Johann Jakob Redinger (* 24. August 1619 in Neftenbach; † 10. März 1688 in Zürich) war ein Schweizer evangelischer Geistlicher und Philologe. 1656 lernte er in Amsterdam den Philosophen und Theologen Johann Amos Comenius kennen, ab 1658 wirkte er in Frankenthal (Pfalz) als Rektor einer Lateinschule, 1664 versuchte er den Grosswesir in Konstantinopel von der nahenden Endzeit in Kenntnis zu setzen, und 1666 liess er dem französischen König Comenius’ chiliastische Schrift Lux in tenebris überbringen.
Leben Familie Johann Jakob Redinger war der Sohn des hessischen Schreiners Christian Redinger († 1625) und dessen Ehefrau Verena (geb. Schlang) (1592–1621) aus Neftenbach. Sein Bruder war Bernhard Redinger (* Februar 1621). Aus der zweiten Ehe seines Vaters mit Elisabeth (geb. Sprenger) hatte er zwei Halbgeschwister.
Johann Jakob Redinger war mit Barbara († 25. Oktober 1690), Tochter des Dichters Johann Wilhelm Simler, verheiratet; die Ehe wurde 1667 geschieden; gemeinsam hatten sie vier Kinder.
Ausbildung Er erhielt ab 1630 eine Vor-Ausbildung zum Pfarrer an der Lateinschule am Fraumünster bei Johann Rudolf Stucki († 1660) in Zürich, das er am Kollegium humanitas und am Collegium Carolinum fortsetzte; seine Prüfung erfolgte unter anderem gemeinsam mit dem späteren Theologen Johann Heinrich Hottinger.
Tätigkeit als Geistlicher Während des Dreissigjährigen Krieges war er von 1642 bis 1646 Feldprediger bei Oberst Hans Jakob Rahn im Piemont und in Katalonien.
Er wurde am 30. Mai 1646 vom Zürcher Rat zum Pfarrer in Dietikon-Urdorf gewählt. Zur Pfarrei gehörten die Gemeinden Urdorf, Dietikon und Spreitenbach; der Sitz des Pfarrers war in Ober-Urdorf; die Bevölkerung von Dietikon und Spreitenbach war überwiegend katholischen Glaubens. 1647 schlug er die Vereinigung der beiden Pfarreien Urdorf und Dietikon mit Sitz des Pfarrers im Pfarrhaus Urdorf sowie die Einsetzung eines besonderen Geistlichen in Dietikon vor. Er intensivierte von 1648 an die Katechisation in allen Gemeinden und liess auch die Kapelle in Urdorf umbauen, zu deren Spendern unter anderem Oberst Johann Jakob Rahn gehörte, dazu sorgte er auch dafür, dass eine reformierte Schule in Dietikon errichtet wurde.
Redinger führte immer wieder Klage gegen das Vorgehen und Verhalten des Klosters Wettingen und des Abts Niklaus von Flüe gegenüber der reformierten Gemeinschaft, sodass es am 18. Juli 1647 zu einer Konferenz zwischen dem Zürcher Bürgermeister Rahn, dem Statthalter Leu und dem Abt kam; es endete damit, dass der Abt versprach, den Klagen Abhilfe zu schaffen. Daraufhin suchte Redinger am 22. Juli 1647 den Abt auf, der nun jedoch begann, mit Ausflüchten zu argumentieren, worauf Redinger sich am 29. Juli 1647 erneut an den Rat wandte. Im Laufe der nächsten Jahre nahmen die Reibereien immer mehr zu, unter anderem, weil der Abt den reformierten Gemeindeangehörigen Vorschriften machen wollte und Verbote aussprach.
Während kriegerischer Handlungen zwischen Zürich und dem Kanton Schwyz, als Rapperswil von den Zürchern belagert werden sollte (siehe auch Belagerung von Rapperswil), liess Redinger den Prediger von Dietikon, einen Mönch des Klosters Wettingen, festnehmen und nach Zürich bringen. Hierauf führte der Landvogt in Baden eine Beschwerde gegen Redinger beim Rat in Zürich. Der Rat entschied, dass Redinger zu der Festnahme nicht befugt war, zumal eine Untersuchung nicht Belastendes gegen den Pfarrer ergab, und enthob ihn seines Amtes in Urdorf.
Tätigkeit als Soldat Weil Redinger sich weiterhin für die reformierte Sache einsetzte, ging er während des Ersten Villmergerkrieges Anfang Januar 1656 als Hauptmann in das Lager des Generaladjutanten Bürkli nach Oberwil im Freiamt. Gemeinsam mit dem Generaladjutanten und Rittmeister Hans Konrad Escher kundschaftete er am 10. Januar 1656 an der Reuss einen Platz aus, von dem die Truppen übergesetzt werden konnten, um sich dann mit den Bernern zu vereinen; hierbei wurden alle, bis auf Bürkli, gefangen genommen. Im März 1656 erfolgte, im Tausch gegen andere Gefangene, seine Freilassung. Seine Familie kam inzwischen bei seinem Schwager, Münzmeister Hans Heinrich Simmler (1609–1686), unter.
