mini|hochkant=1.3|Fliegerabzeichen der Air Transport Auxiliary Die Air Transport Auxiliary (Abkürzung ATA) war eine britische Zivilorganisation zur Lufttransportunterstützung im Zweiten Weltkrieg. Ihre 1.300 Piloten aus 25 Nationen überführten hauptsächlich neue und instandgesetzte Flugzeuge der Royal Air Force beispielsweise von Fabriken und Wartungseinheiten hin zu aktiven Dienstgeschwadern. Die über ganz Großbritannien verteilten Flugbereitschaften verlegten aber auch Servicepersonal und übernahmen zudem Ambulanzflüge. In den fast fünf Jahren ihres Bestehens absolvierten die Piloten der ATA rund 300.000 Flüge, die von mehr als 2.700 Mitarbeitern am Boden unterstützt wurden. Zum fliegenden Personal der ATA gehörten neben vielen Veteranen aus dem Ersten Weltkrieg überdurchschnittlich viele Frauen, denen ab 1943 die ATA als erste britische Regierungsorganisation den gleichen Lohn wie ihren männlichen Kollegen zahlte.
Gründung der ATA mini|hochkant|Tower des White Waltham Airfield Schon im Jahr 1938 sah Gérard d’Erlanger, Bankier und Direktor der Fluggesellschaft BOAC, voraus, dass es in einem möglichen Krieg mit dem Deutschen Reich mangels geeignetem Flugpersonal zu großen Einschränkungen in der zivilen Luftfahrt kommen würde. Viele auch militärisch wichtige Lufttransporte beispielsweise von Material, Post, Verletzten und medizinischem Personal im britischen Hinterland hätten dann nicht mehr durchgeführt werden können. Gleichzeitig gab es viele erfahrene Piloten, die beispielsweise wegen ihres Alters für den militärischen Dienst nicht mehr tauglich waren. Im August 1939 kontaktierte d’Erlanger daher den Politiker Harold Balfour (1897–1988), Staatssekretär für Luftfahrt, und Sir Francis Shelmerdine (1882–1945), Generaldirektor für zivile Luftfahrt, um diese Piloten in einer neu zu gründenden Organisation zu sammeln.
D’Erlangers Vorschlag einer entsprechenden zivilen Pilotenvereinigung wurde angenommen und die Organisation mit dem Arbeitstitel „Air Transport Auxiliary“ auf dem Flugplatz Whitchurch in Bristol, wo sich ein militärischer Stützpunkt der British Airways befand, gegründet. Die ATA stand unter der Leitung der National Air Communications und des Generaldirektors der Zivilluftfahrt, während British Airways für Büro-, Personal- und Verwaltungszwecke zuständig war. D’Erlanger wurde als Leiter der Organisation in den Rang eines Commodore versetzt und erhielt den Auftrag, die Piloten anzuwerben.
Im Februar 1940 wurde das Hauptquartier der ATA auf den Flugplatz White Waltham in der Nähe von Maidenhead in Berkshire verlegt. Von 1940 bis 1941 wurde die ATA schrittweise dem Ministerium für Flugzeugproduktion (MAP) von Lord Beaverbrook unterstellt. Die Leitung der Organisation blieb bei Gérard d’Erlanger.
Das offizielle Motto der ATA lautete Aetheris Avidi (Eager for the Air, „Begierig auf die Lüfte“). Es wird noch heute vom West London Aero Club geführt, der auf dem White Waltham Airfield beheimatet ist. Inoffiziell hieß es Anything to Anywhere.
Aufbauphase Rekrutierung der Piloten mini|Amy und Jim Mollison (1932) Die Piloten sollten d’Erlangers Vorstellungen entsprechend über eine Privatpilotenlizenz verfügen und mindestens 250 Flugstunden nachweisen können. Im Rahmen der Anwerbung lud er etwa 1000 Piloten zu Auswahlgesprächen und Tests nach Whitchurch nahe Bristol ein. Von den rund 100 erschienenen Piloten wählte er schließlich 30 aus. Viele dieser Piloten waren Veteranen des Ersten Weltkriegs, die für den Dienst in der RAF bereits zu alt oder im Krieg versehrt worden waren. Wegen ihres Alters und des häufig angeschlagenen Gesundheitszustandes nannten die Angeworbenen daraufhin ihre Organisation schon bald scherzhaft “Ancient and Tattered Airmen” („Alte und ramponierte Flieger“).
