miniatur|Das Mechanics’ Institute in der Post Street 57 im heutigen Finanzbezirk von San Francisco Das Mechanics’ Institute in San Francisco ist eine 1855 gegründete Kulturinstitution, die heute eine der ältesten Bibliotheken an der Westküste der Vereinigten Staaten, verschiedene Initiativen zur Erwachsenenbildung sowie mit dem Mechanics’ Institute Chess Club den ältesten Schachklub der USA betreibt.

Das San Francisco Mechanics’ Institute entstand gegen Ende des Kalifornischen Goldrauschs aus der Überzeugung, dass die Bereitstellung von Wissen die Grundlage wirtschaftlichen Fortschritts sei. Nachdem die finanzielle Situation der Einrichtung zu Beginn äußerst angespannt war, verlegte sich das Mechanics’ Institute in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf die Ausrichtung von Gewerbe- und Industrieschauen in eigens zu diesem Zweck errichteten Ausstellungspavillons. Gleichzeitig stellte es seinen Mitgliedern zahlreiche Bildungsangebote zur Verfügung, unter denen Vorträge zu wissenschaftlichen und kulturellen Themen sowie die Bibliothek und der Schachklub eine besondere Rolle einnahmen. Von 1868, dem Gründungsjahr der Universität Berkeley, bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte das Mechanics’ Institute Mitsprache bei der Verwaltung der ältesten Universität Kaliforniens. Nachdem alle Gebäude des Mechanics’ Institutes im schweren Erdbeben des Jahres 1906 zerstört worden waren, verkauften seine Mitglieder in den Folgejahren Grundstücke im Herzen San Franciscos und gaben einen Neubau in der Post Street 57 in Auftrag, in dem die Einrichtung bis heute beheimatet ist.

Zu den bekannten Mitgliedern des San Francisco Mechanics’ Institute gehören der Unternehmer Levi Strauss, die Schriftsteller Mark Twain und Jack London ebenso wie der Journalist und Schriftsteller Ambrose Bierce und weitere Persönlichkeiten San Franciscos. Der Mechanics’ Institute Chess Club erfreute sich zeit seines Bestehens zahlreicher Besuche internationaler Schachgrößen wie Johannes Hermann Zukertort, Emanuel Lasker, José Raúl Capablanca, Alexander Alexandrowitsch Aljechin und Max Euwe.

Geschichte Die Gründung im Jahr 1855 miniatur|The Winter of 1849, Illustration aus dem Buch Mountains and Molehills, or Memoirs of a Burnt Journal von Frank Marryat. Die Zeichnung spitzt die chaotischen Zustände in San Francisco zu Zeiten des Kalifornischen Goldrausches satirisch zu. Als eine kleine Gruppe von Unternehmern am 11. Dezember 1854 in San Francisco zusammenkam, um über die Gründung einer Bildungseinrichtung für Erwachsene unter dem Namen „Mechanics’ Institute“ zu beraten, hatte sich der 1848 begonnene Kalifornische Goldrausch bereits merklich abgekühlt. San Franciscos Warenhäuser waren überfüllt, die Preise befanden sich im freien Fall und mehrere Bankhäuser mussten ihre Geschäfte einstellen.Richard Reinhardt, Four Books, 300 Dollars, and a Dream. An Illustrated History of the First 150 Years of the Mechanics’ Institute of San Francisco, San Francisco 2005, S. 6. Rund die Hälfte der Einwohner der Stadt war arbeitslos.So William G. Merchant, 100 years of Mechanics’ Institute of San Francisco, 1855–1955, San Francisco 1955, S. 1. Die Annals of San Francisco vermerkten hierzu, San Francisco befinde sich „in einer Phase großer wirtschaftlicher Bedrängnis“.„San Francisco is passing through a time of much mercantile distress“, in: Frank Soulé / James Nisbet, John H. Gihon, The annals of San Francisco: containing a summary of the history of the first discovery, settlement, progress and present condition of California, and a complete history of … its great city; to which are added, biographical memoirs of some prominent citizens, New York 1855, hier zitiert nach Reinhardt, Four Books, 300 Dollars, and a Dream, S. 6. Angesichts der ungewissen Zukunft Kaliforniens schien die Förderung technischen Wissens eine gute Antwort auf die Frage danach zu sein, was ökonomisch nach dem Goldrausch kommen solle. Da das noch junge Kalifornien zu jener Zeit in großem Maße auf den teuren Import von Gütern aller Art angewiesen war, wurde dem Aufbau einer eigenen Landwirtschaft und Industrie eine besondere Bedeutung zugemessen. Wobei die dem Mechanics’ Institute zugrundeliegende Idee keineswegs neu war. Bereits 1821 hatte der Schotte George Birkbeck mit der Gründung der School of Arts of Edinburgh den Anfang für eine ganze Reihe von Mechanics’ Institutes gemacht, die sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts in allen Teilen der englischsprachigen Welt verbreitet hatten.Ausführlichere Informationen zur Geschichte und Verbreitung der Mechanics’ Institutes im 19. Jahrhundert liefert Thomas Kelly in George Birkbeck: Pioneer of Adult Education, Liverpool 1957.

