ulmer Student Michel Erhart die Schutzmantelmandonna aus Lindenholz übergab. Es handelt sich dabei um ein besonderes sakrales Kunstwerk der spätgotischen Ulmer Schule, das bis heute große Verehrung genießt.Grundlegende Informationen zur Liebfrauenkirche Das Original befindet sich heute in der Skulpturensammlung im Bode-Museum in Berlin.
Hochaltar mini|Schnitzaltar Im Hochchor befindet sich ein bedeutender spätgotischer Schnitzaltar von 1519 aus der Schweiz, der Ende der 1950er Jahre angekauft wurde nach dem Abbau der neugotischen Ausstattung und der Entfernung der einheitlichen neugotischen Ausmalung der Kirche.
Sakramentshaus mini|Sakramentshaus im Chorraum Ein singuläres Sakramentshaus aus Rorschacher Sandstein, das in seiner spätgotischen/frührenaissance Formensprache Parallelen zum Aufbau des Sebaldusgrabes (Bronzeguss, Peter Vischer) in der Nürnberger Sebalduskirche zeigt (beide Werke verzichten auf Streben in die Höhe), befindet sich in der Kirche.
Links daneben befindet sich hinter Glas ein kleines Reisealtärchen aus limousiner Emaille, das ebenfalls spätgotisch ist.
In der Apsis finden sich drei spätgotische Glasfenster (gleicher Meister wie in der Kirche Mariä Himmelfahrt Eriskirch und der Bessererkapelle im Ulmer Münster).
Chorgestühl mini|Chor der Liebfrauenkirche mini|Chorgestühl rechts Im großen gotischen Chorgestühl (im 19. Jahrhundert teilweise ergänzt) versammelte sich im Mittelalter die von der Bürgerschaft getragene Geistlichkeit zum täglichen Chorgebet. Deren Wohnhäuser geben der benachbarten Herrenstrasse bis heute ihren Namen. Diese Nutzung erklärt den für eine Pfarrkirche ungewöhnlich langen Hochchor, der durch einen Lettner (Fundamente 2010 ergraben) vom Schiff getrennt war (vgl. Stiftskirche Tübingen, Stadtkirche St. Dionys Esslingen).
Ein monumentaler spätgotischer Gekreuzigter, welcher lange an der Giebelaußenseite der abgegangenen Kapelle auf dem Alten Friedhof platziert war, findet sich seit den 1950er Jahren an der Ostwand des nördlichen Seitenschiffes und seit 2011 wieder im Chorbogen an einem eleganten Eisenkreuz.
Gemälde alternativtext=Gebhard Fugel, 1909. Wunder der Brotvermehrung|mini|Wandgemälde im Chor (Szenen aus der Andreaslegende und dem Leben Christi) von Gebhard Fugel, 1909. Wunder der BrotvermehrungÜber dem Chorgestühl befinden sich insgesamt sechs großflächige Wandgemälde von Gebhard Fugel, die die Andreaslegende (Bruderschaftspatrozinium der Kirche) und Szenen aus dem Leben Jesu in expressionistischer Manier mit besonderer Lichtwirkung zeigen. Leider sind die Darstellungen heute sehr dunkel und in wenig gutem Zustand. Vom selben Künstler befinden sich im Langhaus die vorzüglich renovierten Kreuzwegstationen zwischen den Fenstern.
2025 wurden zwei Marienbilder von Johann Friedrich Dieterich, die die Verkündigung durch den Engel Gabriel und die Geburt Christi zeigen und seit den 1960er-Jahren eingelagert waren, wieder in der Kirche aufgehängt.
