mini|Karte von Polen mit Regionen, die die Charta unterzeichnet haben (Stand Januar 2020, rot markiert).

Eine sogenannte LGBT-ideologiefreie Zone (), auch als „LGBT-freie Zone“ bezeichnet, war von 2019 bis April 2025 Nach 6 Jahren, Polen: Letzte LGBTI-freie Zone ist Geschichte eine Region, die von einer polnischen Gemeinde, einem Powiat (Landkreis) oder einer Woiwodschaft (einer Provinz) als „frei von LGBT-Ideologie“ deklariert wurde. Viele der Deklarationen verwenden als Vorlage die Kommunale Charta der Rechte von Familien, die auch in deutscher Übersetzung vorliegt. Die Ereignisse wurden als Teil der Anti-Gender-Bewegungen in Europa gesehen.

Auch wenn diese Zonen juristisch nicht durchsetzbar seien, LGBT keine Ideologie sei und die Deklaration in erster Linie symbolisch zu sehen sei, stelle diese LGBT-Aktivisten zufolge den Versuch dar, die LGBT-Gemeinschaft zu stigmatisieren und auszuschließen. Bis Januar 2020 wurden in Polen etwa 80 verschiedene Erklärungen der Charta abgegeben, darunter vier Woiwodschaften im Südosten und im Zentrum des Landes: Kleinpolen, Karpatenvorland, Heiligkreuz und Lublin.

Am 18. Dezember 2019 stimmte das Europäische Parlament mit 463 zu 107 Stimmen für eine Verurteilung dieser Zonen.dw.comvice.comnydailynews.compinknews.co.ukeuroparl.europa.eu

Die Kombination aus rechtlichem, finanziellem und gesellschaftlichem Druck führte dazu, dass die letzten dieser diskriminierenden Regelungen im April 2025 aufgehoben wurden.

Hintergrund mini|Demonstration für Erzbischof Marek Jędraszewski. Auf dem Schild steht: „Weg mit linkem weltanschaulichen Totalitarismus“. Die Regenbogenflagge ist durchgestrichen, darüber das Wort „precz“ (dt. etwa „weg“, „raus“). Im Februar 2019 unterzeichnete Warschaus liberaler Bürgermeister Rafał Trzaskowski eine Erklärung zur Unterstützung der LGBTQ-Rechte und kündigte seine Absicht an, die Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation zu befolgen und LGBT-Themen in die Sexualerziehungslehrpläne der Warschauer Schulen zu integrieren. Politiker der Partei PiS lehnen das Sexualerziehungsprogramm mit der Begründung ab, es würde Kinder sexualisieren. Der Parteivorsitzende der PiS Jarosław Kaczyński reagierte auf die Erklärung und nannte die Rechte der LGBT „einen Import“, der Polen bedrohe. Die Erklärung hat konservative Politiker und konservative Medien in Polen laut The Daily Telegraph „aufgestachelt und mobilisiert“. Die Proklamation „LGBT-ideologiefreier Zonen“ gilt als eine Reaktion auf die Warschauer Erklärung. Laut Daily Telegraph befürchtet das konservative Establishment einen liberalen Übergang, der die Macht der katholischen Kirche in Polen auf ähnliche Weise untergraben könnte wie die Vorfälle in der irischen katholischen Kirche. Sinkende Kirchenbesuche, zunehmende Säkularisierung und Missbrauchskandale haben die konservative Position unter Druck gesetzt. Im Mai 2019 verhaftete die polnische Polizei die Bürgerrechtsaktivistin Elżbieta Podleśna, nachdem sie Plakate der Schwarzen Madonna von Tschenstochau mit Heiligenschein in Regenbogenfarben verbreitet hatte, wegen Beleidigung religiöser Gefühle, was in Polen illegal ist. Ebenfalls im Mai, zwei Wochen vor den Wahlen des Europäischen Parlament, wurde ein Dokumentarfilm über sexuellen Kindesmissbrauch in der Kirche online veröffentlicht. Der Dokumentarfilm sollte die kirchennahe PiS bei den Wahlen verletzen, was den PiS-Vorsitzenden Kaczyński zu Auslassungen darüber veranlasste, wie die polnische Nation und die Kinder von „abweichenden ausländischen Ideen“ angegriffen würden, was konservative Wähler dazu veranlasste, sich um die PiS zu scharen. Laut der feministischen Wissenschaftlerin Agnieszka Graff „wurde der Angriff auf LGBT durch die Warschauer Erklärung ausgelöst, aber das war nur eine willkommene Ausrede“, da die PiS versuche, die ländlich-traditionelle Bevölkerung zu umwerben und einen Sündenbock als Ersatz für die Migranten brauchte.

