mini|500px|Der Limes in Noricum und Oberpannonien

Der Limes Noricus (Ripa Danuvi Provinciae Norici) war eine Grenzverteidigungszone bzw. Militärbezirk zum Schutz der römischen Provinz Noricum. Seine Kastellkette zählte zum mittleren Teil des Donaulimes. Die Grenzlinie verlief vom heutigen Freistaat Bayern bis ins Bundesland Niederösterreich und war vom 1. bis zum 5. Jahrhundert n. Chr. durchgehend mit römischen Soldaten besetzt.Fischer 2012, S. 307.

Die Donau bildete für mehr als 400 Jahre die nördliche Grenze des Römischen Reiches. Der Norische Limes schließt im Osten an den Pannonischen Limes im heutigen Ungarn an. Eine durchgehende Sperranlage wie zum Beispiel in Nordengland oder Raetien war dort überflüssig, da Flussufer mit weniger Aufwand an Menschen und Material gesichert werden konnten. In dieser Zeit entstanden am südostbayerischen/österreichischen Grenzabschnitt zahlreiche Befestigungsanlagen, ebenso wie zivile Siedlungen und Verwaltungszentren. Diese bildeten oft die Keimzellen heutiger Städte und Dörfer. Ihre Gebäudeanordnung werden mitunter noch heute von römischen Gebäuderesten und Straßenverläufen bestimmt. Die Provinz Noricum war der Ausgangspunkt bzw. Etappe von Handels- und Verkehrsrouten, die in alle Großregionen des Römischen Reichs führten. Diese sollten von den dort stationierten Armee- und Flotteneinheiten freigehalten und kontrolliert werden. Die Mehrzahl der Besatzungstruppen lag in Kastellen, Kleinkastellen und Wachtürmen, die in regelmäßigen Abständen entlang des Flussufers errichtet worden waren. Auch auf das wirtschaftliche und kulturelle Leben der Zivilbevölkerung hatte der Limes großen Einfluss, da sein Hinterland eines der wichtigsten Nachschubgebiete für die Grenztruppen und diese die Garanten für eine tiefgreifende und nachhaltige Romanisierung der Provinz waren. Noricum spielte im Gegensatz zum benachbarten Pannonien bis zur Spätantike keine herausragende Rolle in der Reichspolitik.

Die norische Ripa ist heute vor allem aufgrund ihrer gut erhaltenen Reste spätantiker Festungsanlagen und der Lebensbeschreibung des Severin von Noricum, die ein wenig Licht auf die schwierigen Lebensumstände der Provinzialen zur Zeit der Völkerwanderung und dem Untergang des Weströmischen Reichs wirft, überregional bekannt geworden.

Lage Der gesamte österreichische Limesabschnitt (Noricum und Oberpannonien) ist ungefähr 357,5 km lang und verläuft entlang der Donau von der deutschen Grenze bei Passau durch Oberösterreich, Niederösterreich und Wien bis knapp östlich von Hainburg/Wolfsthal, das sich an der slowakischen Grenze und nahe der Hauptstadt Bratislava befindet. Der Limes Noricus liegt auf den Staatsgebieten des heutigen Deutschland und Österreich. In der Antike gehörten sie zur Provinz Noricum (Provincia Noricum). Aus der Großprovinz entstanden in der Spätantike zwei neue Verwaltungseinheiten:

Noricum ripense (Ufernorikum) und Noricum mediterraneum (Binnenorikum).

Das Provinzterritorium reichte von Tirol bis nach Niederösterreich, im Wesentlichen das Gebiet zwischen Donau, Wienerwald, die Ostgrenze der Steiermark, Save, Eisack bis an den Inn und umfasste damit einen Großteil des heutigen Österreich. Auch Carnuntum wird vom römischen Chronisten Velleius Paterculus im 1. Jahrhundert noch als norische Stadt bezeichnet. Mit der Umwandlung in eine römische Verwaltungseinheit verlor Noricum einige Gebietsstreifen im äußersten Osten an die Pannonia, so auch die Siedlungen entlang der Bernsteinstraße. Nur Binnennorikum erfuhr später im Südosten noch eine Gebietserweiterung, indem das bislang pannonische Poetovio der neuen Provinz zufiel. Der Wienerwald markierte die Provinzgrenze im Osten, die Donau die Nordgrenze und der Inn die Westgrenze zur Provinz Raetia.Vell. 2,109,5

Topographie mini|Naturbelassener Auwald an der Donau (Melk/NÖ)

Die Einrichtung der Grenzanlagen wurden vor allem durch die Topographie beiderseits der Donau vorgegeben, einerseits durch geographische Merkmale, andererseits von der Notwendigkeit die alten Verkehrswege über die Alpen und östlich davon zu kontrollieren – die norische Handelsroute ins Böhmische Becken und die Bernsteinstraße in das Baltikum. Die römische Armee sah sich mit einer Landschaft konfrontiert, die durch enge Flusstäler, wie die Schlögener Schlinge in Oberösterreich oder in der Wachau in Niederösterreich und durch weite Beckenlandschaften, wie zum Beispiel im Linzer Feld und dem Tullnerfeld geprägt ist.Fischer 2012, S. 307.

