Die Eichenmistel (Loranthus europaeus), auch Leimmistel, Riemenmistel und Riemenblume genannt, ist eine Pflanzenart innerhalb der Familie der Riemenblumengewächse (Loranthaceae). Sie ist von Europa bis Westasien verbreitet. Als Halbschmarotzer parasitiert sie, wie die im Gebiet bekanntere Weißbeerige Mistel (Viscum album subsp. album), auf den Ästen von Laubbäumen. Im Unterschied zu dieser allerdings meist auf Eichenarten.

Beschreibung Allgemeine Merkmale Die Eichenmistel ist eine sommergrüne Halbschmarotzer-Pflanze. Einen Teil der benötigten Nährstoffe, insbesondere Wasser und Salze, bezieht sie von den Wirtspflanzen, in deren Leitungsgewebe sie mit ihren Haustorien (Saugorgane) eindringt. Aufgrund des Chlorophyllgehalts der Laubblätter ist sie zur Photosynthese in der Lage und kann so den Bedarf an Kohlehydraten selber decken.Denes Bartha: Loranthus europaeus. In: Enzyklopädie der Holzgewächse: Handbuch und Atlas der Dendrologie. Wiley‐VCH Verlag, Weinheim 2014, ISBN 978-3-527-67851-8, doi:10.1002/9783527678518.

Die Eichenmistel wächst als ausgebreiteter, reichlich gabelig-verzweigter Nanophanerophyt, der 0,30 bis 1 Meter Höhe erreicht. Wurzeln werden keine ausgebildet, vielmehr sitzt die Art ihren Wirtspflanzen basal plattenförmig auf und senkt von dort ihre Haustorien über das Holzgewebe in die Leitungsbahnen der Wirtspflanze. Diese verbreitern sich im Kambium und jüngsten Xylem, nicht jedoch im Phloem.

Ihre Äste sind im Gegensatz zu denen der Mistel braun berindet, die zerbrechlichen Zweige braun oder schwarzgrau. Die Triebe verholzen sehr stark.Roland Aprent: Ein Beitrag zur aktuellen Verbreitung von Loranthus europaeus in der Steiermark. In: Joannea Botanik. 14, 2017, S. 5–24 ().

Vegetative Merkmale mini|Blattansicht Die kurz gestielten, dunkelgrünen und einfachen Laubblätter sind gegenständig angeordnet. Sie entwickeln eine Länge von 2–5 Zentimetern und eine Breite von 1–2,5 Zentimetern. Die Nervatur ist undeutlich gefiedert. Sie sind eiförmig bis verkehrt-eiförmig und von ledriger Beschaffenheit. Sie fühlen sich demnach derb an und besitzen eine verdickte Oberhaut. Der Blattgrund ist keilförmig bis spitz und die Spitze ist abgerundet bis rundspitzig. Der Blattrand ist ganzrandig. Nebenblätter sind nicht vorhanden. Anders als bei der immergrünen Weißbeerigen Mistel erfolgt ein Blattabwurf im Herbst.Ruprecht Düll, Irene Düll: Taschenlexikon der Mittelmeerflora. Quelle & Meyer, Wiebelsheim 2007, ISBN 978-3-494-01426-5, S. 200 f.Eckehart J. Jäger: Rothmaler – Exkursionsflora von Deutschland. Gefäßpflanzen: Grundband. 21. Auflage, Springer, Berlin 2017, ISBN 978-3-662-49707-4, S. 554, 887. Eine Herbstfärbung der Laubblätter unterbleibt.Thomas Pecher: Mistel und Europäische Riemenblume. Ansiedlung halbschmarotzender Wildgehölze im Naturgarten. In: Natur & Garten, April 2009, S. 51–53.

Generative Merkmale mini|Blüten einer männlichen Pflanze mini|Eine aufgeschnittene Beere: Erkennbar ist die stark klebrige Substanz, in die ein Same eingebettet ist. Die Eichenmistel ist zweihäusig getrenntgeschlechtig (diözisch), dies heißt, dass an einer Pflanze entweder nur weibliche oder männliche Blüten gebildet werden. Mitunter werden bei der Eichenmistel auch zwittrige Blüten entwickelt, diese sind jedoch gewöhnlich funktionell männlich. Dies rührt daher, dass nach der Pollenentleerung die Blüten schnell verwelken, so dass kaum Fruchtansatz entsteht. Bei der Eichenmistel überwiegen die männlichen Individuen im Verhältnis 2:1.