Fenster 1415 wurden die Bleiglasfenster im Chor geschaffen. Erhalten sind die mittelalterlichen Glasmalereien in zwei hohen Fenstern und teilweise im Mittelfenster. Das Apostelfenster im Nordosten mit zweibahnigem Maßwerk und drei Fischblasen im Giebelfeld ist als Mosaikfenster gestaltet. Es zeigt in sechs Medaillons die Zwölf Apostel mit ihren Symbolen. Die rahmenden weißen Spruchbänder mit den zwölf Artikeln des Apostolikums in gotischen Minuskeln bilden einen Vierpass mit den vier Ecken eines Quadrats. Über den Medaillons sind die zwölf Propheten mit gelben und weißen Inschriftenbändern zu sehen. Das Mittelfenster im Osten ist dreibahnig mit Dreipässen im Giebelfeld und das Fenster im Südosten zweibahnig mit vier Fischblasen. Beide Fenster bilden einen Zyklus mit biblischen und legendarischen Szenen aus dem Leben Marias und der Kindheit Jesu. Die Glasmalereien im Mittelfenster gehen weitgehend auf das Jahr 1900 zurück. Die mittelalterlichen Glasmalereien im Südostfenster zeigen die Flucht nach Ägypten, den Kindermord in Bethlehem und die Rückkehr der heiligen Familie nach Nazareth.Heinrich Detzel: Die alten Glasmalereien in der Frauenkirche zu Ravensburg. In : Archiv für christliche Kunst. 9, 1891, S. 74–79.
Im Langhaus befindet sich seit den 1960er Jahren ein Fensterzyklus zu den Sieben Sakramenten von Wilhelm Geyer, dazwischen Ornamentfenster.
Im vorletzten Fenster der Südseite (Ost) ist im unteren Bereich ein Kabinettfenster eingearbeitet, das den Hl. Adalbert zeigt und ein Geschenk der polnischen Partnergemeinde St. Adalbert in Posen ist (1990er Jahre).
Die vier westlichen Fenstermaßwerke im Hochgaden zeigen - im Gegensatz zu den eher stereotypen Drei- und Vierpässen der vorderen und älteren Fenster - abwechslungsreiche Fischblasenmotive und zeugen von der Verlängerung der Kirche um drei Joche nach Westen im 15. Jahrhundert. Das Westportal samt darüber liegendem Fenster wurden mit versetzt. Noch etwas später entstanden das reine und flammenhafte Fischblasenmaßwerk des südöstlichsten Seitenschiffensters (gleich denen der Spitalkapelle in der Ravensburger Bachstraße und einzig original erhaltenes der Seitenschiffe).
Sonstiges Im äußeren südlichen Seitenschiff fand 2011 der Taufstein des 19. Jahrhunderts samt Deckel wieder Aufstellung und Nutzung.
Die gewölbte Empore besitzt reich gestaltete Schlusssteine und Kapitelle.
An der Westwand sind Grab- und Gedenksteine eingelassen.
Das Tympanon des Westportals (außen) zeigt das Marienleben.
Holzfiguren der beiden Heiligen Anna und Joachim, die seit 1898 den Marienaltar von Bildhauer Theodor Schnell dem Jüngeren als Assistenzfiguren zierten und ab etwa 1960 deponiert waren, wurden 2025 wieder aufgestellt und stehen nun auf den beiden Wandsockeln seitlich des Westportals.
Orgeln Bereits Mitte des 15. Jahrhunderts gab es an der Liebfrauenkirche nachweislich Organisten. Im Laufe der Zeit gab es mehrere Instrumente, u. a. seitens der Orgelbauer Joseph Gabler (1749), Carl Gottlieb Weigle (1868, zwei Manuale, mechanische Kegelladen, dt. Hochromantik, ohne SW), Orgelbau Späth (1911, auf drei Manuale ergänzt, pneumatisiert, Elsässer Orgelreform). Historische Stadtansichten aus der Vogelperspektive zeigen ein Balghaus auf dem Dach des nördlichen Seitenschiffes, was auf eine Schwalbennestorgel an der nördlichen Hochschiffwand im westlichen Drittel des Langhauses schließen lässt, vgl. Freiburger und Straßburger Münster. Diese Orgel wurde vermutlich vom aus Ravensburg stammenden Orgelbauer Jörg Ebert erbaut (vgl. seine erhaltene Orgel der Hofkirche Innsbruck u. d. rekonstruierte Gehäuse in Freiburg).
