mini|hochkant=1.3|Johanneskirche, Rückansicht von Westen mit Sakristeianbau (nach 1875; der Turm gehört zur Nikolaikirche)

Die Johanneskirche (auch: Johanniskirche) in Spandau war das Gotteshaus der reformierten Gemeinde und wurde zeitweise für Gottesdienste der in Spandau stationierten Garnison mitgenutzt. Die Kirche wurde in den 1670er Jahren gebaut, mehrfach bei gleichem Grundriss umgebaut und 1902/1903 abgerissen. Sie lag zwischen der Potsdamer Straße und der Jüdenstraße am nördlichen Rand der Altstadt Spandaus, unweit der St.-Nikolai-Kirche, und war von Osten, von der Potsdamer Straße (heute: Carl-Schurz-Straße 57/59) aus zugänglich.

Geschichte der Reformierten Gemeinde und der Militärgemeinde Nach dem am 16. September 1664 von Kurfürst Friedrich Wilhelm I. erlassenen Toleranzedikt gestattete der Kurfürst am 19. November 1666 dem Kommandanten der Spandauer Festung, Oberst Isaak du Plessis-Gouret, in seinem Wohnhaus auf dem Behnitz reformierte Gottesdienste für seine Familie und Bewohner Spandaus abzuhalten. Erster Prediger war Adam Girck, Lehrer am Joachimsthalschen Gymnasium in Berlin, der von du Plessis-Gouret privat vergütet wurde. Am 12. August 1673 wurde David Scultetus per Kurfürstlichen Erlass als hauptamtlicher Prediger angestellt. Weil die Gemeinde größer wurde, ersuchte der Oberst den Kurfürsten, ein Nutzungsrecht an der nur werktags und an „Aposteltagen“ benutzten lutherische Moritzkirche zu erwirken. Dies lehnte der Spandauer Magistrat jedoch ab. Kurfürst Friedrich Wilhelm schenkte der reformierten Gemeinde daraufhin 1669 einen Bauplatz am nördlichen Ende der Jüdenstraße, wo bis 1673 die neue Kirche, später Johanneskirche genannt, erbaut wurde. Das Grundstück, eine Bürgerstelle des Ackerbürgers Sebastian Striepe aus Falkenrehde, war mit verschiedenen Aufbauten durch Tausch in den Besitz des Kurfürsten gelangt.Hans-Herbert Möller: Die ehemalige Moritzkirche in Spandau. In: Jahrbuch für brandenburgische Landesgeschichte. 15. Band, Berlin 1962, S. 59–70, hier S. 65 f.Gunther Jahn: Die Bauwerke und Kunstdenkmäler von Berlin. Stadt und Bezirk Spandau. Berlin 1971, S. 187–193, hier S. 150, 188.

Vorübergehend benutzten auch aus Piemont stammende Waldenser mit einem eigenen Prediger als französische reformierte Gemeinde die Kirche mit, bis sie sich 1734 entweder der französischen Gemeinde in Potsdam oder der deutsch-reformierten Gemeinde in Spandau anschlossen. 1790 lebten in Spandau 87 reformierte Familien (neben 675 lutherischen und vier katholischen Familien).Helmut Kißner, Cordia Schlegelmilch: Die Vorgeschichte. In: Helmut Kißner, Cordia Schlegelmilch: Die Kirche St. Marien am Behnitz in Spandau. Ein vergessenes Werk August Sollers. Berlin 2004, S. 23–38, hier S. 33 Anm. 43, unter Bezug auf M. Schall: Urkundliche Nachrichten zur Geschichte der Garnison u. Garnisonsgemeinde Spandau. Spandau-Berlin 1888, S. 146. 1823 genehmigte das Königliche Ministerium der geistlichen Angelegenheiten die Bezeichnung Johannes-Kirche zu Spandau. 1833 erklärte die Johannesgemeinde ihren Beitritt zur Kirchenunion mit der lutherischen Gemeinde.

Die lutherische Garnisongemeinde führte ab 1711 ihre Gottesdienste neben der Moritzkirche auch in der von König Friedrich Wilhelm I. auf der Zitadelle neu erbauten Schlosskapelle durch; als diese 1789 abgebrochen wurde, wurde die Johanneskirche neben ihrer Funktion als Gemeindekirche auch Garnisonkirche, in der sich die Garnisonsgeistlichen und die Gemeindeprediger – die sich jetzt „Hofprediger“ nannten – abwechselten. 1838 wurde die Garnisongemeinde offiziell in der Johanneskirche eingepfarrt, die dafür entsprechend umgebaut wurde. Sie verfügte jetzt über 493 Sitzplätze.Gunther Jahn: Die Bauwerke und Kunstdenkmäler von Berlin. Stadt und Bezirk Spandau. Gebr. Mann Verlag, Berlin 1971, S. 150.

