Die Gruppe S., benannt nach dem Gründer Werner S., teils auch nach ihrem Führungskreis als Der harte Kern bezeichnet, war eine rechtsterroristische Gruppe in Deutschland. Sie entstand ab September 2019 zunächst im Internet. Ihre Mitglieder bewaffneten sich in wenigen Monaten, hielten Schießübungen ab und planten bundesweit koordinierte Mordanschläge auf Muslime in Moscheen, auf prominente Politiker und Abgeordnete des Bundestages sowie der Antifa nahestehende Personen.

Im Februar 2020 ließ der Generalbundesanwalt (GBA) zwölf Mitglieder verhaften und klagte sie im November 2020 wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung an. Am 30. November 2023, nach 173 Prozesstagen, verurteilte das Oberlandesgericht Stuttgart elf Angeklagte zu mehrjährigen Haftstrafen, einen auf Bewährung. Werner S. erhielt sechs Jahre Haftstrafe. Ein Polizei-Informant aus der Gruppe wurde freigesprochen.

Mitglieder Am 14. Februar 2020 nannte der GBA zwölf deutsche Mitglieder der Gruppe S., nämlich Werner S., Michael B., Thomas N. und Tony E. als Hauptverdächtige sowie Thorsten W., Ulf R., Wolfgang W., Markus K., Frank H., Marcel W., Stefan K. und Steffen B. als Unterstützer.Festnahme mutmaßlicher Mitglieder sowie Unterstützer einer rechtsterroristischen Vereinigung. Generalbundesanwalt.de, 14. Februar 2020 (Archivlink vom 1. Dezember 2020). Ein weiteres Mitglied, Paul-Ludwig U., war seit Oktober 2019 Informant der Polizei.Razzia gegen Rechtsextreme: Informant in mutmaßlicher Terrorzelle. Tagesschau.de, 17. Februar 2020.

Zum WhatsApp-Chat der Gruppe gehörten mindestens 15 Personen, von denen sich fünf als „harter Kern“ bezeichneten. Zwei weitere Männer sollen die Gruppe bald wieder verlassen haben.Jörg Köpke: Terrorzelle “Gruppe S”: Das Rätsel um den dreizehnten Mann. RND, 20. Februar 2020. Insgesamt hatte die Gruppe also rund 24 Mitglieder und mutmaßlich ein großes Unterstützerumfeld.Frank Jansen: Rechte Terrorgruppe um Werner S.: Eine Spur der Rechtsextremen führt zu Waffenhändlern nach Tschechien. Tagesspiegel, 17. Februar 2020.

Haupttäter Werner S. war bei seiner Festnahme 53 Jahre alt und trug in der rechtsextremen Szene den Spitznamen „Teutonico“. Er galt den Ermittlern als „unbestrittener Kopf“ der straff organisierten Gruppe und wurde daher seit Herbst 2019 als Gefährder eingestuft.Ermittlungen gegen Rechtsextreme: „Teutonico“ und seine Terrorzelle. Spiegel, 16. Februar 2020 Er wohnte in Mickhausen im Landkreis Augsburg und soll die Gruppentreffen koordiniert haben.Terrorverdächtige kommen in Untersuchungshaft. Spiegel, 16. Februar 2020 Nach Medienrecherchen war er neunmal vorbestraft, etwa wegen Betrug, Erpressung, Missbrauch von Titeln und dem Tragen von gefährlichen Quarzhandschuhen auf einer rechten Demonstration.Christian Fuchs: Gruppe S.: Wie sich die Marion und der Nazi-Tony auf den Bürgerkrieg vorbereitet haben. Zeit, 24. Juni 2020 (kostenpflichtig) 2007 stand er auf einer internen Interessentenliste der NPD in München. 2017 nahm er Kontakt zur rechtsextremen Alternative für Deutschland (AfD) auf.Christian Fuchs, Astrid Geisler, Anton Maegerle, Paul Middelhoff, Daniel Müller, Sascha Venohr: Gruppe S: Der neue Wutbürger-Terrorismus. Die Zeit, 23. Februar 2020. Er ist gelernter Restaurator und war erst einige Jahre vor der Verhaftung nach Mickhausen gezogen. Dort soll er weitgehend kontaktarm und unbekannt geblieben sein. Auf Facebook nannte er sich „Werner Schmidt“. Viele seiner rund 200 Facebookfreunde teilten Symbole des Neonazismus. Einer war AfD-Funktionär, ein weiterer Verwaltungsbeamter im Landkreis Börde (Sachsen-Anhalt). Im Dezember 2019 schrieb ein Facebookfreund: „Die Zeit ist nahe an der die Geister der Ahnen sich erheben und mit und für Germaniens Freiheit streiten.“ S. antwortete: „Bereit Kamerad!!“ Nachdem sein früherer Facebookaccount gelöscht worden war, drohte er: „Ein Witz, aber warte noch ein wenig, dann laufen diese Cretinos ohne Hände herum.“ Dazu postete er ein Emoji mit gekreuzten Schwertern. Er soll viele Kontakte über die Chatgruppe „Freikorps Heimat“ gesammelt haben. Schon der an die Freikorps ab 1918 angelehnte Name drückte die Absicht aus, die Demokratie zu beseitigen. In den überwachten Telefonaten und Chats drohte S. nach einer Rede von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier: „Dieser Hochverräter“ werde „bezahlen“. Dazu postete er ein Messersymbol.Gruppe S: Terrorverdächtiger bestätigt Anschlagspläne auf Moscheen. Zeit, 28. Februar 2020

