mini|Graffito in Frankfurt am Main für die Opfer von Hanau Beim Anschlag in Hanau am 19. Februar 2020 erschoss der 43-jährige Deutsche Tobias Rathjen (R.) an zwei Tatorten neun Hanauer Bürger mit Migrationsgeschichte, danach seine Mutter und sich selbst. Er verletzte sechs weitere Personen, einige davon schwer. Einer der Schwerverletzten starb im Januar 2026 an den Folgen.
Das Bundeskriminalamt (BKA) stufte die Morde des von paranoiden Wahnvorstellungen geprägten Täters als rechtsextrem und rassistisch motiviert ein. Dem Anschlag folgten unter anderem Vorstöße für eine nachhaltige Gedenkkultur für Opfer des Rechtsterrorismus in Deutschland, etwa die Kampagne Say their Names.
Opfer Zehn der Todesopfer (alle außer R.s Mutter) hatten eine Migrationsgeschichte oder gehörten zu einer ethnischen Minderheit: Gökhan Gültekin wurde 1983 in Hanau geboren und hatte einen acht Jahre älteren Bruder. Ihre kurdischen Eltern waren 1968 aus der Region Ağrı (Türkei) dorthin gezogen. Er hatte 2006 einen Busunfall knapp überlebt.Franziska Bulban: „In der Hand hielt er das Herz meines Bruders“. Spiegel, 26. August 2020 Als gelernter Maurer hatte er Anfang 2020 ein Unternehmen gegründet und in der Arena Bar (dem zweiten Tatort) nur noch aushilfsweise gearbeitet.Thorsten Fuchs: Der Kampf der Angehörigen von Hanau: Im Namen meines toten Bruders. RND, 18. Februar 2021; Tobias Schrörs: Nach Terroranschlag in Hanau: Leben ohne Gökhan. FAZ, 23. Februar 2020 (kostenpflichtig) Er wurde 37 Jahre alt.Juri Auel: Die Opfer des rechten Terrors. Süddeutsche Zeitung (SZ), 21. Februar 2020 (kostenpflichtig) Sedat Gürbüz wurde 1991 in Langen geboren und wuchs mit seinem Bruder in Dietzenbach auf. Er war der Besitzer der Shisha-Bar „Midnight“ (dem ersten Tatort) gewesen, hatte sie kurz zuvor verkauft und wollte sich am Tatabend nur noch von seinen früheren Mitarbeitern verabschieden.Yvonne Backhaus-Arnold: Aus der „Midnight“-Bar wird das „#“: Lennard Otto und Zülfikar Cosguner gehen neue Wege. OP-online, 3. Juni 2020 Er wurde 29 Jahre alt. Said Nesar Hashemi war Deutsch-Afghane und mit vier Geschwistern in Hanau aufgewachsen. Er war ausgebildeter Maschinen- und Anlagenführer.Alina Leimbach: Opfer des Anschlags: Neun junge Hanauer, mitten aus dem Leben gerissen. Hessenschau, 23. Februar 2020 (Archivlink) Er wurde 21 Jahre alt. Mercedes Kierpacz war eine deutsche Romni. Sie wurde 1985 in Offenbach am Main geboren, arbeitete in und wohnte neben der Arena Bar.Ein Jahr Nach Hanau: Filip Goman: „Es tut weh, sein eigenes Kind zu Grabe zu tragen“. IslamiQ, 17. Februar 2021 Am Tatabend wollte sie dort eine Pizza für ihre zwei Kinder abholen. Der Täter betrat die Bar kurz nach ihr und erschoss sie sofort, als er sie sah.Franziska Bulban: „Sie wollte doch nur Pizza holen, für die Kinder“. Spiegel, 19. August 2020 Sie wurde 35 Jahre alt und hinterließ einen damals 17-jährigen Sohn und eine dreijährige Tochter. Hamza Kurtović wurde wie sein Vater und seine drei Geschwister in Deutschland geboren. Seine Vorfahren waren Bosniaken aus Prijedor, damals Jugoslawien.Felix Brandorff: Rechtsextremer Terror: Die Opfer des rassistischen Anschlags in Hanau. Belltower News, 21. Februar 2020 Er hatte gerade eine Ausbildung als Fachlagerist abgeschlossen und wohnte in der Nähe des Täters. Dieser erschoss ihn in der Arena Bar, wo er auf seinen Freund wartete. Er wurde 22 Jahre alt. mini|Graffito für Vili Viorel Păun in Dresden (2021) Vili Viorel Păun war ein Rom aus Rumänien und das einzige Kind seiner Eltern. Er war 2013 als 16-Jähriger nach Deutschland gezogen, um Geld für eine medizinische Behandlung seiner Mutter zu verdienen. Er arbeitete bei einem Lieferdienst und wollte Informatik studieren. Er wurde 23 Jahre alt. Fatih Saraçoğlu war 2017 aus Regensburg nach Maintal gezogen. Seine Familie stammt aus İskilip (Türkei). Er arbeitete selbständig als Schädlingsbekämpfer und wollte mit seiner Firma bundesweit tätig werden. Der Täter erschoss ihn mit vier Schüssen vor der Shisha-Bar „Midnight“.