Mourad Kusserow (* 7. Mai 1939 in Berlin-Wilmersdorf als Ulrich Kusserow; † Mai 2019Mourad Kusserow ist gestorben, boersenblatt.net, 17. Mai 2019, abgerufen am 17. Februar 2020) war ein deutscher Journalist und Autor, der sich von 1960 bis 1962 als Angehöriger der Algerischen Nationalen Befreiungsfront (FLN) und deren militärischem Arm, der Algerischen Nationalen Befreiungsarmee (ALN) in Marokko aufhielt. Er war Mitarbeiter von Si Mustapha-Müller beim Rückführungsdienst für Fremdenlegionäre. Nach seiner Rückkehr aus Nordafrika arbeitete er von September 1965 bis zum Herbst 1994 als Redakteur für die Deutsche Welle und veröffentlichte daneben zahlreiche Artikel in der deutschen und ausländischen Presse. Er trat auch als Buchautor in Erscheinung.

Kindheit und Jugend in der Sowjetischen Besatzungszone und in der DDR Kusserow wurde mit dem deutschen Vornamen Ulrich geboren.Die Darstellung dieses Abschnitts orientiert sich an Kusserows autobiographischem Buch Rüber Machen .... Während des Zweiten Weltkriegs, der Vater war Soldat, lebte die Mutter mit ihren vier Kindern auf dem elterlichen Bauernhof im Oderbruch. Im Januar 1945 flohen sie von dort vor der heranrückenden Roten Armee nach Frankenhausen in Westsachsen. Bis 1954 blieb dieser Ort Kusserows Heimat.

Frankenhausen war gegen Ende des Zweiten Weltkriegs von der US-Army besetzt worden. Der aus dem Krieg heimgekehrte Vater, der in den 1920er Jahren für einige Zeit nach Amerika ausgewandert war, stellte sich den Amerikanern als Dolmetscher zur Verfügung. Als diese Ende Juni 1945 abzogen und das Gebiet den Russen überließen, stellte sich für die Familie die Frage der Übersiedelung in den Westen. Dies scheiterte, wie auch spätere Überlegungen, am Widerstand der Mutter, die aufgrund der vorangegangenen Flüchtlingserfahrungen keinen erneuten Ortswechsel mehr vornehmen wollte.

Kusserow beschreibt das Leben von ihm und seiner Familie in den nun folgenden Jahren als ein Leben in einer Art inneren Emigration. Die Familie lebte in stiller Opposition zum SED-Staat, hörte stets den RIAS, verhielt sich aber ansonsten weitgehend unauffällig, um keinen Anstoß zu erregen. Einmal nur wurde das Familienglück schwer erschüttert, als der Vater, ein Arbeiter, für zwei Jahre zur Arbeit im Uranbergbau der Wismut zwangsverpflichtet wurde.

Auch seine Schulzeit überstand Kusserow, indem er sich stets bemühte, die Erwartungen des Systems zu erfüllen und seine eigenen Gedanken zu verbergen. Das gelang ihm so gut, dass ihm 1953 auch der Besuch der Oberschule erlaubt wurde. Kusserow hat viel gelesen, verehrte Heinrich Heine, aber ein Buch aus seinen frühen Jahren war für ihn von besonderer Bedeutung. Im Dezember 1950 bekam er aus dem väterlichen Bücherschrank den etwa um 1900 erschienenen Meyers Sprachführer Arabisch in die Hände. Er eignete sich das Buch an, schrieb die arabischen Schriftzeichen ab.

Das Frühjahr 1954 führte dann zu einschneidenden Veränderungen. Am 1. Mai starb im Alter von dreiundfünfzig Jahren die Mutter. Wenige Tage danach vollendete Kusserow sein fünfzehntes Lebensjahr, und kurz darauf erhielt er zu seiner eigenen Überraschung die Möglichkeit, mit der örtlichen FDJ-Delegation zum zweiten Deutschlandtreffen der Jugend vom 5. bis zum 7. Juni 1954 nach Ost-Berlin zu fahren. Der bislang latent gehegte Fluchtgedanke versprach, Wirklichkeit zu werden. Den Nachmittag des 5. Juni benutzte Kusserow zu einem illegalen Ausflug nach West-Berlin. Am Bahnhof Zoo traf er auf einen Stand des Bunds Europäischer Jugend, der dort für ein Europa ohne nationale Grenzen warb. Einer der Menschen, die Kusserow hier ansprachen und mit Erfrischungsgetränken und belegten Broten versorgten, war Winfried Müller, der spätere Si Mustapha-Müller.

