Reinhard Sieder (* 2. Juli 1950 in Göstling an der Ybbs, Niederösterreich) ist ein österreichischer Historiker, Sozial- und Kulturwissenschaftler und a.o. Universitätsprofessor für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Neuzeit i. R. der Universität Wien.

Leben Sieder studierte von 1969 bis 1975 Deutsche Philologie und Literaturwissenschaft, Geschichte, Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Wien. 1975 wurde er zum Dr. phil. promoviert. Ab 1976 arbeitete er einige Jahre als Vertragsassistent in Forschungsprojekten und als Lehrbeauftragter an der Universität Wien. 1978 folgte er einer Einladung an die Cambridge Group for the History of Population and Social Structure (Cambridge/UK). 1980 gründete er mit Kollegen den Verlag für Gesellschaftskritik, einen Verlag der Autoren aus den Geschichts-, Kultur- und Sozialwissenschaften, dessen Trägerverein er viele Jahre vorstand. 1981 und 1982 schrieb und sprach er Sendungen für Kultur- und Wissenschaftsprogramme als Freier Mitarbeiter des Österreichischen Rundfunks. 1989 wurde er an der Universität Wien habilitiert und erhielt die Dozentur für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Neuzeit. 1990 gründete er mit Kollegen die Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften, deren Trägerverein er bis 2017 vorstand und deren Herausgeberschaft er bis 2015 und seither als Beirat angehörte.OEZG Herausgeber Er erhielt Lehraufträge am Institut für Ethnologie (bzw. Kultur- und Sozialanthropologie) der Universität Wien, am Institut für Geschichte der Universität Salzburg, am Institut für Soziologie der Universität Innsbruck sowie am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz. 1997 wurde er zum a.o. Universitätsprofessor für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Neuzeit an der Universität Wien ernannt. 2003 erhielt er eine Gastprofessur am Institut für Zeitgeschichte der Karl-Franzens-Universität Graz. 2010 wurde er zum Vorstand des Instituts für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien bestellt. 2011 betraute ihn die Stadt Wien mit der Leitung einer Historikerkommission zur Untersuchung der Gewalt gegen Kinder in allen städtischen, kirchlichen und privaten Kinderheimen.Wien heute Bericht Historikerkommission Kinderheime der Stadt Wien (YouTube 20. Juni 2012) 2015 wurde er von der Universität Wien in den Ruhestand versetzt.R. Sieder CV Seither arbeitet er als freier Autor, Vortragender und bildender Künstler.Reinhard Sieder

Forschung und Lehre Sozial-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte des Hauses und der Familie Die Geschichte der ‚privaten‘ Lebensweisen und der häuslichen Wirtschaftsformen im europäischen und globalen Vergleich bildet den ersten Schwerpunkt in Reinhard Sieders Forschung und Lehre. Mit Michael Mitterauer verfasste er eine Geschichte der Familiensysteme in Europa, die zugleich das Forschungsprogramm der Wiener Forschergruppe für etwa zehn Jahre umriss.Michael Mitterauer, Reinhard Sieder: Vom Patriarchat zur Partnerschaft. Zum Strukturwandel der Familie. Verlag C.H. Beck, München 1976, 4. Auflage 1991; engl.: The European Family. Patriarchy to Partnership from the Middle Ages to the Present. Basil Blackwell, 1st ed. Oxford 1982, reprinted 1983, 1988, 1989. Ein internationales Forscher-Netzwerk ermöglichte Sieder 1978 einen Forschungsaufenthalt in Cambridge/UK (SSRC Cambridge Group for the History of Population and Social Structure), woraus die Übersetzung des ersten Buches ins Englische und Beiträge zu internationalen Sammelbänden hervorgehen.Michael Mitterauer, Reinhard Sieder (Hrsg.): Historische Familienforschung. Frankfurt am Main 1982; 2. Auflage 2016; Michael Mitterauer, Reinhard Sieder: The reconstruction of the family life course: theoretical problems and empirical results. In: Richard Wall, Jean Robin, Peter Laslett (Hrsg.): Family forms in historic Europe. Cambridge University Press, Cambridge 1983, S. 309–345. 1982 legte Sieder seine in mehrere Sprachen übersetzte Sozialgeschichte der Familie vor.Reinhard Sieder: Sozialgeschichte der Familie. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1982, Übersetzungen: Peking 1996, Moskau 1997, Ljubljana 1998. Im selben Jahr erschien sein umfangreicher Beitrag über die Familie im 20. Jahrhundert für Band 4 des Standardwerks Geschichte der Familie von André Burguière und anderen.Reinhard Sieder: Besitz und Begehren, Erbe und Elternglück. Familien in Deutschland und Österreich. In: A. Burguière, Ch. Klapisch-Zuber, M. Segalen, F. Zonabend (Hrsg.): Geschichte der Familie. Band 4: 20. Jahrhundert. Campus, Frankfurt am Main / New York / Paris, 1998, S. 211–284.

