mini|Abb. Kaninchen und Ente aus den Fliegenden Blättern, 23. X. 1892.Zeitschrift Fliegende Blätter, Nr. 2465, S. 145, 1892, Universität Heidelberg, Heidelberger historische Bestände – digitalSchnabel oder Ohren? Unter Kaninchen-Ente-Illusion oder auch Hase-Ente-Illusion versteht man eine optische Täuschung, die im Betrachter durch eine bestimmte Kippfigur, einen H(asen)-E(nten)-Kopf, hervorgerufen wird. Das Bild wird entweder als Hase oder aber als Ente wahrgenommen, jedoch niemals beides zusammen und gleichzeitig.
Diese doppeldeutige Figur zählt zu einer Reihe klassischer Kippbilder, wie der Rubinschen VaseEdgar Rubin: Visuell wahrgenommene Figuren. Studien in psychologischer Analyse. Mit 13 Abbildungen, Gyldendalske Boghandel, Kopenhagen/Berlin/London 1921. Nachdruck 2010 Nabu Press, ISBN 978-1177821612; Rubinsche Vase, S. 262, Abb. 3 – auf Internet Archive oder dem Boring-Bild „Junge-Frau-Alte-Frau“.
Publikationsgeschichte Das H(asen)-E(nten)-Kopf-Bild wurde erstmals in der humoristischen Münchner Wochenzeitschrift Fliegende Blätter vom 23. Oktober 1892 unter der Überschrift Welche Thiere gleichen einander am meisten? veröffentlicht, und zwar anonym und ohne weitere Erläuterungen als Kaninchen und Ente.
Am 19. November desselben Jahres wird die H-E-Kopf Zeichnung im illustrierten US-amerikanisches Nachrichtenmagazin Harper’s Weekly publiziert.Zur Überlieferungsgeschichte der H-E-Kopf-Zeichnung, siehe John F. Kihlstrom: Joseph Jastrow and His Duck -- Or Is It a Rabbit?, In: Trends in the Cognitive Sciences (TICS), 16. November 2004
H-E-Kopf in der Philosophie Berühmt wurde das H-E-Kopf-Bild durch den österreichischen Sprachphilosophen Ludwig Wittgenstein, der im Zweiten Teil seiner 1953 postum herausgegebenen Philosophischen Untersuchungen diese Kippfigur herangezogen hat, um aufzuzeigen, dass ein und derselbe Gegenstand vom Betrachter unterschiedlich wahrgenommen werden kann.Ron Kubsch: Die Postmoderne. Abschied von der Eindeutigkeit, Hänssler, Holzgerlingen 2007, ISBN 978-3-7751-4608-1, S. 10/11 Der H-E-Kopf diente Wittgenstein als Musterbeispiel für Aspektwechsel, für unterschiedliche Sichtweisen derselben Sache:
›Stetiges Sehen‹ meint, jemand sieht nur einen Aspekt, nur den Hasen oder nur die Ente. Der Aspektwechsel, das plötzliche Bemerken des Kippens, des Umschlagens, ist das entscheidende Seherlebnis:
Erst das Aufleuchten des neues Aspektes lässt den Betrachter sagen, jetzt sehe ich das Bild ›als‹ Hasen und nach dem Wechsel, jetzt sehe ich es ›als‹ Ente. Menschen, welche dieses neue Seherlebnis nicht erfahren können, welche den H-E-Kopf nicht als doppeldeutiges Kippbild sehen, nennt Wittgenstein aspektblind:
Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile
H-E-Kopf in Psychologie und Synergetik Die holistische Grundthese der Gestalttheorie „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“, ein verkürztes Aristoteles-Zitat Aristoteles, lässt sich am Aspektwechsel bei der Hasen-Enten-Illusion exemplifizieren. Diese Kippfigur wird in der experimentellen Gestaltpsychologie zu Studienzwecken herangezogen:
Sind Menschen beim Betrachten eines Musters nicht in der Lage, diesem eine eindeutige Bedeutung zuzuordnen, befindet sich ihr Wahrnehmungssystem in einem instabilen Zustand. Es versucht sinnvolle Bedeutungen hineinzuinterpretieren. So kann dabei das Phänomen des Aspektwechsels auftreten. Interpretationen schlagen spontan um.Andrea Anna Reichenberger: Wie wir Kippfiguren sehen können Betrachter desselben Objektes konstruieren subjektiv jeweils verschiedene Welten.
