mini|400px|Pferdemarkt in Paris, Rosa Bonheur, etwa 1852/55
Pferdehandel bezeichnet den kommerziellen Kauf und Verkauf von Pferden als Teilbereich des Viehhandels, der sich über Jahrtausende als bedeutende Wirtschaftsaktivität entwickelte. Die Handelsformen reichen von direktem Erwerb beim Züchter oder Gestüt, über organisierte Auktionen und traditionelle Pferdemärkte bis hin zu spezialisierten Handelsbetrieben, wobei moderne Vermarktungsformen wie Online-Auktionen die traditionellen Handelsstrukturen ergänzen. Die Bewertungsschwierigkeiten beim Pferdekauf führten zur Entwicklung rechtlicher Gewährleistungsregelungen.
Historisch spielte der Pferdehandel eine zentrale Rolle, weil Pferde den Verkehr von der Antike bis zur Verbreitung der Eisenbahn im 19. Jahrhundert und der motorisierten Landfahrzeuge im frühen 20. Jahrhundert prägten. So gab es interregionale und internationale Handelsnetze, wie etwa die Tee-Pferde-Straße zwischen Tibet und China während der Tang-Dynastie oder die indo-afghanischen Handelsrouten des 18. Jahrhunderts. Das Militär war über Jahrhunderte hinweg ein Hauptabnehmer von Pferden. Allein im Zweiten Weltkrieg wurden mehrere Millionen Pferde eingesetzt. Mit der Mechanisierung des Militärs, des Transportwesens – auch auf kurzen Strecken – und der Landwirtschaft im 20. Jahrhundert wandelte sich der Pferdehandel in der westlichen Welt vom Markt für Arbeitspferde zum Markt für Freizeit- und Sportpferde.
Geschichte Das Pferd war in Europa das wertvollste landwirtschaftliche Tier und besaß einen vielfach höheren Wert als eine Kuh. Streitigkeiten im Zusammenhang mit dem Pferdehandel führten zu Rechtsvorschriften., PDF So beschreibt beispielsweise das zwischen dem 6. und 8. Jahrhundert entstandene Lex Baiuvariorum im 16. Kapitel „De Venditionibus“ („Von Verkäufen“) Mängel beim Pferdehandel, die eine Gewährleistung begründeten. Digitalisat, Kapitel XVI Abschnitt VIIII, De venditionis forma In Norwegen wurde im 13. Jahrhundert im Frostathingslov die Gewährleistung beim Pferdekauf festgelegt., Digitalisat, Abschnitt 35 Digitalisat, Abschnitt 41 und 45 Digitalisat, Abschnitt 46
In seinem 1578 erstmals erschienenen Werk „Von der Gestüterey“ rät Markus Fugger dazu, Digitalisat das Pferd vor dem Kauf genau zu begutachten und sich einen Gesamteindruck zu verschaffen. Man sollte sich die Gliedmaßen und den Kopf genau anschauen, auf Auffälligkeiten in der Bewegung und bei Belastung unter dem Reiter achten, selbst Probe reiten, das Fressverhalten beobachten und auf Hinweise für Rosstäuscherei achten. Rosstäuscherei war ein bekanntes Problem, wie das Zedlers Universallexikon von 1742 erläutert. Daraus leitet sich beispielsweise auch der englische Begriff „horse trading“ ab, der im metaphorischen Sinn ein zwielichtiges Geschäft meint, ähnlich dem deutschen „Kuhhandel“.
Das Alter eines Pferdes lässt sich beim Pferdekauf anhand der Zähne bestimmen. Daraus entstand das Sprichwort „Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul“, das in vielen Sprachen existiert, beispielsweise auf Katalanisch: „a cavall regalat no li miris el dentat“ oder Latein „Equi dentes inspicere donati“.
Der Pferdehandel bot unter anderem zahlreichen Roma, insbesondere den Lovara eine Einkommensquelle.
Pferdehandel von Juden mini|Die Basler Verordnung wegen der Juden Handel auf der Landschaft von 1768 schränkte die Tätigkeiten der Juden stark ein, auch im Bereich des Viehhandels. Jüdisches Museum der Schweiz
In den deutschsprachigen Ländern gab es zahlreiche jüdische Pferdehändler. Für den Handel brauchten Jüdinnen und Juden keinen Zunftnachweis. Sie hatten viele Handelsbeziehungen und oft genügend Geld, um ihn zu betreiben. Der Handel mit Pferden war eine der wenigen beruflichen Möglichkeiten für Juden. Sie unterlagen aber oft zusätzlichen Zöllen.