Die kleinen Blüten sind in endständigen Blütenständen angeordnet – die männlichen, sehr kurzlebigen Blüten in lockeren Trauben, die weiblichen zu acht bis zehn in lockeren Ähren. Die Blüten beider Geschlechter sind radiärsymmetrisch mit jeweils reduzierten Organen des anderen Geschlechts.Edith Rebecca Saunders: Floral Morphology. 2. Band, Chemical Publishing Company, 1940, S. 344. Da keine Differenzierung in Kelch und Krone erfolgt, besitzen die Blüten nur eine einfache Blütenhülle. Allerdings wölbt sich unterhalb des Perigons um die Basis ein oft ungeteilter, schwach gekerbter Rand hervor (Calyculus), der von Autoren unterschiedlich gedeutet wird. So wird er beispielsweise als Kelch, reduzierter Kelch, Auswuchs der Achse oder aus einem Vorblatt entstanden, interpretiert.Ruozhu Lin, Bei Cui, Wenxia Zhao: The Origin and Identity of the Calyculus in Loranthaceae: Inferred From the Floral Organogenesis of Loranthus tanakae Franch. & Sav. In: Phyton. Band 88, Nr. 3, 2019, S. 285–293, doi:10.32604/phyton.2019.07182. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2019, die unter Verwendung von Laserscanning- und Rasterelektronenmikroskopen durchgeführt wurde, unterstützt die Hypothese, dass der Calyculus von Trag- oder Vorblättern abgeleitet ist und daher nicht als Kelch zu interpretieren ist.

Das unscheinbar gelbgrüne, leicht fleischige Perigon kann vier-, selten fünf- oder meist sechszählig ausgeprägt sein. Es ist analog zur Anzahl der Perigonblätter in Zipfel unterteilt. Die innen glatten Perigonblätter stehen in zwei Kreisen und können eine Länge von 2 bis 4 Millimetern entwickeln.Wilhelm Hofmeister: Neue Beiträge zur Kenntniss der Embryobildung der Phanerogamen. 1. Band, Hirzel, 1859, S. 539–542, Taf. I–IV, online auf biodiversitylibrary.org.

Die Perigonblätter der männlichen Blüten sind durchschnittlich etwa 1 Millimeter länger als die der weiblichen Blüten. Die Anzahl der Staubblätter entspricht der Zahl der Perigonblätter. Die Staubfäden sind zu etwa zwei Dritteln ihrer Länge mit den Perigonblättern verwachsen. Sie weisen unterhalb der Staubbeutel keine Verschmälerung auf. Ihre Länge entspricht in etwa derjenigen der Perigonblätter. Die ovalen und unbeweglichen Staubbeutel sind elfenbeinfarben und besitzen zwei Theken. Diese öffnen sich über Längsspalten. Bei den weiblichen Blüten liegen die Staubblätter in Form von Staminodien vor. Der unterständige, einfächrige Fruchtknoten ist vollständig verwachsen. Er geht in einen einfachen, geraden Griffel mit kopfiger Narbe über. Die Samenanlagen sind nicht ausdifferenziert, was als typische Degenerationserscheinung bei Parasitismus gilt. Gemäß entwicklungsgeschichtlichen Untersuchungen ist die Samenanlage auf eine nackte Samenknospe reduziert. Andere Autoren gehen eher davon aus, dass die Reduktion weiter fortgeschritten ist und sich die Embryosäcke direkt in der Plazenta entwickeln.Soror Imelda Mayr: Über die Keimung und erste Entwicklung der Riemenmistel (Loranthus europaeus Jacq.). Botanisches Institut der Universität Innsbruck, 1928. Die Blüten beider Geschlechter weisen am Blütengrund Nektarien auf. Die Blütezeit erstreckt sich je nach Region von April bis Juni. Sie beginnt nach dem Laubaustrieb.

Als Früchte werden bei den weiblichen Exemplaren 6 bis 10 Millimeter dicke, glatte, goldgelbe sowie einsamige Beeren von ellipsoider Form gebildet. Da die Blütenachse an ihrer Bildung beteiligt ist, werden sie auch als Scheinfrüchte oder Scheinbeeren bezeichnet. Sie sind gegenständig im hängenden Fruchtstand angeordnet. Das Fruchtfleisch ist stark klebrig. Als Wintersteher verbleiben sie in der kalten Jahreszeit an den Zweigen. Im Gegensatz zu den Misteln der Gattung Viscum fruchtet die Eichenmistel im Herbst.

Die Chromosomenzahl beträgt 2n = 18.

Taxonomie Die Art Loranthus europaeus wurde 1762 von Nikolaus Joseph Freiherr von Jacquin in dem Werk Enumeratio stirpium plerarumque, quae sponte crescunt in agro VindobonensiEintrag Loranthus europaeus bei IPNI wissenschaftlich erstbeschrieben.