Das private Leben in der Zweiten Moderne Ab den 1990er Jahren wurde Sieders Forschung und Lehre von jüngeren Entwicklungen und rezenten gesellschaftlichen Problemlagen bestimmt. Er untersuchte die Veränderung des Familienlebens durch Trennung und Scheidung mit Fokus auf die Folgen für die Gestaltung der Elternschaft und der Kindheit.Reinhard Sieder: Geschiedene Eltern, verstörte Kinder – oder ein neues Familienleben? Picus Verlag, Wien 2012. In Fallstudien rekonstruierte er die historisch neue Lage von Kindern in bi-lokalen Familiensystemen nach Trennung der Eltern.Reinhard Sieder: Kinder nach der Trennung und Scheidung ihrer Eltern. In: Integrative Therapie. Zeitschrift für vergleichende Psychotherapie und Methodenintegration. Band 35, Nr. 2/3, Oktober 2009, S. 169–193. Er wies fallempirisch nach, dass Väter nach der Trennung von ihren Ehe- und Lebenspartnerinnen aktivere und engagiertere Väter werden können.Reinhard Sieder: Von Patriarchen und anderen Vätern. Männer in Familien nach Trennung und Scheidung. In: Franz X. Eder (Hrsg.): Im Inneren der Männlichkeit, Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften (OeZG). Band 11, Heft 3, 2000, S. 83–107; Reinhard Sieder: Männer in Patchworkfamilien. In: Karin Jurczyk, Andreas Lange (Hrsg.): Vaterwerden und Vatersein heute. Neue Wege – Neue Chancen! Verlag Bertelsmann Stiftung, Gütersloh 2009, S. 289–317. Aus autobiographischen Interviews rekonstruierte er die steigenden Ansprüche älterer Menschen auf ein gutes LebenReinhard Sieder mit Heinz Blaumeiser: Langsam werden meine Wanderungen zu Beerdigungen. Antizipationen und Rückgriffe im Umgang mit Ehepartnern und Freunden im Alter. In: G. Göckenjan, H.-J. von Kondratowitz (Hrsg.): Alter und Alltag. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1988, S. 219–237. und diskutierte die Recodierung der romantischen Liebe in der Zweiten Moderne und deren Implikationen für die Lebensplanung.Reinhard Sieder: Der Familienmythos und die romantische Liebe in der condition postmoderne. In: J. Hardt u. a. (Hrsg.): Sehnsucht Familie in der Postmoderne. Eltern und Kinder in Therapie heute. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2010, S. 45–71. Basierend auf mehrjähriger Projekt-Forschung publizierte er 2008 eine qualitative Studie zu Patchwork-Familien-Systemen,Reinhard Sieder: Patchworks – das Familienleben getrennter Eltern und ihrer Kinder. Mit einem Vorwort von Helm Stierlin. Klett-Cotta, Stuttgart 2008. die auch in der Paar- und Familientherapie Beachtung findet. Dies führte zu Einladungen des Autors zu Tagungen psychotherapeutischer, psychoanalytischer und soziologischer Vereinigungen in Österreich, Deutschland, der Schweiz und den USAReinhard Sieder: Historische Wahrheit und therapeutischer Nutzen. Vortrag zur Eröffnung der Tagung „Das weite Land der Aufstellungsarbeit“, Oktober 2001, Gmunden; Reinhard Sieder: Der Familienmythos und die romantische Liebe in der condition postmoderne. Vortrag am Fünften Hessischen Psychotherapeutentag am 18./19. September 2009 in Frankfurt a. M.; Reinhard Sieder: From Herbert Marcuse to New Fatherhood: Discourses and Life Projections in Private Life since the 1960s. (Vortrag, gehalten in New Orleans 2002, publiziert in: Günter Bischof, Anton Pelinka (Hrsg.): The Americanization / Westernization of Austria. 