mini|Einflussbereich des Byzantinischen Reiches und Venedigs in der oberen Adria um 840 Johannes Tradonicus, in den zeitlich nächsten Quellen einfach Iohannes († 863 in Venedig), war nach der staatlich gesteuerten Geschichtsschreibung der Republik Venedig, vereinfachend häufig als Tradition bezeichnet, von 836 bis zu seinem Tod Mitdoge seines Vaters. Dieser war der Doge Petrus, meist der Tradition folgend „Pietro Tradonico“ genannt. Petrus regierte von 836 bis 864, wobei es gegen Ende seiner Herrschaft zu starken Spannungen zwischen den führenden Familien kam, wie sie in der Lagune von Venedig immer wieder auftraten, die letztlich zu seiner Ermordung führten.
Johannes gilt als Mitdoge, nicht als Doge. Dabei handelt es sich um eine Art der Machtbeteiligung, die meist den Söhnen, selten den Brüdern der Herrscher eingeräumt wurde und die zu dieser Zeit häufig war. Seit Jahrhunderten erscheinen diese Mitdogen nicht in den Dogenlisten, es sei denn, sie hatten ihren Vater überlebt und infolgedessen als Dogen allein regiert.
Im Gegensatz zu dieser historiographischen Konvention wird Iohannes in einer zu seinen Lebzeiten entstandenen Urkunde als „gloriosus dux Veneciarum“ bezeichnet. Sein Sohn wiederum wurde 855/860 beim Besuch durch Ludwig II. und seine Frau Engilberga vom Kaiser aus der Taufe gehoben. Johannes trat als Flottenführer im Kampf gegen slawische Piraten an der Ostküste der Adria und gegen die Sarazenen hervor, gegen die er allerdings 840 eine schwere Niederlage hinnehmen musste.
Familie Johannes und sein Vater Petrus entstammten einer Familie, die ursprünglich aus dem istrischen Pula stammte, und sich in Equilium, nahe dem heutigen Jesolo, und später auf der Insel Rialto angesiedelt hatte. Dort befand sich seit etwa 811 der Herrschaftssitz des Dogen.
Möglicherweise kam Petrus als Kandidat vor allem deshalb in Betracht, weil seine Familie nicht zu denen gehörte, die sich beim Streit um die Errichtung einer Dynastie durch die Particiaco-Familie hervorgetan hatten, und somit als neutral gelten konnte, wie Donald M. Nicol mutmaßte.Donald M. Nicol: Byzantium and Venice. A Study in Diplomatic and Cultural Relations, Cambridge University Press, 1988, Taschenbuchausgabe 1992, S. 26. Im Kampf um die Errichtung einer Dynastie, Kämpfe, die über Jahrhunderte Venedigs Geschichte prägten und der die einflussreichen Familien immer wieder gegeneinander aufbrachte, der sie immer wieder nach externen Verbündeten und Fürsprechern suchen ließ, spielten die Tradonico, auch wenn ein Karolingerkaiser des Dogen Enkel (oder seine Enkelin) aus der Taufe hob und sein Sohn Mitdoge war, keine Rolle.
Der Großvater Petrus wurde ermordet, sein Sohn Iohannes starb kurz vor ihm. Über den Verbleib des Enkelkindes, dessen Name nicht überliefert ist, berichten die Quellen nichts. Der Name Tradonico wurde später vielfach mit dem der Adelsfamilie Gradenigo gleichgesetzt, er taucht aber erst ab der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts in den Quellen auf.
