Der Tempel des Quirinus (lateinisch: aedes Quirini oder templum Quirini) wurde in Rom zur Zeit der Republik Anfang des 3. Jahrhunderts v. Chr. auf dem Quirinal erbaut.
Geschichte Quirinus, von dem der Hügel seinen Namen hatVarro V 8; Festus 255; Ovid Fasti II 511, galt seit dem 3. Jahrhundert v. Chr. als der vergöttlichte Romulus. Er dürfte dort schon vorher in einem Hain oder an einem Altar verehrt worden seinRichardson, S. 326, Grandazzi, S. 303. Während des Galliersturmes zu Beginn des 4. Jahrhunderts v. Chr. vergruben die Vestalinnen an dieser Stelle die heiligen Gegenstände aus dem VestatempelPlutarch Camillus 20. Der Bau des Tempels geht auf L. Papirius Cursor zurück, der 310 oder 309 v. Chr.Grandezza, S. 303 während einer Schlacht gegen die Samniten für den Fall eines Sieges einen Tempel gelobt hatte. Eingeweiht wurde er jedoch erst 293 v. Chr. von seinem Sohn, dem Konsul Lucius Papirius CursorLivius X 46,7 (nach dem vorcaesarischen Kalender der fasti Antiates am 17. Februar, dem Tag der QuirinalienBall Platner, S. 439). Vielleicht ersetzte er sogar einen bereits bestehenden TempelGrandazzi, S. 303 – jedenfalls galt er als einer der ältesten in RomPlinius naturalis historia XV 36,2. Im Jahr 206 v. Chr. wurde er vom Blitz getroffenLivius XXVIII 11,4 und ein Jahr später restauriert, wie eine durch den Praetor Lucius Aemilius angebrachte Widmung mitteilt. Gaius Memmius schenkte 56 v. Chr. dem Tempel möglicherweise eine neue KultstatueCarandini, S. 453. 49 v. Chr. wurde der Tempel durch ein Feuer beschädigt, wenn nicht fast zerstörtCassius Dio XLI 14.3. Er muss sehr bald repariert worden sein, denn der Senat errichtete darin 45 v. Chr. eine Statue für Cäsar als ϑeός ἄνίκτoς, „unbesiegbarer Gott“Cassius Dio XLIII 45.3. Im Jahre 16 v. Chr. wurde der Tempel von Augustus vollständig wieder aufgebautAug. res gestae 19 und am 29. Juni neu geweiht.Ovid Fasti VI 795–796; Cassius Dio LIV.19.4 Erwähnt wird der Tempel in der Literatur bis ins 4. JahrhundertBall Platner, S. 439. Nach dem Verbot heidnischer Kulte wurde er wahrscheinlich im 4./5. Jahrhundert n. Chr. geschlossen.
Lage Zwar sind vom Tempel keine sichtbaren Überreste vorhanden, aber aufgrund der 2007 in den Gärten des Quirinals durchgeführten Georadar-Untersuchungen lokalisierte Andrea Carandini den Tempel genau unter dem Präsidentenpalast. Filippo Coarelli, der die Ergebnisse alter und neuer (unveröffentlichter) Ausgrabungen auswertete, gelangte dagegen zu dem Schluss, dass sich der Tempel unter dem Palazzo Barberini, im Bereich zwischen Via Barberini und Via delle Quattro Fontane befunden haben musste.Falasca; Coarelli, Environs 233/234; Carandini, S 470 Anm. 150 Jedenfalls muss man sich den Quirinustempel auf einer Erhebung und umgeben von einem heiligen Wäldchen vorstellen, wobei er offenbar an die Servianische Mauer grenzte und in der Nähe der Porta Quirinalis und der wichtigen Verkehrsader lag, der Alta SemitaGrandazzi, S. 303.
