mini|Statue des Muqali auf dem Süchbaatar-Platz in Ulaanbaatar
MuqaliEs existiert kein einheitliches System zur Transliteration der Eigen- und Ortsnamen aus der Zeit des Mongolischen Reichs. Dementsprechend finden sich in den Publikationen zum Thema unterschiedliche Schreibweisen auch des Namens Muqalis (Muchali, Mukhali, Muquli, Muchuli). Wir folgen in der Schreibweise Muqali, ebenso wie bei den Schreibungen anderer mongolischer Namen und Bezeichnungen, Manfred Taubes Übersetzung der Geheimen Geschichte der Mongolen (Kiepenheuer, Leipzig und Weimar, 1989), sofern sich keine standardisierten Schreibweisen im Deutschen finden, wie etwa im Falle Činggis Qans. (mittelmongolisch: ᠮᠤᠬᠤᠯᠠᠢ, Muqali; mongolisch (modern): Мухулай, Muchulai; chinesisch: 木华黎, Mùhuálí; * um 1170 in der heutigen Mongolei; † 1223 in China) war einer der bedeutendsten Feldherren der Armee des Mongolischen Reichs unter Dschingis Khan. Muqali war an entscheidenden, siegreichen Schlachten während der Einigung der mongolischen Stämme beteiligt und während Dschingis Khans Feldzug gegen die Jin-Dynastie gewann er zahlreiche Schlachten und nahm mehrere Städte ein. Er war einer der engsten Berater und Vertrauten Dschingis Khans und war maßgeblich an der Gründung und frühen Ausdehnung des Reichs beteiligt.Carl Fredrik Sverdrup: The Mongol Conquests: The Military Operations of Genghis Khan and Sübe'etei. Helion, Solihull, 2017, S. 34 (englisch).
1217 verlieh ihm Dschingis Khan den Titel Gui Ong (etwa: staatlicher Prinz) und machte ihn zum de-facto-Herrscher über die mongolischen Gebiete in Nordchina und Oberbefehlshaber der dortigen Truppen. Ihm oblag nicht nur die administrative Verwaltung der besetzten Gebiete, er dehnte diese auch bis zu seinem Tode 1223 weiter aus. Nur Dschingis Khan selbst stand in der administrativen und militärischen Hierarchie der Mongolen über ihm und er war der ranghöchste Offizielle und Offizier, der nicht aus dem Geschlecht der Dschingisiden stammte.
Während Muqali in der mongolischen Überlieferung späterer Jahrhunderte und bis heute eine gewichtige Rolle spielt und große Popularität genießt, ist er im Westen, im Vergleich zu anderen mongolischen Feldherren – wie etwa J̌ebe oder Sube'etai – relativ unbekannt geblieben.Luc Kwanten: The Career of Muqali: A Reassessmet. In: Bulletin of Sung and Yüan Studies. Nr. 14. Society for Song, Yuan, and Conquest Dynasty Studies, Berkeley, 1978, S. 31–32 (englisch).
Leben Angaben über Muqalis Leben sind in den Primärquellen spärlich. Insbesondere zu seinen frühen Jahren und den Beginn seiner Laufbahn finden sich Angaben einzig in der Geheimen Geschichte der Mongolen und in der chinesischen Chronik Yuan Shi (Geschichte der Yuan, ca. 1370). Letztere enthält eine Biografie Muqalis, diese liegt allerdings nicht in westliche Sprachen übertragen vor. Seine späteren, militärischen Operationen sind in chinesischen Quellen knapp, aber relativ gut dokumentiert. In der Sekundärliteratur sind Angaben zu seiner Person und seinem Wirken oft spärlich und weit verstreut. Zusammenhängende Darstellungen finden sich nur in stark gerafften, biografischen SkizzenChristopher P. Atwood: Encyclopedia of Mongolia and the Mongol Empire. Facts on Files, New York 2004, S. 392–393 (englisch); Timothy May: The Mongol Art of War. Pen and Sword, Barnsley, 2007, S. 96–97 (englisch). und vereinzelten akademischen Artikeln oder Kapiteln in längeren Veröffentlichungen.Luc Kwanten: The Career of Muqali: A Reassessmet. In: Bulletin of Sung and Yüan Studies. Nr. 14. Society for Song, Yuan, and Conquest Dynasty Studies, Berkeley, 1978, S. 31–38 (englisch); H. Desmond Martin: Muqali. In: Ders: The Rise of Chingis Khan and his Conquest of North China. Rainbow Bridge, Taipeh 1971, S. 239–282 (englisch); Igor de Rachewiltz: Muqali, Bòl, Tas and An-t’ung. In: Igor de Rachewiltz u. a. (Hrsg.): In the Service of the Khan: Eminent Personalities of the Early Mongol-Yuan Period 1200–1300. Otto Harrassowitz, Wiesbaden 1993, S. 3–12 (englisch).
