Horanewa, auch horanäva, horanava, horanawa (Plural horane), ist ein kurzes kegelförmiges Doppelrohrblattinstrument der Singhalesen in Sri Lanka, das zusammen mit verschiedenen Röhrentrommeln bera in der buddhistischen Ritualmusik und in der Begleitmusik zu mehreren Volkstheatern gespielt wird. Die horanewa ist das einzige einheimische Melodieinstrument der Singhalesen, sie ist mit der nordindischen shehnai und anderen Kegeloboen vom Typ der persischen surnai verwandt. mini|hochkant|Ein Musiker im Sri Dalada Maligawa („Zahntempel“) von Kandy spielt horanewa.

Herkunft und Verbreitung In der traditionellen singhalesischen Musik Sri Lankas kommen auffallend wenige Typen von Musikinstrumenten vor. Nach der Lehre des Theravada-Buddhismus, zu der sich die Singhalesen bekennen, werden keine Götter verehrt und die Erlösung aus dem Kreislauf des Lebens (Samsara) kann nur individuell erlangt werden, sodass im Tempel religiöse Rituale und gemeinschaftliches Musizieren nicht erforderlich sind. Die Einschätzung von Musik und anderen Künsten als „weltlicher“, überflüssiger Luxus geht auf einen in der Lehrrede Dasa Dhamma Sutta enthaltenen Satz Buddhas zurück, wonach ihm Schönheit nichts bedeute.Wolfgang Laade: The Influence of Buddhism on the Singhalese Music of Sri Lanka. In: Asian Music, Band 25, Nr. 1/2 (25th Anniversary Double Issue) 1993–1994, S. 51–68, hier S. 52 Die dennoch vorhandene Ritualmusik mit mehreren Trommeltypen und gelegentlich einer horanewa gehört zum Bereich der buddhistischen Volksreligion und anderer im Volk verankerter Glaubenspraktiken.Heinz Zimmermann: Der indische Kulturbereich. Sri Lanka. In: Hans Oesch: Außereuropäische Musik (Teil 1). Neues Handbuch der Musikwissenschaft Band 8. Laaber-Verlag, Laaber 1984, S. 302

Die horanewa ist das einzige melodiefähige Blasinstrument in der traditionellen Musik der Singhalesen. Keine melodische Funktion haben zwei andere Blasinstrumente: das Schneckenhorn und die Naturtrompete kombu, die im Wesentlichen nur einen Ton hervorbringen und bei manchen Ritualen kurzzeitig zum Einsatz kommen. Die traditionelle Klassifikation von Musikinstrumenten in Sri Lanka (panchaturya) kennt nicht vier Hauptgruppen wie in Indien, sondern fünf, wobei die Bedeutung der ersten drei Bezeichnungen in den alten buddhistischen Schriften unterschiedlich interpretiert wird. Atata, vitata und atatavitata stehen für einfellige und zweifellige Trommeln (Kesseltrommeln, Rahmentrommeln und Röhrentrommeln), alternativ mit der Hand oder mit einem Stock geschlagene Trommeln. Ghana fasst metallene Idiophone wie Zimbeln (talampata) zusammen und susira bezeichnet Blasinstrumente, also im Wesentlichen die horanewa.Anuradha Seneviratna: Pañcatūrya Nāda and the Hēwisi Pūjā. In: Ethnomusicology, Band 23, Nr. 1, Januar 1979, S. 49–56, hier S. 51

Aus dem ältesten überlieferten tamilischen Werk Silappatikaram, das zu den fünf großen tamilischen Epen gezählt und in das 1. Jahrhundert n. Chr. datiert wird,E. Senavarayan: Internet Based Learning For Ancient Tamil. (PDF; 129 kB) In: Shanlax International Journal of Arts, Science & Humanities, Band 1, Nr. 1, Juli 2013, S. 69–73, hier S. 70 geht hervor, dass es damals in Südindien eine hoch entwickelte Musikkultur mit professionellen Musikern gab, die Trommeln, Flöten, Harfen (vina) und Rohrblattinstrumente spielten. Die genannten Instrumente dienten demnach zusammen mit Gesang der Begleitung von Tanzdarbietungen.Walter Kaufmann: Altindien. Musikgeschichte in Bildern. Band II. Musik des Altertums. Lieferung 8. Hrsg. von Werner Bachmann. VEB Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1981, S. 90, 100

