Erwin Friedrich Becher (* 10. August 1890 in Remscheid; † 4. September 1944 in Frankfurt am Main) war ein deutscher Mediziner und Hochschullehrer. Sein besonderes Interesse galt der Nierenheilkunde. Mitunter wurde die Reihenfolge seiner beiden Vornamen vertauscht.
Leben Erwin Becher war der Sohn des Lehrers Ernst Becher und seiner Ehefrau Hulda Becher, geborene Küpper. Sein Bruder, der Geheimrat Erich Becher, war ein Philosoph und Psychologe, sein Bruder Ernst Siegfried Becher ein Naturwissenschaftler und sein Bruder Hellmut Becher ein Anatom. Außerdem hatte Erwin Becher drei Schwestern.Quelle: Vorwort, Seite VI, in seinem Lehrbuch Nierenkrankheiten, Jena 1944.
Nach dem Besuch der Volksrealschule in Remscheid studierte er Medizin, Philosophie, Psychologie und Zoologie an den Universitäten Bonn, Münster, Marburg und Gießen. Das Physikum absolvierte er 1911 in Münster. Er wurde zwei Jahre später in Gießen zum Dr. phil. promoviert. 1914 legte er das Staatsexamen ab und wurde 1916 zum Dr. med. promoviert. Das Thema seiner medizinischen Inauguraldissertation lautete »Beitrag zur Histogenese und Morphogenese der Uterusmyome« und erschien in Stuttgart im Druck.
Während des Ersten Weltkriegs praktizierte Erwin Becher als Militärarzt an verschiedenen Lazaretten. Danach wurde er Assistent am Physiologischen Institut der Universität Gießen. Später war er in verschiedenen medizinischen Bereichen in München, Halle (Saale), Frankfurt am Main und Heidelberg tätig. Zuletzt war er Oberarzt und Universitätsprofessor für Innere Medizin. Er hatte den Lehrauftrag für Propädeutik der Inneren Medizin an der Universität Frankfurt am Main.
Zeit des Nationalsozialismus Zum 1. Mai 1933 trat Becher in die NSDAP ein; seine Mitgliedsnummer lautete 2.535.895.Bundesarchiv, R 9361-VIII KARTEI/1280191. Darüber hinaus war er förderndes Mitglied der SS sowie Mitglied des Reichsluftschutzbundes und der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt.
1935 erhielt Becher einen Ruf auf ein Ordinariat an der neu gegründeten Staatlichen Akademie für praktische Medizin in Danzig. Noch im selben Jahr kehrte er als Ordinarius an die Universität Frankfurt am Main zurück.
Wissenschaftliches Wirken Nach Erwin Friedrich Becher wurde die Bechersche Lösung benannt. Sie enthält „Pantocain 0,1 oder Nupercain 0,4 [,] Tinctura Belladonnae 6,0, Aqua amygdalarum amararum [= Bittermandelwasser] ad 20,0; Mittel zur symptomatischen Behandlung des Erbrechens und der Übelkeit bei Urämie.“Günter Thiele, Heinz Walter (Hrsg.): Reallexikon der Medizin und ihrer Grenzgebiete. Verlag Urban & Schwarzenberg, Loseblattsammlung 1966–1977, München / Berlin / Wien 1966, ISBN 3-541-84000-5, 1. Ordner (A bis Carfimatum), S. B 96.
Ebenso wurde (nach Angaben im Reallexikon der Medizin und ihrer Grenzgebiete) auch der Bechersche Samenstranghalter nach ihm benannt. Eine eindeutige Zuordnung dieses Eponyms zu Erwin Becher ist jedoch nicht nachgewiesen. Der Bechersche Samenstranghalter ist ein „langer, an der Spitze schlingenförmig gebogener Haken zum mikrooperativen Hochhalten beziehungsweise Beseitehalten des Samenstranges.“Günter Thiele, Heinz Walter (Hrsg.): Reallexikon der Medizin und ihrer Grenzgebiete. Verlag Urban & Schwarzenberg, Loseblattsammlung 1966–1977, München / Berlin / Wien 1966, ISBN 3-541-84000-5, 1. Ordner (A bis Carfimatum), S. B 96. In der aktualisierten Ausgabe des »Handlexikons der Medizin« vom selben Herausgeber fehlt dieses Stichwort vollständig.Günter Thiele: Handlexikon der Medizin. Band I (A–K), Verlag Urban & Schwarzenberg, München / Wien / Baltimore 1980, ISBN 3-541-09111-8, ISBN 3-541-09511-3, S. 222.