Lorantus europaeus ist, durch Beschluss des Internationalen Botanischen Kongresses, Typusart der Gattung Loranthus Jacq.Appendix III. Conserved, protected and rejected names of genera and subdivisions of genera. E. Spermatophytes, E2 Angiosperms. Loranthus Jacq., Enum. Stirp. Vindob.: 55, 230. Mai 1762. Typus: L. europaeus Jacq. Die Vorgeschichte dazu ist kompliziert: Carl von Linné hatte die Gattung ursprünglich für die amerikanische Loranthus americanus (heute Psittacanthus americanus) aufgestellt, da ihm die europäische Riemenblume zunächst unbekannt war, er erwähnt sie zuerst 1763 in einem Anhang der zweiten Auflage von Species Plantarum. Dies hätte zur Folge, dass aufgrund der Prioritätsregel der Gattungsname anders verwendet werden müsste, als es sich in der botanischen Literatur eingebürgert hatte.Simone Balle, J. E. Dandy, J. S. L. Gilmour, R. E. Holttum, W. T. Stearn, D. Thoday (1960): Loranthus. Taxon, 9 (7): 208-210. In der Tat wurde sie deshalb 1929 durch Benedictus Hubertus Danser, als Hyphear europaeum (Jacq.) Danser zeitweilig in dessen, heute nicht mehr anerkannte Gattung Hyphear gestellt. Der Gattungsname Loranthus hat eine bewegte Geschichte. In der ursprünglichen Auffassung umfasste er unter anderem alle damals bekannten Arten der heutigen Familie Loranthaceae. Die Gattung wurde dann durch Philippe Édouard Léon Van Tieghem in eine Vielzahl kleiner Gattungen aufgesplittet, von denen die meisten durch Benedictus Hubertus Danser erneut vereinigt wurden, um später von anderen Botanikern wie Bryan Alwyn Barlow erneut aufgesplittet zu werden. In der weiten Umschreibung umfasste die Gattung daher mehrere hundert Arten, in der engsten zeitweilig vertretenden Auffassung nur noch zwei. Nach heutiger AuffassungDaniel L. Nickrent, Valéry Malécot, Romina Vidal-Russell, Joshua P. Der (2010): A revised classification of Santalales. Taxon 59 (2): 538–558. gehören zu Loranthus weniger als zehn Arten (sieben Arten nach Plants of the World onlineLoranthus Jacq. Kew Science, Plants of the World online Database Royal Botanic Gardens Kew.), sie wird in eine Tribus Lorantheae, Subtribus Loranthinae einsortiert. Die moderne Auffassung beruht auf der kombinierten Auswertung morphologischer und genetischer Untersuchungen.Romina Vidal-Russell & Daniel L. Nickrent (2008): Evolutionary relationships in the showy mistletoe family (Loranthaceae). American Journal of Botany 95(8): 1015–1029.Huei-Jiun Su, Jer-Ming Hu, Frank E. Anderson, Joshua P. Der & Daniel L. Nickrent (2015): Phylogenetic relationships of Santalales with insights into the origins of holoparasitic Balanophoraceae. Taxon 64 (3): 491–506. Schwestergruppe von Loranthus ist demnach, nach übereinstimmenden Ergebnissen, die ostasiatisch-pazifische Gattung Cecarria mit der einzigen Art Cecarria obtusifolia (Merr.) Barlow; deshalb wird eine Entstehung auch von Loranthus im ostasiatischen Raum (wo sie, mit sechs angegebenen Arten in ChinaLoranthus, in Flora of China online. Huaxing Qiu & Michael G. Gilbert (2003): Loranthaceae in Flora of China, Band 5: 223-224. am artenreichsten ist) angenommen. Die Riemenblume Loranthus europaeus ist die einzige europäische Art. Die Gattung umfasst, wie die gesamte Familie, überwiegend immergrüne Arten, die Eichenmistel gehört zu den wenigen laubwerfenden Arten.Gerhard Glatzel, Hanno Richter, Mohan Prasad Devkota, Guillermo Amico, Sugwang Lee, Ruozhu Lin, Michael Grabner, Bryan A. Barlow (2017): Foliar habit in mistletoe–host associations. Botany 95(3): 219-229. doi:10.1139/cjb-2016-0238

Ökologie mini|Fruchtstand im März Im Unterschied zur Weißbeerigen Mistel, die äußerst selten auf Eichen parasitiert, umfasst das Wirtsspektrum der Eichenmistel Eichenarten und sehr selten die Edelkastanie (Castanea sativa). Unter den Eichenarten, die parasitiert werden, befinden sich beispielsweise die Stieleiche (Quercus robur), die Traubeneiche (Quercus petraea), die Flaumeiche (Quercus pubescens), die Roteiche (Quercus rubra) und die Zerr-Eiche (Quercus cerris). Bisweilen entstehen an der Wirtspflanze als Folge der Wirt-Parasit-Wechselbeziehung abnorme Wucherungen, die als „Holzrosen“ bezeichnet werden.

Bestäubung