Özlem Gezer, Timofey Neshitov: Überlebende des Attentats berichten über ihre Entfremdung von Deutschland: Die Hanau-Protokolle. Spiegel, 12. Februar 2021 Er wurde 34 Jahre alt.Matthias Drobinski, Christiane Schlötzer, Jan Willmroth: Die Opfer von Hanau. Tagesanzeiger.ch, 24. Februar 2020 Ferhat Unvar wurde als Kind kurdischer Eltern in Deutschland geboren und hatte drei Geschwister. Er hatte gerade eine Ausbildung zum Installateur abgeschlossen und traf sich oft mit Freunden in der Arena Bar. Er wurde 23 Jahre alt. Kaloyan Velkov war ein Rom aus Lyutidol in Bulgarien, war 2018 nach Deutschland gezogen, hatte als Wirt in der Bar „La Votre“ gearbeitet und vom Lohn seine in Bulgarien lebende Familie und seinen siebenjährigen Sohn unterstützt. Der Täter erschoss ihn mit sechs Schüssen. Er wurde 32 Jahre alt.Carolina Torres: „Auf ein Tier schießt du einmal, vielleicht zweimal. Tobias R. hat sechs Mal auf meinen Cousin geschossen“. Spiegel, 22. August 2022 Gabriele Rathjen, die Mutter des Täters, war nach Angaben von Nachbarn pflegebedürftig und bettlägerig gewesen. Sie starb mit 72 Jahren.Rechtsterrorist Tobias Rathjen und seine Welt: Irre gefährlich. Spiegel, 21. Februar 2020 Ibrahim Akkuş wurde 1956 in Bismil in der Türkei geboren.Er wurde am 19. Februar angeschossen: Hanau trauert um Ibrahim Akkus. Er und sein Bruder wurden in den 1970er Jahren als Kurden in der Türkei verfolgt. 1980 lehnten deutsche Behörden den Asylantrag seines Bruders ab; danach ermordeten rechtsgerichtete Türken diesen. Darauf floh Akkuş nach Deutschland und arbeitete als Bauarbeiter in verschiedenen Städten.Hanau-Überlebender stirbt an Spätfolgen: „Ich wünsche mir, dass Menschen einander nicht töten“. taz, 16. Januar 2026 Seit mehr als 40 Jahren lebte er in Hanau-Kesselstadt. Am Tatabend war er mit Gökhan Gültekin in der Arena Bar verabredet und wurde dort durch acht Schüsse schwer verletzt. Nach monatelangem Krankenhausaufenthalt mit mehreren Operationen blieb er auf den Rollstuhl und die Pflege durch seine Frau und Tochter angewiesen. Er lebte zuletzt verarmt und isoliert in einer nicht barrierefreien Wohnung, bis er am 10. Januar 2026 im Alter von 70 Jahren an den Spätfolgen der Schussverletzungen starb.
Schüsse des Täters verletzten fünf weitere Menschen, einige davon schwer.Reiner Becker et al. (Hrsg.): Lessons learnt? Frankfurt am Main 2024, S. 9 Der 23-jährige Said Etris Hashemi wurde in der Arena Bar angeschossen und schwer verletzt. Sein Bruder starb direkt neben ihm.Said Etris Hashemi verlor seinen Bruder und Freunde beim Attentat in Hanau. Hessenschau, 19. Februar 2025 Muhammed B. wurde in der Arena Bar die rechte Schulter durchschossen. Er legte sich auf einen tödlich getroffenen Freund, ein weiteres Opfer fiel auf ihn. B. überlebte nach einer Notoperation und bezeugte als einer der ersten den Tatverlauf. Bilal Gökçe, irrtümlich anfangs zu den Opfern gezählt, überlebte den Anschlag unverletzt.Matthias Drobinski, Christiane Schlötzer, Jan Willmroth: Rechtsterroristischer Anschlag: Wie Hanau die Trauer bewältigt. SZ, 21. Februar 2020
Tatverlauf mini|hochkant=1.3|Karte der Anschlagsziele in Hanau Am 19. Februar 2020 ab etwa 21:00 Uhr hielt sich der Täter nahe beim Heumarkt auf, wurde dort wegen Falschparkens kontrolliert und parkte seinen Pkw um. Dann erschoss er an zwei Tatorten innerhalb von zwölf Minuten gezielt neun Menschen, die er für Ausländer hielt. Dabei ging er laut dem Generalbundesanwalt Peter Frank strategisch und planvoll vor. Alle Tatorte wurden besonders von Menschen mit Migrationsgeschichte besucht.Neue Details aus Tatnacht: Hanauer Todesschütze hatte noch 350 Patronen. Hessenschau, 27. Februar 2020 (Archivlink)