Die Bechersche Zahl ist eine „aus der Menge des 24-Stunden-Urins ermittelte Zahl über die grobe Orientierung über die Nierenleistung. Summe aus den Hunderter-Zahlen der in Milliliter angegebenen 24-Stunden-Menge und den beiden letzten Zahlen des spezifischen Gewichts (zum Beispiel 1100 ml/24 Stunden und spezifisches Gewicht 1020; 11 + 20 = 31). Normalwert circa 30; kleinere Werte (20 bis 22) sprechen für Funktionseinschränkung.“Günter Thiele, Heinz Walter (Hrsg.): Reallexikon der Medizin und ihrer Grenzgebiete. Verlag Urban & Schwarzenberg, Loseblattsammlung 1966–1977, München / Berlin / Wien 1966, ISBN 3-541-84000-5, 1. Ordner (A bis Carfimatum), S. B 96. Nach anderer Ansicht gilt genau das Gegenteil: „Liegt die Bechersche Funktionszahl bei mehrtägiger Kontrolle immer bei 28 und darüber, dann besteht wahrscheinlich eine Niereninsuffizienz. Bei 24 [ist die] Nierenfunktion deutlich eingeschränkt.“Robert Heintz: Nieren-Fibel. Georg Thieme Verlag, Stuttgart 1964, S. 41.
Die Bechersche Xanthoproteinreaktion [ist die] „Gelbfärbung des mit Trichloressigsäure enteiweißten und mit konzentrierter HNO3 [das ist Salpetersäure] aufgekochten Harns (nach Alkalisierung weitere Farbvertiefung); bedingt durch Darmfäulnisprodukte, die – bei Niereninsuffizienz – nicht in der üblichen Form ausgeschieden werden.“Günter Thiele: Handlexikon der Medizin. Band I (A–K), Urban & Schwarzenberg, München / Wien / Baltimore 1980, ISBN 3-541-09111-8, ISBN 3-541-09511-3, S. 222.
Schriften (Auswahl) Erwin Friedrich Becher: Beitrag zur Histogenese und Morphogenese der Uterusmyome. In: Zeitschrift für Geburtshülfe und Gynäkologie. Band 78, Heft 2, Verlag von Ferdinand Enke, Stuttgart 1916, S. 281 ff. (zugleich medizinische Dissertation, Universität Gießen 1916). Franz Volhard, Erwin Becher: Die klinischen Methoden der Nierenfunktionsprüfung. Urban & Schwarzenberg, Berlin / Wien 1929, VI, 308 Seiten. Erwin Becher (Einführung): Diät bei Erkrankungen der Niere und der Harnwege. (= Thienemanns Diät-Koch-Bücher). Karl Thienemanns Verlag, Stuttgart 1933, 45 Seiten. Erwin Becher: Einfache quantitative, klinisch-chemische Harn- und Blutuntersuchungsmethoden. Eine Anleitung zur Ausführung diagnostisch wichtiger quantitativer Methoden ohne besondere Laboratoriumseinrichtung zum Gebrauch für die ärztliche Praxis. Mit einem Vorwort von Franz Volhard. Verlag von Gustav Fischer, Jena 1934, XII, 165 Seiten. Erwin Becher als Herausgeber mit Helmuth Bohnenkamp, Ludwig Heilmeyer, Norbert Henning, Ferdinand Hoff, Walter Hülse, Rudolf Schoen und Alexander Sturm: Lehrbuch der speziellen pathologischen Physiologie für Studierende und Aerzte. 5., durchgesehene Auflage. Verlag von Gustav Fischer, Jena 1944. Erwin Becher: Nierenkrankheiten. 1. Band, Verlag von Gustav Fischer, Jena 1944, 690 Seiten mit VI Tafeln. Erwin Becher: Nierenkrankheiten. 2. Band: Klinik und Therapie der Nierenkrankheiten. Herausgegeben von Franz Volhard, Gustav Fischer, Jena 1947, 358 Seiten.
Literatur
Weblinks
Einzelnachweise
Kategorie:Internist Kategorie:Mediziner (20. Jahrhundert) Kategorie:Hochschullehrer (Goethe-Universität Frankfurt am Main) Kategorie:Hochschullehrer (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg) Kategorie:NSDAP-Mitglied Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1890 Kategorie:Gestorben 1944 Kategorie:Mann Kategorie:Absolvent der Justus-Liebig-Universität Gießen