Frédéric Chopin schrieb seine zweite Klaviersonate b-Moll op. 35 in den Jahren 1839/40.
Sonate Nr. 2, Opus 35, 1.–4. Satz,Bernd KruegerDatei:Chopin Sonata no 2 1st movement.oggDatei:Chopin Sonata no 2 2nd movement.oggDatei:Chopin Sonata no 2 3rd movement.oggDatei:Chopin Sonata no 2 4th movement.ogg Aufbau
1. Satz: Grave; Doppio movimento, alla breve In der Tonart offen und weitgespannt, grave, aber schon im alla breve, lassen die vier Einleitungstakte den „Geist“ des Satzes und der ganzen Sonate erkennen. Die gepaarten Achtel in den ersten vier Takten des Doppio movimento geben den Drive des Hauptthemas vor; agitato, aber noch leise und einstimmig folgt es in acht Takten alten Klassikregeln. Die Verstärkung in Oktaven und Quarten im taktweisen Wechsel von forte und piano, zweimal wiederholt, wirkt wie zaghafter Zweifel. Synkopierte Sext- und Septakkorde wischen ihn beiseite. In drei Akkorden findet der Sturm zur „Atempause“ im wunderbaren Sostenuto, in der Paralleltonart Des-Dur.
2. Satz: Scherzo (Presto, ma non troppo), 3/4 Wie sonst nur das op. 4 von Johannes Brahms steht das Scherzo im „finsteren“ es-Moll. Anfang und Ende des Satzes zeigen einen wilden, stürmischen Charakter, während der Mittelteil (Trio), più lento überschrieben, Ges-Dur, eher den Charakter eines Nocturnes beschwört. In der Wiederholung ermattet der „barbarisch ausgelassene Oktavenjubel“ mit seinen weiten Sforzato-Sprüngen im Pianissimo des Triothemas.
3. Satz: Marche funèbre: Lento, 4/4 Der Trauermarsch entstand bereits 1837, zwei Jahre vor den anderen Sätzen. Seine Bekanntheit erlangte dieser Satz aufgrund seiner vielfachen Verwendung in Film und Fernsehen; Orchesterbearbeitungen des Marsches wurden oft auf Staatsbegräbnissen gespielt, etwa für Leonid Breschnew, Josip Broz Tito, John F. Kennedy, Winston Churchill oder Margaret Thatcher. Die Struktur ähnelt dem Trio des Scherzos: Zum schweren Glockenklang der gleichmäßigen Bassakkorde und zum punktierten Rhythmus des engstufigen Themas wechseln die ständigen Sekundschritte der Mittelstimme zwischen b-Moll und Ges-Dur. Sparsam in den Mitteln, tröstet der Des-Dur-Mittelteil mit seinem leisen Gesang.
4. Satz: Finale. Presto, alla breve Das Finale stellt einen äußerst kurzen Satz ohne Thema oder Akkorde dar, der kaum als regelhaftes Finale im klassischen Sinne verstanden werden kann. In Triolen und unisono, sotto voce e legato (una corda), ohne jede Pause und senza pedale huscht das fahle Finale vorüber. Nur wenige versteckte Akzente und Phrasierungen klingen durch, deren exakte Herausarbeitung einen sehr versierten Pianisten verlangen. Chopin äußerte sich scherzhaft zu dem Satz: „nach dem Marsch [plaudern] die linke und rechte Hand unisono“.Brief an J. Fontana, Poststempel 10. August 1839, in Ernst Burger: Frédéric Chopin. Eine Lebenschronik in Bildern und Dokumenten. München 1990, ISBN 3-7774-5370-6, S. 220
Rezeption Eric Satie verwendet eine Variation des Trauermarsches im 2. Satz von Embryons desséchés. Das Motiv erscheint auf dem Bathory-Album Under the Sign of the Black Mark als Teil des Gitarrensolos in Call from the Grave.
Der Mittelteil des Trauermarsches hat wiederholt zu Bearbeitungen mit humorigen Textunterlegungen angeregt, so zur bairischen Moritat vom Hintertupfer Bene, die durch die Hot Dogs bekannt gemacht wurde,Was ist jetzt mehr: Schauspieler oder Volksschauspieler? In: Die Welt. 3. Mai 2000 oder das Lied Durch die Wüste der Sahara ging der Nathan mit der Sarah,, Quelleneintrag beim Volksmusikarchiv des Bezirks Oberbayern, abgerufen am 23. November 2014Durch die Wüste der Sahara bei volksliederarchiv.de das seit 1917 überliefert ist. Im Film Die Drei von der Tankstelle (1930) zitierte der Komponist Werner Richard Heymann das Motiv des Mittelteils in dem Lied Lieber, guter Herr Gerichtsvollzieher. – Heinz Rühmann, Oskar Karlweis und Willy Fritsch
Das Stück ist Bühnenmusik der Gerichtsszene in Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui.Bertolt Brecht: Der Aufstieg des Arturo Ui. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004, ISBN 978-3-518-18850-7, S. 73 ff.
Der Trauermarsch wurde Vorlage für das von Jim Johnston komponierte Entrance Theme (Einzugsmusik) „Rest in Peace“ für den Wrestler The Undertaker, das als eines der bekanntesten und populärsten Entrance Themes der Wrestlinggeschichte gilt.
Literatur Otto Emil Schumann: Handbuch der Klaviermusik, 4. Auflage. Wilhelmshaven 1979, S. 351–353.
Film Sonate für zwei: Chopin. Musikanalyse und Werkinterpretation, Schweiz, 2012, 50:30 Min., Regie: Sandra Steffan, Moderation: Nina Brunner, Pianist: Lev Vinocour, Produktion: SRF, 3sat, Reihe: Sonate für zwei, Erstsendung: 27. Oktober 2012 bei 3sat, Inhaltsangabe von 3sat.
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Einzelnachweise
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