mini|Lage Irlands innerhalb des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Irland Der Begriff Home Rule ( etwa für „Selbst-Regierung“) bezeichnet in der angelsächsischen Politikwissenschaft allgemein die Selbstverwaltung durch Gebietskörperschaften.

In besonderem Maße wird er mit dem zentralen Konflikt der Geschichte Irlands innerhalb des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Irland im späten 19. Jahrhundert und frühen 20. Jahrhundert identifiziert und auf Rialtas Dúchais genannt. Auf irischer Seite entstanden Bestrebungen nach einer Selbstverwaltung innerhalb des Vereinigten Königreichs. Dies führte zu vier „Home Rule“-Gesetzesvorlagen (Home Rule Bills), von denen erst die vierte im Jahr 1920 als Government of Ireland Act in Kraft trat und Irland ohne Nordirland in eine begrenzte Unabhängigkeit entließ.

1998 wurde das Prinzip der Selbstverwaltung in Form der Devolutions-Gesetzgebung (Devolution Acts) auf Wales, Schottland und Nordirland übertragen. Auch deren teilweise Eigenständigkeit wird als home rule bezeichnet.

Historischer Hintergrund Mit dem sogenannten Act of Union waren im Jahr 1800 das Königreich Großbritannien (entstanden durch Vereinigung der Königreiche England und Schottland) und das Königreich Irland zum Vereinigten Königreich von Großbritannien und Irland fusioniert worden. Zuvor hatten die britischen Könige zwei Kronen – die von Großbritannien und die von Irland – getragen, danach nur noch die des Vereinigten Königreichs. Damit hatte Irland praktisch aufgehört, staatsrechtlich als eigener Staat zu existieren. Die Abgeordneten des irischen Parlaments nahmen fortan ihre Parlamentssitze in Westminster ein. Diese staatliche Union war jedoch in Irland von Anfang an unpopulär. Das Land war zur großen Mehrheit katholisch und die Katholiken erhielten erst im Jahr 1829 im Rahmen der „Katholikenemanzipation“ das passive Wahlrecht. Im irischen Parlament vor 1800 saßen hingegen nur Protestanten und diese hatten über den Act of Union entschieden.

Irland blickte auf eine jahrhundertelange Unterdrückung durch englische und schottische Herren zurück und die Iren fühlten sich im neu geschaffenen Vereinigten Königreich als Bürger zweiter Klasse. Diese irischen Ressentiments wurden durch die große Hungersnot in Irland 1845–49, der annähernd eine Million Einwohner, also fast ein Siebtel der damaligen irischen Bevölkerung zum Opfer fielen, noch erheblich verstärkt. Während dieser Krisenjahre hatte sich die Regierung im fernen London gegenüber dem irischen Elend handlungsunfähig oder sogar gleichgültig gezeigt. Mehrere Millionen Iren wanderten im 19. Jahrhundert in die Vereinigten Staaten aus.

Auch unter diesen Auswanderern blieb die Abneigung gegenüber den englischen Herren in der alten Heimat weit verbreitet und es wurden Organisationen gegründet, die sich das Ziel setzten, die Unabhängigkeit Irlands mit legalen oder illegalen Mitteln zu fördern (z. B. die Fenian Brotherhood). In Irland selbst formierten sich Geheimbünde wie 1858 die Irische Republikanische Bruderschaft (Irish Republican Brotherhood), die das Ziel einer irischen Unabhängigkeit auch mit gewaltsamen Mitteln verfolgten. Irland wurde immer wieder durch politisch motivierte Unruhen und Morde erschüttert. Am spektakulärsten waren die Phoenix-Park-Morde im Mai 1882. Es kam immer wieder zum passiven oder gewaltsamen Widerstand landloser irischer Pächter gegen die landbesitzenden englischen oder anglo-irischen Großgrundbesitzer. 1879 wurde die Irish Land League gegründet, die sich für die rechtliche Besserstellung landloser irischer Bauern einsetzte. Im Jahr 1870 gründete der Dubliner Anwalt Isaac Butt die Home Rule League als Interessengruppierung zur politischen Durchsetzung des Konzeptes der Selbstverwaltung Irlands. Bei den Unterhauswahlen 1874 gewann die Home Rule League 60 der 100 irischen Parlamentssitze. 1882 reorganisierte sich die Home Rule League unter Charles Stewart Parnell zu einer straff geführten politischen Partei, der Irish Parliamentary Party, die fortan die irischen Interessen in Westminster vertrat und die dort mit ihren annähernd 10 % der Parlamentssitze, insbesondere bei knappen Mehrheitsverhältnissen einen nicht unerheblichen politischen Machtfaktor darstellte.

