Die marokkanisch-portugiesischen Beziehungen umfassen die bilateralen Beziehungen zwischen Marokko und Portugal. Seit 1774 unterhalten sie diplomatische Beziehungen, die auf ihre ersten Beziehungen im 15. Jahrhundert zurückgehen.Übersicht über die marokkanisch-portugiesischen Beziehungen, Diplomatisches Portal beim Außenministerium Portugals, abgerufen am 27. Februar 2020
Das Verhältnis beider Länder gilt als freundschaftlich und weitgehend problemfrei. Historisch entstanden ihre Beziehungen mit dem Beginn der portugiesischen Expansion, die mit der Eroberung der marokkanischen Stadt Ceuta 1415 ihren Anfang nahm und zu über 300 Jahren portugiesischer Präsenz im heutigen Marokko führten, lange Zeit als Algarve jenseits des Meeres Teil des Königreich Portugals. Aus dieser Zeit sind einige Spuren bis heute dort zu finden, insbesondere verschiedene Festungen und andere, vor allem militärische und sakrale Bauwerke, aber auch kulturelle Spuren, etwa sprachlich. So lautet bis heute ein Name für Orangen dort Portugal.
Marokko als nordwestlichstes Land Afrikas und Portugal als südwestlichstes Land Europas sind entsprechend ihrer geografischen Nähe vielfältig verbunden, neben dem wachsenden bilateralen Handel besonders politisch, auch über die Beziehungen der EU, insbesondere das europäisch-marokkanische Assoziierungsabkommen, die Euro-mediterrane Partnerschaft, die Europäische Nachbarschaftspolitik und die Union für das Mittelmeer. Zudem gehören beide Länder u. a. der Europäischen Entwicklungsbank, der Welthandelsorganisation und den Vereinten Nationen und ihren Unterorganisationen an. Daneben bestehen vielfältige wirtschaftliche, aber auch zivilgesellschaftliche Verbindungen, etwa im Kulturaustausch, im gegenseitigen Fremdenverkehr und in gemeinsamen Städtepartnerschaften. Auch im militärischen Bereich gibt es Berührungspunkte, neben Kooperationen in der Küstenwache auch innerhalb der NATO: Marokko ist Bevorzugter Partner der NATO, deren Gründungsmitglied Portugal ist. Ein weiteres Verbindungsglied ist die historische gegenseitige Migration.
Geschichte Vor 1415 mini|hochkant|Das al-Andalus um 910: Portugal gehörte ab 711 wie Marokko zum Arabischen Großreich Die Griechen und vermutlich auch die Phönizier trieben Handel an den Küsten des heutigen Marokkos und Portugals. Ceuta war möglicherweise eine phönizische oder griechische Siedlung, zumindest war sie den Griechen als Heptá Adélphia (Επτά Αδέλφια), deutsch „Sieben Brüder“ bekannt. 319 kam Ceuta zu Karthago, nach dem Zweiten Punischen Krieg wurde es römisch. Damit gehörten Marokko und Portugal, das bereits seit dem 1. Jahrhundert v. Chr. römisch war, zum Römischen Reich.
Mit dem Einfall germanischer Stämme in das Römische Reich kamen die Vandalen im 5. Jahrhundert nach Portugal und danach nach Marokko. Ab dem frühen 7. Jahrhundert gehörten beide Gebiete eine Zeit gemeinsam dem Westgotenreich an.
Ab 709 wurde das heutige Marokko von den Arabern erobert, die ab 711 auch das heutige Portugal einnahmen und als Teil des arabischen al-Andalus jahrhundertelang beherrschten. Mit dem Abschluss der portugiesischen Reconquista im 13. Jahrhundert endete die gemeinsame Zugehörigkeit zur arabischen Welt. Marokko blieb mit seinem Almohadenreich Teil der islamisch-arabischen Welt, während das unabhängige christliche Königreich Portugal sich konsolidierte.
1415 bis 1769 mini|hochkant|Die Kirche Nossa Senhora da Assunção von Mazagão (El Jadida): die portugiesische Altstadt von El Jadida ist seit 2004 UNESCO-Welterbe Portugal begann seinen Aufstieg zur Seefahrernation mit der Einnahme der marokkanischen Stadt Ceuta im Jahr 1415. Eine Ausweitung der portugiesischen Eroberungen in Marokko scheiterte zunächst, insbesondere nach der misslungenen Einnahme von Tanger 1437.
