mini|Blick zur Hauptfassade des Schlosses (um 1930) mini|Schloss Sibyllenort von Norden mit Französischem Garten, 1692 mini|Schloss Sibyllenort in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts mini|Schloss Sibyllenort Mitte des 19. Jahrhunderts mini|Zerstörtes Schloss nach 1945 Schloss Sibyllenort war eine große Schlossanlage in Sybillenort (Szczodre) in Niederschlesien, 12 Kilometer nordöstlich von Breslau. Es gehörte den Herzögen von Oels, war später Privatbesitz der Könige von Sachsen und galt als das „schlesische Windsor“. Es wurde in der Endphase des Zweiten Weltkriegs weitgehend zerstört. Heute zeugen nur noch einzelne Gebäudereste und der riesige, größtenteils verwilderte Schlosspark von der einstigen großen und repräsentativen Schlossanlage.
Geschichte Die Dörfer Neudorf und Rastelwitz gehörten seit 1592 der Familie Gaffron, wobei Rastelwitz seit dem Dreißigjährigen Krieg wüst lag. Balthasar Wilhelm von Gaffron verkaufte beide Dörfer 1685 an Herzog Christian Ulrich von Württemberg-Oels, der den Ort zu Ehren seiner zweiten Ehefrau Sibylle Maria von Sachsen-Merseburg „Sibyllenort“ nannte. Bis 1692 entstand ein 13-achsiger Schlossbau als Sommerresidenz mit einem Barockgarten, umgeben von einem Wassergraben. Christian Ulrichs Sohn Karl Friedrich schenkte das Schloss 1712 seiner Gemahlin Sibylle Charlotte Juliane von Württemberg, die das Anwesen zunächst verpachtete. Nachdem das Schloss als unbewohnbar bezeichnet worden war, ließ es Sibylle Charlotte 1716 renovieren und nutzte es bis zu ihrem Tod 1735 als Sommersitz. Danach erbte es ihre Schwester Hedwig Friederike von Anhalt-Zerbst, bevor es wieder an die Herzöge von Württemberg-Oels zurückfiel. Karl Friedrichs Nachfolger Karl Christian schenkte dem Schloss wenig Aufmerksamkeit. Erst der nächste Eigentümer, Herzog Friedrich August, ließ es von 1792 bis 1805 renovieren und ausbauen. Das Hauptgebäude wurde aufgestockt, die Hauptfassade erhielt vorgesetzte Risalite, und auf der Hofseite wurden zwei überkuppelte Rundtürme angebaut. Ferner wurden vier Nebengebäude errichtet, unter anderem ein Theater. Joseph von Eichendorff besichtigte das Schloss 1803 und lobte die Verbindung von Kostbarkeit und Geschmack. Des Weiteren erlangten die Hausbibliothek einen hohen BekanntheitswertHermann Fuchs: Schlesien Vorzeit in Bild und Schrift. Namens des Vereins Museum Schlesischer Altertümer. Band 1, Euduard Trewendt, Breslau 1870, des Vereines zur Errichtung eine/s5ib0eboa_oC?hl=de&gbpv=1&dq=Schloss+Sybillenort&pg=RA3-PA113&printsec=frontcover S. 113. sowie Teile der vorhandenen Jagdausrüstung.Architektonisches Skizzen-Buch. Eine Sammlung. Mit Details. Heft 16, Verlag Ernst & Korn, Berlin 1863, S. II.
Zwischen 1851 und 1867 ließ der letzte Herzog von Oels, Wilhelm von Braunschweig-Lüneburg, die Schlossanlage unter der Leitung des Architekten Carl Wolf in AnlehnungJoh. Stein (Red.), Albert Richter (Zeichnungen): Ein deutscher Landesfürst und seine Schlösser. In: Jesko von Puttkammer: Universum. Illustrierte Zeitschrift für die Deutsche Familie. Jahrgang 4-Halbband 2, Selbstverlag des Universum, Dresden/Leipzig 1888, S. 1057. an Schloss Windsor im englischen Tudorstil umbauen und erheblich erweitern; sie umfasste zuletzt 400 Räume. Östlich des in den Neubau integrierten Corps de Logis wurde ein neuer Wirtschaftsflügel errichtet, ebenso eine verglaste Orangerie. Gleichzeitig wurden ein 75 Hektar großer Englischer Landschaftspark mit einer Reihe von Teichen und einem mehr als 200 Hektar großem Wildgehege angelegt. Der Park und 60 Repräsentationsräume mit der großen Gemäldesammlung und der Sammlung Meißner Porzellans konnten besichtigt werden, und das Schloss wurde zu einer vielbesuchten Touristenattraktion.
