mini|Oskar Maria Graf (links) mit Gottlieb Branz, 1958Das Foto ist vermutlich nicht in New York entstanden Als Oskar-Maria-Graf-Stammtisch (auch Emigranten-Stammtisch) wurde ein regelmäßiges Treffen von Deutschen und Österreichern in New York City bezeichnet. Er fand seit 1943 statt und endete im Jahr 2025.

Geschichte Ab Juli 1938 lebte der ausgebürgerte deutsche Schriftsteller Oskar Maria Graf im Exil in New York. Im Jahr 1943 gründete er gemeinsam mit dem befreundeten, aus Wien stammenden George Harry Asher (1907–1998) einen noch heute bestehenden Stammtisch für deutschsprachige Auswanderer, die vorwiegend von den Nationalsozialisten vertrieben worden waren.Stella Schuhmacher, New Yorker Geschichten: Ein Stammtisch für Holocaust-Überlebende, seit 1943, 13. Dezember 2018, Der Standard Exilanten und Deutsch-Amerikaner kamen und blieben so untereinander in Kontakt, der von Graf initiierte Stammtisch bot als „heimatliche Oase“ dazu beste Gelegenheit;Peter Stuiber, Rezension zu: Leo Glückselig: Gottlob kein Held und Heiliger., 2. Juni 1999, auf der Website des Literaturhauses Wien einer drohenden Vereinsamung in der Großstadt wurde entgegengewirkt.Michaela Karl, Ein Bayer in New York, Literaturportal Bayern Der Stammtisch wurde eine Art „Ersatzfamilie“. Für Graf war der Stammtisch ein wichtiger Teil seines Lebens.Manfred Bosch (Hrsg.): Profile der Zeit: Begegnungen in sechs Jahrzehnten. ISBN 978-3-925016-95-0, Edition Isele, 1992, S. 221 (Vorlage: Snippet-Ansicht)

Das Motto des Stammtisches lautete „Wir sind für alle und alles“. Die Treffen der wechselnden, rund 15 bis 20 Teilnehmer finden immer mittwochs abends statt. Ein Ursprungsgedanke des Stammtischs ist die Nutzung der Muttersprache Deutsch. Am Stammtisch nahmen und nehmen viele Künstler und Schriftsteller teil. Es werden Vorträge und Lesungen gehalten, diskutiert werden auch politische Themen.Stella Schuhmacher, Stammtisch der Sehnsucht, 26. Mai 2019, Der Standard Unter den regelmäßigen Teilnehmern befanden sich stets auch Holocaust-Überlebende. Bei den Treffen konnten jüngere Auswanderer oder New-York-Besucher sich mit den jüdischen Emigranten austauschen.

Zu Beginn trafen sich die Teilnehmer des Stammtischs in Restaurants, auch, um dort Fleisch essen zu können, das in der Kriegszeit rationiert war. Zunächst dienten das Alt-Heidelberg in der 2. Avenue, später die Alte Blaue Donau, das Forester an der 84. und die Kleine Konditorei (ein Wiener Kaffeehaus in der 86. Straße im Stadtteil Yorkville) als Treffpunkt. In einem dieser Restaurants entstand 1943 das bekannte Foto von Bertolt Brecht und Graf,Robert Stockhammer, Lesen Sie before the letter: Oskar Maria Graf in New York. In: Eckart Goebel und Sigrid Weigel, "Escape to Life": German Intellectuals in New York: A Compendium on Exile after 1933. ISBN 978-3-11-025868-4, Walter De Gruyter, Berlin/Boston 2012, S. 188. (in Englisch) auf dem Graf dem neben ihm schmächtig erscheinenden, zigarrehaltenden Brecht gut gelaunt zuprostet.Robert Braunmüller, Oskar Maria Graf im Literaturhaus: Mit der Lederhosn durch die Welt, 1. Juni 2017, Abendzeitung Später wurden private Wohnungen für die Treffen genutzt. Nach Grafs Tod im Jahr 1967 leitete Asher den Stammtisch. Als Ashers Frau Leah starb, wurde Gaby Glückselig, Witwe von Friedrich Glückselig und Mitarbeiterin im New Yorker Leo Baeck Institut, für 27 Jahre die Gastgeberin in ihrer Wohnung an der Upper West Side. Sie starb 2015; seitdem findet der Stammtisch im Penthouse von Trudy (Trude) Jeremias statt.

Die meisten der Teilnehmer aus den ersten Jahren des Stammtischs sind verstorben. Mitte der 1990er Jahre drehte Yoash Tatari zum New Yorker Stammtisch die Dokumentation Glückselig in New York. Der Stammtisch der Emigranten, die 1997 mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet wurde.Adolf Grimme Preis 1997: Allgemeine Programme, 14. März 1997, Die Tageszeitung Der Film und die mediale Aufmerksamkeit gaben dem Stammtisch erneuten Zulauf. Heute ist der Stammtisch nicht mehr nur ein Treffpunkt für Emigranten, sondern hat sich zu einer familiären Zusammenkunft für deutschsprachige New Yorker jeden Alters entwickelt.

Im Dezember 2025 fand der letzte Stammtisch in New York statt, nachdem Marion House als eines der langjährigsten Stammtisch-Mitglieder im Alter von 102 Jahren gestorben war.

Bekannte Teilnehmer (Auswahl) Hilde Berger-Olsen (1914–2011), deutsche Widerstandskämpferin Ilse Blumenthal-Weiss (1899–1987), deutsche Lyrikerin Bertolt Brecht (1898–1956), deutscher Lyriker Friedrich Glückselig (1909–1981), Kunsthändler und Dichter (alias Friedrich Bergammer) Leo Glückselig (1914–2003), österreichischer Künstler und Grafiker Alfred Gong (1920–1981), rumänischer Schriftsteller Wieland Herzfelde (1896–1988), deutscher Verleger Uwe Johnson (1934–1984), deutscher Schriftsteller Hans Sahl (1902–1993), deutscher Literaturkritiker Will Schaber (1905–1996), deutscher Publizist Margot Scharpenberg (1924–2020), deutsche Schriftstellerin

Literatur Rainer Hering, Deutscher Treffpunkt in Manhattan. In: Damals, Ausgabe 12/2002, S. 70–72. Emil Rennert und Shani Bar On: Fast schon ein Ritual. Gaby Glueckseligs Stammtisch der Emigranten in New York (Bildband), Edition Exil, Wien 2015

Weblinks Oona Kroisleitner: Glueckseligs Stammtisch in New York, 8. Mai 2015, Der Standard Stefan Appelius, Man ist einsam in New York, 24. März 1996, Tagesspiegel Heidi Friedrich, Gastgeberin von Emigranten-Stammtisch in New York: 100 Jahre Glückselig, 28. April 2014, Der Spiegel Emil Rennert: Palatschinken in Manhattan, 7. Juli 2015, Jüdische Allgemeine Glueckselig in New York. Der Stammtisch der Emigranten, bei: Filmreihe: 11. Jüdische Kulturtage: Jüdisches aus New York, 10-23. November 1997 (Wayback Machine) Claudia Appelius und Birgit Schreiber: Ein Stammtisch in New York: Dialog der Generationen und Brücke zur alten Heimat. In: Klaus Holz und Sven Wende (Hrsg.)Das Unbehagen in der "dritten Generation": Reflexionen des Holocaust, Antisemitismus und Nationalsozialismus, Villigst Profile (Band 3), ISBN 978-3-8258-7281-6, LIT Verlag, Münster 2004, S. 122.

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