mini|Altstadt von Gaza, rechts das Minarett der Großen Moschee (Francis Frith, 1862/1863) Die Geschichte der Stadt Gaza bis 1949 umfasst rund 3400 Jahre fast kontinuierlichen urbanen Lebens. Gaza (), die größte Stadt in den Palästinensischen Autonomiegebieten, gehört damit zu den ältesten Städten der Welt.

Die Lage an der Küstenstraße von Ägypten nach Syrien (Via Maris) machte Gaza zum umkämpften Grenzort zwischen dem altägyptischen Reich und den mesopotamischen Großreichen der Assyrer und Neubabylonier, später zwischen Ptolemäern und Seleukiden. Immer wieder war die Stadt im Lauf der Jahrhunderte von Truppendurchzügen betroffen. Außerdem war Gaza Ziel historischer Karawanenwege aus der Arava und der arabischen Halbinsel. Im Achämenidenreich florierte Gaza als eine Art Freihandelszone, von wo aus die Güter der Weihrauchstraße nach Ägypten und in die Provinz Transeuphratene vermarktet wurden.

Seit hellenistischer Zeit gewann Gazas Zugang zum Mittelmeer an Bedeutung. Gaza, selbst nie eine Hafenstadt im engeren Sinne, verfügte im Altertum über zwei Häfen: Anthedon (al-Balāḫīya ) und Maioumas (al-Mīnā, ). In spätantiker und frühbyzantinischer Zeit exportierte Gaza neben den Fernhandelsgütern der Weihrauchstraße einen im wasserreichen und fruchtbaren Umland der Stadt angebauten Qualitätswein.

In der römischen Kaiserzeit gab es in Gaza einen vitalen Kult des Stadtgottes Marnas und anderer paganer Gottheiten. Das Christentum fasste hier nur schwer Fuß. Noch im 6. Jahrhundert pflegten die mittlerweile christianisierten Eliten Gazas die antiken städtischen Traditionen.

In der frühislamischen Zeit und unter Kreuzfahrerherrschaft bleibt die Stadtgeschichte Gazas blass. Dagegen war die Mamlukenherrschaft (1260–1516) eine Blütezeit Gazas, die durch repräsentative Bauten und Inschriften auch stadtbildprägend war. Die Bevölkerung war nun mehrheitlich muslimisch mit einer größeren christlichen Minderheit und kleineren jüdischen und samaritanischen Minderheiten.

Nach der Eröffnung des Suezkanals (1869) war der Karawanenhandel nicht mehr lukrativ. Gaza konnte dies aber teilweise kompensieren: In spätosmanischer Zeit wurde im Umland der Stadt Getreide angebaut und im großen Stil nach Europa exportiert.

Im Ersten Weltkrieg wurde die Stadt an der Palästinafront 1917 evakuiert und in drei Schlachten um Gaza durch britisches Bombardement erheblich zerstört. Während des britischen Völkerbundsmandats für Palästina – gekennzeichnet durch schwere Konflikte zwischen den Mitgliedern des jüdischen Jischuv, den britischen Behörden und den arabischen Einwohnern Palästinas – waren Gaza und Umgebung ein eher ruhiges Randgebiet. Im Palästinakrieg war Gaza Sitz der kurzlebigen Gesamtpalästinensischen Regierung. Durch die Nakba wurde die Agrarstadt Gaza zur Großstadt.

Im Zuge des Krieges in Israel und Gaza seit 2023 wurden zahlreiche Gebäude in der Stadt Gaza von den Israelischen Verteidigungsstreitkräften stark beschädigt oder völlig zerstört; das betrifft auch in diesem Artikel erwähnte historische Gebäude. Da eine Bestandsaufnahme aber nicht möglich ist (Stand September 2025), werden Gebäude, die vor Kriegsbeginn vorhanden waren, weiterhin als existierend angesprochen.

Topographie Gazas 400px|mini|Plan von Gaza (Georg Gatt 1888), nicht exakt genordet

Im Jahr 1888 wurde ein Stadtplan Gazas veröffentlicht, den der römisch-katholische Missionar Georg Gatt mit Hilfe lokaler osmanischer Beamter erstellt hatte. Gatt zeichnete den Verlauf der verfallenen, aber noch gut erkennbaren Stadtmauer und recherchierte die Namen der einstigen Stadttore: Im Norden, Richtung Aschkelon: Aschkelon-Tor (bāb ʿAsqalān, Plan F3) und Anthedon-Tor (bāb al-Balāḫīya) (E2). Im Westen, Richtung Hafen und Mittelmeer: Maimās-Tor (bāb Maimās, D2) und Meerestor (bāb al-bahr, B3). Im Süden, Richtung Ägypten: Dārūn-Tor (bāb ad-Dārūn, B5) und Muntār-Tor (bāb al-muntār, B6). Im Osten, Richtung Hebron: Hebron-Tor (bāb al-Ḫalīl, D6) und (zweites) Aschkelon-Tor (bāb ʿAsqalān, F4).