Hauptorgel mini|Prospekt mit Rückpositiv der Hauptorgel Das heutige Instrument wurde im Jahre 1959 als op. 292 von der Firma Reiser (Biberach) erbaut, unter Wiederverwendung von vorhandenem Pfeifenmaterial (teils älter als Weigle) und Windladen der Vorgängerinstrumente und unter Zubau zweier neuer Schleifladen (für Hauptwerk und Brüstungspositiv). Die Hauptorgel hat 54 Register auf vier Manualen und Pedal sowie elektropneumatische Spiel- und Registertrakturen. Die Orgel ist aktuell renovationsbedürftig.
Die Disposition lautet:
I Hauptwerk C–a3Principal 16′Principal 8′Gedeckt 8′Viola di Gamba 8′Octave 4′Koppelflöte 4′Nasat ′ prc.Octave 2′Mixtura maior V–VII2′Mixtura minor IV 1′Bombarde 16′Trompete 8′Clairon 4′ II Schwellwerk C–a3Pommer 16′Principal 8′Rohrgedackt 8′Salicional 8′Vox coelestis (ab c0)8′Geigenprincipal 4′Spitzflöte 4′Schwiegel 2′Septime ′Cornett IV4′Mixtur III ′Schalmey-Oboe 8′Kopftrompete 4′Tremulant III Oberwerk C–a3Bourdon 8′Gemshorn 8′Quintatön 8′Unda maris (ab C)8′Principal 4′Rohrflöte 4′Quinte ′Blockflöte 2′Scharff V1′Krummhorn 8′Tremulant IV Positiv C–a3Coppel 8′Flöte 4′Superoctave 2′Terz ′Quinte ′Cymbel III ′ TerzTrichterregal 8′ Pedalwerk C–f1Principalbass 16′Violonbass 16′Subbass 16′Quintbass ′Octavbass 8′Gedecktbass 8′Choralbass 4′Cornettbass IV 4′Piffaro III 4′Posaune 16′Tromba 8′
Chororgel (Marienorgel) mini|hochkant|Chororgel Die Chororgel wurde 1989 mit zwei Manualen und 15 Registern durch Rudolf Kubak, Augsburg, erbaut und stand anfangs im dritten Bogen links und war auf Weisung des Denkmalamtes fahrbar eingerichtet (unter Bruch der Bodenplatten). Seit 2011 befindet sie sich fest vor der östlichen Stirnwand im nördlichen Seitenschiff, der davor als Chorsingplatz mit mobiler Bestuhlung diente. Die Orgel wurde projektiert und finanziert durch den Verein „Freunde der Kirchenmusik in Liebfrauen e.V.“
Die Disposition lautet:
I Hauptwerk C–g3Principal 8′Rohrflöte 8′Octave 4′Nasard ′ PrincipalOctave 2′Mixtur III ′Trompete 8′ II Brustwerk (schwellbar) C–g3Copel 8′Amarosa 8′ C-fis0 Copel, g0 SpitzprincipalFluet 4′Schwiegel 2′Sesquialter II ′ ab g0 PrincipalLargiot II ′Schalmey 8′Tremulant Pedal C–f1Subbass 16′Prinzipal 8′ (HW)Octave 4′ (HW)Posaune 8′ Janus-Prospekt (Rückseite) Koppeln: II/I, I/P, II/P (als Tritte, Anordnung rechts)
Anmerkungen
Rein mechanische Trakturen, Stimmung ungleichstufig (Kirnberger III). Tonhöhe nicht exakt deckungsgleich mit der Hauptorgel. Keine elektrische Verbindung, die ein Zusammenspiel beider Orgeln ermöglichen würde. Geschnitztes Schleierwerk mit Motiven aus der Lauretanischen Litanei - wegen räumlicher Nähe zur Schutzmantelfrau und dem Patrozinium der Kirche Marienorgel genannt. Im Schnitzwerk findet sich verborgen ein Ginko-Blatt.
Weblinks
Website der Gemeinde Virtuelle Präsentation der mittelalterlichen Glasmalereien in der Liebfrauenkirche im Open-Access-Forschungsmodul Glasmalereien im Kontext
Einzelnachweise
Liebfrauen Liebfrauen Ravensburg Ravensburg, Liebfrauen Ravensburg Kategorie:Erbaut in den 1270er Jahren Kategorie:Kirchengebäude in Europa