mini|rechts|Die von Estaleiros São Jacinto gebaute Cruzeiro do Canal 2010 Die Estaleiros São Jacinto war eine Werft in São Jacinto, die von 1940 bis etwa 2007 bestand und zeitweise eine führende Rolle bei der Entwicklung des Schiffbaus in Portugal spielte. Sie baute Trawler, Schlepper, Baggerschiffe sowie kleine Frachtschiffe, Tanker und Fährschiffe.

Geschichte mini|links|Büste von Carlos Roeder in São Jacinto Vorgeschichte Der Gründer der Werft, Carlos Roeder (1902–1960), hatte nach seinem Ingenieurstudium in Lissabon und Deutschland zunächst Güldner-Dieselmotoren an die Fischereigesellschaft Empresa de Pesca de Aveiro verkauft und wurde darüber Partner in der Gesellschaft. Er überzeugte sie, von der Dory-Fischerei auf die Schleppnetzfischerei umzustellen, ließ dazu 1935/36 auf der Nakskov Skibsværft in Dänemark den ersten portugiesischen Groß-Trawler, die Santa Joana, bauen und kaufte wenig später als zweiten Trawler die ausgebrannte Spitzberg, die nach Reparatur in Aveiro als Santa Principesa in Dienst gestellt wurde.Orlando Raimundo: O Último Salazarista – A outra face de Américo Thomaz, Publicações Dom Quixote 2017, E-Book, ISBN 978-9722-06249-7, (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche)Victor M. P. Da Rosa, Carlos Teixeira, José Carlos Teixeira (Herausgeber): The Portuguese in Canada: Diasporic Challenges and Adjustment, University of Toronto Press, Toronto 2009, ISBN 978-1-4426-8882-7, S. 47 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche)Trawler „Santa Joana“ bei arkiv.dkRecordandoo arrastão bacalhoeiro „Santa Joana“ bei naviosavista.blogspot.comSpitzberg bei trawlerphotos.co.uk Aufgrund des perspektivischen Bedarfs an weiteren modernen Trawlern versuchte er, mit der Empresa de Pesca de Aveiro eine Werft zu gründen, doch die Fischereigesellschaft zeigte kein Interesse.

Gründung und Aufbaujahre mini|links|Frühere Marinefliegerschule in São Jacinto Carlos Roeder ging daher daran, eine eigene Werft zu gründen. Etwas außerhalb von Aveiro fand er an der Lagune Ria de Aveiro ein geeignetes Gelände am Rande der Gemeinde São Jacinto, auf dem zuvor eine Düngemittelfabrik Fischreste verarbeitet hatte. Es umfasste 70.000 Quadratmeter Fläche, von der etwa 20.000 Quadratmeter bebaut waren. Mit Freunden und Mitarbeitern gründete er 1940 die Werft Estaleiros São Jacinto, deren Gründung von der Regierung unterstützt wurde. Diese förderte den heimischen Schiffbau, da sie die Entwicklung und Modernisierung der portugiesischen Flotte anstrebte. Beim Ausbau des Geländes erhielt die Werft drei Slipanlagen über 46,0 Meter, 65,5 Meter sowie 70,0 Meter Länge, die Schiffe bis zu 1600 Tonnen aufnehmen konnten.Brázia, S. 86Estaleiros de São Jacinto. 50 anos de História bei aeje.pt (portugiesisch) Für den Antrieb und die Stromerzeugung der Schiffe wurden Motoren von verschiedensten Herstellern wie MWM, MAN, Sulzer, Mirrlees, Fairbanks, MAK und anderen zugekauft.

Während des Zweiten Weltkrieges konnte die Werft aufgrund des Materialmangels keine Schiffe bauen. Stattdessen betätigte sie sich im Metall- und Maschinenbau. Als bekanntestes baute sie den Hangar der damaligen Marinefliegerschule in São Jacinto, der eine Spannweite von 60 Metern hatte und zwei Wasserflugzeuge aufnehmen konnte.Os Estaleiros de São Jacinto bei terralampada.blogspot.com (portugiesisch)

Schiffsbau-Innovationen mini|links|Das 1962 gebaute Frachtschiff O Arbiru Die ersten Reparatur- und Umbauarbeiten fanden 1945 statt, als der lokale Trawler São Gonçalo von Dampfantrieb auf einen Dieselmotor umgerüstet wurde. Ein Jahr später folgte als erster Neubau das Küstenmotorschiff Caramulo für die Reederei Empresa de Navegação Continental aus Aveiro und 1947 das Schwesterschiff Nereus für die Reederei Bagão, Nunes & Machado aus Lissabon.Caramulo bei digitaltmuseum.seNereus bei naviosvelhos.blogspot.com 1951 folgte mit 1100 Tonnen Tragfähigkeit die Dione für die Reederei Empresa Continental de Navegação. Sie blieb für Jahre das größte Schiff der Werft.Dione bei naviosavista.blogspot.comO encalhe do Dione bei maolmar.blogs.sapo.ptDione bei naviosenavegadores.blogspot.comDione bei cabodofimdomundo.blogspot.com Diese Schiffe waren auch die ersten Schiffe, bei denen in Portugal das Elektroschweißverfahren angewendet wurde. Die Werft um Carlos Roeder führte in den folgenden Jahren weitere innovative Techniken im Schiffbau Portugals ein: 1951 wurde erstmals ein Schiff verlängert – zu dieser Zeit nicht nur in Portugal eine Neuheit. Dabei wurde der frühere Trawler und 1947 zum Frachtschiff umgebaute Rui Alberto der Reederei Ribamar aus Aveiro um gut 6 Meter verlängert.Rui Alberto bei naviosenavegadores.blogspot.com Das Hauptgeschäft der Reederei bestand jedoch weiterhin aus der Überholung und Reparatur der lokalen Fischereifahrzeuge.