1st edition 2004, 2nd ed. Routledge 2017, ISBN 0-7658-0803-X; ISBN 978-0-7658-0803-5 pbk). sowie zu mehreren Vorträgen und Ausbildungsseminaren für Psychotherapeuten im Rahmen der ÖAS.Reinhard Sieder: Nach der Liebe die Trennung der Eltern: Alte Schwierigkeiten, neue Chancen. In: Familiendynamik. Systemische Praxis und Forschung. Jahrgang 35, Heft 4, 2010, S. 348–359. In einem mit Ernst Langthaler herausgegebenen Band veröffentlichte Reinhard Sieder eine vergleichende Untersuchung zu Formen von Haus, Haushalt und Familie in südamerikanischen, chinesischen und europäischen Regionen.Reinhard Sieder: Haus und Familie. Regime der Reproduktion in Lateinamerika, China und Europa. In: Reinhard Sieder, Ernst Langthaler (Hrsg.): Globalgeschichte 1800–2010. Böhlau Verlag, Wien / Köln / Weimar 2010, S. 285–341. Das Fazit: In allen untersuchten Weltregionen findet sich im Lauf des 20. Jahrhunderts die säkulare Tendenz zur Emanzipation von jungen Kleinfamilien aus größeren Verwandtschafts- und Haushalts-Systemen; sie tendieren zu deutlich weniger Kindern, einer engagierteren Elternschaft von Müttern und Vätern, zur Emanzipation lediger Mütter aus patriarchaler, staatlicher, munizipaler und medikaler Bevormundung und einer zunehmend aktiven Vaterschaft: engl. fathering, sowie zu relativ mehr Geschlechter-Gerechtigkeit im öffentlichen Diskurs und partiell auch im Alltagsleben.

Narrativ-autobiographisches Interview und Textanalyse Bedingt durch die sich auf das 20. und frühe 21. Jahrhundert beziehenden Forschungsfragen befasst sich Reinhard Sieder in Forschung und Lehre intensiv mit qualitativen sozial- und kulturwissenschaftlichen Methoden und Techniken. Im narrativen Interview und in der sequentiellen TextanalyseFritz Schütze: Zur Hervorlockung und Analyse von Erzählungen thematisch relevanter Geschichten im Rahmen soziologischer Feldforschung. In: Arbeitsgruppe Bielefelder Soziologen (Hrsg.): Kommunikative Sozialforschung: Alltagswissen und Alltagshandeln, Gemeindemachtforschung, Polizei, politische Erwachsenenbildung. Fink, München 1976, S. 159–260 (online); Gabriele Rosenthal: Interpretative Sozialforschung. Eine Einführung. Weinheim u. München 2005 u. a. findet er geeignete Methoden, adaptiert sie aber zunehmend an seine eigenen Forschungsprojekte und erweitert die Debatte u. a. um die Frage nach der besonderen Art der historischen Erklärung: Erzählende und erklärende Sätze verbinden sich im rekonstruktiven und konsekutiven Theorie-Typus, der erklären kann, „wie es so kommen konnte“.Reinhard Sieder: Ein Hitlerjunge aus gutem Haus. Narrativer Aufbau und Dekonstruktion einer Lebensgeschichte. In: Wolfram Fischer-Rosenthal, Peter Alheit (Hrsg.): Biographien in Deutschland. Soziologische Rekonstruktionen gelebter Gesellschaftsgeschichte. Opladen 1995, S. 330–359; Reinhard Sieder: Erzählungen analysieren – Analysen erzählen. Praxeologisches Paradigma, Narrativ-biografisches Interview, Textanalyse und Falldarstellung. In: Karl Rudolf Wernhart, Werner Zips (Hrsg.): Ethnohistorie. Rekonstruktion, Kulturkritik und Repräsentation. Eine Einführung. 4. gänzlich überarbeitete u. erweiterte Auflage. Wien 2014, S. 150–180.