mini|Einflussbereich des Byzantinischen Reiches und Venedigs in der oberen Adria um 840 Agnellus Particiaco, später auch Partecipazio oder Participazio († um 820), war Mitdoge seines Großvaters Agnellus (I.) und seines Vaters Iustinianus (Giustiniano). Seine Mutter war Felicitas. Agnellus starb während einer Gesandtschaftsreise in Konstantinopel, wohl zu Beginn der Herrschaft Michaels II., des neuen Kaisers.
Spätestens mit Beginn der Dogate der Particiaco-Familie dehnten sich Venedigs Handelsbeziehungen in das östliche Mittelmeer bis nach Griechenland, Sizilien und Ägypten aus. Die Beziehungen zum kaiserlichen Hof in Konstantinopel waren noch eng. Die Gebeine des heiligen Markus wurden unter Iustinianus von Alexandria nach Venedig entführt, worauf der Doge den Bau einer Palastkapelle zur Aufnahme der Reliquien beschloss. Aus dieser Kapelle ging der Markusdom hervor.Volker Herzner: Die Baugeschichte von San Marco und der Aufstieg Venedigs zur Großmacht, in: Wiener Jahrbuch für Kunstgeschichte 38 (1985) 1–58, hier: S. 1 f. (Digitalisat). Damit dokumentierte Venedig seine Unabhängigkeit gegenüber karolingischen und päpstlichen Ansprüchen, eine Haltung, die nach dem Tod des Dogen, nämlich durch seinen Bruder und Nachfolger Iohannes, ebenso deutlich demonstriert wurde.
Agnellus (II.) starb noch zu Lebzeiten seines Vaters, der noch nicht Doge war. Da der jüngere Agnellus nie allein herrschte, wurde er nicht in die Liste der Dogen aufgenommen, die die späte Republik Venedig als solche akzeptierte. Verheiratet war er mit einer Griechin (?) namens Romana, die als Iustinianus’ Schwiegertochter und Witwe seines Sohnes im Testament des Dogen von 829 bedacht wurde.
Familie Die in der Historiographie vielfach als Partecipazio bezeichnete Familie, die in den zeitnahen Quellen als Particiaco erscheint, gehörte in der Frühzeit der Lagunenstädte zu den tribunizischen Familien. Diese waren Inhaber hoher politischer oder militärischer Ämter im Osten Venetiens, das bis zum Beginn des 9. Jahrhunderts Teil des Oströmischen Reichs war, und denen es gelungen war, das Amt des Tribunen erblich zu machen.
Zusammen mit den Candiano und den Orseolo war es die Familie Particiaco, die von 810 bis zur Verfassungsreform von 1172 die meisten Dogen stellte. Der erste Doge eines von Byzanz verhältnismäßig unabhängigen Venedig war Agnellus (810–827). Ihm folgten seine Söhne Iustinianus und Iohannes (829–836), der 836 verhaftet und abgesetzt wurde und sein Leben in einem Kloster beendete. Nach der fast dreißigjährigen Regierung von Pietro Tradonico kehrten die Particiaco auf den Dogenstuhl zurück: von 864 bis 881 Ursus I., dann dessen Sohn Iohannes II. von 881 bis 887. Weitere Dogen waren Ursus II. (911–932) und dessen Sohn Petrus (939–942) aus einem Seitenzweig der Familie, den Badoer. Neben Agnellus (II.) als Mitdoge erscheint ein Ursus Particiacus, der 832 kurzzeitig die Stadt regierte, ohne dass er Eingang in die obige Dogenliste fand. Das Gleiche gilt für die beiden Söhne des besagten Iohannes II., für Petrus und Ursus.