Im späten 19. Jahrhundert war Gaza in vier StadtviertelSo mit Moshe Sharon; Georg Gatt unterschied nicht zwischen Stadtvierteln und deren weiterer Unterteilung in Wohngebiete. geteilt.Moshe Sharon: Gaza (Ghazzah), Leiden / Boston 2008, S. 29–31; Georg Gatt: Legende zum Plane von Gaza. In: Zeitschrift des Deutschen Palästina-Vereins, Band 11 (1888), S. 149-159 (mit Stadtplan, Foto). Vom Maimās-Tor bis zum Hebron-Tor verlief der Große Sūq (as-Sūq al-kabīr; D2–D4) in nordwestlich-südöstlicher Richtung, der die Altstadt in zwei ungleiche Hälften teilte: Daradsch-Viertel (ḥārat ad-daraǧ) im Nordosten. Zahlreiche marmorne Säulen und Platten, die hier als Spolien verbaut waren, deuten darauf hin, dass dies der älteste Teil der Altstadt war. Im Daradsch-Viertel befinden sich die Große Moschee (al-ǧāmiʿ al-kabīr, D5), die Moschee des Sayyid Hāschim (E2-E3) und der Gouverneurspalast (Serail, D/E5).Moshe Sharon: Gaza (Ghazzah), Leiden / Boston 2008, S. 29. Gouverneurspalast, Kaserne, Telegrafenamt und Stadtverwaltung gruppierten sich in spätosmanischer Zeit um einen Platz namens „Städtische Gärten“ (ḥawākīr al-baladīya). Von hier aus hatte die Regierung ein wachsames Auge auf das Geschehen in der benachbarten Großen Moschee und auf die Verkehrs- und Warenströme, die sich auf dem Großen Sūq und der Überlandstraße von Kairo nach Damaskus bewegten.Johann Büssow: Hamidian Palestine, Leiden / Boston 2011, S. 270 f. Zaitūn-Viertel (ḥārat az-zaitūn) im Südwesten. Hier befinden sich die griechisch-orthodoxe Porphyrioskirche (kanīsat ar-Rūm, C4) mit Kloster und Friedhof; nur wenige Meter trennen die Kirche von der benachbarten Moschee des Regierungsschreibers (ǧāmiʿ kātib al-wilāya, C4).Moshe Sharon: Gaza (Ghazzah), Leiden / Boston 2008, S. 30. Für das späte 19. Jahrhundert charakterisieren Yuval Ben-Bassat und Johann Büssow Zaitūn als das „kosmopolitischste“ Viertel Gazas, mit einem dicht bevölkerten Zentrum, das mehrstöckige Steinhäuser aufwies, und Lehmziegelhäusern sowie Gartenanlagen am Stadtrand. Hier hatten sich die anglikanische und die römisch-katholische Missionsstation angesiedelt.Yuval Ben-Bassat, Johann Büssow: Late Ottoman Gaza, Cambridge 2024, S. 76. Außerhalb der Altstadtmauern befanden sich zwei weitere Stadtviertel: Schudschāʿīya-Viertel (ḥārat aš-Šuǧāʿīya), auch als Neustadt bezeichnet: ein Gewerbe- und Wohngebiet vor dem Hebron-Tor (D6). Im späten 19. Jahrhundert kennzeichneten imposante Steinhäuser den Nordwesten und das Zentrum des Viertels, während im Südwesten und an den Ausfallstraßen Richtung Negev einfache Lehmziegelhäuser dominierten. Hier wohnten Landarbeiter; viele waren neu zugezogen.Yuval Ben-Bassat, Johann Büssow: Late Ottoman Gaza, Cambridge 2024, S. 69. Tuffāh-Viertel (ḥārat at-tuffāḥ), ein Landarbeiterviertel vor dem südlichen Aschkelon-Tor (F4).Yuval Ben-Bassat, Johann Büssow: Late Ottoman Gaza, Cambridge 2024, S. 69. Gatt hatte für das Tuffah-Viertel eine helle Farbe gewählt, die bei der schwarz/weißen Reproduktion seines Stadtplans als weiß dargestellt wird.

Die beiden Hauptachsen der Stadt Gaza, wie sie seit dem Mittelalter gewachsen war, bildeten die südlich außerhalb der Altstadtmauern verlaufende Fernstraße von Kairo nach Damaskus (Via Maris) und die Straße, die Gazas Hafen mit dem Stadtzentrum verband, als Großer Sūq die Viertel Daradsch und Zaitūn voneinander trennte, das Schudschāʿīya-Viertel durchquerte und sich dann Richtung Negev fortsetzte. Sie kreuzten sich im Stadtzentrum südlich des Gouverneurspalastes bzw. vor dem Hebron-Tor (D6). Gazas innerstädtische Hauptstraßen verliefen ungefähr parallel zu diesen Hauptachsen. Von der Kairo-Damaskus-Straße zweigten auf Kairoer Seite zwei Hauptstraßen ab, die beide innerhalb Gazas wichtige Geschäftsstraßen waren: Die westliche Parallelstraße erreichte Gaza durch das Darun-Tor (B5), führte dann zum Öl-Chan (ḫan az-zēt, D5) und zur Großen Moschee, mäanderte durch das Geschäftsviertel, verließ die Altstadt durch das südliche Aschkelon-Tor (F4) und verlief dann am Rande des Tuffāh-Viertels. Die östliche Parallelstraße führte unter dem Namen Sūq aš-Šuǧāʿīya (E7/8) durch das Schudschāʿīya-Viertel, vorbei an der Ibn-ʿUthmān-Moschee (E8). Beide Parallelstraßen mündeten auf Damaszener Seite wieder auf die Fernstraße.Yuval Ben-Bassat, Johann Büssow: Late Ottoman Gaza, Cambridge 2024, S. 67 f.

