Ute Reeh (* 1958 in München) ist eine deutsche bildende Künstlerin, Konzeptkünstlerin, Bildhauerin, Performerin und Zeichnerin, die vor allem für ihre partizipativen Projekte bekannt ist.

mini|hochkant|Ute Reeh, 2019 mini|Drittes Wiesengespräch auf Baumscheibe, Zentrum für Peripherie, Karstädt, 2018

Leben und Werdegang Ute Reeh ist die älteste Tochter des Quantenfeldtheoretikers Helmut Reeh und der Lehrerin Edda Reeh. Ute Reeh besuchte Schulen in Princeton, USA, München und Göttingen. Sie studierte zunächst Mathematik in Göttingen, dann Biologie und Kunst in Kassel (Performance und Bildhauerei bei Harry Kramer und Alf Schuler), sowie an der Kunstakademie Düsseldorf Skulptur und Videokunst bei David Rabinowitch und Nam June Paik. Im Jahr 1992 erhielt sie den Meisterschüler-Titel der Kunstakademie Düsseldorf auf Vorschlag von Nam June Paik.

Performance Ute Reeh begann ihre künstlerische Arbeit im Grenzgebiet zwischen Performance, Zeichnung, Film/Video und Skulptur. Zeichnung nutzt sie als Mittel des Dialogs, zunächst des Körpers mit sich selbst, mit dem Raum, mit zwei oder mehr Menschen und schließlich zur Darstellung komplexer Wechselwirkungen von Systemen. In ihren Performances (1980er Jahre) thematisierte Reeh die Beziehung zwischen dem Körper und seinem Umraum, zwischen Konstruktion und scheinbarer Formlosigkeit, zwischen Kontrolle und Kontrollverlust. Ihre letzte Live-Performance (Performance, 1990, VIP Filmfestival Berlin, an vier Veranstaltungsorten) stellte eine Zäsur dar. Das Publikum war gleichberechtigter Teil einer für beide Seiten (Künstlerin und Publikum) offenen Situation. Es folgten zunehmend komplexe Projekte, bei denen das Publikum, zunächst ohne es zu ahnen, zu Erfindern eigener Performances wurde.

Kunstprojekte Muster und Reise Kern des zeitgleich mit Performance entstandenen Beginns von Muster waren kleine gezeichnete, nackte Figuren. Diese Figuren bildeten – gedruckt auf Textilien und andere Materialien – ein Muster, das von Firmen Rosenthal und Fischbacher übernahmen. Das Muster erscheint auf Porzellan, Bettwäsche, Teppichen, Tapeten, Unterwäsche, Krawatten etc.Ein Muster ..., ART Magazin Nr. 4 1997Martina Funck: "Im Mittelpunkt der Schuh-Ausstellung steht jedoch die Düsseldorfer Performance-Künstlerin Ute Reeh, die dem Unternehmen eine maßgeschneiderte Corporate Identity verschafft hat. Sie entwarf einen Muster-Schuh, Teil ihrer Muster-Kollektion, die die Künstlerin als ornamentale Bereicherung des tristen Alltags bereits auf Plakatwände, Teppichböden, Fernsehbildschirme und ins Internet geschmuggelt hat. Reehs einheitsstiftender Muster-Schuh ist im Münchner Großraum gleich mehrfach präsent: als Foto-Bodenbelag im Eingangsbereich der Neuen Galerie, auf Einladungskarte, Plakat und Katalog zur Ausstellung, als Anzeige im Magazin der Süddeutschen Zeitung und schließlich in einer Münchner Filiale des Schuhgeschäfts Bally (...)", in: Auf hohen Hacken. Dachau: Schuhe im Museum, Kunstzeitung, Januar 1998

Das Projekt Reise (1996–1999) spürte den Mustern nach, die sich auf verschiedenen Trägern, wie Sofas, Teppichen und anderen Textilien, Kleidungsstücken und in Inneneinrichtungen verbreitet hatten. Das aus Muster entstandene Internet- und Buchprojekt ging auf Weltreise.. Das Projekt wurde vom Kunstfonds e.V. Bonn, von TECTA Lauenförde und vom Kulturamt der Stadt Düsseldorf gefördert.REISE, Ute Reeh, Hrsg. und Verlag Galerie und Edition Hundertmark, 1998. ISBN 3-00-003909-0Ortlos. Ute Reeh: Projekt „Reise“, von Jörg Restorff, Kunstzeitung, Nov. 1998

Skulptur Ute Reehs benutzbare Skulpturen sind zur Kommunikation und zum Perspektivwechsel einladende Objekte, die jeweils als Prototyp existieren: Baumscheiben, 2002, Realisation 2003 und 2016Ute Reeh, Baumscheiben Baumzungen, 2008–2012Ute Reeh, Baumzungen, 2008 - 2012 Therapeutical Sculptures, 2010–2015Ute Reeh, Therapeutical Sculptures, 2010-2015