Aufgrund ihres stark bewaldeten, versumpften und verästelten Ufers war die Donau (Danuvius) nur an wenigen Stellen problemlos zu überwinden. Weite Ebenen und Flussniederungen wechselten sich mit engen Durchbrüchen ab. Diese Engtäler waren mit ihren tückischen Strudeln für die damalige Schifffahrt noch sehr gefährliche Gewässer. In den Ebenen war der Strom hingegen ein stark mäanderndes – an manchen Stellen bis zu 4 km breites – Gewässer mit zahlreichen Nebenarmen und Inseln. Das machte die Donau nicht zu einer Grenzlinie, sondern eher zu einer Pufferzone. Auch das für die Germanenstämme geltende Ansiedlungsverbot in einem Gürtel von 14 km vor dem Nordufer hatte hier keine Bedeutung, da dort kaum jemand leben wollte.

mini|Kastell und Vicus von Zwentendorf, 1. bis 2. Jahrhundert n. Chr. (Asturis?) Im Laufe der Jahrhunderte hat der Strom auch oftmals seinen Lauf geändert. Um 300 verursachte noch dazu ein markanter klimatologischer Umbruch eine spürbare Veränderung der Naturlandschaft im Donautal. Bis dahin war das Klima warm und trocken gewesen (römisches Optimum). Danach begann eine spürbar kühlere und niederschlagsreichere Periode, das sogenannte „Pessimum der Völkerwanderungszeit“. Diese hielt bis ca. 800 n. Chr. an, was sich auch stratigraphisch nachweisen lässt. Sie wird als eine der Ursachen angesehen, warum bis dahin weit im Norden ansässige Stämme plötzlich nach Süden zu wandern begannen. Hochwasserereignisse nahmen nun ebenfalls zu und waren meist verheerender als die vorangegangenen. Dies war auch ein Grund dafür, dass einige norische Kastelle im Laufe der Jahrhunderte zum größten Teil abgeschwemmt wurden (Pöchlarn, Tulln, Zwentendorf, Burgus Zeiselmauer). Feuchtgebiete und Wälder dehnten sich wieder aus, was die Landwirtschaft (Acker- und Weinbau) erheblich erschwerte und den Lebensraum der Menschen mehr und mehr einengte.Hübner 2004, S. 14.

Geographie mini|Der östliche Eingang zur Wachau, Blick von Westen mini|Wallsee (Ad Iuvense): Befundskizze des Kastell II (1924–2013)

Die Grenze zwischen den Provinzen Noricum und Pannonia verläuft entlang eines Gebirgszuges, der in der Antike mons Cetius genannt wurde und sich vom Wienerwald in Richtung Süden erstreckt.Susanne Lamm: Der Cetius Mons ist nicht der Wienerwald. Die Berichtigung eines populären Irrtums. In: Renate Lafer, Karl Strobel (Hrsg.): Antike Lebenswelten. Althistorische und papyrologische Studien (= Altertumswissenschaftliche Studien Klagenfurt. Band 4). Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2015, ISBN 978-3-11-035941-1, S. 238–252. Bei der Wiener Pforte betritt die Donau das Wiener Becken. Zwischen Dunkelsteiner- und Wienerwald liegt das Tullnerfeld. Beidseitig der Donau erstrecken sich ausgedehnte Schotterterrassen von Krems bis zur Wiener Pforte, die dann in fruchtbare Lössböden übergehen. Bei Traismauer und Tulln war eine Überquerung des Stromes durch Furten möglich. Vom am Ausgang des Engtales der Wachau (Mautern) errichteten Kastell Favianis konnten die römischen Soldaten einen weiteren Flussübergang kontrollieren. Im Nibelungengau durchfließt die Donau auf ca. 30 km eine hügelige Landschaft, unterbrochen von kleinräumigen Flussniederungen bei Ybbs, Pöchlarn und Melk. Diese ermöglichten die Stationierung von Garnisonen, um den Handelsverkehr auf der Donau zu kontrollieren und das nördliche Barbaricum im Auge behalten zu können. In der Hügellandschaft des Mostviertels errichtete man auch bei Wallsee ein Kastell, die Lage auf einen Felssporn war hervorragend zur Kontrolle des Verkehrs auf dem Strom geeignet. Die ergiebigen Lehmvorkommen bildeten die Voraussetzungen für Ziegeleien im Raum St. Marienkirchen, St. Pantaleon-Erla und Wilhering, von dort wurden Ziegel jeglicher Art bis zu den pannonischen Donaukastellen verschifft.