Aufenthalt in Schaffhausen In der Folgezeit wurde er, auch aufgrund des Drucks der Fünf Katholischen Orte, am 19. Juli 1656 ausgewiesen, daraufhin zog er in die Niederlande. Noch vor seiner Ausweisung liess er in einer Auflage von 1.500 Exemplaren in Schaffhausen bei Johann Kaspar Suter sein lateinisch-deutsches Wörterbuch Latinisher Runs der Tütshen Sprachkwäl drucken, in der er beweisen wollte, dass die deutsche Sprache die Mutter der griechischen, lateinischen, italienischen, französischen und spanischen Sprache sei. Während des Aufenthaltes in Schaffhausen verkehrte er viel mit Stepan Spleiss (1623–1693), Rektor der dortigen Lateinschule (heute: Kantonsschule Schaffhausen), der sich mit der Erforschung zur Verbesserung des Lateinunterrichtes beschäftigte. Spleiss war auch ein Anhänger von Johann Amos Comenius, dessen Lateinbuch Janua ebenfalls 1656 in Schaffhausen bei Suter gedruckt worden war. Aus dieser Bekanntschaft mit Spleiss knüpfte er dann die ersten Kontakte zu Camenius. In Schaffhausen fasste Redinger den Entschluss, als Lehrer weiter tätig zu sein, zumal er die hebräische, lateinische, griechische, französische, italienische und spanische Sprache beherrschte.
Aufenthalt in Amsterdam 1656 Nach seiner Ausweisung aus Zürich reiste er zu Comenius nach Amsterdam. Auf der Hinreise lernte er in Frankfurt am Main den Apotheker Hans Konrad Lavater (1628–1691) kennen, Ur-Grossvater des späteren Pfarrers Johann Caspar Lavater, der ihm Geld zur Weiterreise lieh.
Nachdem er am 4. Oktober 1656 in Amsterdam eintraf, übernahm er am 10. März 1657 eine Klasse mit 20 Schülern in der Lateinschule von Comenius. Er liess auch einige Bücher von Comenius drucken und übergab den Erlös zur Verwaltung an Johann Anton Pestalozzi (1641–1663), der ursprünglich im Auftrag seines gleichnamigen Vaters Geschäfte in Amsterdam tätigte und nach dessen Tod dort blieb; dieser Johann Anton Pestalozzi nahm auch regen Anteil an der schriftstellerischen Tätigkeit von Comenius.
Tätigkeit als Rektor Redinger, der sich inzwischen einen Namen als Lehrer der alten Sprachen und als Sprachmethodiker gemacht hatte, wurde im Oktober 1658 von der kurpfälzischen Regierung als Rektor der Lateinschule (heute: Albert-Einstein-Gymnasium), die bereits 1638 gegründet worden war, nach Frankenthal berufen. Neben der Schulleitung begann er mit der Übersetzung einiger lateinischer Bücher von Comenius ins Deutsche. Das erste Schulbuch, dass er in Frankenthal herausgab, war 1659 die Komenische Sprach-Lehr. Im gleichen Jahre wurde er von dem Kurfürsten der Pfalz, Karl Ludwig, beauftragt, den Unterricht am neugegründeten Gymnasium nach der Comenianischen Methode einzurichten. Er begann nun auch, sich mit den prophetischen Schriften von Comenius zu beschäftigen, und kam zu dem Schluss, dass die Türken die christliche Religion bedrohen würden.
Reisen im Rahmen der Verbreitung von Schriften Im April 1664 nahm er einen sechswöchigen Urlaub, um in seine Heimat in die Schweiz zu reisen, um dort die Prophezeiungen von Comenius den weltlichen und geistlichen Räten zu übergeben. Am 26. April 1664 überreichte er in Schaffhausen einige Exemplare an Bürgermeister Meier, am 29. April 1664 in Zürich an den Bürgermeister Hans Heinrich Rahn (1593–1669), am 2. Mai 1664 einige Exemplare an den Bürgermeister Johann Rudolf Wettstein in Basel und am 7. Mai 1664 an Schultheiss Niklaus Dachselhofer in Bern.
Aufgrund von Träumen und Gesichtern, die er hatte, reiste er weiter nach Frankreich und traf am 2. Juni 1664 in Fontainebleau ein. Über einen Gardehauptmann liess er König Ludwig XIV. mehrere Exemplare der Prophezeiungen von Comenius zukommen; weitere überreichte er Marschall Henri de La Tour d’Auvergne, vicomte de Turenne.