Beschreibung Der augusteische Bau wird in verschiedenen Quellen erwähnt, was eine Rekonstruktion möglich macht. Er wurde nach dem Vorbild von Chersiphrons Artemis-Tempel in Ephesus (4. Jahrhundert v. Chr.) gebaut. Er hatte sechsundsiebzig dorische Säulen, zwei Reihen von je fünfzehn an den Seiten und eine doppelte Reihe von acht an jedem EndeVitruv III.2.7; Martial XI. 1.9. Der Tempel befand sich auf einer hohen und breiten Plattform, auf der sich auf jeder der Längsseiten zwei lange dorische Portiken mit etwa dreißig Säulen in zwei Reihen befanden, die über zwei Stufen erreicht wurdenCarandini, S. 454, bekannt als von Müßiggängern bevölkerte porticus QuiriniMartial XI 1,7 und von Bäumen umschattetOvid, Metamorphosen XIV 834–835. In die Fassade des Quirinustempels war ein Schrein der Argei integriertGrandazzi, S. 304; Varro V 8, die Mauern hatte schon der jüngere Cursor mit erbeuteten Waffen der Samniten schmücken lassen,Livius X 46,7 und er brachte am Tempel die erste Sonnenuhr Roms anPlinius, VII 60,2. Vor dem Tempel waren zwei Myrtensträucher gepflanzt: einer stand für die Patrizier und einer für die Plebejer. Ihr Zustand zeigte angeblich die Kraft bzw. Schwäche der beiden Stände und oftmals Kontrahenten anPlinius XV 36,2. In seiner Nähe befanden sich kleinere kultische Gebäude, vor allem das der Göttin Hora Quirini geweihte, sowie der Versammlungsort der Salier-PriesterschaftGrandazzi, S. 304.
Der Giebel des Tempels ist bekannt durch seine Darstellung auf den Fragmenten der sogenannten Hartwig-Reliefs aus der flavischen Zeit (im Museo delle Terme). Diese zeigen eine Opferprozession vor einem Tempel (der gens Flavia). In der Darstellung ist die Ostseite des Quirinustempels mit den an der Gründung der Stadt beteiligten Figuren zu sehenCarandini, S. 454. mini|Relief mit dem Giebel des Quirinustempels Auf dem Relief wird Romulus-Quirinus durch eine Victoria (V) und einen Mars (Ma) zur Apotheose geführt. Die Szene spielt sich vor einem Tempel ab, der durch drei Cellatüren (T1–3) gekennzeichnet ist. Die Tür in der Mitte, die Romulus (R–Q) auf ein Zeichen von Merkur (Me) durchschreiten will, ist die höchste und wird von drei Vögeln überflogen, ein Bezug auf den Gründungsmythos Roms. Hinter Merkur steht Herkules (H), der aufgrund seiner Verbindungen zu Mars und zu den Legenden von Palatin und Ara Maxima präsent ist. Links und rechts sind in den Zwickeln zwei Paare dargestellt, wohl Aeneas und Lavinia (Ae und L), mögliche Personifizierung von Lavinium, und Acca Larentia und Faustulus (AL und F). Jedes Paar wurde wahrscheinlich von einem Tier begleitet, einem Wolf in der Nähe von Faustulus und einer Sau in der Nähe von Aeneas, was an die Legende von Romulus und Remus und die der Gründung von Lavinium erinnert.s. d. Färber, S. 115f.; Massa-Pairault, Abschnitt 60 Dieses Relief war Teil eines ideologischen Programms von Augustus, seine Familie mit den verschiedenen Legenden im Zusammenhang mit der Gründung Roms zu verbinden.
Literatur Samuel Ball Platner, Thomas Ashby: A topographical dictionary of ancient Rome, London 1929. Alexandre Grandazzi: Urbs. Roms Weg zur Weltmetropole, Darmstadt 2019, Paris 2017 Andrea Carandini; Paolo Carafa (Hg.): The atlas of ancient Rome. Biography and portraits of the city, Bd. 1., Princeton; Oxford 2012/2017 Andrea Carandini: Cercando Quirino. Traversata sulle onde elettromanetiche nel suolo del Quirinale, Turin 2007 Filippo Coarelli: Rome and Environs. An archaeological guide, Los Angeles; London 2007 Filippo Coarelli: Collis. Il Quirinale e il Viminale nell‘ antichità, Rom 2014. Giovanna Falasca: Il tempio di Quirino sul Quirinale, 2013 Viktoria Färber: Architektur im Bild Darstellungsmodi in der römischen Kunst vom späten 1. Jh. v. Chr. bis ins frühe 2. Jh. n. Chr., Diss. München 2016; https://edoc.ub.uni-muenchen.de/20272/7/Faerber_Viktoria.pdf Alexandre Grandazzi: Urbs. Roms Weg zur Weltmetropole, Darmstadt 2019, Paris 2017 Françoise-Hélène Massa-Pairault: Romulus et Remus: Réexamen du miroir de l’Antiquarium Communal, Mélanges de l’École française de Rome – Antiquité (MEFRA) 123.2, 2011, S. 505–525
Weblinks Modell des Tempels Rekonstruktion von M. C. Capanna Hartwig-Reliefs
Einzelnachweise
Quirinus Kategorie:Erbaut im 3. Jahrhundert v. Chr. Quirinus