Die obere Donau fließt durch ein tief eingeschnittenes, damals dicht bewaldetes Tal, für dessen Verteidigung nur wenige Befestigungen erforderlich waren. Viel aufwendiger zu sichern war der Limes ab Lauriacum (Enns/OÖ), wo die Straße nach Ovilava (Wels) ausging und sich dort mit den Fernstraßen nach Binnen-Noricum vereinigte. In der unwegsamen Region des Sauwaldes und im oberen Donautal sind erst nach der Errichtung des Legionslagers in Enns römische Truppen nachgewiesen. Östlich von Wilhering fließt die Donau in die weite Beckenlandschaft um Linz. Hier existierte schon seit vorrömischer Zeit eine Furt durch die Donau, die von der norischen Hauptstraße, die von Kärnten und dem Gebiet um den Magdalensberg bis ins Zentrum von Böhmen führte, gekreuzt wurde. Ein spätantiker Quadriburgus in Oberranna und ein Kleinkastell in Schlögen sicherten die tief eingeschnittene Schlögener Schlinge. Nahe diesem Lager wurden Reste einer Hafenanlage gefunden; möglicherweise wurden sie auch genutzt, um Nachschub und wertvolles Handelsgut vom Fluss auf die Straße umzuladen, die südlich am Kastell vorbei nach Eferding führte. Die Topographie bei Passau wird durch das Aufeinandertreffen dreier Flüsse geprägt: Der aus den Ostalpen kommende Inn (Aenus), die von Westen heranströmende, dabei den ganzen südbayrischen Raum durchquerende Donau und die von Norden aus dem Bayerischen Wald einmündende Ilz. Die Donau durchbricht von West nach Ost die Urgesteinplatte des Böhmischen und Bayerischen Waldes und bildete dort im Laufe der Zeit ein tief eingeschnittenes Durchbruchstal. Genau an dieser Stelle trifft von Süden her der Inn fast senkrecht auf den Donaustrom. Vor seiner Mündung in die Donau durchschneidet der Inn einen kristallinen Bergausläufer und wird von einem Gneisblock, dem linken Donauhochufer, vom direkten Zusammenfluss abgelenkt. Deshalb schwenkt der Innverlauf dort nach Osten ab und fließt noch zwei Kilometer parallel zur Donau, bis sich beide schließlich in einem 400 m breiten Mündungssee vereinigen. Der genaue Verlauf der Westgrenze bis zum Inn ist unsicher, jedoch ist die Linie von der Mittenwalder Klause über die Zillertaler Alpen bis nach Kufstein wahrscheinlich.Meysels 1960, S. 214.

Verkehrswege mini|Reste einer Römerstraße im Dunkelsteiner Wald bei Mauternbach

Die Schaffung eines ausgedehnten und leistungsfähigen Straßennetzes gehörte zu den nachhaltigsten Errungenschaften des römischen Reiches. Nach der Besetzung begann bald auch die systematische Vermessung und wirtschaftliche Erschließung der eroberten Gebiete. Dies war auch eine militärische Notwendigkeit, damit die Truppen im Ernstfall rasch und sicher verlegt und an den Brennpunkten effektiv eingesetzt werden konnten. Hierzu mussten vor allem regional und lokal die Straßen und Siedlungen entlang des südlichen Donauufers auf- bzw. ausgebaut werden. Ihre Anlage initiierte auch eine bis dato nicht mögliche Land- und Ressourcenerschließung. Fast alle Straßen in Noricum, vor allem aber die sogenannte Limesstraße, wurden daher von der Armee geplant und terrassiert. Der Straßenbau bzw. deren Sanierung wurde besonders unter den Severern gefördert, wie mehrere, in der Region aufgefundene, Meilensteine bezeugen. Die Reisenden orientierten sich an den Entfernungsangaben der Meilensteine, wie sie in Wels, Mösendorf bei Vöcklamarkt, Weiterschwang bei Gampern, Timelkam, Gemeinlebarn und Nietzing noch heute zu sehen sind.

mini|Scheibenfibel mit Darstellung des Flussgottes Danuvius, 150–250 n. Chr. (Römermuseum, Wien)