In manchen Regionen, beispielsweise in der Markgrafschaft Brandenburg-Ansbach wurde der Pferdehandel wurde von jüdischen Pferdehändlern dominiert. Nach dem Dreißigjährigen Krieg mussten die Markgrafen von Brandenburg-Ansbach ihr zerstörtes Land wieder aufbauen. Um die Wirtschaft zu beleben, führten sie klare Handelsregeln in einem zuverlässigen Rechtssystem ein. Juden erhielten im Fürstentum Ansbach das Recht, sich niederzulassen und frei zu reisen. Sie waren geschützt, konnten Grundstücke kaufen und ihre eigenen Angelegenheiten selbst regeln. Sie sollten den Handel fördern und eine Pferdegebühr an die Markgrafen zahlen. 1791 hatte das Fürstentum Ansbach rund 350.000 Einwohner, von denen etwa drei Prozent Juden waren. Sie zahlten Steuern und waren bedeutend für die Wirtschaft. Ein Sprachführer belegt, dass ihre Sprache bekannt war. Er dokumentiert Interesse für jüdische Bräuche sowie die Sichtweise von Juden auf Christen.
Ab dem 17. Jahrhundert waren viele Juden in der Schweiz im Viehhandel tätig. Sie handelten auch im Elsass, in Schwaben und Vorarlberg und mussten gegen diskriminierende Maßnahmen kämpfen. So hatten sie bis ins 19. Jahrhundert kein Niederlassungsrecht und mussten oft Sonderzölle bezahlen, um Zugang zum Markt zu erhalten.Klaus-Dieter Alicke: Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum, 2018, Solothurn (Schweiz), Thann (Elsass), Straßburg (Elsass), Metz (Lothringen)
Jüdische Vieh- und Pferdehändler wurden im Dritten Reich denunziert und verdrängt. Deutsche Bauern, die mit ihnen Geschäfte machten, wurden oft boykottiert.
Norwegen mini|Norweger-Stute mit Fohlen Die norwegische Volkszählung von 1900 listet rund 240 professionelle Pferdehändler auf. In Westnorwegen wurden Pferde gezüchtet und nach Ostnorwegen und Schweden verkauft. In Westnorwegen war es aufgrund geeigneter Weideflächen günstiger, Pferde zu züchten als im Osten. Dort war dagegen der Bedarf an Arbeitspferden für Forstwirtschaft, Landwirtschaft und Verkehr groß, die Pferdezucht hingegen weniger rentabel. Für ihre Pferdezucht waren vor allem die Provinzen Sogn og Fjordane sowie Møre og Romsdal bekannt. Junge Pferde wurden meist vierjährig von Pferdehändlern aufgekauft und nach Osten gebracht.
Die Pferdehändler lebten meist in Westnorwegen, zwischen den Pferdezuchtdörfern und den Märkten in Ostnorwegen und mussten über etwas Kapital verfügen. Im Frühjahr machten sie eine Runde und kauften junge Pferde, die Pferde wurden abgeholt und verbrachten den Sommer auf den Weiden im Hochgebirge, bevor sie auf den Markt gebracht oder unterwegs verkauft wurden. Pferde aus Vestland, die im Herbst auf dem Kongsberg-Markt oder in Rauland verkauft werden sollten, weideten oft über den Sommer auf der Hardangervidda. Einige Pferde wurden bis nach Schweden und nach Nordnorwegen zum Verkauf gebracht. Bis zum Ende des 20. Jahrhunderts wurden Pferde von Lærdal und Nordfjord über die Berge zu den Märkten in Ostnorwegen getrieben. Auf dem Grundset-Markt und dem Markt von Levanger wurden viele Pferde über die Landesgrenze gehandelt.Amund Helland: Norges land og folk: topografisk-statistisk beskrevet : topografisk-statistisk beskrivelse over. Aschehoug, Kristiania 1913, Online
Es gab Pferdemärkte in Oslo, ab 1640 in Kristiania und ab 1736 in Stortorvet, bis in die 1960er Jahre. In Kristiania standen auf dem Pferdemarkt vom Februar 1885 500 Pferde zum Verkauf. 1940 gab es in Norwegen 17 Pferdemärkte und 42 Pferderennen. Die wertvollsten Pferde wurden in Zeitungsannoncen beworben.Nils Jarmann: Hesten var nødvendig, Verlag I kommisjon hos Landbruksforlaget, Oslo 1989, ISBN 82-529-1391-1. Online
Deutschland und Österreich Im Allgemeinen Landrecht für die Preußischen Staaten von 1794 befasste sich § 205 mit den Gewährsmängeln bei Pferden: „Eine gleiche Vermuthung gilt von Pferden, bey welchen sich Dämpfigkeit, Herzschlägigkeit, Kaude, wahre Stätigkeit („Pertinacia“), schwarzer Staar, Mondblindheit und Rotz innerhalb Vier Wochen nach der Uebergabe hervorthun.“ Auch die Kaiserlichen Verordnung betreffend die Hauptmängel und Gewährfristen beim Viehhandel vom 27. März 1899 und das BGB schrieben Gewährsmängel zum Schutz der Käufer und Verkäufer fest. Wenn sich ein Gewährsmangel innerhalb von 14 Tagen nach dem Kauf zeigte, konnte der Käufer Rückabwicklung des Kaufes verlangen.
