Die Frühjahrsoffensive in Italien 1945, Deckname Operation Grapeshot, war die von den Alliierten vom 9. April bis 2. Mai 1945 geführte Schlussoffensive, die mit der Teilkapitulation der deutschen Truppen in Italien und dem Zusammenbruch der faschistischen Sozialrepublik (RSI) endete.
Vorgeschichte Die Alliierten waren 1944 nach der Cassino-Schlacht im Mai und der Einnahme Roms am 4. Juni 1944 bis an die Gotenstellung vorgerückt. Damit wurde auch die bis dahin von der Wehrmacht praktizierte Taktik der hinhaltenden Verteidigung, mit der der Vormarsch der Alliierten verlangsamt werden sollte, aufgegeben und man richtete sich, wie vom Oberkommando der Wehrmacht (OKW) befohlen, auf die Verteidigung an der zur Hauptwiderstandslinie erklärten Gotenstellung ein.
Den Alliierten gelang es bereits zwischen Ende August und Anfang September 1944 die nördlich von Florenz vom Tyrrhenischen Meer bis zur Adria verlaufende deutsche Verteidigungslinie zu durchbrechen. Insbesondere der flache und leicht hügelige linke Verteidigungsabschnitt an der Adriaküste wurde von der britischen 8. Armee bis zum Ende des Jahres eingedrückt und musste mehrmals zurückgenommen werden. Im zentralen im toskanisch-emilianischen Apennin verlaufenden Bereich, gelang es der 5. US-Armee ebenfalls die deutschen Linien zu durchbrechen. Relativ ruhig blieb es dagegen an der tyrrhenischen Küste und der Frontverlauf blieb hier im Großen und Ganzen unverändert. mini|links|Stoßrichtungen der britischen 8. und 5. US-Armee auf die Gotenstellung im Spätsommer 1944 Ende 1944 stand die Front still. Die winterlichen Verhältnisse machten weitere größere offensive Aktionen der Alliierten unmöglich. Das von den Alliierten gesteckte Ziel, Bologna noch vor Weihnachten 1944 zu befreien, wurde nicht erreicht. Die britische 8. Armee konnte bis dahin den südöstlichen Rand der Po-Ebene zwischen Faenza-Ravenna und der Lagunenlandschaft Valli di Comacchio besetzen, Nachschubprobleme und die erschöpften Truppen verlangsamten aber den Angriff, der etwa 30 km vor Bologna endgültig zum Stehen kam. Auch auf dem toskanisch-emilianischen Apennin blieben die dort vorgehenden Verbände der 5. US-Armee stecken. Bis dahin hatten die Alliierten beim Angriff auf die Gotenstellung etwa 30.000 und die Deutschen und die Verbände der RSI etwa 50.000 Mann an Gefallenen, Verwundeten und Vermissten verloren.Gabriele Ronchetti: La linea gotica. I luoghi dell’ultimo fronte di guerra in Italia. S. 32.
Von der eigentlichen Gotenstellung lag Ende 1944 nur noch der westliche Bereich an der tyrrhenischen Küste in deutscher Hand. In Erwartung der Frühjahrsoffensive der Alliierten bauten die Deutschen ihre Verteidigungsstellungen entlang der im Dezember erreichten Frontlinie aus.
Planung Alliierte Mitte Dezember 1944 übernahm US-General Mark W. Clark vom Briten Harold Alexander das Kommando über die 15. Armeegruppe, nachdem Alexander zum neuen Chef des Hauptquartiers der Alliierten Streitkräfte im Mittelmeerraum (AFHQ) ernannt worden war. Knapp zwei Wochen später befahl Clark am 30. Dezember 1944, alle offensiven Aktionen vorerst einzustellen und in die Verteidigung überzugehen. Bis Anfang April 1945 blieb es daher, abgesehen von lokal begrenzten Aktionen, ruhig an der Front in Oberitalien. Auch wenn seit der Landung in der Normandie im Juni 1944 und der Landung in Südfrankreich im August 1944 der italienische Kriegsschauplatz nur noch eine zweitrangige Rolle in den Planungen der Westalliierten spielte, hielt man am Gedanken einer alles entscheidenden Schlussoffensive im nächsten Frühjahr fest. Die winterliche Pause wurde daher für die Planung und Vorbereitung genutzt. Anfang Januar 1945 stand bereits fest, dass die Offensive noch vor Mai zu beginnen sei.