1876 zählte die Garnisongemeinde 3787 Seelen, die Johannesgemeinde etwa 2500. Eine Verlegung der Johanneskirche als Gemeinde- und Militärkirche wurde seit etwa 1870 von der Stadt Spandau gewünscht, um das Grundstück der Kirche zur Erweiterung der Stadtschulen nutzen zu können. Dies lehnte der Militärfiskus jedoch ab. Daraufhin wurde die Kirchengemeinde mit der Nikolaigemeinde zusammengelegt, in der Spandauer Neustadt wurde 1895/1896 die Lutherkirche gebaut. Für die Militärgemeinde errichtete der Militärfiskus neu die Garnisonkirche, die am 16. März 1890 eingeweiht wurde. Der letzte Gottesdienst der Militärgemeinde in der Johanneskirche fand am 9. März 1890 statt. Die Stadt Spandau erwarb das Grundstück am 17. Dezember 1902 und ließ die Kirche im Winter 1902/1903 abreißen, um ein Gymnasium, die spätere Freiherr-vom-Stein-Oberschule, zu bauen. Der ehemaligen Kirchhof wurde in das Gelände des Schulhofs mit einbezogen und ist als Bodendenkmal geschützt.Gunther Jahn: Die Bauwerke und Kunstdenkmäler von Berlin. Stadt und Bezirk Spandau. Berlin 1971, S. 150 f., 155. in der Berliner Denkmaldatenbank

Das Kirchengebäude

1673–1750 Das später Johanneskirche genannte Gotteshaus war zunächst eine Fachwerkkirche, die mehrfache Umbauten erlebte. Der von Kurfürst Friedrich Wilhelm geschenkte Bauplatz lag zwischen der Klosterstraße (ab 1754: Potsdamer Straße, seit 1939: Carl-Schurz-Straße) und der Jüdenstraße. An der Potsdamer Straße stand an der Stelle des Striepeschen Wohnhauses das 1674 erstmals erwähnte Predigerhaus, die Kirche wurde dahinter in ungefährer Nord-Süd-Ausrichtung quer auf das Grundstück gesetzt, wo vorher eine Scheune gestanden hatte. Ein weiteres „kleines altes Häußchen“ auf dem Grundstück – das Meierhaus – diente, so Prediger Scultetus, anfangs als Schule. Mit dem Bau der Kirche wurde ausweislich erhaltener Rechnungen über von der Stadt geliefertes Bauholz 1673 begonnen. Auch „ausgezimmertes Holz“, möglicherweise von der abgerissenen Scheune, wurde mit verbaut. Der Bau ging langsam voran, da er hauptsächlich aus freiwilligen Beiträgen der Gemeindemitglieder finanziert wurde, hinzu kamen Einnahmen aus Strafzahlungen und kleinere Zuwendungen des Kurfürsten. 1674 war der Fachwerkbau noch „ganz offen“, dann wurden das Dach errichtet und die Gefache ausgemauert. 1675 kamen die Fenster, 1676 wurde die Kirchendecke fertiggestellt, und der Bau war abgeschlossen.Gunther Jahn: Die Bauwerke und Kunstdenkmäler von Berlin. Stadt und Bezirk Spandau. Berlin 1971, S. 150.

Bei einer Explosion der Pulverkammer der Zitadelle 1691, die durch ein Unwetter ausgelöst wurde, wurde die Kirche schwer beschädigt. Das Gebäude wurde 1692 für mehr als 700 Taler repariert, war aber trotz mehrerer Reparaturen bald wieder baufällig. Ein von Oberbaudirektor K. Stolze 1722/1723 vorgelegtes Gesuch um Finanzierung wurde vom evangelisch-reformierten Kirchendirektorium abgelehnt, den Plan eines Neubaus für 6718 Taler lehnte König Friedrich Wilhelm I. ab und schlug vor, die St.-Nikolai-Kirche als Simultaneum für Lutheraner und Reformierte zu nutzen, was sich aber als undurchführbar erwies. Erst 1750 ermöglichte König Friedrich der Große nach wiederholten Bittgesuchen den Bau einer massiven Kirche,Gunther Jahn: Die Bauwerke und Kunstdenkmäler von Berlin. Stadt und Bezirk Spandau. Gebr. Mann Verlag, Berlin 1971, S. 151 f. die 1751 eingeweiht wurde.Vermischtes: Aus den Marken und der Lausitz (mittlere Spalte, erster Satz). In: Vossische Zeitung, 13. Januar 1903.

