Die Akademie für Flüssigkeitsraketentriebwerkstechnik (), aus historischen Gründen auch „Sechste Akademie“ (六院) genannt, wegen der englischen Bezeichnung Academy of Aerospace Liquid Propulsion Technology oft „AALPT“ abgekürzt, ist die Führungsgesellschaft der China Aerospace Science and Technology Corporation für das Geschäftsfeld Flüssigkeitsraketentriebwerke. Daneben handelt es sich bei der AALPT auch um eine tatsächliche Akademie, mit der Berechtigung zur Verleihung von Ingenieurdiplomen sowie Arbeitsplätzen für Doktoranden und – am Xi’aner und am Pekinger Forschungsinstitut für Raumfahrtantriebe – Postdoktoranden. S. 39. Der Hauptsitz der Firma befindet sich im Stadtbezirk Chang’an von Xi’an, Provinz Shaanxi.

Geschichte Die 1960 erstmals gestartete Kurzstreckenrakete Dongfeng 1, ein Nachbau der sowjetischen, mit Flüssigsauerstoff und Ethanol arbeitenden R-2, und die Mittelstreckenrakete Dongfeng 2, die 1964 ihren ersten erfolgreichen Einsatz hatte, waren seinerzeit noch vom 5. Forschungsinstitut des Verteidigungsministeriums aus einer Hand entwickelt worden. Die Triebwerke kamen von dem am 2. April 1958 gegründeten, im Pekinger Stadtbezirk Fengtai auf dem Gelände der heutigen Akademie für Trägerraketentechnologie ansässigen 11. Institut (十一所) der Einrichtung. Getestet wurden sowohl die einzelnen Triebwerke als auch – ab der Dongfeng 2 – ganze Raketen auf der am 10. April 1958 im Straßenviertel Yungang gegründeten, damals einfach nur „Prüfstation“ (试验站) genannten Einrichtung, die heute das „Institut 101“ der Akademie für Flüssigkeitsraketentriebwerkstechnik bildet.

Als am 4. Januar 1965 jedoch das 5. Forschungsinstitut per Beschluss des Nationalen Volkskongresses aus dem Verteidigungsministerium herausgelöst und in ein eigenes Ministerium umgewandelt wurde, das „Siebte Ministerium für Maschinenbauindustrie“ (第七机械工业部, Pinyin Dì Qī Jīxiè Gōngyè Bù), wurden die Strukturen diversifiziert. Im Zusammenhang mit der Entwicklung der Mittelstreckenrakete Dongfeng 3 und der für Chinas ersten Satelliten Dong Fang Hong I gedachten Trägerrakete Changzheng 1 gründete das Siebte Ministerium noch 1965 in der Hongguang-Schlucht (红光沟), auf dem Gebiet der Großgemeinde Fengzhou im Westen der Provinz Shaanxi, die sogenannte „Basis 067“ (○六七基地, Pinyin Líng Liù Qī Jīdì), Seit Dezember 2019 ist die Basis 067 ein Nationales Industriedenkmal (国家工业遗产). inklusive eigenem Krankenhaus und einem Gymnasium für die Kinder der Arbeiter und Angestellten. Dies war die Keimzelle der heutigen Akademie für Flüssigkeitsraketentriebwerkstechnik. Unweit der eigentlichen Basis 067 wurde 1965 das „Forschungsinstitut 165“ (165所) eingerichtet, wo die Triebwerke getestet wurden. Nach dem Zwischenfall am Ussuri wurde das 11. Institut 1970 der Basis 067 unterstellt und ein Teil der Einrichtungen im Rahmen der „Dritten Front“ (三线) in den Kreis Feng verlegt. Der in Peking verbliebene Teil des 11. Instituts wurde in „Pekinger Forschungsinstitut für Raumfahrtantriebe“ (北京航天动力研究所) umbenannt.

Als das Siebte Ministerium im März 1993 per Beschluss des Nationalen Volkskongresses aufgelöst und die „Dachgesellschaft für Luftfahrtindustrie“ sowie die „Dachgesellschaft für Raumfahrtindustrie“ gegründet wurden, blieb die Basis 067 bei der Dachgesellschaft für Raumfahrtindustrie. Zusammen mit dem in den Kreis Feng verlegten Teil des 11. Instituts wurde sie nun nach Xi’an verlegt. Seitdem heißt der Shaanxier Teil des 11. Instituts „Xi’aner Forschungsinstitut für Raumfahrtantriebe“ (西安航天动力研究所). Das ehemalige Forschungsinstitut 165 heiß seit dieser Zeit „Xi’aner Prüfinstitut für Raumfahrtantriebe“ (西安航天动力试验技术研究所). Heute gibt es dort eine Abteilung für die Prüfung von regulären Flüssigkeitstriebwerken, eine für Lageregelungstriebwerke und eine für die neuen Triebwerke, die ab 2000 für die mittelschweren und schweren Trägerraketen entwickelt wurden.