Kusserow kehrte unversehrt nach Ost-Berlin zurück und wiederholte am nächsten Tag den Besuch bei seinen neuen Bekannten. Abermals kehrte er zurück, nun aber entschlossen, den Schritt in den Westen zu wagen. Er beteiligte sich am 7. Juni noch an der großen Demonstration vor den DDR-Oberen und erlebte auch eine waghalsige antikommunistische Flugblattaktion mit, die Rainer Hildebrandt initiiert hatte – einer von Kusserows nachfolgenden Mentoren. Am 8. Juni, dem Tag der Heimreise, tat Kusserow den entscheidenden Schritt. Mit der S-Bahn verließ er die DDR in Richtung Westen. Meyers Sprachführer Arabisch war eines der wenigen Dinge, die er mitnahm, und dieses Buch begleitete ihn sein Leben lang.Mourad Kusserow: Flaneur zwischen Orient und Okzident, S. 13

Die Jahre 1954 bis 1959 Wo der Fünfzehnjährige nach seiner unvorbereiteten Flucht nach West-Berlin Unterschlupf fand, ist unklar. Kusserow macht dazu keine weiteren Angaben, erwähnt aber Hildebrandts „Villa am Schlachtensee, wo ich zeitweise logierte“Mourad Kusserow: Flaneur zwischen Orient und Okzident, S. 10. Die Villa lag an der Straße „Am Schlachtensee“ in Berlin-Nikolassee., und es spricht viel dafür, dass der Kontakt dahin durch seinen Bekannten vom Bahnhof Zoo, Winfried MüllerWährend Kusserow in seinem 2008 erschienenen Buch Rüber machen ... seine Begegnungen mit Winfried Müller am Bahnhof Zoo darlegt, tauchen weder diese Begegnungen noch der Name Winfried Müller in dem 2002 erschienenen Buch Flaneur zwischen Orient und Okzident auf. Müller tritt hier durchgängig als Si Ahmed in Erscheinung, und als dieser erstmals erwähnt wird, lässt Kusserow durch nichts erkennen, dass er diesen bereits kannte – vom Bahnhof Zoo her ebenso, wie aus der Villa Hildebrandts in Nikolassee. Dass Si Ahmed aber Winfried Müller/Si Mustapha-Müller ist, bestätigt er indirekt dadurch, dass er Si Ahmed als Leiter des Rückführungsdienstes benennt. (Mourad Kusserow: Flaneur zwischen Orient und Okzident, S. 37) Auch in dem 2012 erschienenen Schicksal Agadir ist Si Mustapha-Müller nur als Si Ahmed präsent., zustande kam, der dort 1954/55 ebenfalls wohnte.Fritz Keller: Ein Leben am Rande der Wahrscheinlichkeit. Si Mustapha alias Winfried Müller: Vom Wehrmachtsdeserteur zum Helden des algerischen Befreiungskampfes, mandelbaum verlag, Wien 2017, ISBN 978-3-85476-544-8, S. 36 ff. Kusserow hatte dort die Gelegenheit, eine Bunte Mischung aus Geheimdienstleuten und Antikommunisten kennenzulernen, und spricht davon, dass die meisten Menschen, die damals in West-Berlin seine „Wege kreuzten, […] Opfer des Hitlerismus oder des Stalinismus [waren], manche von ihnen Opfer beider totalitärer Regime“.Mourad Kusserow: Flaneur zwischen Orient und Okzident, S. 9 In diesem Umfeld lernte er auch Margarete Buber-Neumann kennen.

Kusserow fand bald auch wieder familiären Anschluss. Wenige Monate nach ihm hatte sein Vater zusammen mit seinen beiden anderen Söhnen ebenfalls die DDR verlassen (ein weiteres Kind, eine Tochter blieb in der DDR zurück). Das Zusammentreffen der Kusserows in West-Berlin führte im Juni 1955 zu einem Ortswechsel: die Familie übersiedelte nach Baden-Württemberg. Zuvor hatte Kusserow noch ein für sein weiteres Leben bedeutsames Erlebnis. Winfrid Müller, Si Ahmed, hatte sich zwischenzeitlich in Frankreich aufgehalten und kehrte Anfang Dezember 1954 in die Villa in Nikolassee als Abgesandter der FLN zurück. „Aus seinem Munde erfuhren wir erste Einzelheiten über den gerade begonnenen Krieg in Algerien.“Mourad Kusserow: Flaneur zwischen Orient und Okzident, S. 12 Dieser Vortrag fiel bei Kusserow, der sich selber ein endloses Interesse an Nordafrika attestierte, auf fruchtbaren Boden.