Im März 1855 nahm der Plan des San Francisco Mechanics’ Institute Gestalt an. Unter dem Vorsitz des Fabrikbesitzers Benjamin Haywood beschlossen die in der Stadthalle von San Francisco versammelten Unternehmer die Einrichtung einer Leihbibliothek. Die Bücher dieser Bibliothek sollten – was zu damaligen Zeiten durchaus nicht immer üblich war – allen Mitgliedern in frei zugänglichen Regalen zur Verfügung stehen. Zugleich sollten die Räumlichkeiten ausreichend Platz für Schachspiele bieten, vermutlich um den Mitgliedern zugleich Gelegenheit zum gegenseitigen Kennenlernen und zum Training ihrer geistigen Fähigkeiten zu bieten.Reinhardt, Four Books, 300 Dollars, and a Dream, S. 52. Zur Finanzierung wurde eine Kapitalgesellschaft gegründet, deren Anteilspreis zunächst auf 25 Dollar festgesetzt wurde. Die jährliche Mitgliedsgebühr betrug 5 Dollar.Reinhardt, Four Books, 300 Dollars, and a Dream, S. 7. Am 24. April 1855 wurde die Kapitalgesellschaft offiziell eingetragen und dieses Datum gilt bis heute als das Gründungsdatum des San Francisco Mechanics’ Institute.

Finanzielle Schwierigkeiten: das erste Jahr miniatur|Porträt der Schauspielerin Julia Dean Hayne. Ölgemälde von Joseph Oriel Eaton, um 1850/51. Während der Glaube an technischen Fortschritt und den Aufbau einer eigenständigen Wirtschaft Kaliforniens unter den Gründern des Mechanics’ Institute groß war, hielten sich die finanziellen Mittel der Einrichtung zunächst in engen Grenzen. Sechs Monate nach der Gründungsversammlung bezog das Mechanics’ Institute eigene Räumlichkeiten im Express Building an der nordöstlichen Ecke der im heutigen Finanzbezirk San Franciscos gelegenen Straßenkreuzung California und Montgomery.Hierzu und zum Folgenden vgl. Reinhardt, Four Books, 300 Dollars, and a Dream, S. 8. Der Buchbestand zählte drei Bände: eine Kopie der Verfassung der Vereinigten Staaten, eine Bibel und eine juristische Abhandlung zum Eigentumsrecht. An Finanzmitteln standen 300 Dollar zur Verfügung, wovon nach vier Monaten und der Anschaffung von 75 weiteren Bänden nur 125 Dollar übrig blieben. Schon ein Jahr nach seiner Gründung und einem zwischenzeitlichen Umzug in größere Räumlichkeiten ging dem Mechanics’ Institute das Geld aus.

Der drohende Bankrott der noch jungen Einrichtung konnte allein durch die Verpflichtung der Schauspielerin Julia Dean Hayne (1830–1868) abgewendet werden, die sich 1856 bereit erklärte, die Einnahmen aus einer Aufführung des Theaterstückes Madeleine, the Belle of Faubourg an das Mechanics’ Institute zu spenden. Was die Schauspielerin zu diesem Schritt bewog, ist nicht bekannt. Gesichert ist allerdings, dass die Erlöse in einer Höhe von 1029 Dollar das Mechanics’ Institute für weitere zwölf Monate vor dem finanziellen Ruin bewahrten und es ihm sogar ermöglichten, weitere Bücher anzuschaffen.Ausführlich hierzu Reinhardt, Four Books, 300 Dollars, and a Dream, S. 11, sowie – deutlich kürzer – Merchant, 100 years of Mechanics’ Institute, S. 6f.