Im Großen und Ganzen war der Angriffsplan Ende Januar 1945 ausgearbeitet. Clark hielt an einem zweigeteilten Angriff fest, wie er bereits von seinem Vorgänger Alexander 1944 beim Angriff auf die Gotenstellung ausgeführt worden war, da das Angriffsgelände nicht ausreichend Platz für den Aufmarsch von zwei Armeen und einen einzigen konzentrierten Angriff bot. Unklar war, wer den Hauptstoß des Angriffs führen sollte. Der Brite Richard McCreery war der Ansicht, dass diese Aufgabe der 8. Armee als zahlenmäßig stärkerem Verband zustehe, zumal auch das Angriffsgelände in der Po-Ebene wesentlich einfacher sei, als der gebirgige Bereich im Apennin, durch den der Vorstoß der 5. US-Armee geführt werden sollte. Clark zweifelte aber an der Offensivkraft der Briten und legte sich in dieser Frage zunächst nicht fest.
Zweifel an der Durchschlagskraft der eigenen Truppen wurden aber auch von anderer Seite genährt. So bereitete den Alliierten die Zuverlässigkeit des II. polnischen Korps Sorgen, nachdem auf der Konferenz von Jalta Anfang Februar 1945 trotz der Proteste der polnischen Exilregierung in London, mit der Curzon-Linie Teile Ostpolens der Sowjetunion zuerkannt worden waren. Etwa zur gleichen Zeit wurden außerdem das kanadische Korps und zwei britische Divisionen von Italien abgezogen und auf andere Kriegsschauplätze verlegt. Als Ersatz wurde die neu gebildete 10. US-Gebirgsdivision zugeführt, die sich später bei den Kämpfen im Apennin als besonders kampfstark erweisen sollte. Zwischen Januar und Februar waren auch vier der fünf gebildeten italienischen Kampfgruppen der Regierung Badoglio einsatzbereit. Die vermeintlich stärkste dieser Kampfgruppen, die sogenannte Folgore, wurde dem XIII. britischen Korps angeschlossen, während die anderen zunächst mit Sicherungsaufgaben betraut wurden.
Am 12. Februar stellte Clark seinen dreistufigen Angriffsplan vor. Dabei tauchten zum ersten Mal weiterreichende Operationsziele auf. Der Plan sah zunächst den Durchbruch durch die deutschen Linien in einer Zangenbewegung und den Aufbau eines Brückenkopfs nördlich von Bologna vor. Dabei sollte der Angriff der beiden Armeen zeitlich gestaffelt erfolgen, damit beim jeweiligen Angriffsbeginn die beiden Armeen auf die vollständige Luftunterstützung der alliierten Luftstreitkräfte zurückgreifen konnten. Im zweiten Schritt sollte anschließend der Po überschritten und der Marsch auf Verona fortgesetzt werden. Die dritte Stufe sah für die 5. Armee den Vorstoß über das Etschtal bis zum Brenner vor, während die 8. Armee in Richtung Nordostitalien und anschließend in das Donaubecken vorstoßen sollte. Auf Druck des Alliierten Oberkommandos musste Clark diesen Plan jedoch umändern. Der endgültige Angriffsplan wurde am 18. März vorgelegt. Vorrangiges Ziel war nun die Vernichtung der Heeresgruppe C südlich des Po und die anschließende Einnahme Veronas.
Kleinere offensive Unternehmen vor der eigentlichen Offensive sollten die deutsche Verteidigung prüfen, für bessere Ausgangspositionen sorgen und deutsche Truppen binden. Bereits am 8. Februar 1945 gingen in diesem Sinne US-Einheiten an der tyrrhenischen Küste in der Operation Fourth Term gegen Massa vor. Als Ablenkungsmanöver sollte zudem ein Landungsmanöver an der Adria vorgetäuscht werden. Ein von Field Marshal Alexander geplanter Angriff durch französische Truppen auf die in den Westalpen stehende 34. Infanterie- und die 5. Gebirgs-Division wurde wegen der ablehnenden Haltung der italienischen Regierung abgeblasen, die eine Besetzung italienischen Staatsgebiets im Grenzgebiet zu Frankreich durch französische Truppen ablehnte.