Davor stand allerdings noch der Besuch des Friedrich-Schiller-Gymnasiums in Ludwigsburg, begleitet von dem steten Bemühen, über die Ereignisse in Nordafrika auf dem Laufenden zu bleiben. Unterstützung fand er dabei durch seinen Briefkontakt zur FLN, die – Kusserow spricht hier von 1957 – „seit kurzem von Tetouan aus […] begann, die internationale Öffentlichkeit vor allem die deutschsprachige Presse, mit Informationsmaterial zu versorgen“.Mourad Kusserow: Flaneur zwischen Orient und Okzident, S. 24 Offensichtlich stand Kusserow zu dieser Zeit immer noch in Kontakt zu Si Ahmed/Müller, der seit Oktober 1956 in Tetouan den Rückführungsdienst leitete und die erwähnte Pressearbeit betriebFritz Keller: Ein Leben am Rande der Wahrscheinlichkeit, S. 45 ff., und tatsächlich bezeichnete sich Kusserow selber auch als „toter Briefkasten“, der immer wieder Pressematerial aus Tetouan erhalten und verschickt habe.Mourad Kusserow: Flaneur zwischen Orient und Okzident, S. 28

Am 15. März 1958, Kusserow hatte gerade erneut Post von der FLN erhalten, war sein letzter Schultag am Gymnasium in Ludwigsburg. Aufgrund schlechter Noten musste er es mit der Mittleren Reife verlassen, was ihn nicht weiter grämte. „Nordafrika war längst keine Fata Morgana mehr. Ich wollte Journalist werden.“ Ernest Hemingway war sein VorbildMourad Kusserow: Flaneur zwischen Orient und Okzident, S. 25, im Juni 1958, kurz nach Charles de Gaulles Machtantritt, erhielt er gar einen Brief aus Tetouan, in dem er aufgefordert wurde, sich für einen direkten Einsatz in Frankreich oder Nordafrika bereitzuhalten.Mourad Kusserow: Flaneur zwischen Orient und Okzident, S. 27–28

Um dieser Aufforderung Folge leisten und ausreisen zu können, hätte Kusserow einen Reisepass benötigt, der ihm aber verweigert wurde. Aufgrund ungeklärter Taufregistereintragungen gab es nämlich Zweifel an seiner Nationalität. Dieser bürokratische Irrsinn erledigte sich erst, als er sich freiwillig zur Bundeswehr meldete, die ihn ohne weitere Überprüfung als Deutscher akzeptierte. Am 6. Oktober 1958 begann er seine Ausbildung im niederbayrischen Bogen, und vier Monate später war für Kusserow die Grundausbildung zu Ende. Er erhielt zur Entlassung einen Wehrpass, der ihm bescheinigte, Deutscher zu sein. Der Beantragung eines Reisepasses stand somit nichts mehr im Wege.

Am 1. März 1959 erhielt Kusserow ein Telegramm von Si Ahmed/Müller, in dem dieser ihn aufforderte, sofort nach Bonn zu kommen. Er erfuhr, dass er für klassische Kofferträgeraufgaben vorgesehen war und lernte umgehend Mouloud Kassem (1927–1990), Peter Blachstein und, kurz vor dessen Ermordung am 3. März 1959, Georg Puchert kennen. Weitere Angaben über das Jahr 1959 macht er nicht, doch an dessen Ende stand fest, dass er nach Marokko ausreisen solle. Zum Reisegepäck gehörte abermals Meyers Sprachführer Arabisch, und auf der Innenseite seines ledernen Uhrenarmbandes war die Telefonnummer des FLN-Büros in Tetouan notiert.Mourad Kusserow: Flaneur zwischen Orient und Okzident, S. 47

Im Dienst des FLN Kusserows Weg durch Frankreich und Spanien führte ihn schließlich in die Villa Dar Brixa in der Tetouaner Straße Triq Oued-Laou, wo sich die algerische FLN-Dienststelle befand, „die sich nicht nur um die Heimschaffung desertierter und kriegsgefangener Fremdenlegionäre kümmerte, sondern auch den Auftrag hatte, für die ALN Kontakte zu politischen Parteien, Gewerkschaften und Massenmedien in Europa herzustellen“.Mourad Kusserow: Flaneur zwischen Orient und Okzident, S. 59