Von Fontainebleau reiste er weiter nach Paris und übergab am 6. Juni 1664 mehrere Exemplare dem Erzbischof Hardouin de Perefixe; vierzehn Tage später reiste er nach Frankenthal zurück.
Dort erfuhr er, das ihm bereits vor seiner Rückkehr durch den Kurfürsten gekündigt worden war, weil sich der Kaiserliche Gesandte aus Regensburg über sein öffentlich aufrührerisches Verhalten gegen das Haus Österreich beschwert hatte, ebenso beklagte sich der französische König wegen eines Schreibens, dass Redinger verfasst und an den König gesandt hatte. Dies veranlasste Redinger einen Drohbrief an den Kurfürsten zu verfassen; dies führte in der Folge dazu, dass er dann innerhalb von acht Tagen mit Frau und Kindern des Landes verwiesen wurde.
In einer Bittschrift an den Kurfürsten bat Redinger um eine Fristverlängerung für seine Ehefrau und die Kinder, damit diese den Besitz veräussern konnten; der Bitte wurde stattgegeben, es blieb jedoch bei seiner eigenen Ausweisung.
Reise in die Türkei Weil er erkannt haben wollte, was die Christen von seinen Offenbarungen hielten, fasste er nun den Entschluss, diese Offenbarungen den Türken und Juden zu überbringen, um ihnen den Willen Gottes anzuzeigen. Er reiste über Frankfurt am Main, Leipzig und Prag nach Wien, überquerte heimlich die Donau sowie die Waag und kam im September 1664 in das türkische Heerlager in Neuhäusl an; bei seiner Ankunft wurde gerade nach dem Türkenkrieg 1663/1664 ein Friede zwischen den Kaiserlichen und den Türken geschlossen.
Er erhielt eine Audienz beim Grosswesir Köprülü Fâzıl Ahmed Pascha und versuchte, diesen zum Christentum zu bekehren, bis dieser ihn fragte, ob er nicht Türke werden wollte. Als er antwortete, das sei unmöglich, aber er sei überzeugt, dass die Türken Christen werden wollten, wurde er aus der Audienz entlassen und fand Quartier im Zelt des Dolmetschers.
Drei Tage später wurde er erneut zum Grosswesir geführt und musste diesem die Offenbarungsschriften erklären, der sich dann mehrere Stunden mit ihm unterhielt. Redinger bat den Grosswesir, ihn nach Konstantinopel begleiten zu dürfen und wurde darauf zum siebenbürgischen Gesandten Ladislaus Balo geführt, unter dessen Schutz er in den folgenden sechs Wochen stand.
Nach dem Friedensschluss am 10. August 1664 reiste er mit dem türkischen Heer nach Mohacs und versuchte, bei den Soldaten die türkische Sprache zu erlernen. Bei der Ankunft in Mohacs warnte ihn Balo, dass der Grosswesir beabsichtige, ihn in Griechisch-Weißenburg heimlich hinrichten zu lassen, worauf Redinger die Flucht ergriff.
Fortsetzung der Reisen zur Verbreitung von Schriften Mit einem siebenbürgischen Adeligen reiste er nach Schässburg und suchte dort den siebenbürgischen Fürsten Michael I. Apafi auf, dem er ebenfalls die Offenbarungen überreichte. Der Fürst schenkte ihm daraufhin ein Pferd und stellte ihm einen Passbrief aus.
Er reiste nun über Zathmar und Eperies nach Lednitz und hielt sich dort zwei Tage beim Propheten Mikuláš Drabík auf. Drabík setzte ihm vor seinem Abschied noch ein «Ermahnungsschreiben» in lateinischer Sprache auf, mit dem Datum vom 14. Dezember 1664, dass an die evangelischen Kur- und Reichsfürsten, Stände und Städte gerichtet war; das Schreiben wurde von Redinger in das Deutsche übersetzt. Während der Weiterreise kopierte er das Schreiben und sandte es an den Herzog von Schlesien, Johann II. Kasimir, Kurfürst Johann Georg II. von Sachsen und Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg sowie nach Stuttgart, Nürnberg, Ulm, Regensburg, Bern, Basel und Schaffhausen. Ein Exemplar überbrachte er später dem Bürgermeister von Zürich. Gleichzeitig verbreitete er auch ein Register der Offenbarungsschriften sowie eine besondere, gegen das Haus Österreich gerichtete Klageschrift Ungarns, die vermutlich ebenfalls von Drabík stammte. In Sachsen wurde er durch verschiedene Räte, in Brandenburg durch den Kurfürsten persönlich und in Kassel ebenfalls durch Räte angehört.