Bera, auch beraya, bere (von Sanskrit bhèri, „Trommel“), ist die allgemeine singhalesische Bezeichnung für „Röhrentrommel“ und ferner für „Trommel“ in Sri Lanka, von der die Berava, eine sozial niedrigstehende Berufskaste von Trommlern und Ritualexperten ihren Namen hat. Die gata bera, eine zweifellige Fasstrommel, ist unentbehrlich für Tänze im zentralen Hochland und für buddhistische Rituale. Trommelmusik und Tänze des Hochlandes gelten als Nationalstil der Singhalesen. Die yak bera(ya) ist eine lange zweifellige Zylindertrommel, die in den südlichen, tiefer gelegenen Landesteilen für Maskentänze und andere Rituale verwendet wird. Die tammatta bera oder tamattama besteht aus zwei miteinander verbundenen flachen Kesseltrommeln. Die dandu bera ist mit ihrem Korpus aus einer Bambusröhre ohne Fellbespannung kein Membranophon, sondern eine Schlitztrommel, also ein Idiophon. Sie wird ebenfalls für Rituale verwendet.

Das zeremonielle Trommelspiel (magul bera) gehört zu den religiösen Ritualen aller drei hauptsächlichen Kulturregionen der Singhalesen: dem Hochland um Kandy, dem Tiefland im Süden an der Küste und dem Gebiet der dazwischen gelegenen Provinz Sabaragamuwa. Dort ist vor allem die Zylindertrommel dawula verbreitet, während das Kesseltrommelpaar tamattama in allen Regionen gleichermaßen vorkommt. mini|hochkant=1.5|Im Süden Sri Lankas gespielte Zylindertrommel yak bera

Herkunft und Verbreitung Sri Lanka wurde kulturell seit der Mitte des 1. Jahrtausends v. Chr. durch nordindische Einwanderer beeinflusst, die seit dem 3. Jahrhundert v. Chr. dem Theravada-Buddhismus anhingen und die zu den Vorfahren der Singhalesen wurden. Im 11. Jahrhundert dominierte das mächtige tamilische Chola-Reich aus Südindien über die Insel. Darüber hinaus war Sri Lanka durch seine geographische Lage zwischen dem Arabischen Meer im Westen und dem Golf von Bengalen im Osten ab der zweiten Hälfte des 1. Jahrtausends in die Handelsbeziehungen zwischen der ostafrikanischen Küste, Arabien und Südostasien eingebunden.Dagmar Bechtloff: Madagaskar und die Missionare. Technisch-zivilisatorische Transfers in der Früh- und Endphase europäischer Expansionsbestrebungen. Franz Steiner, Stuttgart 2002, S. 66f Folglich sind im Instrumentarium, das in der Volksmusik und Ritualmusik der buddhistischen Singhalesen (rund 75 Prozent der Gesamtbevölkerung), der meist hinduistischen Tamilen (rund 11 Prozent), der muslimisch-tamilischen Moors (rund 9 Prozent) und weiterer Bevölkerungsgruppen verwendet wird, neben den überwiegenden indischen EinflüssenAlain Daniélou: Südasien. Die indische Musik und ihre Traditionen. Musikgeschichte in Bildern. Band 1: Musikethnologie. Lieferung 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, S. 130 auch Verbindungen zu Afrika, dem Nahen Osten und Südostasien erkennbar. Auf der Suche nach Rohstoffen und Gewürzen siedelten sich ab dem 16. Jahrhundert europäische Kolonisten an (Portugiesen ab 1505, Niederländer ab 1658 und schließlich Briten im Jahr 1796) und hinterließen musikalische Spuren. Afrikaner waren einem Bericht Ibn Battutas zufolge im 14. Jahrhundert als Bedienstete des Herrschers von Colombo auf der Insel,Shihan de Silva Jayasuriya: Crossing Boundaries: Africans in South Asia. In: Africa Spectrum, Band 43, Nr. 3, 2008, S. 429–438, hier S. 435 weitere kamen im 17. Jahrhundert als Sklaven der Portugiesen und Anfang des 19. Jahrhunderts als Soldaten der britischen Armee.Anne Sheeran: Garland, 2000, S. 954