Zeichnen Im Zentrum von Ute Reehs Arbeit stehen ihre Zeichnungen. Neben Skizzen und Entwürfen für ihre bildhauerische Arbeit entwickelte sie eine Zeichenmethode aus ihrer performativen Arbeit. Sie selbst und alle weiteren Akteure hielten eine Kreide in jeder Hand, um Räume, Grenzen, Interaktionen auf großen Papierflächen einzuzeichnen. Verblüfft über die Präzision, mit der dabei wenig bewusste Bezüge sichtbar wurden, nutzt sie diese Methode seither, um komplexe Systeme darzustellen. Ute Reeh wirbt dafür, die Kompetenzen bildender Künstler bei komplexen, schwer überschaubaren sozialen, ökologischen und ökonomischen Problemstellungen einzubeziehen. Als Bildhauerin und Performerin begreift sie Systeme als plastische, in Zeit und Raum veränderbare Gebilde, die sich von allen Seiten betrachten, untersuchen und zeichnen lassen. Analog zeichnet sie Prozesse, ihre Erfolge, ihr Stocken, ihre Synergien, ihre Hindernisse aus vielen Blickwinkeln und in ihrem zeitlichen Fluss. Beziehungen, wiederkehrende Muster und gesellschaftliche Zusammenhänge werden so sichtbarer und verständlicher. Dies ermöglicht es der Zeichnerin und allen Beteiligten, ihr eigenes System mitsamt seinen blinden Flecken von verschiedenen Seiten zu betrachten. Ihre Zeichnungen nutzt Ute Reeh, um deutlich zu machen, dass die uns umgebenden Strukturen beweglich und gestaltbar sind.Ute Reeh: Behauptungen zu Kunst, Konzept und Welt – seitlich, von oben und zeitlich betrachtet Kunstpädagogische Positionen, Heft 38, Hrsg. Universität zu Köln, Institut für Kunst & Kunsttheorie, 2017, ISBN 978-3-943694-17-8Zentrum für Peripherie – Zeichnungen von Ute Reeh erläutern und begleiten Prozesse bildhaft.Texte über Zentrum für Peripherie von Gregor_Jansen (Kunsthalle Düsseldorf), Raimar Stange (Kurator und Kunstpublizist), Jasmin Grande (Heinrich-Heine-Universität, Düsseldorf), in: Artists in Wittenberger Weg 2018, Hrsg. Zentrum für Peripherie, Düsseldorf, ISBN 978-3-9820473-0-0