Leben und Mitherrschaft mini|Ungefährer Machtbereich des kroatischen Reiches unter Trpimir I. und der Narentaner Wohl noch im Jahr 836 wurde Iohannes zum Mitdogen erhoben. Die zeitlich nächste, um 1000 entstandene Chronik des Johannes Diaconus und dieser Vorlage folgend Andrea Dandolo, nennt diese Erhebung und unmittelbar anschließend das 3. Jahr der Herrschaft des Petrus, in dem er den Krieg gegen slawische Piraten eröffnete: „Cui successit quidam nobilissimus, Petrus nomine, qui Iohannem suum filium consortem in honore habere voluit. Iste namque tercio sui ducatus anno Sclaveniam bellicosis navibus expugnaturum adivit.“ (Liber II, 49). Der Doge unternahm in den folgenden Jahren weitere Kriegszüge gegen die besagten Slawen, genauer gegen die in Dalmatien lebenden Narentaner, die mit ihren wiederholten Überfällen auf venezianische Schiffe den Seehandel in der Adria störten. Deren Macht verstärkte sich mit dem Vordringen der Sarazenen, wie man die islamisierten Berber und Araber nannte. Diese drangen in den 840er Jahren bis in die nördliche Adria vor und besiegten die venezianische Flotte, was wiederum die Narentaner zu neuen Plünderzügen ermutigte. mini|Kriegszüge zwischen Byzanz und dem Abbasidenreich, 837–838 mini|Münze aus der Zeit Ludwigs des Frommen (814–840) Auch Byzanz, zu dem die Lagune formal immer noch gehörte, geriet unter Druck, denn zur gleichen Zeit eroberten im Osten des Reiches arabische Armeen die Städte Ankyra und Amorion tief im Kernraum des Reiches. Die Paulikianer, eine gegen die staatlich getragene Orthodoxie gerichtete christliche Gruppierung, gründeten darüber hinaus einen eigenen Staat. Sie eroberten in Reaktion auf die staatlichen Unterdrückungsmaßnahmen Teile Kleinasiens im Bunde mit arabischen Mächten. Infolgedessen blieb der Westen des Reiches, insbesondere das fernab gelegene Venedig, ohne byzantinischen Schutz. Kaiser Theophilos (829–842) suchte seinerseits am Hof Ludwigs des Frommen (814–840) um Hilfe nach, ja, sogar beim Umayyadenhof von Córdoba, um gegen die Sarazenen vorzugehen, die seit 827 auch Sizilien zu erobern begonnen hatten. Als diese Sarazenen begannen, ab etwa 839 auch Apulien zu besetzen und dort das Emirat von Tarent entstand, ersuchte der Kaiser gar in Venedig um Hilfe. Zu Verhandlungen hielt sich der Patricius Theophilos ein Jahr in Venedig auf.
Der Doge ließ seinen Sohn Iohannes 840 einen Flottenzug gegen die Sarazenen Süditaliens führen, die versuchten, sich im Zuge ihrer Expansion in Form der beiden Emirate von Bari und Tarent dauerhaft festzusetzen. Dafür wurde er vom Kaiser mit dem hohen Titel spatharios ausgezeichnet. Doch die gemeinsame byzantinisch-venezianische Flotte erlitt eine verlustreiche Niederlage und Piraten raubten nun auch in der oberen Adria. 842 erlitt die venezianische Flotte dort eine weitere Niederlage vor der Insel Sansego südlich von Istrien. Damit drohte der Handel in der Adria abzureißen, die Lagune selbst war bedroht. Nach diesen Nachrichten verstummen für einige Jahrzehnte die Quellen fast vollständig.
Um 860 – die Angaben in der Geschichtsschreibung weichen hier um einige Jahre voneinander ab – wurde der karolingische Kaiser Ludwig II. mit seiner Frau Angilberga im Kloster S. Michele in Brondolo von den beiden Dogen am Südrand ihres Herrschaftsgebietes empfangen. Das Paar war für drei Tage Gast im Haus der beiden Dogen und wurde Taufpate eines Kindes des jüngeren Dogen, wie Andrea Dandolo und andere, vor allem spätmittelalterliche Chronisten berichten. Formal entsprach das Treffen einer Begegnung zwischen gleichrangigen Souveränen. Ludwig erkannte dadurch Venedig als unabhängiges Herrschaftsgebiet an, mit dem es zu einer ‚Befestigung des Friedens‘ kommen sollte, so die Auffassung der späteren venezianischen Geschichtsschreiber. Etwas verklausuliert heißt es zum Zweck des Treffens: „ad dilectionis seu pacis vinculum corroborandum“ (sinngemäß: ‚zur Festigung von Freundschaft und Frieden‘).RI I,3,1 n. 208, in: Regesta Imperii Online, URI: http://www.regesta-imperii.de/id/0860-00-00_1_0_1_3_1_4424_208 (abgerufen am 12. Februar 2020).
Im Jahr 863, ein Jahr vor seinem Vater, starb Iohannes. Unter den Tribunen, die vielfach Urkunden unterschrieben, erscheint Petrus als „excellentissimo imperiali consoli“, sein Sohn Iohannes als „gloriosus dux Veneciarum“, wie etwa im Testament des Bischofs Ursus aus dem Jahr 855.Franco Gaeta (Hrsg.): S. Lorenzo, Venedig 1960, S. XV, 11.