Britische 8. Armee mini|Britischer Panzer vom Typ Churchill beim Überschreiten des Senio am 10. April 1945 Für die 8. Armee boten sich drei potentielle Einbruchslinien. Im linken Angriffsbereich entlang der von den Deutschen bereits Ende 1944 stark verteidigten Via Emilia, nördlich davon im Raum Budrio – Massa Lombarda und am äußersten rechten Bereich an der Via Adriatica sowie zwischen Reno und der Lagune von Comacchio. Insbesondere der Vorstoß nördlich des Reno nach Argenta ermöglichte die Umgehung der südlich entlang der Reno-Zuflüsse errichteten deutschen Verteidigungslinien, beinhaltete aber auch einige Risiken. Der nur etwa zwei Kilometer breite und acht Kilometer tiefe Landstreifen, der von den Deutschen zum Teil noch überschwemmt worden war, war leicht zu verteidigen. Das Unternehmen konnte nur gelingen, wenn Argenta am nordwestlichen Ende des Streifens eingenommen wurde. Von Argenta aus, das hinter den Verteidigungslinien der Deutschen lag, stand für die Alliierten der ungehinderte Weiterweg bis zum Po offen. Der Bedeutung bewusst, wurde der Landstreifen von den Alliierten als Argenta gap (dt. Argenta Lücke) bezeichnet. Mit der Bereitstellung von 600 Fantails durch die US-Armee, mit denen die Truppen über die Lagune von Comacchio hinter die gegnerischen Linien transportiert werden sollten, waren die größten Zweifel aus dem Weg geräumt. Um ein freies Aufmarschgebiet für die Fantails zu haben, sollte in einer vorausgehenden Operation die schmale Landzunge besetzt werden, die die Adria von der Comacchiolagune trennt. Als entscheidend für einen erfolgreichen Ausgang wurde angesehen, dass die deutschen Reserven durch einen breitgefächerten Angriff der Armeegruppe zu binden seien, damit diese nicht nach Argenta verschoben werden konnten. mini|links|Argenta Gap 11.–18. April 1945 Nach dem Abzug der Kanadier und der beiden britischen Divisionen Anfang Februar 1945 sollte der Hauptstoß von der 5. Armee durchgeführt werden. Der 8. Armee kam jedoch die Aufgabe zu, die Offensive zu eröffnen. Nach Überschreiten der Flüsse Senio und Santerno durch das V. britische und II. polnische Korps sollte das V. Korps Richtung Norden drehen, die Renobrücke bei Bastia südöstlich von Argenta einnehmen und den Angriff gegen Argenta unterstützen, während die Polen sich weiter in Richtung Nordwesten auf Budrio zubewegen sollten. Je nach Ausgang der Kämpfe um die Argenta-Lücke sollte dann entschieden werden, ob Ferrara oder Budrio das vorrangige Ziel der 8. Armee sein sollte. In einem zweiten Schritt sollten die Fluchtwege der Wehrmacht abgeschnitten und die Übergänge über den Reno und den Po bei Ferrara und Bondeno besetzt sowie eine Verbindung mit der 5. Armee hergestellt werden. Bei einem erfolgreichen Abschluss der zweiten Angriffsphase sollte schließlich ein Brückenkopf über den Po errichtet werden und in einem dritten Schritt mit den verbleibenden Kräften Richtung Verona vorgestoßen werden.
McCreery gab den Angriffsplan für die 8. Armee am 3. April heraus. Laut Plan sollten das V. Korps und das II. polnische Korps gleichzeitig am Senio auf einer Frontlänge von 10 Kilometern zwischen Fusignano und Alfonsine angreifen und dann den Angriff gegen die deutsche Verteidigungslinie am Santerno zwischen Massa Lombarda und Mordano fortsetzen. Anschließend sollte das V. Korps in nördlicher Richtung auf die Reno-Brücke bei Bastia südlich von Argenta marschieren, während die Polen auf Budrio und Castel Pietro vorstoßen sollten. Falls das II. Korps zu langsam vorankommen sollte, sollte die neuseeländische 2. Infanterie-Division den Vormarsch unterstützen. Im südlich des II. polnischen Korps in den Ausläufern des Apennin liegenden Abschnitt sollten das aus Griechenland zurückgekehrte X. sowie das XIII. Korps aufmarschieren. Den beiden Korps kam die Aufgabe zu, die gegnerischen Truppen in diesem Abschnitt zu binden.
Insgesamt ging die britische 8. Armee mit etwa 633.000 Mann zum Angriff über. Dem angreifenden V. Korps mit der indischen 8. und neuseeländischen 2. Infanterie-Division standen fast 680 Geschütze sowie zahlreiche Flammenwerfer-Panzer vom Modell Churchill Crocodile zur Verfügung. Das von Zygmunt Bohusz-Szyszko befehligte II. polnische Korps konnte auf fast 340 Geschütze zurückgreifen, so dass auf den 10 Kilometern Angriffsfront am Senio über 1000 Geschütze bereit standen.
5. US-Armee mini|Vorstoß des IV. US-Korps südlich von Bologna