Herkunft, frühe Jahre und Familie mini|Lage des Siedlungsgebiets der J̌alayir und anderer mongolischer Stämme zu Beginn des 13. Jahrhunderts
Weder Muqalis Geburtsdatum noch der genaue Ort seiner Geburt sind bekannt und auch über seine Kindheit und Jugend finden sich in den Quellen keine Angaben. Er entstammte bescheidenen Verhältnissen.H. Desmond Martin: The Rise of Chingis Khan and his Conquest of North China. Rainbow Bridge, Taipeh 1971, S. 66 (englisch). Seine Familie gehörte zum mongolischen Clan der J̌alayir. Diese lebten östlich des Flusses Onon, nordöstlich des Siedlungsgebiets der Qiyat, Dschingis Khans Clan.
Muqali war einer von fünf Söhnen seines Vaters Gü'ün U'a und seiner Mutter Köküi. Er hatte eine Hauptfrau namens Buqalun und acht Nebenfrauen, deren Namen allerdings nicht überliefert sind. Mit Buqalun hatte er offensichtlich nur einen Sohn, Bōl (* 1197). Dieser erbte Muqalis Titel und Stellung und war ebenfalls Kommandeur in der mongolischen Armee, genauso wie später sein eigener Sohn Tas.Igor de Rachewiltz: Muqali, Bòl, Tas and An-t’ung. In: Igor de Rachewiltz u. a. (Hrsg.): In the Service of the Khan: Eminent Personalities of the Early Mongol-Yuan Period 1200–1300. Otto Harrassowitz, Wiesbaden 1993, S. 3, 8 (englisch).
Anschluss an Dschingis Khan Seit Generationen standen die J̌alayir in einem Verhältnis der Leibeigenschaft zum Clan der J̌ürkin, die, wie Dschingis Khans Qiyat ein Unterclan der Borjigin waren. Sie führten ihre Abstammung auf Qabul Khan zurück und gehörten zur Aristokratie der mongolischen Clans und Stämme. In den Auseinandersetzungen um die Vorherrschaft auf dem mongolischen Hochplateau kam es, vermutlich 1196 oder 1197, zu einer Schlacht zwischen den Kriegern Temüdschins, des späteren Dschingis Khan, und den J̌ürkin. Letztere unterlagen, und nachdem seine Herren geschlagen waren, erschien Gü'ün U'a bei Dschingis Khan, um seine Unterwerfung zu bekunden. Zum Zeichen seiner Aufrichtigkeit machte er Dschingis Khan seine beiden Söhne Muqali und Boqa als Faustpfand zum Geschenk.Manfred Taube: Geheime Geschichte der Mongolen. Herkunft, Leben und Aufstieg Cinggis Qans. Kiepenheuer, Leipzig und Weimar, 1989, S. 65. Schnell entwickelte sich ein enges persönliches Verhältnis zwischen Temüdschin und Muqali, der als Nökör (Gefährte) bald zu Temüdschins engstem Kreis gehörte.Christopher P. Atwood: Encyclopedia of Mongolia and the Mongol Empire. Facts on Files, New York 2004, S. 393 (englisch).
Als Feldherr mini|Die Inthronisation des Temüdschin zum Činggis Qan. (Darstellung in einer persischen Chronik, ca. 1430.)
Neben Bo'orču, der bereits in der Jugend Temüdschins erster Gefolgsmann geworden war, wurde Muqali der engste Vertraute und Berater Temüdschins. Im Jahr 1206, anlässlich der Inthronisation Temüdschins zum Činggis Qan kam Muqali zu höchsten Ehren. Temüdschin verkündete, dass Muqali und Bo'orču seine treuesten und geschätztesten Nökör waren, und er seinen Aufstieg zur Macht ihnen verdanke. Er sprach jedem der beiden ein persönliches Tümen (Zehntausenderschaft der mongolischen Armee) zu und übertrug Bo'orču das Oberkommando über den rechten (westlichen) Armeeflügel, Muqali das über den linken (östlichen), während der Khan selbst die Truppen der Mitte kommandierte.Die Mongolen richteten ihre geografischen Vorstellungen nicht nach Norden aus, sondern orientierten sich an dem im Süden gelegenen China. Deshalb operierten die linken Armeeabteilungen im Osten westlicher Vorstellung, die rechten Truppen aber im Westen. Darüber hinaus ernannte Dschingis Khan Muqali zu einem seiner Dörben Kulu'ud (Vier Rössern).Manfred Taube: Geheime Geschichte der Mongolen. Herkunft, Leben und Aufstieg Cinggis Qans. Kiepenheuer, Leipzig und Weimar, 1989, S. 142, 146. Die Dörben Kulu'ud, Muqali, Bo'orču, Boroqul und Čila'un, bildeten mit den Dörben Noqas (Vier Hunden), J̌ebe, Sube'etai, J̌elme und Qubilai, das Zentrum der mongolischen Militärführung und Administration um Dschingis Khan. Als im Jahre 1221 der chinesische Diplomat Zhao Hong als Botschafter der Song die Mongolen aufsuchte, stellte er fest, dass außer Dschingis Khan kein anderer Kommandeur in der mongolischen Militärhierarchie höher stand als Muqali.Stephen Pow: The Last Campaign and Death of Jebe Noyan. In: Journal of the Royal Asiatic Society. Vol. 27 Nr. 1. Cambridge University Press, Cambridge, 2017, S. 3 (englisch).