Die erste Fachwerkkirche war ein rechteckiger Saalbau ohne Chor mit einer wahrscheinlichen Länge von 27,90 m und einer Breite von 10 m, die Höhe bis zum Ansatz des Satteldachs betrug 8,10 m. Sie war mit der massiv gemauerten Vorderfront zur Klosterstraße ausgerichtet und wurde aus dieser Richtung betreten. Die bis auf wahrscheinlich vorhandene Luken im Giebeldreieck fensterlosen Giebelwände und die Rückwand zur Jüdenstraße hin war ausgemauertes Fachwerk. In der Mittelachse der unsymmetrisch gegliederten Vorderfront lag das Hauptportal, beiderseits davon jeweils drei Fensterachsen mit hoch liegenden rechteckigen Fenstern. Unter dem linken (südwestlichen) Fenster diente eine Tür als Zutritt für Prediger und Kirchenälteste zum Altarraum mit Kanzel und Altartisch; möglicherweise gab es rechts eine Tür, die unter die Orgelempore führte. Diese Querempore an der nordöstlichen Giebelwand setzte auf einer quer durch den Raum gezogenen Fachwerkwand auf. Der Kirchsaal hatte eine mit Brettern verschalte Flachdecke. Das Gestühl war auf Altar und Kanzel hin ausgerichtet und durch zwei Gangreihen unterteilt.Gunther Jahn: Die Bauwerke und Kunstdenkmäler von Berlin. Stadt und Bezirk Spandau. Gebr. Mann Verlag, Berlin 1971, S. 152.

Anfangs fanden auf dem Vorhof der Kirche Bestattungen statt; wohlhabende Gemeindemitglieder wurden auch im Gewölbe der Kirche beigesetzt. 1715 erwarb die Gemeinde ein schmales Grundstück hinter der Kirche zur Jüdenstraße hin, das bis 1814 als Begräbnisplatz genutzt wurde. 1708 erhielt die Gemeinde zudem das Recht, auf einem Platz vor dem Potsdamer Tor zu bestatten, im 19. Jahrhundert auch auf einem Platz vor dem Oranienburger Tor.Gunther Jahn: Die Bauwerke und Kunstdenkmäler von Berlin. Stadt und Bezirk Spandau. Gebr. Mann Verlag, Berlin 1971, S. 159 f.

Massivbau von 1751 Der preußische König Friedrich der Große bewilligte 1751 2000 Taler für den Bau eines massiven Kirchengebäudes. Das Fachwerk der Rückwand und der Giebelwände wurde bei gleichem Grundriss durch massives, glatt verputztes Mauerwerk ersetzt. Um das Gebäude lief ein drei Fuß hoher Sockelstreifen, die Längswände erhielten unter dem Ansatz zur Dachschräge ein profiliertes Gesims. 1752 wurde an der Rückseite der Kirche in der Mittelachse eine Sakristei angebaut, ein aus finanziellen Gründen einfacher glattgeputzer, rechteckiger Baukörper mit Satteldach. Die hintere Längswand hatte sechs rechteckige Fenster, davon die beiden äußeren Blendfenster. Unter dem linken gestattete eine flachbogig geschlossene Türöffnung den Zugang zum Raum unter der Orgelempore. Die Bauarbeiten standen unter Aufsicht des Kriegs- und Domänenrats Feldmann und wurden von den Maurermeistern Lehmann sen. und jun. ausgeführt. Der von einigen Gemeindemitgliedern gewünschte Bau eines Kirchturms kam aus nicht mehr zu klärenden Gründen nicht zur Ausführung.

Der Innenraum wurde zur Querkirche umgestaltet: Der Altar stand jetzt in der Mitte der hinteren, westlichen Längswand, darüber die Kanzel, die aus der Potsdamer Schlosskapelle stammte und von der Sakristei aus über eine Treppe erreicht wurde. An der südlichen Giebelwand, wo sich bisher Altar und Kanzel befunden hatten, wurde eine Querempore errichtet und mit der Orgelempore über eine durchlaufende Empore an der östlichen Längswand verbunden, die auf rundgehobelten Säulen stand, so dass eine U-förmige Emporenanlage (Hufeisenempore) entstand.Gunther Jahn: Die Bauwerke und Kunstdenkmäler von Berlin. Stadt und Bezirk Spandau. Gebr. Mann Verlag, Berlin 1971, S. 152 f.

1782–1836 In der Folgezeit wurde die Vorderfront mit der Hauptfassade der Kirche gotisiert, die einzelnen Fenster erhielten spitzbogige Blenden. Über dem Hauptportal lag ein kleines Mittelfenster. Das mit Ziegeln gedeckte Satteldach wurde 1799 von Maurermeister Bocksfeldt und Zimmermeister Becker gründlich repariert, da die 1750 unsachgemäß aufgeführten Umfassungsmauern abgesunken waren, so dass sich der Dachstuhl verzogen hatte. Im Innern wurde die Orgelempore renoviert und ihre vordere Stützwand massiv aufgemauert.Gunther Jahn: Die Bauwerke und Kunstdenkmäler von Berlin. Stadt und Bezirk Spandau. Gebr. Mann Verlag, Berlin 1971, S. 154.

Erneuerung als Garnisonkirche ab 1836 mini|Letzter Bauzustand, Ansicht der Vorderseite von der Potsdamer Straße aus

Vor der Einpfarrung der Garnisongemeinde wurde 1836 die Johanneskirche von der Königlichen Regierung in Potsdam grundlegend erneuert. Während der Bauarbeiten nahm die Johannesgemeinde an den Gottesdiensten in der St.-Nikolai-Kirche teil, da 1833 die Union zwischen Reformierten und Lutheranern in Spandau vollzogen worden war. Fertiggestellt wurde die Kirche im Dezember 1836.