Michael B. (48) aus Kirchheim unter Teck war dort als Sportler bekannt. Er betrieb dort seit 2017 einen Zwei-Mann-Betrieb der Metallbranche.Bernd Köble, Frank Hoffmann: Kirchheimer unter Terrorverdacht. Teckbote, 19. Februar 2020.

Der Fliesenleger Thomas N. aus Minden hatte seinen Firmenwagen mit einer Reichsfahne in Schwarz-Weiß-Rot beklebt. Wie die Reichsbürgerbewegung betrachtete er die Bundesregierung als illegal, nannte Bundeskanzlerin Angela Merkel eine „verbrecherische Kreatur“, warnte vor angeblichen Chemtrails, kritisierte einen angeblichen Schuldkult und schrieb: „Widerstand ist der einzige Weg! Wir bleiben unbeugsam. Wir werden kämpfen müssen, wir werden uns in Walhall treffen.“ Über die Antifa schrieb er: „Es wird Zeit diesen Dreck zu beseitigen.“ Kurz vor seiner Festnahme teilte er eine Fanseite des Vereins „Wodans Erben Germanien“.

Tony E. (bei seiner Festnahme 39 Jahre alt), Vater zweier Söhne, stammt aus Nordhausen (Thüringen) und wohnte zuletzt in Wriedel bei Lüneburg. Er ist gelernter Industriekaufmann, war Zeitsoldat, arbeitete danach als Versicherungsmakler, Ladendetektiv, Türsteher, Security-Mitarbeiter und zuletzt in einem ambulanten Pflegedienst. Auf seinem Handy fanden sich menschenverachtende Karikaturen, Hakenkreuze und Dokumente zur Holocaustleugnung. E. gehörte laut Anklage zur „Reichsbürger“-Szene, war Anhänger der „Bruderschaft Deutschland“ und Führungsmitglied im rechtsextremen „Freikorps Heimatschutz Division 2016“.Julia Jüttner: Altruistisch, ausgeglichen, sozial kompetent – die Selbstwahrnehmung des Rechtsextremisten E. Spiegel, 25. November 2021. Laut ihrer Webseite bereitete sich diese Gruppe auf einen „Krieg“ zur „Verteidigung unserer Familien und dem Vaterland“ vor. So sammelte E. Waffen zur „Verteidigung Deutschlands“. Auf Facebook teilte er unter deutschen Rechtsextremen beliebte Namen und Gruppen, darunter den früheren Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen, die Brigade 8, die German Defence League und den Verein Uniter. Im September 2019 nahm er in Hamburg am rechtsextremen Aufmarsch „Deutscher Michel wach endlich auf“ teil. Der Mitveranstalter Thomas G. hatte auch die Vorläuferkundgebungen „Merkel-muss-weg“ (MMW) organisiert und gehörte mit Werner S., Tony E. und Thorsten K. zu einer Chatgruppe der „Gruppe S.“; dort hatten die vier erstmals ein reales Treffen geplant.Andreas Speit: Welche Kontakte die „Gruppe S.“ im Norden unterhält. taz, 8. April 2021. Bei Tony E.s Festnahme reisten bekannte Neonazis aus Hamburg, Harburg und Lüneburg an, um ihn zu unterstützen, und bedrohten Anwohner und Journalisten.