In Nordindien werden Rohrblattinstrumente ab den Jahrhunderten unmittelbar vor und nach der Zeitenwende an Skulpturen nachweisbar, die unter dem Einfluss iranischer, griechischer und zentralasiatischer Einwanderer entstanden. Reliefs am Stupa von Sanchi (1. Jahrhundert v. Chr.) und aus Gandhara (Anfang 1. Jahrhundert n. Chr.) lassen ein Blasinstrument mit konischer Bohrung, aber ohne Schallbecher und ohne Lippenstütze erkennen. Die frühen Abbildungen von mutmaßlichen Doppelrohrblattinstrumenten widerlegen die Ansicht, Kegeloboen seien erst im Zuge der muslimischen Eroberungen ab dem Ende des 1. Jahrtausends nach Südasien gekommen. Beim Relief von Sanchi sind auf der einen Seite des Oboenspielers zwei Musiker mit geraden Langtrompeten und auf der anderen zwei Trommler zu sehen. Abgesehen von unterschiedlichen Details der Formen repräsentiert diese Abbildung eine frühe Vorstufe des persischen Naubat-Militärorchesters mit der Kesseltrommel naqqara, der Langtrompete karna und dem Doppelrohrblattinstrument surnā. Ob es eine Kontinuität der abgebildeten Instrumente im Verlauf des 1. Jahrtausends gab oder ob die in Indien nach dem 8. Jahrhundert und vor allem in der Mogulzeit für militärische und repräsentative Zwecke gebrauchte Orchesterformation gänzlich unabhängig aus dem Orient eingeführt wurde, ist unklar.Alastair Dick: The Earlier History of the Shawm in India. In: The Galpin Society Journal, Band 37, März 1984, S. 80–98, hier S. 83f

Der Name shehnai für die heute in Nordindien auch in der klassischen Musik gespielte Kegeloboe geht auf arabisch-persisch surnā zurück. Dieses Wortumfeld ist vom Balkan (Trommel-Oboen-Ensemble tapan-zurle) über die Türkei (zurna), Myanmar (hne) bis nach China (suona) und Malaysia (serune) verbreitet. Andere Bezeichnungen für denselben Instrumententyp sind neben horanewa im Niger algaita, in Thailand pi chanai sowie in Indonesien tarompet und preret. In Indien sind einige Kegeloboen unter Abwandlungen des Namens mavari oder madvari bekannt, der erstmals in dem zwischen dem 6. und 8. Jahrhundert – vor den muslimischen Eroberungen in Südasien – verfassten Werk Brihaddeshi des Musikgelehrten Matanga vorkommt.Bigamudre Chaitanya Deva: The Double-Reed Aerophone in India. In: Yearbook of the International Folk Music Council, Band 7, 1975, S. 77–84, hier S. 78 In Sanskrittexten des 12. und 13. Jahrhunderts wird die Form der so bezeichneten Rohrblattinstrumente näher beschrieben. Der Name blieb in mehreren in der regionalen Volksmusik gespielten Kegeloboen erhalten, darunter mohori in Odisha und tangmuri im äußersten Nordosten Indiens. Als wahrscheinlichste Wortherkunft gilt Alastair Dick (2014) zufolge Arabisch mizmar.Alastair Dick: Mahvarī. In: Laurence Libin (Hrsg.): The Grove Dictionary of Musical Instruments. Band 3, 2014, S. 368 Dileep Karanth (2005) hält diese etymologische Verbindung und damit die Herkunft der südasiatischen Kegeloboe aus dem Mittleren Osten für unwahrscheinlich.Dileep Karanth: The Indian Oboe Reexamined. In: E-ASPAC: An Electronic Journal in Asian Studies, 2005, S. 5 Mukhavina für eine kurze südindische Kegeloboe ist eine Bezeichnung aus dem Sanskrit, die seit dem 12./13. Jahrhundert erwähnt wird, und kuzhal für eine ähnliche Kegeloboe im südindischen Bundesstaat Kerala steht seit dem 1. Jahrtausend auf Tamil auch für eine Flöte. Am weitesten ist in Südindien die lange nadaswaram verbreitet.