Die ersten Pilotinnen mini|Pauline Gower im Cockpit einer de Havilland Tiger Moth Wegen Vorbehalten seitens des Luftfahrt-Ministeriums sah man zunächst davon ab, Frauen als Piloten einzusetzen. Erst im November 1939, nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, wurde beschlossen, auch Frauen zum Einsatz zuzulassen. Dies ist nicht zuletzt auch den Bemühungen Pauline Gowers, der Zivilschutzbeauftragten bei der Civil Air Guard und erfahrenen Berufspilotin, zu verdanken, die sich zuvor stark für die Ausbildung von Frauen zu Pilotinnen engagiert hatte.
mini|Die ersten Pilotinnen der ATA, von rechts nach links: Miss Pauline Gower, Miss Margaret Cunnison (halb verdeckt), Mrs Winifred Crossley, Mrs Margaret Fairweather, Miss Mona Friedlander, Miss Joan Hughes, Mrs Gabrielle Paterson und Miss Rosemary Rees. Die ersten acht Pilotinnen der ATA wurden am 1. Januar 1940 eingestellt. Zu diesen “First Eight” gehörten Winifred Crossley († 2008), Margaret Cunnison (1914–2004), Margaret Fairweather (1901–1944, Tochter von Lord Runciman), Mona Friedlander (Eishockey-Nationalspielerin), Joan Hughes (mit 21 Jahren die Jüngste), Gabrielle Patterson (1905–1968), Rosemary Rees (1901–1994) und Marion Wilberforce (1902–1995). Alle Pilotinnen waren mit jeweils über 600 Flugstunden sehr erfahren und zudem zugelassene Fluglehrerinnen. Die Leitung der Frauensektion der ATA übernahm kurz darauf die 29-jährige Pauline Gower, auf die auch die scherzhafte Lesart der ATA als “Always Terrified Airwomen” (zu deutsch in etwa: ‚Stets verängstigte Fliegerinnen‘) zurückgeht.
Piloten aus aller Welt Die Männer und Frauen der ATA kamen aus aller Welt. Die Organisation hatte gegen Ende ihres Bestehens Mitglieder aus 25 verschiedenen Nationen aus Nord- und Südamerika, Afrika, Asien und Europa. Das größte Kontingent aus Europa bildeten 17 Polen, darunter drei weibliche, die nach ihrer Flucht über den Balkan und Frankreich Großbritannien erreicht hatten. Auch traten der ATA bekannte Persönlichkeiten wie der schottische Flugpionier Jim Mollison und seine geschiedene Frau Amy Johnson bei. Johnson, die als berühmteste britische Pilotin galt, hatte bereits 1930 als erste Frau einen Alleinflug von Großbritannien nach Australien absolviert. Prince Chirasakti (1918–1942), seines Zeichens königlicher Prinz aus Siam, flog ebenfalls für die ATA, bis er bei einem Absturz am 12. September 1942 ums Leben kam.
Weiteres Personal Neben den insgesamt 1.318 Pilotinnen und Piloten beschäftigte die ATA weiteres Personal sowohl im fliegenden Dienst als auch am Boden. So waren etwa Bordingenieure, von denen 151 bei der ATA angestellt waren, für die Flüge mit viermotorigen Maschinen notwendig. Daneben gehörten 19 Funker, 27 Seekadetten und Mitglieder des Luftwaffen-Ausbildungskorps (Air Training Corps) zum fliegenden Personal. Deren Fluglehrer und Lehrkräfte sorgten für die Ausbildung der Piloten. Im August 1944 unterstützten 2.786 Mitarbeiter das Fluggeschehen der ATA vom Boden aus. Neben den 1.227 Ingenieuren zählten dazu Rettungskräfte, Meteorologen, Kraftfahrer, medizinisches Personal und Verwaltungsangestellte.
Arbeit der ATA Aufgaben
Ursprünglich waren für den Flugbetrieb der ATA ausschließlich Leichtflugzeuge vorgesehen, die Post, Warensendungen und medizinisches Material transportieren sollten. Innerhalb weniger Wochen wurde der Aufgabenbereich der ATA um Überführungsflüge von Flugzeugen aus Fabriken und Lagern hin zu den Frontstaffeln erweitert. Ab Februar 1940 übernahm die ATA die gesamte Überführung und entlastete damit die Piloten der Royal Air Force und Royal Navy.
Ab Mai 1940 expandierte die ATA stark, da wegen des Westfeldzugs der deutschen Wehrmacht sehr viele Flugzeuge der Alliierten in Einsatzgebiete auf dem Kontinent überführt werden mussten.
Während des Krieges führten 1152 Piloten und 166 Pilotinnen aus 25 Ländern insgesamt circa 309.000 Überführungsflüge von 147 verschiedenen Flugzeugtypen durch, meistens ohne Funkgerät, ohne Instrumentenflugunterricht und dem britischen Wetter ausgeliefert. Oft wurde ihnen ein Flugzeugtyp übergeben, den sie noch nie zuvor gesehen hatten.
mini|De Havilland Dh.82 Tiger Moth der Royal Air Force Die Frauen wurden anfangs in Hatfield (Hertfordshire), nördlich von London, stationiert und durften ausschließlich Tiger Moth Schulflugzeuge von der nahe gelegenen de-Havilland-Fabrik zu Trainingsflugplätzen und Lagereinheiten überführen. Diese Ziele lagen größtenteils in Nordengland und Schottland, und die Flugzeuge mit offenem Cockpit mussten mitten im Winter überführt werden. Trotz des harten Winters erledigten die Frauen ihre Aufgabe so gut, dass in der Folge insgesamt 166 Pilotinnen in der ATA zum Einsatz kamen.