Wilhelm von Braunschweig-Lüneburg machte Sibyllenort zu seinem Hauptwohnsitz und starb dort am 18. Oktober 1884, unverheiratet und ohne legitime Nachkommen. Schloss Sibyllenort vermachte er testamentarisch seinem Neffen, dem damaligen sächsischen König Albert von Sachsen, der es als Sommersitz und zur Jagd nutzte.Victor Großbauer Edler von Waldstätt: A. Hugos Jagdzeitung. Nr. 11-Jahrgang 41, Hrsg. Adolph W. Künast, Wien I, Ausgegeben 1. Juni 1898, S. 349. Gut Sybillennort mit 598 ha und einer Brauerei war Bestandteil des Allodialbesitzes Fürstentum Oels und wurde von einem Wirtschaftsdirigenten, einem bürgerlichen Reserveleutnant, geführt. Die Gesamtleitung hatte die Güter-Direktion Sr. Majestät des Königs inne.Schlesisches Güter-Adreßbuch. 1894. Verzeichniß. Fünfte Ausgabe, Wilhl. Gottl. Korn, Breslau 1894, S. 108, Nr. 983.
Unter Albert von Sachsen wurde das Theater zur Schlosskapelle umgebaut, das Schloss erhielt eine Wasserver- und Abwasserentsorgung und die große Fontäne vor der Hauptfassade wurde angelegt. Im Jahr 1902 erkrankte Albert während seines Sommeraufenthalts auf dem Schloss und starb hier am 19. Juni 1902.
1901 und 1903 fanden auf dem Schloss mehrere Hochzeiten statt, Maria von Sachsen heiratete Franz Joseph Prinz von Hohenzollern; Anna von Sachsen ehelichte Joseph Erzherzog von Österreich.Gothaischer Hofkalender. Genealogisches Taschenbuch der Fürstlichen Häuser. 1929. Jahrgang 166, I. Abt., A, Justus Perthes, Gotha November 1928, S. 99.
Nach der Abdankung des letzten sächsischen Königs Friedrich August III. im Jahre 1918 wurde das Schloss sein ständiger Wohnsitz. Hier starb er 1932. Sein Erbe, Friedrich Christian von Sachsen, er wohnte Ende der 1920er Jahre in Sybillenort, konnte das riesige Gebäude aus finanziellen Gründen nicht weiter unterhalten. Er ließ nach mehreren dazugehörigen festgelegten Besichtigungstagen einen großen Teil der Inneneinrichtung an drei Februartagen 1935 im Schloss unter Obhut des Generalbevollmächtigten Ing. Carl Weicken versteigern.Kunst- und Möbel-Auktionshaus Hermann Nestle (Breslau) [Hrsg.]: Auktions-Katalog: Versteigerung wegen der Auflösung des Schloßhaushalts im Schloß Sibyllenort (Schlesien). Breslau 1935, info Nr. 1 bis Nr. 623. Den Rest ließ er in sein neu erbautes Schloss Wachwitz nach Dresden überführen. Die Bibliothek kam an die Universität Breslau. Ein Trakt des Schlosses wurde zu Wohnungen umgebaut, jedoch ließ sich kein Konzept für eine Gesamtnutzung finden.
Ab 1939 wurden die Schlossgebäude als Luftwaffenhauptdepot genutzt. Am 26. Januar 1945 wurde beim Anrücken der Roten Armee der Mittelbau des Schlosses von der Wehrmacht gesprengt; dabei brannte das gesamte Gebäude aus.Ursula Maria von Bülow: Der schlesische Kreis Oels mit seinen Stadt- und Landgemeinden. 2. Auflage, Goldhammer-Verlag, Würzburg 1991, S. 265, ISBN 3-9235-1106-X, S. 265.