Die indonesischen Kegeloboen tarompet, preret und andere im Malaiischen Archipel belegen, dass dieser Instrumententyp zu einer frühen Zeit von den muslimischen Einwanderern in entfernte, nicht-islamische Kulturen überging. In der Paliliteratur Sri Lankas aus dem 13. Jahrhundert werden Kegeloboen erwähnt – also ein Jahrhundert bevor islamische Eroberer Südindien erreichten. Die Namen horana (zu horanewa) und nagasura (zu nadaswaram) kommen im Palitext Saddharma-ratnavaliya des 13. Jahrhunderts im Zusammenhang mit Blasinstrumenten vor. Für die islamische Musikkultur ist die Kombination aus Röhrentrommel und Kegeloboe typisch: in der Türkei davul und zurna, in Kaschmir dohol und swarnai (surnay), in Südindien tavil und nadaswaram. Dileep Karanth schließt nicht aus, dass auch diese Ensembleformation in der indischen Volksmusik vor Ankunft der muslimischen höfischen Militärorchester vorhanden gewesen sein könnte. Im Saddharma-ratnavaliya wird der Instrumentenname davura im Zusammenhang mit anderen ceylonesischen Trommeln, genannt bera, erwähnt. Im Thupavamsa, einer im 13. Jahrhundert auf Pali verfassten Chronik Sri Lankas, wird neben dem Blasinstrument horana auch die Trommel davul erwähnt. Der türkisch-persische Trommelname setzt nicht notwendig die Verwendung einer mit der muslimischen Kultur übermittelten Trommel in Sri Lanka voraus, sondern kann darauf verweisen, dass in Regionen, die vor der innovativen muslimischen Kultur abgeschirmt waren, deren und einheimische Bezeichnungen austauschbar verwendet wurden. Karanth folgert daraus, dass es wie im Malaiischen Archipel oder in abgelegenen Regionen des Himalaya in Sri Lanka die Kombination von Trommel und Oboe (dawula und horanewa) bereits vor der Ankunft des Islams gab. Dort gehörten und gehören sie zur religiösen und zeremoniellen Musik.Dileep Karanth, 2005, S. 6f, 13f

Bauform mini|Kuzhal-Spieler bei einem Tempelfest in Kerala. Die kuzhal besitzt keine Pirouette, ihre Form ist ansonsten mit der horanewa vergleichbar. Die horanewa gehört wie die shehnai in Nordindien und die kuzhal in Südindien zu den kurzen, hoch und schrill klingenden Kegeloboen. Die Gesamtlänge beträgt 28 bis 33 Zentimeter, wovon etwa 7 Zentimeter auf einen trichterförmigen Schallbecher (muhukkuwa) aus Messing (auch Kupfer oder Silber) entfallen. Die leicht konische Spielröhre (horane kanda oder nale kanda) besteht aus ceylonesischem Ebenholz (Diospyros ebenum, singhalesisch kaluwara) oder einem anderen Hartholz, etwa Pericopsis mooniana (singhalesisch nedun, Familie der Hülsenfrüchtler), Gliricidia sepium (singhalesisch wetahira), Tamarindenbaum oder Rote Frangipani (singhalesisch araliya). Geschätzt werden auch Spielröhren aus Elfenbein, Büffelhorn oder Geweih.Chinthaka Prageeth Meddegoda, 2019, S. 192 Die Röhre besitzt wie die meisten indischen Doppelrohrblattinstrumente üblicherweise sieben Fingerlöcher (vith), aber kein Daumenloch. Häufig ist das Holz zwischen den Fingerlöchern mit umlaufenden farbigen Strichen oder Mustern dekoriert. Am oberen Ende ist ein schlankes konisches Mundstück (nalli kura) mit einer Pirouette und den Rohrblättern (ipiyawa) aufgesetzt. Die Rohrblätter werden aus der Spitze eines jungen Palmblatts ausgeschnitten, in Wasser mit etwas Kurkumapulver gekocht und an der Luft getrocknet. Danach reibt man den Blattstreifen zwischen den Fingern gerieben, damit er weicher wird und faltet ihn doppelt, sodass vier Rohrblätter parallel liegen, die mit einem Nylonfaden angebunden werden. Nur die beiden inneren Rohrblätter vibrieren, wenn sie angeblasen werden, an die äußeren legt der Spieler seine Lippen.Chinthaka Prageeth Meddegoda, 2018, S. 82f

Bei einer 1994 gemessenen horanewa von 28 Zentimetern Länge ist die Spielröhre 15 Zentimeter lang und hat am oberen Ende einen Durchmesser von 13 Millimetern innen und 16 Millimetern außen. Am unteren Ende beträgt der Innendurchmesser 18 Millimeter und der Außendurchmesser 25 Millimeter, das heißt, die Wandstärke nimmt wie der Innendurchmesser nach unten zu. Dieses Instrument besitzt nur sechs Grifflöcher mit nicht wie sonst äquidistanten, sondern unterschiedlichen Abständen. Von Loch 6 zu Loch 1 betragen die Mittenabstände: 17,5 – 20 – 25,5 – 22 – 26 Millimeter.Oliver Fabian Frei, 2000, S. 42 Manche Spielröhren aus Büffelhorn erlauben wegen ihrer beschränkten Länge nur fünf Fingerlöcher.

Der Tonumfang entspricht ungefähr einer Oktave und beginnt mit dem tiefsten Ton etwa bei a1. Mit sieben Fingerlöchern lassen sich acht Töne erzeugen. Die drei tiefsten Fingerlöcher werden selten verwendet. Eine tiefer klingende Variante mit 56 Zentimetern Gesamtlänge genannt dirgha horanewa („lange horanewa“) ist obsolet.Natalie M. Webber, 2014, S. 693 f.