Leben und Herrschaft Iustinianus bzw. Giustiniano war einerseits ein sehr wohlhabender Kaufmann, der, wie sein 829 aufgesetztes Testament belegt, eine Flotte von Handelsgaleeren unterhielt (vgl. Wirtschaftsgeschichte der Republik Venedig). Andererseits besaß er, wie die Grundherren des Festlands, umfangreiche Güter, auf denen Vieh gezüchtet, Getreide angebaut und Gartenwirtschaft betrieben wurde. Dabei standen ihm, laut seinem Testament, zahlreiche Knechte und Mägde zur Verfügung, wohl Hörige.Die Darstellung folgt weitgehend Marco Pozza: Particiaco, Agnello, in: Dizionario Biografico degli Italiani 81 (2014) 470–472, der in diesem Artikel eine Darstellung zu allen vier Particiaco bietet, also zu Agnellus, seinen beiden Söhnen sowie zu seinem gleichnamigen Enkel Agnellus. Iustinianus war bereits in vorgerücktem Alter, als er seinem Vater Agnellus im Dogenamt folgte, nachdem er bereits als Mitregent amtiert hatte. mini|Das Mosaik der Porta Sant’Alipio an der Markuskirche ist das einzige erhaltene Mosaik des Mittelalters an der Westfassade. Es zeigt die Überführung der Gebeine des hl. Markus in die Kirche in Anwesenheit des Bischofs und des Dogen. Die Fassade der Kirche im Hintergrund ist mit den wichtigsten Charakteristika ihrer Gestalt in der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts dargestellt.
Als eine der grenzübergreifenden Strukturen, die eine scharfe Abgrenzung der Einflusssphären mit dem Frankenreich unmöglich machten, gilt der Landbesitz der dominierenden Familien der Lagune, wie das 829 aufgesetzte Testament erweist. Neben reichem Besitz im Dukat Venedig, also auf Rialto, in Iesolo, Torcello und in Cittanova, auf den Lidi und vielen Inseln, besaß die Familie auch Ländereien im karolingischen Treviso und um Pola auf Istrien. Ebenso bedeutend war der Teil des Vermögens, der im Handel angelegt war, aber auch in kirchlichen Stiftungen, wie denen von Sant’Ilario, San Zaccaria und eben im noch im Bau befindlichen San Marco.
Kaum war Iustinianus 829 gestorben, versuchte Obelerius, der vom Vater der beiden Brüder um 810 vertriebene Doge, nach fast zwei Jahrzehnten des Exils, nach Metamaucum zurückzukehren, wo er seine Machtbasis reaktivieren konnte. Iohannes ließ im Gegenzug die Stadt zerstören, nachdem er die Rebellen besiegt hatte. Diese Stadt wurde später häufig mit Malamocco gleichgesetzt, das in der Nähe entstand, nachdem Metamaucum durch eine Naturkatastrophe zerstört worden war.
Doch damit nicht genug, rebellierte ein Tribun namens Caroso, dessen Name sich unter den Zeugen auf dem Testament des Iustinianus findet, und Iohannes musste an den fränkischen Hof fliehen. Caroso wurde seinerseits von den Anhängern des Iohannes nach wenigen Monaten besiegt und geblendet, dessen Anhänger vertrieben. Eine Zeit lang regierte vor der Rückkehr des exilierten Dogen ein Bischof namens Ursus (Orso), der vielleicht zum Particiaco-Clan gehörte, gemeinsam mit zwei Tribunen.