Am 8. April 1994 wurde das Prüfinstitut für Raumfahrtantriebe als eigenständige Tochtergesellschaft mit einem Stammkapital von 3,05 Millionen Yuan aus der Basis 067 ausgegliedert. Heute besitzt die umgangssprachlich immer noch als „Institut 165“ bezeichnete Firma einen Prüfstand für Antriebsmodule mit vier fest montierten Triebwerken, einen Prüfstand für ein einzelnes auslenkbares Triebwerk, einen Prüfstand für Module mit bis zu fünf auslenkbaren Triebwerken, einen Prüfstand, auf dem Vakuumbedingungen simuliert werden können, einen Prüfstand für Lageregelungstriebwerke sowie in Baolongyu in den Bergen südlich von Xi’an das „Prüfzentrum für kryogene Flüssigkeitsraketentriebwerke“ (抱龙峪低温液体火箭发动机试验中心), wo am 6. Juli 2021 ein neuer Prüfstand für die mit einer diergolen Treibstoffkombination aus Raketenkerosin und Flüssigsauerstoff betriebenen Triebwerke im Schubkraftbereich von 1200 kN (YF-100 etc.) in Betrieb genommen wurde. Bereits im Jahr 1992 errichtete man im Xi’aner Stadtbezirk Yanta die „Xi’aner Fabrik für Raumfahrttriebwerke“ (西安航天发动机厂), auch bekannt als „Fabrik 7103“, wo die schweren Triebwerke vom Typ YF-75 gebaut wurden.

Als am 1. Juli 1999 die Dachgesellschaft für Raumfahrtindustrie in einen vorwiegend zivilen und vorwiegend militärischen Konzern aufgespalten wurde, blieb die Basis 067 bei der vorwiegend zivilen China Aerospace Science and Technology Corporation. Viele Atomraketen wie zum Beispiel die Dongfeng 31 verwenden wegen der besseren Lagerfähigkeit Feststoffantriebe. Unter anderem bei der Dongfeng 5 kommen jedoch bis heute Flüssigkeitsraketentriebwerke zum Einsatz. Daher wurde die Herstellung dieser Raketen bei der Umstrukturierung 1999 der der CASC unterstehenden Chinesischen Akademie für Trägerraketentechnologie übertragen. Um bei der CASC besser in das dortige System der „Akademien“ (研究院, ein historischer Ausdruck für „Geschäftsbereich“) zu passen, wurde die Basis 067 im Jahr 2001 mit Genehmigung des Staatsrats der Volksrepublik China in „Akademie für Flüssigkeitsraketentriebwerkstechnik“ umbenannt, auch bekannt als „Sechste Akademie“.

Geschäftsbereiche Die Kernkompetenz der Akademie für Flüssigkeitsraketentriebwerkstechnik liegt bei der Entwicklung und Herstellung von Flüssigkeitsraketentriebwerken der YF-Serie, wobei die mit bei Raumtemperatur lagerbaren, hypergolen Treibstoffmischungen arbeitenden Triebwerke sowie die Kerosin/Sauerstoff-Triebwerke vom Xi’aner Forschungsinstitut für Raumfahrtantriebe gebaut werden, die mit kryogenen Treibstoffen arbeitenden Triebwerke vom Pekinger Forschungsinstitut für Raumfahrtantriebe. Das Institut 101 in Peking betreibt einerseits chemische Forschung bezüglich der für Flüssigkeitstriebwerke geeigneten Treibstoffe, andererseits stellt es diese auch selbst her. Jenes Institut, das sich seit seiner Gründung 1958 mit kryogenen Treibstoffen befasst, besitzt die größte Anlage zur Herstellung von flüssigem Wasserstoff in China mit einer Kapazität von 2 Tonnen pro Tag – auch für nicht raumfahrtbezogene Wasserstoffantriebe – und stellt außerdem Flüssigsauerstoff, Flüssigstickstoff und gekühltes Helium her.

Auf der Prüfstation des Instituts 101 in Yungang können nicht nur einzelne Triebwerke, sondern auch – seit 2012 in einem neuen Gebäude – ganze Raketenstufen mit mehreren darin eingebauten Triebwerken getestet werden. Dies erfolgt regulär vor dem Erstflug einer neuen Rakete ein- bis zweimal für jede Stufe. Seit den Problemen mit dem YF-77-Triebwerk der Changzheng 5 im Jahr 2017 gibt es dort auch einen eigenen Prüfstand für Turbopumpen.