Im August 2019 sagte der Erzbischof von Krakau, Marek Jędraszewski, in einer Predigt zum Gedenken an den Warschauer Aufstand, dass die „LGBT-Ideologie“ wie eine „Regenbogenseuche“ sei. Nicht lange danach simulierte eine Dragqueen seine Ermordung auf der Bühne.

Ab 2019 „erfordert offenes Schwulsein in Polens Kleinstädten und ländlichen Gebieten aufgrund der Bemühungen der polnischen Behörden und der katholischen Kirche zunehmende körperliche und geistige Stärke“, so der Telegraph. Die öffentliche Wahrnehmung ist jedoch toleranter gegenüber Schwulen geworden. Im Jahr 2001 gaben 41 Prozent der befragten Polen an, dass „Schwulsein nicht normal ist und nicht toleriert werden sollte“, während dies 2017 nur 24 Prozent der Befragten behaupteten. Der Aussage „Schwulsein ist normal“ stimmten im Jahr 2001 5 Prozent, 2017 16 Prozent zu.

Deklarationen „LGBT-Ideologie“-freie Zonen werden von polnischen Gemeinden, Landkreisen, und Woiwodschaften ausgerufen und, als Reaktion auf die Warschauer Deklaration, als „frei von ‚LGBT-Ideologie‘“ bezeichnet. Obwohl sie nicht durchsetzbar sind, halten Aktivisten dies für Versuche, die örtlichen LGBT-Gemeinschaft aus dem gesellschaftlichen Leben auszugrenzen. Die Aktivistin Olga Kaczorek nannte die Erklärungen „eine Erklärung, die besagt, dass eine bestimmte Art von Menschen dort nicht willkommen ist“.

Im März 2019 verabschiedete die Stadt Świdnik in Ostpolen eine Resolution, in der die „LGBT-Ideologie“ abgelehnt wurde.

Bis August 2019 wurden in Polen etwa 30 verschiedene LGBT-Ideologiefreie Zonen erklärt, darunter vier Woiwodschaften im Südosten des Landes: Kleinpolen, Karpatenvorland, Heiligkreuz und Woiwodschaft Lublin. Diese vier Woiwodschaften bilden den „historisch-konservativen“ Teil Polens.

Zu den Landkreisen, die diese Maßnahmen ergriffen haben, gehören der Powiat Białystok, der Powiat Jarosław, der Powiat Lesko, der Powiat Lubaczów, der Powiat Mielec, der Powiat Puławy, der Powiat Ryki, der Powiat Świdnik, der Powiat Tarnów und der Powiat Zamość.

Im September 2021 nahmen vier von fünf Woiwodschaften aufgrund des finanziellen Drucks der EU-Kommission die Maßnahmen wieder zurück.Maenner.media: Polen, LGBT-freie Zonen geben auf, September 2021

Verhalten von Regierung und Kabinettsmitgliedern Im Vorfeld der polnischen Parlamentswahlen 2015 hatte die regierende Partei PiS eine ablehnende Haltung gegenüber außereuropäischen Migranten eingenommen und nach Einschätzung von Michał Bilewicz, einem Forscher der Universität Warschau, unter anderem damit die Wahlen gewonnen. Nach dem Höhepunkt und mit dem Abflauen der Europäischen Flüchtlingskrise habe sich der Fokus der Ablehnung auf das Thema LGBT als vermeintlich weitere Bedrohung aus dem Ausland gerichtet. Der Parteivorsitzende der PiS Jarosław Kaczyński rügte im Jahr 2019 die Pro-LGBTQ-Erklärung des Warschauer Bürgermeisters als „Angriff auf Familie und Kinder“ und bezeichnete LGBTQ als „importierte“ Ideologie.

Nachdem der Krakauer Erzbischof Marek Jędraszewski in einer Predigt Anfang August 2019 die „LGBT-Ideologie“ als „Regenbogenseuche“ bezeichnet hatte, dankte Kaczyński ihm wenig später öffentlich auf einer Wahlkampfveranstaltung für seine „unzweideutigen Worte“.

Im Juni 2019 ordnete Justizminister Zbigniew Ziobro, Vorsitzender der Partei Solidarna Polska, eine Untersuchung von Ikea an, nachdem das Unternehmen einen Mitarbeiter entlassen hatte, der homophobe Äußerungen getätigt hatte.