Historiker nennen heute vor allem die Einnahme und den Ausbau von Ksar es-Seghir (port.: Alcácer-Ceguer) 1458 als Beginn eines Netzes an Stützpunkten für den systematischen Ausbau der Expansionsreisen und des Handelsnetzes Portugals. Somit war Marokko das Drehzentrum in der ersten Phase der portugiesischen Überseeaktivitäten, womit das Portugiesische Weltreich begründet wurde (danach verlagerte sich der Drehpunkt der portugiesischen Aktivitäten stärker in den Golf von Guinea). Die Beziehungen zu Marokko wurden überwiegend von friedlichen Phasen des Handels und der Koexistenz geprägt, gleichwohl es mehrfach auch zu kriegerischen Auseinandersetzungen kam, vor allem in Folge portugiesischer Versuche, weitere und größere Teile Marokkos zu erobern.Fernando Cristóvão (Hrsg.): Dicionário Temático da Lusofonia. Texto Editores, Lissabon/Luanda/Praia/Maputo 2006 (ISBN 972-47-2935-4), S. 786ff.
1471 schloss Portugal einen ersten Friedensvertrag mit dem marokkanischen König Muhammad asch-Schaich al-Mahdi, der erste Sultan der Wattasiden in Marokko (1465–1505). Danach pflegten die portugiesen Beziehungen zu einer Reihe lokaler Herrscher, gründeten Handelsniederlassungen und errichteten Festungen zu ihrer Verteidigung. Zu den wichtigsten gehörten u. a. Safi (ab 1505 mit Aguz, heute Souira Kedima, als Hilfsfestung), Azemmour, Mazagão (das heutige El Jadida) und die Insel Mogador, vor allem das heutige Essaouira.
Als im 16. Jh. die Inquisition auch in Portugal eingeführt wurde, flohen eine Vielzahl Marranen und sephardische Juden in marokkanische Städte, vor allem Casablanca, aber auch andere Küstenstädte und Fès waren Ziele.
1577 landete der junge portugiesische König D. Sebastião in Asilah (port.: Arzila), um seinen Traum eines eigenen Kreuzzuges zu verwirklichen. Bei Ksar-el-Kebir (port.: Alcácer-Quibir) wurde er vernichtend geschlagen. Der König starb in dieser Schlacht von Alcácer-Quibir selbst und hinterließ keine Nachkommen, in der Folge verlor Portugal seine Unabhängigkeit und erlangte sie erst nach 1640 und dem folgenden Restaurationskrieg wieder.
Der portugiesische König D. João IV. gab, neben der indischen Stadt Bombay, auch Tanger seiner Tochter Katharina von Braganza als Mitgift mit, als sie den englischen König Charles II. heiratete. Damit war Tanger ab 1661 nicht mehr portugiesisch, sondern britisch.
1769 gaben die Portugiesen Mazagão auf und zogen sich nach 300 Jahren Präsenz ganz aus Marokko zurück. Die hier ansässigen Portugiesen übersiedelten mit allem Hab und Gut überwiegend in die portugiesische Kolonie Brasilien, wo sie die Stadt Nova Mazagão (port. für Neues Mazagão) gründeten.
1769 bis 1956 mini|hochkant|Portugiesische Besitzungen in Marokko mit Jahreszahlen der portugiesischen Präsenz Ab 1771 näherten sich Portugal und Marokko wieder stärker an. Portugals König D. José schloss am 11. Januar 1774 einen Friedensvertrag mit dem Sultan von Marokko, der bis heute gültig ist. Bereits nach den entscheidenden Verhandlungen 1773 entsandte Portugal einen ersten Konsul, Manuel de Ponte.
Am 7. Oktober 1774 erreichte die erste Gesandtschaft des marokkanischen Königs Portugals Hauptstadt Lissabon auf einer portugiesischen Fregatte, der am 15. November 1777 eine zweite Gesandtschaft des Sultans von Marokko folgte.
Am 29. Dezember 1869 wurde José Daniel Colaço, der Generalkonsul Portugals in Tanger, zum Geschäftsträger ernannt und das Generalkonsulat mit diplomatischen Funktionen versehen. Damit gilt er als der erste Botschafter Portugals im heutigen Marokko.
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam Marokko zunehmend unter französischen Einfluss, was mit dem Marokko-Kongo-Vertrag von 1911 besiegelt wurde, mit dem der größte Teil des Landes als Französisch-Marokko zu Frankreich kam.