In der altindischen Zeit wurden den meisten Trommeln magische Kräfte zugeschrieben und man brachte zu ihrer Verehrung Opfer dar. Mythische Erzählungen überliefern die magisch-religiöse Bedeutung der Trommeln, die sich in der Verbindung mit Göttern oder ihrem Einsatz zur Vertreibung böser Geister zeigt.Walter Kaufmann: Altindien. Musikgeschichte in Bildern. Band 2. Musik des Altertums. Lieferung 8. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1981, S. 31 Im Atharvaveda wird in einer Hymne (Buch 5, Hymne 20)Ralph T. H. Griffith (Übers.): Hymns of the Atharva Veda, Buch 5, Hymne 20 sacred-texts.com die unheilabwehrende Kriegstrommel (dundubhi) gepriesen.Arthur Anthony Macdonell: Vedic Mythology. (Georg Bühler (Hrsg.): Grundriss der indo-arischen Philologie und Altertumskunde) Verlag von Karl J. Trübner, Straßburg 1897, S. 155, Zu den verehrten Trommeln gehört die sanduhrförmige Rasseltrommel, die unter dem Namen damaru oder bei den Tamilen in Südindien udukkai ein Attribut Shivas darstellt. Die beiden und andere Sanduhrtrommeln gehören in den Bereich der religiösen Musik oder Volksmusik. Trommeln mit dieser Korpusform sind bereits auf Reliefs am Stupa von Bharhut aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. dargestellt; in Sri Lanka kommen sie in Gestalt der tamilischen udukkai vor (als udekki, uddeukei oder udekkiya).

Die übergeordnete Kategorie der zweifelligen Röhrentrommeln ist in Sri Lanka in mehreren Varianten mit fassförmigem oder zylindrischem Korpus vertreten. Die häufigsten südasiatischen Bezeichnungen für Trommeln im 1. Jahrtausend v. Chr. waren dundhubi und mrdanga (von Sanskrit mrd, „Tonerde“). In Südindien ist die namensverwandte mridangam eine zweifellige, in waagrechter Position mit beiden Händen geschlagene Doppelkonustrommel ähnlich der gata bera. Dieser Typ und leicht gebauchte Fasstrommeln wie die dhol in der nordindischen Volksmusik und die tavil in Südindien sind häufig, während gerade zylindrische Trommeln mit zwei gleich großen Fellen in Indien seltener vorkommen. Eine zumindest an der Außenseite zylindrische Trommel mit rund 60 Zentimetern Länge und 30 Zentimetern Durchmesser in ähnlicher Größe wie die yak bera ist die madal im nordostindischen Bundesstaat Assam (namensverwandt mit der südindischen Doppelkonustrommel maddale).Dilip Ranjan Barthakur: The Music and Musical Instruments of North Eastern India. Mittal Publications, Neu-Delhi 2003, S. 98 Von den dortigen Naga in Manipur sind Zylindertrommeln mit wesentlich größeren Durchmessern und einer V-förmigen Schnurverspannung bekannt, welche den auf dem Balkan gespielten tapan ähneln. Die zweifellige hölzerne Zylindertrommel daula, dawula, auch daule in Sri Lanka ist mit der tavil und der orientalischen davul namensverwandt.

Tönerne Kesseltrommeln sind auf Reliefs der antiken Region Gandhara (1./2. Jahrhundert n. Chr.) zu erkennen. Die Tongefäße besaßen kurze Hälse mit weiten Öffnungen, die mit einer Membran bespannt waren. Ein solcher Trommeltyp ist die ghumat in Goa. Der seit dem Rigveda (zweite Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr.) überlieferte Name dundubhi bezog sich funktionell auf große Kriegstrommeln, die wohl einen hölzernen kesselförmigen oder röhrenförmigen Korpus besaßen. Einen hölzernen Korpus besitzt noch die kleine südindische dhanki, während der Kessel der großen alten Kriegstrommel dhamsa im Norden aus Eisen besteht. Kesseltrommeln sind in Indien zahlreich und waren lange vor den mit den muslimischen Eroberern im Mittelalter gekommenen Kesseltrommelpaaren tabla und naqqara verbreitet. In Sri Lanka besteht das kleine Kesseltrommelpaar tamattama (singhalesisch, auf Tamil tampattam) aus zwei durch Rindshautstreifen verbundenen Holzschalen und die tabla wird tablawa genannt.

mini|hochkant|links|Ein Musiker im Sri Dalada Maligawa („Zahntempel“) von Kandy spielt die Kegeloboe horanewa. In altindischen Sanskrittexten gehört bhèri zur Gruppe der Membranophone (avanaddha vadya). In dieser Bedeutung wurde bhèri (auch bhairi, bahiri) in die altjavanischen Sprache und bis zu Balinesisch bèri übernommen. Nach dem 11. Jahrhundert bezeichnete bhèri auf Java einen Kesselgong oder wie bis heute bèri einen kleinen Gong.Jaap Kunst: Hindu-Javanese Musical Instruments. Martinus Nijhoff, Den Haag 1968, S. 41, 67 Aus Sanskrit und Pali bhèri ist Singhalesisch bera abgeleitet.