Dem Synergetiker Hermann Haken geht es um Klärung der Frage, wie Mustererkennung im Gehirn zustande kommt. Hermann Haken und Maria Haken-Krell: Gehirn und Verhalten: unser Kopf arbeitet anders, als wir denken. DVA, Stuttgart 1997, ISBN 978-3421027740.
H-E-Kopf in der Gestalttherapie Gestalttherapeuten verwenden Kippbilder wie die H-E-Kopf-Figur in der Absicht, bei ihren Patienten einen heilsamen Perspektivenwechsel zu bewirken: ›Jetzt sehe ich die Sache anders!‹Lotte Hartmann-Kottek-Schroeder: Gestalttherapie. Lehrbuch. Springer, 3. Auflage Heidelberg 2012, ISBN 978-3-642-28192-1.
Mehrdeutigkeit tritt an die Stelle von Eindeutigkeit. Multistabilität in der Wahrnehmung ist im wahrsten Sinne des Wortes Ansichtssache.Gerhard Roth: Kognition: die Entstehung von Bedeutung im Gehirn, in: Krohn, Wolfgang / Küppers, Günter (Hg.): Emergenz. Die Entstehung von Ordnung, Organisation und Bedeutung. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 104–133, 1992, ISBN 978-3518285848.
Literatur
Peter Brugger: One Hundred Years of an Ambiguous Figure: Happy Birthday, Duck/Rabbit!. In: Perceptual and Motor Skills. 1999, Band 89, Nummer 3, S. 973–977 . Lotte Hartmann-Kottek-Schroeder: Gestalttherapie. Lehrbuch. 3. Auflage. Springer, Heidelberg 2012, ISBN 978-3-642-28192-1. Donald D. Hoffman: Visuelle Intelligenz. Wie die Welt im Kopf entsteht. Klett-Cotta, Stuttgart 2000, ISBN 3-608-94221-1, S. 128 f. Joseph Jastrow: Fact and Fable in Psychology. Houghton, Mifflin and Co., Boston/New York 1900, S. 295. Ron Kubsch: Die Postmoderne. Abschied von der Eindeutigkeit. (= Reihe Kurz und bündig) Hänssler Verlag, Holzgerlingen 2007, ISBN 978-3-7751-4608-1. Edgar Rubin: Visuell wahrgenommene Figuren. Studien in psychologischer Analyse. Mit 13 Abbildungen. Gyldendalske Boghandel, Kopenhagen/Berlin/London 1921. Nachdruck 2010 Nabu Press, ISBN 978-1-177-82161-2, Volltext – auf Internet Archive. Wolf Singer: Gestaltwahrnehmung: Zusammenspiel von Auge und Hirn. In: H. Kettenmann, M. Gibson: Kosmos Gehirn. Neurowissenschaftliche Gesellschaft e. V. und BMBF, Berlin 2002. Albert Wellek: Das Problem des seelischen Seins. Die Strukturtheorie Felix Kruegers: Deutung und Kritik. 2., erweiterte Auflage. Anton Hain Verlag, Meisenheim am Glan 1953, . Shirley Le Penne: "What Do You See?" – auf sapienism.com, Oktober 2019. Cass R. Sunstein: Textualism and the Duck-Rabbit Illusion. in: California Law Review, November 2020. Ludwig Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1977, ISBN 3-518-07803-8, S. 308 ff.
Weblinks
Rabbitduck, eine Skulptur von Paul St George Kippbild – in: Glossar der Bildphilosophie, Uni Tübingen.
Quellenangaben
Kategorie:Ludwig Wittgenstein Kategorie:Optische Täuschung Kategorie:Wahrnehmung Kategorie:Hase in Kunst und Literatur Kategorie:Ente in der Kultur