Vom kleineren Teil Spanisch-Marokko aus organisierte der spanische General und spätere Diktator Francisco Franco 1936 den Militärputsch, der den spanischen Bürgerkrieg (1936–1939) auslöste. In dem Bürgerkrieg kämpften dabei auch Soldaten aus Marokko als Regulares auf Seiten Francos, zusammen mit den portugiesischen Freiwilligen der Legion Viriato, einem inoffiziell entsandten Verband der Portugiesischen Legion des Salazar-Regimes in Portugal. Zusammen kämpften sie gegen die Verteidiger der legitimen Spanischen Republik, neben den regulären republikanischen Truppen auch die Internationalen Brigaden, in deren Reihen auch viele Portugiesen kämpften, vor allem aus der überwiegend anarchosyndikalistisch organisierten Arbeiterschaft.
Im Zweiten Weltkrieg (1939–1945) spielten sowohl das neutrale Portugal unter Diktator Salazar als auch Marokko, insbesondere der kleine freie Teil Marokkos, die Tanger-Zone, eine bedeutende Rolle, vor allem für Flüchtende, aber auch für die gegenseitige Spionage. Neben Tanger war dabei auch das französisch kontrollierte Casablanca einer der sehr wenigen Orte, wohin Flugverbindungen sowohl in das Gebiet der faschistischen Achsenmächte als auch in das Gebiet der Alliierten bestanden, so dass hier eine Weiterreise oder auch Treffen möglich waren. Vor allem die portugiesische Fluglinie Aero Portuguesa bediente dabei die Strecken Tanger-Lissabon und Casablanca-Lissabon, womit das neutrale Portugal eine direkte Verbindung in ein Gebiet der Alliierten unterhielt. Im bekannten Film Casablanca von 1942, der in diesem Umfeld handelt, spielt diese Verbindung eine wichtige Rolle.
Seit 1956 1956 erlangte Marokko seine volle Unabhängigkeit von Frankreich (Französisch-Marokko) und Spanien (Spanisch-Marokko) wieder. Portugal erkannte die Unabhängigkeit Marokkos am 16. Mai 1956 an.
Die Eröffnung der marokkanischen Botschaft in Lissabon 1957 bedeutete die erste Einrichtung einer Vertretung eines arabischen Landes in Portugal.Übersicht über die marokkanisch-portugiesischen diplomatischen Beziehungen bei der Botschaft Marokkos in Lissabon, abgerufen am 2. März 2020
1973 wurden die diplomatischen Beziehungen unterbrochen, die am 8. Juni 1974 wieder aufgenommen wurden, nachdem am 25. April 1974 die Nelkenrevolution die Estado Novo-Diktatur in Portugal beendet hatte.
Danach näherten sich beide Staaten wieder stetig an. So wurde am 28. Januar 1977 ein bilaterales Abkommen zur wirtschaftlichen und technischen Zusammenarbeit abgeschlossen. Es folgten am 11. Dezember 1978 ein Kulturabkommen, am 23. März 1984 ein umfassendes Kooperationsabkommen, am 18. Oktober 1988 ein bilaterales Investitionsschutzabkommen, am 28. April 1992 ein Kooperationsabkommen im Zivilschutz, und am 30. September 1993 ein Abkommen in Verteidigungsfragen.
Nach dem EU-Beitritt Portugals 1986 wendete sich die portugiesische Aufmerksamkeit zunächst stärker der Europäischen Integration zu, dennoch blieben die guten marokkanisch-portugiesischen Beziehungen auf weiterem Annäherungskurs, auch begünstigt durch das marokkanisch-europäische Assoziierungsabkommen 2000 und vor allem der Europäischen Nachbarschaftspolitik ab 2004 und der anschließenden Union für das Mittelmeer 2008.
Am 30. Mai 1994 schlossen beide Länder einen Freundschaftsvertrag, der auch die gute Nachbarschaft und weitere Kooperationen umfasste. Darin wurden auch regelmäßige Treffen abwechselnd in Marokko und Portugal vereinbart (port. Cimeiras luso-marroquinas). Sie bieten seither den Rahmen für eine Vielzahl Kooperationsabkommen, Abstimmungen und Vereinbarungen aus allen Bereichen, zuletzt etwa aus den Bereichen Innere Sicherheit, Tourismus, Energie, Verkehr, Wassertransport, Investitionskontrollen, diplomatische Institute, Sport und Jugend, und wissenschaftliche Kooperationen. Allein beim Treffen 2015 wurden elf Abkommen geschlossen. Auch Treffen und Staatsbesuche auf Ministerebene finden seither häufig statt.Übersicht über die marokkanisch-portugiesischen Treffen, Website der portugiesischen Botschaft in Rabat, abgerufen am 2. März 2020