Insbesondere Politiker aus der Liberalen Partei sahen angesichts des irischen Unruheherdes die Notwendigkeit von staatsrechtlichen Reformen und begannen das Konzept der Home Rule, das heißt einer weitgehenden Selbstverwaltung Irlands im Rahmen des Vereinigten Königreichs, zu propagieren. Dieses Konzept wurde von den britischen Konservativen im Bündnis mit vielen irischen Protestanten abgelehnt, da diese befürchteten, dass dadurch die innere Einheit des Vereinigten Königreichs gefährdet würde. Die irischen Unionisten waren in ihrer großen Mehrheit Protestanten, die ganz überwiegend in Ulster lebten. Sie fürchteten bei einer Selbstverwaltung Irlands durch die katholische Mehrheit dominiert zu werden (Home rule is Rome rule! – „Home rule bedeutet die Herrschaft Roms!“ (d. h. des Papstes)). Allerdings gab es keine ganz scharfe Trennung entlang der Konfessionsgrenzen. Einige führende irische Home-Rule-Befürworter, wie z. B. Charles Stewart Parnell, waren Protestanten und in der britischen Administration Irlands arbeiteten viele irische Katholiken.

Das Verlangen nach „Home Rule“ ab etwa 1870 bis ins frühe 20. Jahrhundert unterschied sich vom früheren Ansinnen von Daniel O’Connell nach Aufhebung des Act of Union im frühen 19. Jahrhundert. Daniel O’Connell hatte die komplette Aufhebung des Act of Union und die Schaffung eines komplett unabhängigen irischen Staates gefordert, der allerdings in Personalunion unter dem britischen Monarchen mit dem restlichen Vereinigten Königreich verbunden bleiben sollte. Die Anhänger des Home Rule-Konzeptes strebten dagegen ein Regionalparlament für Irland im Verbund des Vereinigten Königreichs, im heutigen Sprachgebrauch eine devolution an.

Home Rule Bill 1886 mini|hochkant|Der liberale Premierminister Gladstone versuchte mit zwei Gesetzesvorlagen die Home Rule in Irland umzusetzen. mini|Gladstone stellt sein Home Rule-Gesetz in der Unterhausdebatte am 8. April 1886 vor. Bei der Unterhauswahl 1885 wurden 85 der 103 irischen Sitze im britischen Parlament von der Irish Parliamentary Party gewonnen; im Unterhaus konnten sie mit ihrem Block an Abgeordneten die Balance innehalten und waren damit entscheidend für eine Mehrheit für den liberalen Premierminister William Gladstone. Gladstone war durch den Wahlerfolg der irischen Nationalisten überzeugt, dass Irland nunmehr eine Selbstverwaltung verdiene und eine Reform der bestehenden Union zwischen Großbritannien und Irland angebracht sei.

Am 8. April 1886 brachte Gladstone das erste Home Rule Bill ein.Ian Cawood: The Liberal Unionist Party: A History. IB Tauris, London 2012. S. 25. Die Gesetzesvorlage war nahezu komplett das Werk Gladstones und nicht durch vorherige Diskussionen im Kabinett entstanden.

Die Hauptpunkte waren: Etablierung einer legislativen Versammlung aus zwei Kammern: 103 Mitgliedern des Hochadels, die für 10 Jahre gewählt werden 204 Mitgliedern des Unterhauses Ausschluss aller irischen Adligen und Abgeordneten aus dem britischen Parlament in Westminster Die Exekutive wird weiterhin vom Lord Lieutenant of Ireland als Vertreter der britischen Krone geführt. Großbritannien behält die Kontrolle über einige Themengebiete, wie z. B. Verteidigung, Außenpolitik, Handel und Münzrecht. Großbritannien behält weiterhin die Kontrolle über die Royal Irish Constabulary bis zu dem Punkt, an dem diese sicher an Dublin übergeben werden kann Ulster wird Teil von Irland mit einer Minderheitenstimme im Parlament