Gegen 21:50 Uhr näherte sich R. mit zwei Schusswaffen zunächst der Bar „La Votre“ am Heumarkt und erschoss dort Kaloyan Velkov, auf der Straße davor Fatih Saraçoğlu und in der benachbarten Shishabar „Midnight“ deren Eigentümer Sedat Gürbüz.100 Tage nach dem rassistischen Terror: Der Anschlag von Hanau – eine Chronologie. Hessenschau, 12. Juni 2020 Vili Viorel Păun beobachtete aus seinem Pkw heraus, dass R. dann einen unbesetzten Kiosk am Heumarkt betrat, und versuchte, sich ihm in den Weg zu stellen.Gregor Haschnik: Attentäter von Hanau wollte noch mehr Opfer. Frankfurter Rundschau (FR), 11. Februar 2021 Wie ein Überwachungsvideo vom Heumarkt zeigte, fuhr um 21:53 Uhr ein silberner Pkw auf den Täter zu, worauf dieser einen Schuss abfeuerte und floh. Dann wendete der Pkw in R.s Fluchtrichtung. Somit folgte Păun dem Täter mit seinem silbernen Mercedes vom ersten zum zweiten Tatort.Danijel Majic: Anschlagsopfer soll Täter verfolgt haben: Der Held, der nicht durchkam. Hessenschau, 29. Mai 2020 (Archivlink) R. fuhr zum Kurt-Schumacher-Platz in Hanau-Kesselstadt. Gegen 22:00 Uhr erschoss er Păun durch die Windschutzscheibe seines Pkws, der inzwischen auf dem Parkplatz vor einem Wohnblock stand. Dann betrat er einen Kiosk im Erdgeschoss des Wohnblocks und erschoss dort Gökhan Gültekin, Mercedes Kierpacz und Ferhat Unvar. In der anliegenden Arena Bar erschoss er Said Nesar Hashemi und Hamza Kurtović. Zuletzt fuhr er zu seiner Wohnung in Kesselstadt zurück und erschoss dort seine Mutter und sich selbst.
Täter Ausbildung und Beruf R. wurde 1977 in Hanau geboren, wuchs dort auf und spielte einige Jahre in der Jugendfußballmannschaft von Eintracht Frankfurt. 1996 machte er Abitur an der Hohen Landesschule in Hanau. Mitschülern fiel er nicht als rechtsextrem auf. Nach dem Zivildienst absolvierte er in Frankfurt am Main eine Ausbildung zum Bankkaufmann. Von 2000 bis zu seinem Diplom 2007 studierte er Betriebswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth.Christian Fuchs et al.: Was wir über den Angriff von Hanau wissen. Zeit, 20. Februar 2020
Er arbeitete von 2008 bis 2011 als Kundenberater in Trier und später in München, wo er von 2013 bis 2018 im Stadtteil Obermenzing wohnte. Nach Angaben damaliger Arbeitskollegen arbeitete er bis zu zwölf Stunden täglich, war sehr ehrgeizig und zeigte kein Interesse an anderen. Er äußerte offen seine Ansichten, lehnte die deutsche Fußballnationalmannschaft wegen der „Ausländer“ darin ab und fand die Partei Alternative für Deutschland (AfD) nicht radikal genug.
Schusswaffen und Schießtraining Seit 2012 trainierte R. in einem Frankfurter Schützenverein regelmäßig zwei- bis dreimal in der Woche Sportschießen. Seit 2014 war er zudem Mitglied einer Münchener Schützengesellschaft. In beiden Vereinen fiel er nach Angaben der Vorsitzenden nie als gefährlich oder rassistisch auf.Peter Maxwill: Hinter der bürgerlichen Fassade: Psychogramm eines Terroristen. Spiegel, 21. Februar 2020
Im April 2013 beantragte R. eine Waffenbesitzkarte zum Erwerb und Besitz von Schusswaffen, eine weitere für das Sportschießen. Er erhielt beide bis 2018 und kaufte sich damit legal zwei Pistolen. Gemäß einer bundesweiten Verwaltungsvorschrift unterließ die hessische Waffenbehörde bei ihm die Nachfrage beim Gesundheitsamt nach Vorerkrankungen. Sie fand keine Vorstrafen R.s im Bundeszentralregister und stufte einen Vermerk zu Ermittlungen wegen Drogenschmuggels als „verwaltungsrechtlich nicht verwertbar“ ein. Laut einer Kontrolle der Polizei München (März 2018) bewahrte er seine Pistole ordnungsgemäß auf. Im August 2019 erhielt er den Europäischen Feuerwaffenpass.
2018 bedrohte R. eine Prostituierte in einer Ferienwohnung mit gewalttätigen Sexpraktiken und zeigte ihr ein Messer und ein Gewehr, die er angeblich für die Jagd brauche. Zudem äußerte er sich flüchtlingsfeindlich. Die von der Frau gerufene Polizei, so bezeugte sie 2021, habe R.s Waffen nicht gesucht, sondern nur wegen eines Joints gegen ihn ermittelt und sie wegen Prostitution in einem Sperrbezirk verhört.Gregor Haschnik: Attentäter von Hanau bedrohte Sexarbeiterin: Polizeieinsatz wirft Fragen auf. FR, 26. April 2022