Sticker alternativtext=|links|mini|„LGBT-freie Zone“-Aufkleber, verteilt von der Gazeta Polska Die konservative Zeitung Gazeta Polska gab „LGBT-freie Zone“-Aufkleber an die Leser heraus. Die polnische Opposition und Diplomaten, darunter die US-Botschafterin in Polen Georgette Mosbacher, verurteilten die Aufkleber. Der Chefredakteur der Zeitung, Tomasz Sakiewicz, antwortete auf die Kritik: „Was hier geschieht, ist der beste Beweis dafür, dass LGBT eine totalitäre Ideologie ist.“

Das Warschauer Bezirksgericht ordnete an, dass die Verteilung der Aufkleber bis zum Abschluss eines Gerichtsverfahrens eingestellt werden sollte. Der Herausgeber der Gazeta Polska wies das Urteil jedoch mit den Worten ab, es handele sich um „gefälschte Nachrichten“ und „Zensur“, und erklärte, dass die Zeitung die Verteilung der Aufkleber fortsetzen werde. Die Gazeta Polska setzte die Verteilung der Aufkleber fort, änderte jedoch das Abziehbild so, dass es nun „LGBT-ideologiefreie Zone“ heißt.

Im Juli weigerte sich die polnische Medienkette Empik, die größte des Landes, die Gazeta Polska nach der Herausgabe der Sticker im Angebot zu führen. Im August 2019 wurde eine für den 24. Oktober in der Carnegie Hall in New York geplante Show der amerikanischen „Gazeta Polska Community“ abgesagt, nachdem Beschwerden über Anti-LGBT-Beziehungen dazu führten, dass sich Künstler aus der Show zurückzogen.Carnegie Hall Concert Linked to Anti-LGBT Magazine Canceled, Newsweek, Jake Maher, 26. August 2019.Group connected to ‘LGBT-Free Zone’ newspaper cancels Carnegie Hall event, NBC, Tim Fitzsimons, 26. August 2019.

Demonstrationen mini|Der equality march im Juni 2019 in Rzeszów (dem Pendant zum deutschen CSD). mini|Polnische Ultranationalisten protestieren im Juni 2019 in Rzeszów gegen den equality march Nachdem LGBT-Aktivisten in Rzeszów einen Antrag zur Durchführung einer Gay Pride (ähnlich dem deutschen CSD) gestellt hatten, entwarfen die PiS-Ratsmitglieder eine Resolution, um Rzeszów zu einer „LGBT-freien Zone“ zu machen und die Veranstaltung selbst zu verbieten. Etwa 29 Anträge auf Gegendemonstrationen erreichten das Rathaus, was Stadtpräsident Tadeusz Ferenc von der oppositionellen Demokratischen Linksallianz dazu veranlasste, den Marsch aus Sicherheitsgründen zu verbieten. Das Verbot wurde dann durch einen Gerichtsbeschluss aufgehoben. Die PiS-Ratsmitglieder schlugen eine Resolution vor, die die „LGBT-Ideologie“ verbot, die mit nur zwei Stimmen abgelehnt wurde.

Nach den gewalttätigen Ereignissen beim ersten Pride in Białystok im Juli 2019, bei dem etwa tausend Demonstranten tausenden rechtsextremen Gruppen und Ultra-Fußballfans gegenüberstanden und es zu gewalttätigen Angriffen kam, und den Aufklebern der Gazeta Polska, fand am 23. Juli 2019 in Danzig eine Demonstration mit dem Slogan „zonenfreie Zone“ (polnisch: Strefa wolna od stref) für mehr Toleranz statt. In Łódź fand eine Demonstration unter dem Slogan „hassfreie Zone“ (polnisch: Strefa wolna od nienawiści) statt und linke Politiker verteilten „Hassfreie Zone“-Aufkleber.

Gerichtsverfahren Im Juli 2020 erklärten zwei polnische Bezirksgerichte kommunale Erlasse in den Dörfern Istebna in der Woiwodschaft Schlesien und Klwów in der Woiwodschaft Masowien für ungültig und hoben „LGBT-freie Zonen“ in diesen Orten auf.Queer.de: Gerichtsentscheidungen, „LGBT-freie Zonen“ verstoßen gegen Gleichbehandlungsgrundsatz, abgerufen am 20. Juli 2020 Die Urteile können noch angefochten werden und haben zunächst keine Auswirkungen auf die anderen Beschlüsse.

Ablehnung kommunaler Förderanträge durch die EU Im Juli 2020 betonte EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen die Gleichstellung sexueller Minderheiten und begründete, warum mehrere finanzielle Förderanträge polnischer Kommunen wegen der LGBT-ideologiefreien Zonen seitens der EU in den vorangehenden Monaten abgelehnt wurden.

Reaktionen Unterstützung für die Deklarationen Bożena Bieryło, eine PiS-Rätin im Bezirk Białystok, sagte, die Gesetzgebung in ihrem Bezirk sei aufgrund von LGBT-„Provokationen“ und „Forderungen“ nach Sexualkundeunterricht erforderlich.

Die PiS-Partei hat die lokalen Erklärungen unterstützt, auch indem ein PiS-Beamter in Lublin Medaillen an lokale Politiker überreichte, die die Erklärungen unterstützten.