Bei dem bis 2008 zur Shanghaier Akademie für Raumfahrttechnologie (SAST) gehörenden Institut 801 im dortigen Stadtbezirk Xuhui befasst man sich mit der Entwicklung von Lageregelungstriebwerken mittlerer und kleiner Schubkraft für Satelliten, Raumschiffe, die Chinesische Raumstation, Atomraketen und Tiefraumsonden. S. 44. Im Stadtbezirk Pudong befindet sich die Fabrik 203, wo die Triebwerke hergestellt werden.

Daneben befasst man sich in Xi’an auch mit elektrischen Antrieben. Von einem mit Mikrosystemtechnik realisierten elektrothermischen Antrieb (Free Molecular Micro-Electro-Thermal Resist Jet bzw. FMMR) für Mikrosatelliten über ein thermisches Lichtbogentriebwerk mit Ammoniak als Stützmasse und einem mit Radiowellen arbeitenden magnetoplasmadynamischen Antrieb bis zu einem gepulsten Mikrolichtbogenantrieb, der am 23. Oktober 2019 an Bord des am 17. August 2019 gestarteten Erdbeobachtungssatelliten Qiansheng-1 01 (千乘一号01星) erstmals im Orbit gezündet wurde.

Im Laufe der Jahrzehnte erwarb man große Erfahrung bei der Konstruktion von Pumpen und Ventilen. So stellt man heute zum Beispiel in Xi’an alle Arten von Pumpen mit Förderleistungen von bis zu 1000 l/s, Umdrehungsgeschwindigkeiten von bis zu 70.000 rpm und Temperaturen des zu befördernden Mediums zwischen −185 °C und +200 °C für Anwendungen in Luft- und Raumfahrt, Schiffsbau, Kernkraftwerken, bei der Feuerwehr, in der chemischen Industrie und bei der Ölförderung her. Das Pekinger Forschungsinstitut für Raumfahrtantriebe gründete 1991 die Beijing Aerospace Petrochemical Technology and Equipment Engineering GmbH, die auf die Herstellung von Sicherheitsventile für alle Arten von Druckkesseln sowie Spezialventilen für Anwendungen in der chemischen Industrie spezialisiert ist. Am Xi’aner Forschungsinstitut für Raumfahrtantriebe gibt es ein spezielles „Zentrum für Dichtungstechnologie“ (密封技术研制中心), das sich mit der Entwicklung und Herstellung von nichtmetallischen und metallischen Dichtungsringen nicht nur für den zivilen und militärischen Raketenbau, sondern auch für alle Arten von Anwendungen im Schiffsbau, der petrochemischen Industrie etc. befasst. Im Jahr 2012 wurden dort von gut 300 Arbeitern und Angestellten über 3000 verschiedene Dichtungsringe hergestellt.

Vorstandsvorsitzender der Akademie für Flüssigkeitsraketentriebwerkstechnik ist seit Januar 2021 Wang Wanjun (王万军). Im Laufe der Zeit wurden mehrere Abteilungen der Firma als eigenständig wirtschaftende Tochterunternehmen ausgegliedert. Stand 2021 besitzt die Akademie für Flüssigkeitsraketentriebwerkstechnik noch folgende ihr direkt unterstehende Einrichtungen: Xi’aner Forschungsinstitut für Raumfahrtantriebe (西安航天动力研究所), auch bekannt als „Institut 11“ bzw. 十一所 Shaanxier Konstruktionsbüro für Kraftmaschinen (陕西动力机械设计研究所) Pekinger Forschungsinstitut für Raumfahrtantriebe (北京航天动力研究所), auch bekannt als „Institut 11 (Hauptstadt)“ bzw. 十一所(京) Institut 801 (六院801所), auch bekannt als „Shanghaier Institut für Weltraumantriebe“ Fabrik 203 (801所\203厂) Xi’aner Fabrik für Raumfahrttriebwerke (西安航天发动机厂), auch bekannt als „Fabrik 7103“ bzw. 7103厂 Xi’aner Forschungsinstitut für Raumfahrtmesstechnik (西安航天计量测试研究所) Raumfahrtgrundschule Xi’an (西安航天小学) Raumfahrtgymnasium Xi’an (西安市航天中学) Raumfahrthauptkrankenhaus Xi’an (西安航天总医院)

Zu den wichtigsten Projekten gehört derzeit die Entwicklung von Wasserstoff/Sauerstoff-Triebwerken mit einer Schubkraft von 250 kN (YF-79) und 2200 kN (YF-90), ersteres für die 3. Stufe, letzteres für die 2. Stufe der Changzheng 9.