Der Wohlstand konzentrierte sich in den Vierteln Daradsch und Zaitūn; im Stadtplan ablesbar ist das an Bezeichnungen wie wikāla (Magazin),Nach Alexander Schölch ist wikāla die ägyptische Bezeichnung für einen ḫan – ein Indiz für Gazas Bedeutung als Handelsplatz. Vgl. Alexander Schölch: Palästina im Umbruch 1856–1882, Stuttgart 1986, S. 152. ḫan (Handels- und Gewerbezentrum), maṣbana (Seifensiederei), sāqiya (Schöpfrad) und ḥākūra (Gemüsegarten). Gatts Stadtplan verzeichnet außerdem die repräsentativen Wohnhäuser (dār) der führenden Familien; dār al-muftī (E 2/3) war die Residenz der Familie al-Husseini, da diese über Generationen mit dem Amt des Mufti besonders verbunden war.Yuval Ben-Bassat, Johann Büssow: Late Ottoman Gaza, Cambridge 2024, S. 68 f.; Johann Büssow: Hamidian Palestine, Leiden / Boston 2011, S. 284

Das vorhellenistische Gaza Tell Harūbe mini|Plan von Gaza (1840/41), genordet. Der zu dieser Zeit noch teilweise unbebaute Tell Harūbe ist im Nordosten des von den Altstadtmauern umschlossenen Areals gut erkennbar

Die Keimzelle von Gaza ist der Tell Harūbe im Nordosten der Altstadt. Er ist nach dem Walī al-Charrubi benannt, dessen Grab sich auf dem Tell befinden soll.Moain Sadeq: An Overview of Iron Age Gaza in Light of the Archaeological Evidence, Winona Lake 2014, S. 239. Von der modernen Küstenlinie ist dieser langgestreckte, etwa zehn Meter hohe und ein Areal von etwa 100 Hektar umfassende Siedlungshügel etwa fünf Kilometer entfernt und durch bis zu 20 Meter hohe Sanddünen getrennt. Er liegt auf halbem Wege zwischen dem Wadi el-Hesi im Norden und dem Wadi Gaza im Süden.Joanne Clarke, Louise Steel, Moain Sadeq: Gaza Research Project: 1998 Survey of the Old City of Gaza, 2004, S. 31 und 33. Diese natürlichen Grenzen deuten das Gebiet an, das vom Tell Harūbe aus beherrscht werden konnte.

Ägyptisches Verwaltungszentrum Die Inschriften im Annalensaal des Karnak-Tempels berichten von den militärischen Erfolgen des Pharaos Thutmosis III. Bei seinem ersten Feldzug gegen Megiddo im Jahr 1457 v. Chr. passierte das ägyptische Heer nach Durchquerung des Sinai den Ort Gaza:

Thutmosis richtete in Gaza ein Verwaltungszentrum der ägyptischen Provinz Kanaan ein; hier war auch eine ägyptische Garnison stationiert. Damit ist Gaza ein Ausnahmefall, denn in der Regierungszeit des Thutmosis war die ägyptische Verwaltung Kanaans „extrem rudimentär“, und andere ägyptische Garnisonen in der Levante sind zu seiner Zeit nicht bezeugt.Donald B. Redford: The Wars in Syria and Palestine of Thutmose III (= Culture and History of the Ancient Near East, Band 16). Brill, Leiden / Boston 2003, S. 257. Dieses Verwaltungszentrum kann als der Beginn der städtischen Entwicklung Gazas angesehen werden.Jean-Pierre Filiu: Gaza: A History, London 2024, S. 4 f. Es wird in einem in Tell Taʿannek gefundenen Brief des 15. Jahrhunderts erwähnt.William F. Albright: A Prince of Taanach in the Fifteenth Century B. C. In: Bulletin of the American Schools of Oriental Research, Band 94/2 (1944), S. 12–27, hier S. 24–27. In dem Amarna-Brief EA 296 wandte sich ein in Ägypten erzogener Einheimischer namens Iaḫtiri an Pharao Echnaton und beteuerte, dass er „das Stadttor von Gaza und das Stadttor von Joppe“ bewachte, d. h. die Orte im Sinne Ägyptens regierte.Jacob Lauinger, Tyler R. Yoder: The Amarna Letters: The Syro-Levantine Correspondence. Lockwood Press, Columbus GA 2025, S. 529 f.