Als der Vorschlag eingebracht wurde, hatte Charles Stewart Parnell, der Vorsitzende der Irish Parliamentary Party, gemischte Gefühle. Seiner Ansicht nach gab es noch große Fehler darin, aber er war bereit, dafür zu stimmen. Dagegen war ein Teil der Liberalen überzeugt, dass Home Rule für Irland letztlich zu einer Auflösung der Union und nachfolgend unweigerlich zu einer Unabhängigkeit Irlands führen würde. Prominente liberale Parteimitglieder um den Marquess of Hartington und George Joachim Goschen gründeten ein „Komitee zum Erhalt der Union“. Um die „Union der Reiche“ aufrechtzuerhalten, verbündeten sie sich mit einer innerparteilichen Strömung um Joseph Chamberlain und John Bright. Chamberlain hatte kurzzeitig in Gladstones Kabinett als Minister gedient, war jedoch sofort zurückgetreten, als er Einblick in Gladstones Home Rule-Pläne bekommen hatte.Robert Blake: The Unknown Prime Minister. The Life and Times of Andrew Bonar Law. 1858–1923. Eyre & Spottiswoode, London 1955, S. 41. Diese Gruppe Liberaler wendete sich von den Liberalen ab und bildeten als Liberale Unionisten eine eigenständige Fraktion im Unterhaus. Gladstones Eintreten für die irische „Home Rule“ führte nun zur Spaltung der Liberalen Partei und zu einem Ende der liberalen Dominanz in der Wählergunst.Robert Blake: The Conservative Party from Peel to Major. Revised edition. Heinemann, London 1997, ISBN 0-434-00352-2, S. 159. Besonders schwerwiegend und im weiteren Verlauf folgenreich für die Liberale Partei war vor allem die Situation im Oberhaus (House of Lords). Hatten die Konservativen im Oberhaus bereits seit langem eine Mehrheit inne, die im Jahr 1868 noch etwa 60 bis 70 Sitze betrug, so wechselte nun die Masse der bislang liberalen Peers die Seite. Die Liberale Fraktion im Oberhaus schrumpfte hierdurch von einer respektablen Minderheit auf nur noch insgesamt 30 bis 40 Peers.Roy Jenkins: Mr Balfour’s Poodle. New edition. Bloomsbury Reader, London 2012, ISBN 978-1-4482-0320-8, S. 16 f.

Nach zweimonatiger Debatte wurde der Vorschlag am 8. Juni 1886 im Unterhaus (House of Commons) mit 341 (darunter 93 Liberale) zu 311 Stimmen abgelehnt und kam deshalb nie vor das Oberhaus (House of Lords). Infolge der Ablehnung der Gesetzesvorlage und die Abspaltung der Liberalen Unionisten von der Liberalen Partei ließ Gladstone Neuwahlen anberaumen. Die Unterhauswahlen 1886 führten zu einem Sieg der oppositionellen Konservativen und der mit ihnen verbündeten Unionisten und Gladstone musste sein Amt als Premierminister an Lord Salisbury abgeben. Unter den konservativen Regierungen 1886 bis 1892 wurde das Konzept der Home Rule nicht weiter verfolgt.

Home Rule Bill 1893 Im August 1892 wurde William Gladstone erneut Premierminister. Allerdings war er für eine Mehrheit auf die Parlamentsmitglieder der Irish Parliamentary Party angewiesen. Daher war es nachvollziehbar, dass er schnellstmöglich eine weitere Home Rule Bill einbringen wollte. Im Februar 1893 brachte er die Irish Government Bill 1893 (Second Irish Home Rule Bill) als Gesetzesvorlage vor das Parlament. Wie auch die erste Gesetzesvorlage war diese zweite Home Rule Bill weitgehend von Gladstone alleine und seinen unmittelbaren Vertrauten und ohne Einbindung irischer oder anderer liberaler Politiker ausgearbeitet worden, ein Umstand, der bei seinen liberalen Parteigenossen auf Befremdung stieß. Außerdem zeigten sich bei der Diskussion der Gesetzesvorlage im Unterhaus gravierende Fehler in den vorgesehenen Regelungen der Finanzverhältnisse, weil sich Gladstone offensichtlich verrechnet hatte.

In Einzelnen sah der Gesetzesentwurf folgende Regelungen vor: Für innenpolitische Angelegenheiten wird ein gesamtirisches Parlament eingerichtet. Das Parlament besteht aus einem legislativen Rat aus 48 Mitgliedern, die für 8 Jahre gewählt werden, sowie aus einer gesetzgebenden Versammlung mit 103 Mitgliedern.

Dieser Vorschlag unterschied sich von der ersten Home Rule Bill, indem er es 80 irischen Parlamentsmitgliedern in Westminster erlaubte, an Irland betreffenden Abstimmungen teilzunehmen, und indem er keine Adelskammer vorsah.