Muqali war ein fähiger Kommandeur, der keine seiner offenen Feldschlachten verlor. Zu seinen besonderen Fähigkeiten gehörte sein Talent, Truppen verschiedener Ethnien (Kitan, Jurchen, Han, Tangut) in die Armee zu integrieren und deren militärisches Vorgehen und ihre Kriegstechnik zu adaptieren.Carl Fredrik Sverdrup: The Mongol Conquests: The Military Operations of Genghis Khan and Sübe'etei. Helion, Solihull, 2017, S. 33–34 (englisch). Wie Dschingis Khan beförderte er Offiziere aufgrund ihrer Fähigkeiten und Loyalität, nicht aufgrund von Verwandtschaftsverhältnissen oder Blutlinien. So machte er beispielsweise Shih T'ien-ni und Shih T'ien-hsiang, zwei chinesische Brüder, die zuvor Feinde der Mongolen gewesen waren, zu seinen ranghöchsten Untergebenen.H. Desmond Martin: The Rise of Chingis Khan and his Conquest of North China. Rainbow Bridge, Taipeh 1971, S. 43 (englisch). Zuweilen zeigte sich Muqali gegenüber geschlagenen feindlichen Truppen äußerst großmütig, wie andere mongolische Heerführer schreckte er aber auch nicht davor zurück, ausufernde Massaker an der Zivilbevölkerung zu verüben.Christopher P. Atwood: Encyclopedia of Mongolia and the Mongol Empire. Facts on Files, New York 2004, S. 393 (englisch).
Die Vereinigung der mongolischen Stämme (1199–1211) Die erste militärische Unternehmung, in deren Zusammenhang Muqali in den Quellen Erwähnung findet, ereignete sich vermutlich 1199. Temüdschins Verbündeter und Mentor To'oril, der Ong Khan der Kereyit, war in Auseinandersetzungen mit den Naiman in Bedrängnis geraten. Temüdschin sandte ihm Muqali, Bo'orču, Boroqul und Čila'un zu Hilfe. Es gelang den Dörben Kulu'ud die Naiman in die Flucht zu schlagen und To'oril und seine Leute zu retten.F.E.A. Krause: Cingis Han – Die Geschichte seines Lebens nach den chinesischen Reichsannalen. Karl Winters, Heidelberg, 1922, S, 17; Manfred Taube: Geheime Geschichte der Mongolen. Herkunft, Leben und Aufstieg Cinggis Qans. Kiepenheuer, Leipzig und Weimar, 1989, S. 86.
In den Auseinandersetzungen um die Vorherrschaft über die mongolische Steppe, nahm Muqali an weiteren entscheidenden Schlachten teil. 1202 war er vermutlich an Temüdschins Schlacht gegen die Tatar, jenen Stamm, dessen Krieger Temüdschins Vater getötet hatten, beteiligt.Igor de Rachewiltz: Muqali, Bòl, Tas and An-t’ung. In: Igor de Rachewiltz u. a. (Hrsg.): In the Service of the Khan: Eminent Personalities of the Early Mongol-Yuan Period 1200–1300. Otto Harrassowitz, Wiesbaden 1993, S. 3 (englisch). Nach der Schlacht wurden alle männlichen Tatar, die eine Wagenachse überragten, getötet.Manfred Taube: Geheime Geschichte der Mongolen. Herkunft, Leben und Aufstieg Cinggis Qans. Kiepenheuer, Leipzig und Weimar, 1989, S. 82.
Temüdschin und der Ong Khan To'oril entzweiten sich und 1203 kam es zu offenen Feindseligkeiten. Es entbrannte eine Schlacht zwischen Temüdschins Truppen und den Kereyit. Am dritten und letzten Tag der Schlacht erstürmte Muqali mit einem Trupp handverlesener Krieger das Lager des Ong Khan und beendete so die Schlacht.Igor de Rachewiltz: Muqali, Bòl, Tas and An-t’ung. In: Igor de Rachewiltz u. a. (Hrsg.): In the Service of the Khan: Eminent Personalities of the Early Mongol-Yuan Period 1200–1300. Otto Harrassowitz, Wiesbaden 1993, S. 4 (englisch).