mini|rechts|Der 1975 gebaute Trawler Aveirense Die ab 1955 von der portugiesischen Regierung geförderte Erneuerung der Fischereiflotte führte auch in São Jacinto zu einer guten Auftragslage. Dabei führte die Werft weitere Neuerungen ein: Bei dem Seitentrawler João Ferreira und seinen Schwesterschiffen Neptune, Rio Alfusqueiro und Vimieiro, die sie für die Indústria Aveirense de Pesca baute, führte sie eine neue und effizientere Raumaufteilung ein und verwendete statt des bislang genutzten Gleichstroms nun Wechselstrom für die Beleuchtung. Wenige Jahre später wurde 1960 mit der Artevido der erste Hecktrawler des Landes gebaut. Auch für die Küstenfischerei wurde dieses Prinzip schnell übernommen und die Werft stellte rund 30 neue Hecktrawler her, von denen die „Vila do Conde“ aus dem Jahr 1977 den letzten dieser Serie bildete.

mini|links|Die 1995 gebaute Fähre Sta. Rita de Cássia Etwa Anfang der 1970er Jahre erweiterte die Werft ihr Portfolio um Schlepper. Mit der Verwendung von Kortdüsen und Verstellgetrieben in der Arad-Klasse gelang der Werft die Konstruktion eines Schleppers, der niedrige Produktions- und Betriebskosten und eine hohe Zugkraft aufwies. Von dieser Klasse stellte sie 18 Exemplare her, die auch in den Export gingen. Bereits früher hatte die Werft einzelne Tank- und Bunkerschiffe gebaut und erhielt auch Aufträge von der portugiesischen Marine, die Patrouillenboote bestellte. Nach Trawlern und Schleppern baute die Werft 1977 mit der Tunes ihr erstes Passagier- und Fährschiff. In den nächsten Jahren folgten zahlreiche weitere Fährschiffe für den Einsatz auf dem Tejo und anderen Flüssen, den Inselverkehr auf den Azoren wie für den Export. Allein Transtejo erteilte einen Auftrag über sechs Fähren, den sogenannten Cacilheiros.Os estaeiros navais de São Jacinto projectavam grande expansão em 1977 bei naviosavista.blogspot.com

Im Trawlerbau entwickelte die Werft in den 1980er Jahren die Heckfänger weiter, von den viele nach Norwegen in die Kleine Hochseefischerei exportiert wurden. Zu ihnen zählt etwa die 1987 für Arctic Seafood gebaute Sea Prawn. Diese Schiffe sind auch für den Einsatz am Polarkreis vorgesehen und dafür eisverstärkt, für den Krabbenfang und -verarbeitung ausgestattet und sind zum Teil bis heute im Einsatz.Von Estaleiros Sao Jacinto gebaute norwegische Trawler bei sjohistorie.no

mini|rechts|Die 1989 umgebaute Fähre Eborense Die Gesamtheit des Portfolios und der Anzahl von Neubauten einschließlich der Neuerungen führten zu Folgeaufträgen und gleichzeitig zur Aufstockung der Mitarbeiterzahl von 150 auf einen Höchststand von über 600 Beschäftigten in den Jahren ab 1975 bis mindestens Anfang der 1980er Jahre. Gleichzeitig waren infolge der Auftragslage und Auslastung die Kapazitäten der Werft erschöpft. Erstmals musste sie Aufträge weitergeben. So gingen Schlepperneubauten als Unteraufträge an die Werft H. Parry & Son in Cacilhas – etwa die Dokhan und die Portel. Zugleich gab es erste Absichten und Planungen, die Werft auszubauen: Die Kapazitäten sollten verdoppelt werden und Schiffe von bis zu 6000 Tonnen gebaut werden können. Diese Pläne wurden jedoch nicht umgesetzt.

Von Ausbauplänen zur Schließung Über das Ende der Werft liegen nur bruchstückhafte Informationen vor: Nach Beitritt des Landes zur Europäischen Gemeinschaft und der Reduzierung der Fangquoten brachen Reparatur- und Neubauaufträge der heimischen Fischereiwirtschaft ein. Diese konnten auch durch Exporte von Trawlern – wie nach Norwegen – und durch Bauten von Fähren nicht aufgefangen werden. Gleichzeitig wuchs im Schiffbau der Druck durch die Konkurrenz asiatischer Werften und infolge dieser geänderten Rahmenbedingungen sowie von Misswirtschaft führten ausbleibende Aufträge zur Insolvenz und zur Schließung des Betriebes. Das Datum der Schließung liegt nicht vor; die letzten bekannten gebauten Schiffe wurden im Jahr 2007 ausgeliefert.Estaleiros São Jacinto bei mikoslab.blogspot.com.Empresa dos Estaleiros de São Jacinto com morte anunciada bei publico.pt Während ihres Bestehens hat die Werft 211 Schiffe gebaut. Die Gebäude der Werft sind noch nicht abgerissen, aber stark verfallen.

Bauliste (Auswahl) Eine Bauliste der Werft existiert bislang nicht in der Literatur – die aufgeführten Einträge enthalten eine Auswahl von Schiffsneubauten und Umbauten.