Mit dem Aufkommen der Eisenbahn im 20. Jahrhundert wurde es möglich, Vieh und damit auch Pferde über weite Strecken zu transportieren, und der Handel nahm Aufschwung. In den 1880er Jahren war Deutschland ein großer Pferdeimporteur. In geringerem Maße importierten auch die Vereinigten Staaten. Russland war ein großer Exporteur, während Frankreich und Österreich-Ungarn in kleinem Maßstab Pferde exportierten. Digitalisat
Um 1900 fand der Zuchtpferdehandel hauptsächlich in Handelsställen statt und nicht mehr auf öffentlichen Märkten. Es wurde meistens mit Hengsten, seltener mit Stuten gehandelt. Es gab Bestrebungen, den Zuchtbestand zu verbessern und Zuchthengste mussten aus den Zuchtgebieten beschafft werden, die in der jeweiligen Zuchtrichtung führend waren. Dazu bedurfte es der Vermittlung von Händlern, welche die Züchter in den Ursprungsgebieten kannten. Es gab einen lebhaften inländischen Handel mit Zuchtpferden von Ost- und Westpreußen, Mecklenburg, Schleswig-Holstein, Hannover und Oldenburg nach den übrigen Landesteilen. Nachdem die Einfuhr von holländischen Zuchttieren verboten wurde, beschränkte sich der deutsche Zuchttierhandel zu dieser Zeit im Wesentlichen auf das Inland. Nur eine kleine Zahl von Hengsten wurde aus England eingeführt, außerdem gab es Handel mit Amerika, Österreich-Ungarn und Belgien. Im Gebrauchspferdehandel in Deutschland um 1900 versorgte vor allem Ostpreußen Deutschland mit Reit- und leichten Wagenpferden. Insbesondere die Armee erhielt leistungsfähige Trakehner. Oldenburg, Mecklenburg, Hannover und Schleswig-Holstein lieferten edle und schwerere Wagenpferde, Posen ein weniger edles Zugpferd und der Westen und Süden das Kaltblut.
Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte der Handel mit Arbeitspferden aufgrund des kriegsbedingten Mangel an Maschinen einen kurzen Aufschwung, wurde dann aber schnell durch die Motorisierung verdrängt.
Russisches Kaiserreich mini|Nationalgestüt Chrenowoje
Ende des 19. Jahrhunderts verfügte das Russland über einen hohen Pferdebestand von etwa 22 Millionen Tieren, was einem Verhältnis von etwa 1 Pferd auf 4 Menschen entsprach. Damit besaß Russland deutlich mehr Pferde pro Kopf als Österreich-Ungarn und Preußen, wo das Verhältnis nur bei etwa 1 Pferd auf 10 Menschen lag. Im bedeutenden russischen Binnenhandel wurden jährlich etwa 500.000 Pferde auf rund 600 Pferdemärkten zwischen den pferdezuchtgeprägten Regionen im Südosten und dem Nordwesten gehandelt. Digitalisat Für die Kavallerie-Remonte und die Artillerie benötigte Russland jährlich über 8.000 Pferde. Die Hauptabnehmer für den Export waren Deutschland (30.000), Großbritannien (4.000) und Rumelien (3.000). Damit spielte der Export im Vergleich zum Binnenhandel eine untergeordnete Rolle.
Zentren der Zucht und des Handels waren Ende des 19. Jahrhunderts die Gouvernements Woronesch, Tambow, Saratow, Kursk und Orel. Der Preis begrenzte die Reichweite der Handelsströme. Aufgrund der Transportkosten blieben preiswerte Kirgisenpferde meist im Wolgagebiet, während hochwertige kaukasische und Donpferde landesweiten sowie internationalen Absatz fanden. Kirgisen- und Baschkirenpferde Digitalisat wurden vor allem in Orenburg, im Gouvernement Samara und der Uralregion sowie für das Kosakenheer gehandelt. Kalmückenpferde wurden vor allem in den Gouvernements Astrachan, Saratow und im Dongebiet gehandelt. Kabardiner und Pferde aus dem Schwarzmeergebiet sowie dem Kaukasus gelangten in großen Mengen in die Gouvernements Taurien, Cherson, Jekaterinoslaw, Poltawa und Kiew. Don-Pferde wurden im gesamten südwestlichen Russland sowie bis nach Bessarabien, Polen, Österreich, Preußen und auf dem Balkan gehandelt.