Gewerbe- und Industrieschauen miniatur|hochkant=1.4|Mechanics’ Industrial Pavilion, Ausstellungsgebäude des Mechanics’ Institute im Jahr 1869. Stereoskopische Fotokarte, Eadweard Muybridge. Als die Geldmittel des Mechanics’ Institute im Jahr 1857 erneut zur Neige gingen, entwickelten dessen Direktoren ein Konzept, das bis ins Jahr 1899 für die finanzielle Absicherung der übrigen Bildungsangebote sorgte. Nach dem Vorbild der Londoner Great Exhibition des Jahres 1851 und der New Yorker Exhibition of the Industry of All Nations des Jahres 1853 planten sie die erste große Gewerbe- und Industrieschau San Franciscos, die unter dem Titel The First Industrial Exhibition of the Mechanics’ Institute of the City of San Francisco am 7. September 1857 eröffnet werden sollte.

In der Ankündigung dieser Veranstaltung hieß es:

Fairs, besides exciting emulation, extending practical knowledge, suggesting ideas to ingenious minds, affording tangible evidence of superiority, stimulating talent, exhibiting the progress of the city, promoting extensive intercourse among producers and their patrons […] cannot fail to excite a world-wide interest in regard to our State, and exhibit reliable information respecting its resources, which will tend to encourage immigration and permanently establish beneath our genial skies an industrious, enlightened, prosperous and happy population.Hier zitiert nach Reinhardt, Four Books, 300 Dollars, and a Dream, S. 12.Ausstellungen können, neben der Anregung zum Wetteifern, der Erweiterung praktischen Wissens, des Weckens von Ideen bei erfindungsreichen Geistern, dem Liefern von greifbaren Beweisen für Überlegenheit, dem Ansporn von Talent, der Zurschaustellung des Fortschritts der Stadt, der Förderung eines ausgiebigen Umgangs zwischen Produzenten und ihren Kunden, […] nicht darin fehlgehen, ein weltweites Interesse an unserem Staat zu wecken und verlässliche Informationen über dessen Ressourcen zu liefern, was zur Einwanderung ermutigen wird sowie zur dauerhaften Schaffung einer fleißigen, aufgeklärten, wohlhabenden und glücklichen Bevölkerung unter unserem freundlichen Himmel.

Als Ausstellungsgelände hatte der reiche Unternehmer James Lick ein Grundstück zwischen den Straßen Post und Sutter am südwestlichen Ende der Stadt kostenfrei zur Verfügung gestellt. Für den Bau des Ausstellungsgebäudes brachten die Mitglieder des Mechanics’ Institute 7000 Dollar in Barmitteln, Baumaterialien und kurzfristigen Darlehen auf.Reinhardt, Four Books, 300 Dollars, and a Dream, S. 12.

miniatur|hochkant=1.4|Blick auf Ausstellungsstände der Gewerbe- und Industrieschau des Jahres 1864. Stereoskopische Fotokarte, Carleton Watkins. Die erste Gewerbe- und Industrieschau San Franciscos dauerte 19 Tage und zeigte insgesamt 941 verschiedene Ausstellungsstücke, darunter Möbel, Sättel und Zaumzeug, Klaviere, Billardtische, Weintrauben der damals noch weitgehend unbekannten Rebsorte „Zinfandel“, Stücke versteinerter Bäume, ein Autograph Cotton Mathers sowie Lithografien, die ein gewisser E. J. Muygridge aus England importiert hatte.Ausführlicher hierzu Reinhardt, Four Books, 300 Dollars, and a Dream, S. 14. Aussteller erhielten Preise in 45 Kategorien.Merchant, 100 years of Mechanics’ Institute, S. 8. Am Abend eines jeden Tages unterhielt eine Kapelle die Besucher mit einem Konzert. Durch reges Besucherinteresse wurde die Ausstellung finanziell ein voller Erfolg: nach Abzug großzügiger Spenden an die beiden Waisenhäuser der Stadt und den Kosten für den Bau des Ausstellungsgebäudes blieben dem Mechanics’ Institute 2784 Dollar übrig.

Angeregt durch den Erfolg dieser Unternehmung organisierte das Mechanics’ Institute bis zum Ende des 19. Jahrhunderts in verschiedenen, eigens für diesen Zweck errichteten Ausstellungsgebäuden, weitere Gewerbe- und Industrieschauen. Im Jahr 1899 fand die letzte Ausstellung statt, bei der das Mechanics’ Institute einen Verlust von 7600 Dollar erlitt. Damit war die Ära der regelmäßigen Gewerbe- und Industrieschauen in San Francisco beendet. Das zu jenem Zeitpunkt genutzte Ausstellungsgebäude wurde bis zu seiner Zerstörung im Erdbeben von 1906 für andere Zwecke, wie etwa der Austragung von Boxkämpfen, für Konzerte, oder als Rollschuhbahn verwendet.

Mitsprache bei der Verwaltung der Universität Berkeley