In den darauffolgenden Unruhen und Fraktionskämpfen warf man dem alten Dogen Ungerechtigkeit und Anmaßung vor. Auch die Tatsache, dass er sich eine Leibgarde hielt, mag das Misstrauen verstärkt haben. Am 13. September 864 wurde er beim Verlassen der Kirche San Zaccaria von einer Gruppe Verschwörer ermordet.
Rezeption Bis gegen Ende der Republik Venedig Für das Venedig zur Zeit des Dogen Andrea Dandolo war die Deutung, die man der Herrschaft des Petrus und des Iohannes Tradonicus, die durch den Tod des letzteren nicht zu einer der dynastiebildenden Familien, wie den Particiachi oder Galbaii gehörten, in mehrfacher Hinsicht von symbolischer Bedeutung. Das Augenmerk der Mitte des 14. Jahrhunderts längst fest etablierten politischen Führungsgremien, die vor allem seit Andrea Dandolo die Geschichtsschreibung steuerten, galt der Entwicklung der Verfassung (in diesem Falle der Frage der gestörten, äußerst konflikthaften Dynastiebildung, den diese Familie vielleicht auch unternommen hätte, aber auch der Rolle der Volksversammlung, der Frage des Mitdogen), den inneren Auseinandersetzungen zwischen den possessores (repräsentiert in den Familiennamen), also der sich immer mehr abschließenden Gruppe der Besitzenden, die zugleich die politische Macht besetzten, aber auch den Machtverschiebungen innerhalb der Lagune (der zunehmenden Bedeutung Rialtos, der schwindenden von Metamaucum und Heracleia), der Adria und im östlichen Mittelmeerraum sowie in Italien. Dabei standen die Fragen nach der Souveränität zwischen den übermächtigen Kaiserreichen, des Rechts aus eigener Wurzel, mithin der Herleitung und Legitimation ihres territorialen Anspruches, stets im Mittelpunkt, auch wenn in dieser Zeit der Druck der Großmächte weniger zu spüren war. Die Franken ließen sich zu vertraglicher Anerkennung herbei, Byzanz verlieh höchste Ehrentitel.
Die älteste volkssprachliche Chronik, die Cronica di Venexia detta di Enrico Dandolo aus dem späten 14. Jahrhundert, stellt die Vorgänge auf einer in dieser Zeit längst üblichen, sehr persönlichen Ebene dar, was den Herrschern noch einmal größere individuelle Macht zuwies.Roberto Pesce (Hrsg.): Cronica di Venexia detta di Enrico Dandolo. Origini–1362, Centro di Studi Medievali e Rinascimentali «Emmanuele Antonio Cicogna», Venedig 2010, S. 35–38. Der Doge, der laut Verfasser „XXVIIII“ Jahre regierte, also 29 Jahre, heißt dort „Pietro Trandominico“, auch „Piero“. Demnach wurden er und sein Sohn Iohannes von der Volksversammlung zu Dogen gewählt, sofern man dies aus den Worten „[con]Laut Herausgeber wurde dieses „con“ über der Zeile durch eine andere Hand ergänzt (S. 35, Anm. c). consentimento del povolo“, etwa: mit Einverständnis des Volkes, entnehmen kann. Wegen seiner Erfolge gegen „Sclavi“ und „Narantani“ wurde der Sohn des Dogen von dem von 840 bis 841 in Venedig anwesenden byzantinischen Patrizius Theodosios mit großen Ehren ausgestattet. Mit 60 Schiffen fuhr Iohannes gegen die Sarazenen von Tarent, doch unterlag die Flotte, so dass die Piraten im Gegenzug bis nach Dalmatien und bis zur Romagna plündern konnten. Nach dem Tod seines Sohnes Iohannes, der in San Zaccaria beigesetzt wurde, machte sich der Doge bei allen verhasst, da er mit seiner persönlichen Wachtruppe viel Unrecht gegen Viele beging.
Ähnliches berichtet Pietro Marcello. Er führte 1502 in seinem später ins Volgare unter dem Titel Vite de'prencipi di Vinegia übersetzten Werk den Dogen im Abschnitt „Pietro Tradonico Doge XIII.“Pietro Marcello: Vite de'prencipi di Vinegia in der Übersetzung von Lodovico Domenichi, Marcolini, 1558, S. 22–24 (Digitalisat). Dieser „prese per compagno Giouanni suo figliuolo“, er nahm also seinen Sohn Johannes als Mitherrscher. Marcello berichtet danach nichts mehr über diesem Sohn.