Unterstützer Thorsten W. war bis Februar 2020 Mitarbeiter der Polizeiverwaltung in Hamm (Nordrhein-Westfalen). 2013 und 2014 war dort an Prüfvorgängen für Antragsteller auf einen Waffenschein beteiligt. Zuletzt arbeitete er im Verkehrskommissariat. In seiner Freizeit kleidete er sich oft wie ein germanischer Krieger, ließ sich mit Schwert und runenverziertem Schild fotografieren. Eins seiner Internetprofile enthielt viele Abbildungen von Hakenkreuzen und SS-Symbolen. Ab 2018 fiel auf, dass W. eine Reichskriegsflagge auf seinem Balkon hisste, für die rechte Szene typische Kleidermarken trug und den Aufkleber „Keine Lügenpresse einwerfen“ an seinem Klingelschild angebracht hatte.Thorsten W.: Polizei in Hamm räumt Fehler ein. Zeit, 21. Februar 2020 Er las die neurechte „Junge Freiheit“ und sein Pkw trug einen Reichsadler-Aufkleber.Verdächtiger aus Polizeikreisen: Thorsten W. aus Hamm: Finanzier der rechten Terrorzelle. Westfälischer Anzeiger, 20. Februar 2020. Nach SWR-Recherchen teilte er im März 2018 eine Zitattafel mit dem Bild einer Pistole und dem Text: „Lieber Polizist, das da ist deine Dienstwaffe! Die ist nicht nur zum Angucken da, die soll uns und dich beschützen und deshalb benutze sie auch endlich! Wenn du das nicht willst und kannst, gib sie uns, wir werden sie mit Sicherheit gegen jedes Gesindel einsetzen! Schönen Gruß, dein Volk und Dienstherr!“ Im Oktober 2019 teilte er als Nutzer „Thor Tjark ton Rungholt“ in einem Mittelalterforum folgendes Zitat: „Wir müssen von Zeit zu Zeit Terroranschläge verüben, bei denen unbeteiligte Menschen sterben. Dadurch lässt sich der gesamte Staat und die gesamte Bevölkerung lenken. Das primäre Ziel eines solchen Anschlags sind nicht die Toten, sondern die Überlebenden, denn die gilt es zu lenken und zu beeinflussen.“ In einem abgehörten Telefonat soll er gesagt haben, „zeitnah“ nötig sei eine „rigorose Wende“. Er gehörte zum „Freundeskreis der Truppenkameradschaft der 3. SS-Panzer-Division Totenkopf e. V.“ und war Anhänger der „Identitären Bewegung“. Er besaß zwei Ausgaben von Hitlers „Mein Kampf“, Modellflugzeuge mit Hakenkreuzen und NS-DevotionalienJulia Jüttner: Angeklagter in Terrorprozess: „Hä? Geht's hier nicht ums Mittelalter?“ Spiegel, 27. April 2021 sowie ein Hakenkreuz aus Bügelperlen. Seine rechtsextremen Signale hatten beruflich keine disziplinarischen Folgen für ihn.Gregor Mayntz: „Brandgefährlich“. Westfalenblatt, 9. März 2020.

Der Neonazi Markus K. (35) aus Minden gehörte zum Organisationsteam mehrerer rechtsextremer Demonstrationen in Bad Nenndorf und war Thomas N.s Facebookfreund.Das sind die drei Terrorverdächtigen aus OWL. WDR, 20. Februar 2020. Am 1. Mai 2009 nahm er an einem Überfall hunderter Neonazis auf eine DGB-Kundgebung in Dortmund teil, ebenso wie Stephan Ernst und Markus H., Haupttäter und Helfer im Mordfall Walter Lübcke.

Mehrere Mitglieder hatten Kontakte zu den rechtsextremen „Soldiers of Odin“ (SOO), die 2015 zuerst in Finnland als „Bürgerwehr“ gegen Asylbewerber aktiv wurden.Mutmaßliche rechte Terrorzelle nannte sich „Der harte Kern“. Zeit, 16. Februar 2020 Steffen B. aus dem Salzlandkreis in Sachsen-Anhalt zeigte ein Foto patrouillierender Männer in Kutten mit dem Vikings-Gruppenlogo auf seinem Facebookprofil.Rechtsextremisten waren entschlossen, „ihr eigenes Ding durchzuziehen“. Welt, 15. Februar 2020 Er trug eine Tätowierung von Adolf Hitler in Uniform auf dem Oberschenkel und ein Hakenkreuz auf der Brust. Er besaß Bücher über „Rassenkunde“ und eine Axt mit Sigrunen und dem Wort „Arier“.Sven Röbel, Fidelius Schmid, Wolf Wiedmann-Schmidt: Mutmaßliche Rechtsterroristen der „Gruppe S.“: „Bock auf ein Massaker“. Spiegel, 13. November 2020