Im Juli 1941 begann eine große Luftoffensive der Royal Air Force. Daher reichte die Kapazität der männlichen ATA-Piloten bei weitem nicht mehr aus und Frauen wurde erlaubt, auch Kampfflugzeuge zu fliegen. Vier Pilotinnen aus den First Eight flogen am 19. Juli 1941 zum ersten Mal eine Hawker Hurricane, im Herbst flog Lettice Curtis (1915–2014) als erste Frau einen viermotorigen Bomber des Typs Avro Lancaster. Erst 1945 überführten Pilotinnen die ersten Maschinen auch auf das europäische Festland.
mini|Eine Pilotin der ATA im Cockpit einer Avro Anson (1942)
Die hohe Zahl der Überführungsflüge erforderte eine detaillierte Einsatzplanung. Zu diesem Zweck befand sich in Andover (Hampshire) die zentrale Einsatzleitung (Central Ferry Control) der ATA. Über Nacht verteilte sie die Arbeit für den folgenden Tag auf die verschiedenen Flugbereitschaften. Dort hatten die Einsatzleiter die Aufgabe, die anstehenden Überführungsflüge den zur Verfügung stehenden Flugzeugbesatzungen gemäß deren Qualifikation für die verschiedenen Flugzeugtypen zuzuordnen. Die Arbeit eines Tages konnte für einen Piloten mehrere Flüge mit verschiedenen Flugzeugtypen umfassen.
Passagierflugzeuge wie die Avro Anson und die Fairchild Argus wurden als Flugzeugtaxis verwendet. Sie brachten die Piloten zu ihrem ersten Einsatzort und holten sie, wenn möglich, am Ende des Tages wieder ab. Wenn das nicht möglich war, übernachteten die Piloten in Hotels in der Nähe von Flugplätzen oder nahmen einen Nachtzug zurück zu ihrer Basis. Das Tagebuch eines US-amerikanischen Piloten, das im Maidenhead Heritage Centre aufbewahrt wird, zeigt, dass er die britischen Züge satt hatte, ebenso wie das Herumsitzen und Warten darauf, dass sich das britische Wetter bessert, vor allem im Winter.
Insgesamt wurden von der ATA 17.059 Flugstunden für Taxiflüge geleistet, davon 8.489 Stunden im Ausland und 8.570 Stunden im Inland.
Ausbildung für verschiedene Flugzeugklassen Die Piloten der ATA waren Generalisten und in der Lage, viele verschiedene Flugzeuge zu fliegen. Das unterschied sie von den Kampfpiloten, die auf bestimmte Flugzeugtypen spezialisiert und intensiv trainiert waren und diese sehr virtuos beherrschten. Bei der ATA war es üblich, dass Piloten sich nur mit Hilfe eines kleinen Ringbuchs, den sogenannten Ferry Pilot’s Notes, innerhalb von 20 Minuten vor dem Start mit einem ihnen unbekannten Flugzeug vertraut machen mussten. Diese Flugzeugtypen-Hinweise enthielten die wichtigsten Informationen über die Bedienelemente und deren Einstellungen beim Starten und Landen sowie während der Flugphase.
Als die Zahl der Aufträge anstieg und immer mehr neue und weniger erfahrene Piloten für die ATA flogen, wurde ein systematisches Trainingsprogramm ins Leben gerufen, das die Piloten für verschiedene Klassen von Luftfahrzeugen ausbildete:
Klasse 1: Einmotorige leichte Flugzeuge, vor allem Schulflugzeuge wie die Tiger Moth Klasse 2: Einmotorige Kampfflugzeuge wie Supermarine Spitfire, Hawker Hurricane, Vought F4U Corsair und P-51 Mustang Klasse 2+: Schwerer zu beherrschende einmotorige Kampfflugzeuge wie die Varianten der Curtiss P-40, Hawker Tempest, Hawker Typhoon und P-39 Airacobra Klasse 3: Zweimotorige leichte Flugzeuge Klasse 4: Zweimotorige Kampfflugzeuge, darunter die meisten mittleren Bomber Klasse 4+: Schwerer zu beherrschende zweimotorige Kampfflugzeuge, darunter Lockheed Hudson, Mosquito sowie ältere Typen und solche mit Bugradfahrwerk, wie z. B. A-20 Havoc, P-38 Lightning, Martin B-26 Marauder und B-25 Mitchell