Die traditionelle Klassifikation von Musikinstrumenten Sri Lankas weicht von der indischen ab und ist im Vamsattappakasini, dem frühestens Ende des 7. Jahrhunderts auf Pali verfassten Kommentar zum Mahavamsa, der „Großen (Familien-)Chronik“ aus dem 5. Jahrhundert, enthalten. Darin werden fünf Arten von Musikinstrumenten gemäß dem bevorzugten Instrumentarium auf der Insel erwähnt: atata, einfellige Trommeln; vitata, zweifellige Trommeln; atatavitata, Bedeutung unklar; ghana, metallene Idiophone; und susira, Blasinstrumente. Anderweitig ist seit dem 1. Jahrtausend die Existenz von Saiteninstrumenten (vina) belegt.Gayathri Madubhani Ranathunga: Art and Tradition of Sri Lanka. Volume 01: Music of Sri Lanka. (PDF; 2,6 MB) S. Godage & Brothers, Colombo 2018, S. 41

Rahmentrommeln sind in Indien auf Reliefs ab dem 2./1. Jahrhundert v. Chr. abgebildet, sie spielen aber bei der Vielzahl der indischen Trommeltypen abgesehen von der kanjira in Südindien nur in manchen Regionen eine gewisse Rolle. Die von der sozial niedrigstehenden tamilischen Berufskaste der Paraiyar bei Ritualen verwendete einfellige Rahmentrommel parai wird von derselben Trommlerkaste in Sri Lanka durch eine gleichnamige Zylindertrommel ersetzt. Hier sind einfellige, runde, mit Ziegenhaut bespannte Rahmentrommeln in mehreren Größen unter dem Namen rabana bekannt. Rabana oder rebana genannte Rahmentrommeln gelangten mit der arabisch-islamischen Kultur bis nach Malaysia und Indonesien.C. de S. Kulatillake: Raban-Sellama and its Music. In: Journal of the Royal Asiatic Society Sri Lanka Branch, New Series, Band 29, 1984/85, S. 19–32

Außer den Trommeln yak bera, gata bera, dawula, tammattama, udekkiya, rabana und tablawa werden die aus Südindien bekannten Trommeln verwendet: Doppelkonustrommel maddalaya (in Südindien maddale oder madhalam), Doppelkonustrommel mridangam und Fasstrommel thavil.BAD Sarath Premarathne, Hiruni Kanchana Ukwattage: In: International Journal of Advanced Research in Education and Society, Band 1, Nr. 2, 2019, S. 32–39, hier S. 35 Ansonsten beschränkt sich das traditionelle Instrumentarium der Insel auf Flöten, die Kegeloboe horanewa (horanava) und Zimbeln. An buddhistischen Tempeln werden lediglich heilige Verse rezitiert, Musik zur Ausübung eines Kults ist nach der buddhistischen Lehre dort nicht erforderlich. Die von Singhalesen dennoch in buddhistischen Kulten gespielten Trommeln dienen vornehmlich der Verehrung und Anrufung volksreligiöser vergöttlichter Geister, urzeitlicher Heroen und Ahnen. Rituelles Trommelspiel der Singhalesen ist seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. belegt. In den südlichen flachen Landesteilen wird manchmal noch die S-förmig gebogene Metalltrompete kombu in die Rituale integriert. Die Tamilen hingegen pflegen ihre hinduistischen Kulte an den Tempeln wie in Südindien mit vielfältigen religiösen Musikstilen und Instrumenten.Heinz Zimmermann: Der indische Kulturbereich. Sri Lanka. In: Hans Oesch: Außereuropäische Musik. (Teil 1) Neues Handbuch der Musikwissenschaft. Band 8. Laaber-Verlag, Laaber 1984, S. 302

Das rituelle Trommelspiel bei den Singhalesen ist die Aufgabe der größten Trommler- und Tänzerkaste des Landes, deren Name Berava von der Trommel abgeleitet ist.Susan A. Reed: Performing Respectability: The Beravā, Middle-Class Nationalism, and the Classicization of Kandyan Dance in Sri Lanka. In: Cultural Anthropology, Band 17, Nr. 2, Mai 2002, S. 246–277 Ihre Entsprechung bei den Tamilen stellen die Paraiyar dar (namentlich von der Trommel parai abgeleitet). Beide Gesellschaftsgruppen gelten als sozial niedrigstehend, auch wenn sie für die oberen Schichten wesentliche religiöse und rituelle Handlungen ausführen, und beide pflegen einen Herkunftsmythos, wonach sie in früheren Zeiten zur höchsten Schicht der Brahmanen gehörten und erst durch gewisse Umstände diesen Status verloren. Eine weitere Kaste mit einem darstellenden Beruf sind die Korava, die das rituelle Tanztheater Kolam aufführen.Marianne Nurnberger, Bob Simpson, 1998, S. 348

Gata bera mini|Bühnenshow puja natuma mit mehreren Tänzern, Tänzerinnen und gata bera-Trommlern. Teil einer Präsentation traditioneller Kultur in Kandy.