In der Volksrepublik Polen wurden die noch verwendbaren Gebäudeteile vom Staatssicherheitsdienst genutzt, unter anderem als Erholungsheim für Funktionäre. Im erhaltenen Teil des Ostflügels befand sich nach einer umfassenden Renovierung in den Jahren 1977–1980 ein Weiterbildungszentrum für Beschäftigte der Woiwodschaft Niederschlesien und der Stadt Wrocław.
Zugleich wurde schon in den 1950er Jahren mit dem Abbruch der Ruinen begonnen, der sich mit Unterbrechungen bis 1989 hinzog. Die Steine wurden zum Teil für den Wiederaufbau Warschaus verwendet. Die verbliebenen Gebäudereste wurden am 21. September 1990 unter Denkmalschutz gestellt (Nr. A/3803/649/W).Denkmalregister. der Woiwodschaft Niederschlesien, S. 244. (PDF, polnisch)
An Baulichkeiten sind erhalten: der Nordteil des Ostflügels (leerstehend), ein Nebentrakt des früheren Theaters (als Wohnhaus genutzt), das Süd- und das Westtor des Parks sowie zwei ehemalige Parkwächterhäuser. Im früheren Park befindet sich ein Gedenkkreuz für König Albert I., das dessen Frau Carola nach seinem Tod errichten ließ.Einsatz für das Carolakreuz in Szczodre (Sibyllenort) bei Silesia-News.de. Aktuelles und Wissenwertes aus Schlesien. Hrsg. Schlesisches Museum zu Görlitz, Görlitz 22. Juni 2022. Die Gebäude befinden sich seit 1992 in Privatbesitz. 1999 wurden die gusseisernen Löwenskulpturen am Parktor gestohlen.
Literatur Arne Franke: Kleine Kulturgeschichte der schlesischen Schlösser. Band 1: Niederschlesien. Bergstadtverlag Wilhelm Gottlieb Korn, Görlitz 2015, S. 285–287. Rainer Kubatzki: Staatsbesuch und Hofjagd im Königreich Sachsen. Mit Wettiner-Jagden bei Sybillenort und Visiten von Napoleon, Wilhelm II. und Goebbels. In: Edition Sächsische Zeitung. Redaktion- und Verlags-Gesellschaft Elbland, Meissen 2006. Walter Irrgang: Bemerkenswerte Parkanlagen in Schlesien. In: Veröffentlichungen der Forschungsstelle Ostmitteleuropa. Reihe A, Nr. 33; Verlag Forschungsstelle Ostmitteleuropa, Pädagogische Hochschule Dortmund, Dortmund 1978, S. 71. Helmut Sieber: Schlösser und Herrensitze in Schlesien. Nach alten Stichen. Verlag Weidlich, Frankfurt am Main 1957, S. 74. Günther Grundmann: Schlesien. In: Karl Friedrich Schinkel [Abt. 1, 4], Deutscher Kunstverlag, Berlin 1941, S. 254. Velhagen & Klasings Monatshefte. Jahrgang VI 1891/92, Band 1, Hanns von Zobeltitz, A. Lewy: Das deutsche Windsor-Schloß Sybillenort. Selbstverlag, Bielefeld/Leipzig 1891, S. 257–263. Alexander Duncker (Hrsg.): Die ländlichen Wohnsitze, Schlösser und Residenzen der ritterschaftlichen Grundbesitzer in der Preußischen Monarchie nebst den königlichen Familien-, Haus-, Fideicommiss- und Schattull-Gütern nebst begl. Text. Band 10, Selbstverlag, Berlin 1867/1868, Blatt 588.
Weblinks
Die außergewöhnliche Geschichte und das schreckliche Ende des schlesischen Windsors (ausführliche Geschichte, mit historischen Fotografien), in Polenjournal.de. Pałac Sybilli w Szczodrem Facebook-zu Schloss Sibyllenort mit zahlreichen Abbildungen (polnisch)
Einzelnachweise
Kategorie:Abgegangenes Bauwerk in Polen Sibyllenort Kategorie:Erbaut in den 1690er Jahren Kategorie:Zerstört im Zweiten Weltkrieg Kategorie:Zerstört in den 1940er Jahren Kategorie:Historistisch überarbeitetes Bauwerk Kategorie:Gmina Długołęka Sibyllenort Sibyllenort Kategorie:Bauwerk des Hauses Württemberg Kategorie:Bauwerk der Albertiner