Form und gesellschaftliche Prozesse Ein Grundelement in Ute Reehs jüngerer Arbeit ist, Systeme und die Form von Prozessen als virtuelle Skulptur zu begreifen. Die Künstlerin identifiziert und erschafft – wie sie es nennt – „Löcher im System“, die es möglich machen, routinierte Abläufe umzukehren oder alternative Vorgehensweisen zu finden. Daraus schließt sie, dass es keine definitiven Sicherheiten, keine finiten Routinen gibt, und dass Menschen sich auf Konzepte und Regeln einigen, um mit der Komplexität der Welt umzugehen. Die 'Löcher im System' stellen Freiräume – gewissermaßen unbesetzte Hohlräume – in diesen mehr oder weniger fest gefügten Strukturen dar, die geistiges und praktisches Potenzial bergen, Entfaltungsräume für Kultur.Ute Reeh: Löcher im System, in: 'Im Wahrnehmen Beziehungs- und Erkenntnisräume öffnen. Ästhetische Wahrnehmung in Kunst, Bildung und Forschung', Hrsg. Birgit Engel et al., kopaed, München, 2020 Die von der Künstlerin für gesellschaftlich bezogene Projekte angewandte Methode ist, betroffene Menschen verschiedener Generationen mit Studierenden und Fachleuten zusammenzubringen. Diese als Prozess angelegte Projektentwicklung erhöht die Akzeptanz in der Bevölkerung, bewirkt anhaltendes Engagement auch nach Fertigstellung und erfüllt soziale und kulturelle Einbindung. Jeweils am Beginn solcher Prozesse steht der kreative Input von Kindern, deren Ideen im weiteren Verlauf ausgebaut werden. Partizipation wird dabei nicht primär als soziale Maßnahme, sondern als Mehrwert betrachtet, der die Projekte voranbringt und vervollkommnet.Kreativität der Kinder zur Gestaltung des öffentlichen Raumes, in: 'DAB Deutsches Architektenblatt', Hrsg. Bundesarchitektenkammer, 04.2020 Nordrhein-Westfalen, S. 13Schulfach Kunst. Wo Schüler lernen, die Welt zu gestalten. Ute Reeh im Gespräch mit Nicole Dittmer, Deutschlandfunk Kultur, 22. April 2020. Abgerufen am 20. September 2020.Prozesse mit offenem Ausgang, Vortrag und Workshop von Ute Reeh auf dem 2. Hamburger Kulturgipfel, 19. Nov. 2019Im Wahrnehmen Beziehungs- und Erkenntnisräume öffnen, Tagung, Kunstakademie Münster, 2017 mini|Modell des Wiesencafé Aktuelles Beispiel für Reehs Prozesse ist das Projekt Wiesencafé am Wittenberger Weg in Düsseldorf-Garath. Obwohl erst das Fundament steht, fanden und finden dort viele Aktivitäten und Veranstaltungen statt. Kinder und Jugendliche aus verschiedenen Stadtteilen entwarfen u. a. gemeinsam Möbel und Geschirr. Zusammen mit Studierenden der Peter Behrens School of Arts (Hochschule Düsseldorf) bauten sie Stühle in unterschiedlichen Formen nach ihren eigenen Entwürfen. Wechselnde Künstler arbeiteten seit 2017 als Stipendiaten des Zentrum für Peripherie am Wittenberger Weg. Die Architektur des Wiesencafé ist in einem vielstufigen Prozess entstanden. Sie ist als funktionierendes Café geplant. Die Bodenplatte fungiert seit Oktober 2017 als Bühne, Plattform und benutzbare Skulptur im öffentlichen Raum.„Wo Probleme sind, da ist auch Potenzial“, Interview mit Ute Reeh, In: Rheinische Post, Düsseldorf, 24. April 2019Abstract zum Vortrag von Christof Rose und Ute Reeh: Bauhaus macht Schule! – Projekte für junge Leute & Bauhütte Wiesencafé, 2018Film über das Projekt Arm oder reich? / WiesencaféArm oder Reich? Bauhütte des geplanten Wiesencafés in Düsseldorf-Garath startet, StadtBauKultur NRW, 2019Das Projekt Bauhütte Wiesencafé, Düsseldorf bei: 'Eine Bauhütte für Kathedralen des 21. Jahrhunderts', Workshop-Woche zu 100 Jahre Bauhaus, Simonskall, 2019.Ute Reeh gestaltet mit Jugendlichen öffentliche Räume, Magazin der LAG Kinder- und Jugendkultur Hamburg, Herbst 2019Fachtagung „Freiheit im öffentlichen Raum“: Wie Menschen mitplanen können, von Andrea Röhrig, Rheinische Post, Düsseldorf, 6. März 2020Baukultur Nordrhein-Westfalen: Unendlich viele Freiheitsgrade – im öffentlichen Raum, Tagung am Wittenberger Weg, Düsseldorf, März 2020Baukultur NRW: Rückblick auf das Symposium Neues Leben für gemeinsame Orte in Düsseldorf-Garath, 5. September 2022Lebendige Orte gemeinsam entwickeln, von Christof Rose, 13. September 2022, Architektenkammer NRW, über das Symposium Neues Leben für gemeinsame Orte vom 5. September 2022 in Düsseldorf-Garath.

Kunst am Bau als Prozess Von 1998 bis 2008 begleitete Ute Reeh als Künstlerin eine große Gesamtschule in Düsseldorf und definierte ihre Form künstlerisch-systemischer Arbeit als Schulkunst – Kunst verändert Schule. 2009 initiierte Ute Reeh Kunst am Bau als Prozess als ganzheitlichen und partizipativen Ansatz der Projektentwicklung. 2013 wurde dessen Referenzprojekt, Eine Terrasse für die Alfred-Herrhausen-Schule,Die Terrasse ist unser Abitur. Eine filmische Projektbeobachtung über den Terrassenbau an der Alfred-Herrhausen-Schule in Düsseldorf, 2012 mit dem Schulbaupreis NRW 2013 ausgezeichnet.Schulbaupreis NRW 2013: Besser lernen in besseren Räumen 2008 und 2015 veröffentlichte Reeh im Beltz-Verlag zwei Titel zu diesem Experiment künstlerischer Schul- und Stadtentwicklung.Was Kunst kann – Umbauprozesse nutzen, von Ute Reeh, Hrsg. und Verlag Beltz, Weinheim Basel, 2015Kunst am Bau als Prozess, Vortrag von Ute Reeh bei Kunst - Bildung – Qualität, Symposium des Deutschen Künstlerbundes, Kunstsammlung NRW, Düsseldorf, 22. Nov. 2014Was Kunst kann, Vortrag von Ute Reeh, Tagung Kunst als Katalysator für Schulentwicklung, Universität zu Köln, 2014, Video auf Vimeo