Rezeption Bis gegen Ende der Republik Venedig Für das Venedig zur Zeit des Dogen Andrea Dandolo war die Deutung, die man der Herrschaft des Agnellus Particiacus und seiner beiden Söhne Iustinianus und Iohannes sowie seinem Enkel Agnellus beilegte, von hoher symbolischer Bedeutung. Das Augenmerk der Mitte des 14. Jahrhunderts längst fest etablierten politischen Führungsgremien, die zugleich die Geschichtsschreibung steuerten, galt der Entwicklung der Verfassung, den inneren Auseinandersetzungen zwischen den possessores, also der sich immer mehr abschließenden Gruppe der Besitzenden, die zugleich die politische Macht besetzten, aber auch den Machtverschiebungen innerhalb der Lagune, der Adria und im östlichen Mittelmeerraum sowie in Italien. Dabei standen die Fragen nach der Souveränität zwischen den übermächtigen Kaiserreichen, des Rechts aus eigener Wurzel, mithin der Herleitung und Legitimation ihres territorialen Anspruches, stets im Mittelpunkt. Ähnlich wie bei der Familie der Galbaii, die ebenfalls eine Dynastiegründung versucht hatten, führte man die Unsicherheit der Verhältnisse auf Mängel in der Machtbalance, mithin in der Verfassung zurück, die es noch nicht gestattete, die Macht des Dogen so einzubinden, dass keine Dynastiebildung mehr möglich war. Bei Iustinianus und Agnellus kam hinzu, dass in ihrer Zeit überaus wichtige Reliquien nach Venedig kamen, die den bedeutendsten spirituellen Orten zugewiesen wurden, allen voran San Zaccaria und dem Markusdom. Derlei Reliquien konnten im Kampf um Rang und Ansehen in der Hierarchie der Bistümer und Patriarchate, und damit verknüpft, den weltlichen Ansprüchen, ein wirkmächtiges Argument sein. Dies galt insbesondere für die Auseinandersetzungen mit dem Patriarchat von Aquileia und Rom. Zwar führte das frühe Ableben des Agnellus – der wie sein Vater nach Konstantinopel gereist war, dort allerdings starb – dazu, dass der Übergang der Macht von seinem Vater auf seinen Onkel wohl ohne Auseinandersetzungen innerhalb der Familie vonstattengegangen wäre, doch der Putschversuch des Obelerius ließ sich als Aufstand pro-fränkischer Kräfte deuten. Die Herrschaft des Iohannes war noch instabiler als die seines Bruders. mini|Proklamation Leos V. zum Kaiser, Skylitzes-Handschrift, 13. Jahrhundert, Madrid Die älteste volkssprachliche Chronik, wenig jünger als die Chronik des Andrea Dandolo, nämlich die Cronica di Venexia detta di Enrico Dandolo aus dem späten 14. Jahrhundert, stellt die Vorgänge auf einer weitgehend persönlichen Ebene dar.Roberto Pesce (Hrsg.): Cronica di Venexia detta di Enrico Dandolo. Origini–1362, Centro di Studi Medievali e Rinascimentali «Emmanuele Antonio Cicogna», Venedig 2010, S. 33. Während der spätere Doge „Iustinian“ durch seinen Vater nach Konstantinopel gesandt worden war, um dort erfolgreich Abmachungen auszuhandeln („per voler alcuni pati fermar con lui“), wurde in Venedig dessen jüngerer Sohn Johannes deshalb zum Mitdogen erhoben, weil man dem Haus Particiaco vertraut habe, wie die Chronik den Vorgang begründet. Als der Ältere zurückkehrte, übernahm er die Position seines jüngeren Bruders, der, weil er sich ungenannter Vergehen gegen einige Venezianer schuldig gemacht hatte („habiando facto alcun despiaser, et grosso, ad alcuni dela Terra“) nach Konstantinopel verbannt wurde. Ein Zusammenhang mit der Auseinandersetzung der beiden Brüder um die Frage der Mitregentschaft wird hier negiert, obwohl der Jüngere zunächst bevorzugt wurde, doch war es gerade dieser Zwei-, wenn man den Enkel Agnellus' mit einbezieht sogar Dreigenerationenkonflikt, an dem sich später eine ganze Reihe sich widersprechender Deutungen entzündete.
Pietro Marcello führte 1502 in seinem später ins Volgare unter dem Titel Vite de'prencipi di Vinegia übersetzten Werk den Mitdogen im Abschnitt „Giustiniano Particiaco Doge XI.“ Diese Einordnung als 11. Doge überrascht, da er seinen Vater als 9. Dogen einordnet.Pietro Marcello: Vite de’prencipi di Vinegia in der Übersetzung von Lodovico Domenichi, Marcolini, 1558, S. 17–20 (Digitalisat). Marcello behauptet, Agnello habe seinen jüngeren Sohn Giovanni zu seinem „compagno“ gemacht, woraufhin sich Giustiniano, aus Konstantinopel nach Venedig zurückgekehrt, ostentativ geweigert habe, zum Vater zurückzukehren. Dieser habe am Ende nachgegeben. So habe Giovanni mit Willenserklärung des Volkes („per commissione del popolo“) auf sein Amt verzichtet, woraufhin „Angelo“ (I.) den anderen Sohn Giustiniano nebst dessen Sohn „Angelo“ (also Agnellus II.) im Jahr 827 „si prese per compagno nel Prencipato“.